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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE MITGLIEDER DES OBERLANDESGERICHTES GRAZ

Freitag, 15. Juni 1990

 

Sehr geehrter Herr Oberlandesgerichtspräsident!
Meine sehr geehrten Mitglieder des Oberlandesgerichts!

Anläßlich Ihres Besuches in Rom darf ich Sie im Vatikan sehr herzlich willkommen heißen.
Ihre berufliche Stellung und Ihre Rolle im Hinblick auf gesamtgesellschaftliche Verantwortung lassen in Ihnen ständig neu bewußt werden, wie entscheidend es heute ist, daß die Laien ihre spezifischen Aufgaben im öffentlichen Leben bewußt wahrnehmen müssen. Im Apostolischen Schreiben ”Christifideles Laici“ habe ich deswegen auch betont, daß ”das In-der-Welt-Sein und In-der-Welt-Handeln für die Laien nicht nur eine anthropologische und soziologische Gegebenheit darstellen, sondern auch und vor allem eine spezifisch theologische und kirchliche. In der Welt offenbart Gott ihnen seinen Willen und ihre besondere Berufung“. Gerade in Ihrer Tätigkeit ist es Ihre beständige Aufgabe, der unverletzlichen Würde der menschlichen Person zu ihrem Recht zu verhelfen. ”Die personale Würde ist das kostbarste Gut, das der Mensch besitzt, und aufgrund dessen er die ganze materielle Welt an Wert transzendiert“.

Der Mensch kann deswegen nicht als Objekt betrachtet und behandelt werden, und zwar vom Anfang seiner Existenz an. So muß auch der Schutz des ungeborenen Lebens von diesem anthropologischen und philosophischen Ansatz her verstanden werden. Dies ist nicht nur eine Frage der Theologie und der Kirche. Es ist in der Tat ein schmerzlicher Widerspruch, daß man in einer Zeit, in der man so sehr für den Schutz der Schwächeren und Rechtlosen eintritt, gerade denen diesen Schutz verweigert, die sich selber am wenigsten schützen können. Darauf haben übrigens auch zu Recht die österreichischen Bischöfe in ihrem jüngst veröffentlichten Sozialhirtenbrief hingewiesen, ebenso wie auch auf die neue soziale Frage, die sicher auch für Sie, meine sehr geehrten Mitglieder des Oberlandesgerichts, bei Ihrer künftigen. Arbeit ein entscheidendes Anliegen darstellen wird. Die heutigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen kreisen keineswegs bloß um Kapital und Arbeit. Es sind vielmehr ganz neue Fragen aufgetaucht, die dringend einer Lösung bedürfen. Dazu gehören die verschiedenen Formen der neuen Armut mit all ihren Implikationen, der Randgruppen, der wachsenden Gruppe der alten Menschen sowie Fragen der Natur und der Umwelt. Ein weiteres Anliegen wird die Erhaltung und Wiedergewinnung des Sonntags darstellen. Sowohl von seiten der Wirtschaft als auch von seiten der Freizeitindustrie erwächst dem Sonntag Bedrohung.

Er ist nicht nur von religiöser Relevanz, sondern er ist auch als universeller Kulturwert zu betrachten. Unsere Gesellschaft läuft Gefahr, nicht nur diesen Kulturwert aus materiellen Erwägungen preiszugeben. Die geistig-sittliche Erneuerung Europas ist nach dem Zusammenbruch der marxistisch-leninistischen Ideologie von fundamentaler Bedeutung für den ganzen Kontinent. Gesetzgebung und Rechtsprechung haben einen entscheidenden Beitrag zu leisten, um eine Basis zu schaffen, die das Wertsystem, das vom Christentum her geprägt ist, als tragfähig erscheinen läßt.

Damit Sie Ihre hohen Aufgaben und die von der Gesellschaft in Sie gesetzten Erwartungen auch in Zukunft mit Mut und Zuversicht erfüllen, erteile ich Ihnen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

 

© Copyright 1990 - Libreria Editrice Vaticana

 

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