 |
BOTSCHAFT VON JOHANNES
PAUL II.
ANLÄSSLICH DES 90. KATHOLIKENTAGES IN BERLIN
Mittwoch, 23. Mai 1990
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
Liebe Schwestern und
Brüder!
Zur Eröffnungsfeier des 90. Katholikentages in Berlin gilt Dir, lieber Brüder
Georg Sterzinsky, als dem Oberhirten der gastgebenden Diözese Berlin mein
herzlicher Gruß. Ebenso gilt mein aufrichtiger Gruß Deinen Mitbrüdern im
Bischofsamt und Euch allen, Schwestern und Brüder, vor allem den zahlreichen
jungen Menschen, die Ihr in der Gemeinschaft des Glaubens aus allen Teilen
Deutschlands und den benachbarten Ländern zu diesem Katholikentag gekommen seid.
Besonders grüße ich alle Berlinerinnen und Berliner; betrachtet es als
besonderes Geschenk Gottes, daß der erste Katholikentag nach der Öffnung der
Mauer und nach den großen politischen Umwälzungen in Eurem Land in der Stadt
Berlin stattfinden kann. Gern nehme ich an Eurer Freude teil.
Es ist nicht ohne Bedeutung, daß am Ende des letzten Deutschen Katholikentages
in Aachen Euer damaliger Berliner Bischof, Joachim Kardinal Meisner, die
Einladung zum nächsten Treffen dieser Art nach Berlin ausgesprochen hat. Seitdem
haben Entwicklungen von historischer Tragweite stattgefunden, wie wir sie damals
in diesem Ausmaß und für diesen Zeitpunkt nicht erahnen konnten. Sie haben diese
Stadt in die Mitte der Aufmerksamkeit der ganzen Welt gerückt. Eure Stadt Berlin
is erneut ein Symbol der Hoffnung geworden.
Der Fall von Mauern sowie der Sturz gefährlicher Götzenbilder und einer unfrei
machenden Ideologie haben gezeigt, daß grundlegende Freiheiten, die dem
menschlichen Leben Sinn verleihen, auf Dauer nicht unterdrückt oder gar erstickt
werden können. Die Freiheit des Denkens, des Gewissens und der Religion gehören
zu den unveräußerlichen Grundrechten menschlicher Existenz, und sie sind eine
wesentliche Voraussetzung, um das ”gemeinsame Haus“ Europa zu bauen, das - in
Rückbesinnung auf christliche Traditionen - entscheidend wieder ein ”Europa des
Geistes“ werden muß.
Trotz aller Komplexität im sozialen, kulturellen und ökonomischen Bereich kann
auf Dauer kein Staat und keine Gesellschaft auf ein transzendentes moralisches
Fundament verzichten. Dies gilt für westliche wie für östliche Gesellschaften:
weder der dialektische noch der praktische Materialismus können für den Menschen
heute Grundlage der Hoffnung sein.
Worauf also sollen wir unsere Hoffnung bauen? Der letzte Berliner Katholikentag
vor zehn Jahren stand unter dem Motto ”Christi Liebe ist stärker“. Die Liebe,
die Christus auf die Erde gebracht hat, ist unsere Hoffnung. Dieser Hoffnung
können wir nur zum Durchbruch verhelfen, wenn wir versuchen, dem Willen Gottes
in Gegenwart und Zukunft je neu gerecht zu werden. Theologie und Verkündigung
dürfen sich nicht nach dem Wind von Modeerscheinungen richten, sondern müssen
sich ihrer missionarischen Aufgabe sicher sein. Die Laien müssen erneut in
Glaubensfragen und im daraus sich ergebenden ethischen Lebensvollzug Zeugnis
ablegen, das auf einer zutiefst geistlichen Dimension beruht; das im Getümmel
von geistigen Irrungen und Verwirrungen für das persönliche und
gesellschaftliche Leben eine Verankerung des Denkens und Verhaltens aus dem
christlichen Glauben heraus ermöglicht.
Die Mitgliedschaft in katholischen Verbänden und Organisationen allein reicht
nicht; das Kriterium kann nicht gesellschaftliches Engagement und
gesellschaftliche Nützlichkeit sein. Unsere persönliche Glaubensbereitschaft ist
gefragt; und sie kann nur geweckt werden aus einem zutiefst spirituellen Leben. Laßt Euch nicht vereinnahmen von rein gesellschaftlichen und politischen
Interessen! Sucht aus Eurer Verantwortung als Christen heraus zuerst die
Auseinandersetzung mit Verhaltensweisen und Mentalitäten, die es zu korrigieren
gilt, und in zweiter Linie erst mit Strukturen!
Dann hat das Motto dieses Katholikentages ”Dein Wille geschehe wie im Himmel so
auf Erden“ seinen Sinn für unser Leben als einzelne und als Gesellschaft. Räumen
wir dem Willen Gottes Macht und Recht auf dieser Erde ein!
Nur wenn dieser Wille
Gottes zum Wegweiser unseres Denkens und Wirkens auf dieser Erde wird, werden
wir nicht dem trügerischen Schein verfallen, sondern der Wahrheit dienen, werden
nicht zerstören, sondern aufbauen, nicht uns im Kreis bewegen, sondern zum
wahren Fortschritt beitragen. ”Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“,
das heißt, da wir uns als Mitarbeiter für das Reich Gottes in Dienst nehmen
lassen. Dann können wir als Christen unsere Verantwortung für die Zukunft
wahrnehmen und in Ehrfurcht vor allem, was Gott geschaffen hat, mit den Gütern
dieser Welt umgehen.
Die Zukunft Europas muß uns allen ein Herzensanliegen sein. Nur ein Europa, das
um seine geistigen Wurzeln weiß, kann zusammenfinden und sich noch stärker den
Problemen der Dritten und Vierten Welt widmen. Als Kirche müssen wir wieder die
Kraft und den Elan finden, um Kultur, Erziehung und das soziale Umfeld zu
durchdringen. Kirche will sich nicht in die Politik einmischen, aber sie muß die
Werte zur Geltung bringen, die ein Volk braucht, um die Zukunft bauen zu können.
Als Kirche müssen wir es verhindern, da der Mensch nach der Überwindung
marxistischer Entfremdung sich im Konsumismus und Materialismus verliert.
Der geistige Wieder- und Neuaufbau Europas muß uns alle interessieren. Und die
Kirchen in den einzelnen Ländern müssen sich hierfür gegenseitig helfen.
Deswegen ist mir die Sondersynode der europäischen Bischöfe ein großes Anliegen;
und ich fordere jetzt schon besonders auch die Laien auf, ihren Beitrag dieser
gewaltigen Aufgabe nicht zu versagen, sondern ihre Verantwortung aus einem
wirklich personalen Glauben heraus wahrzunehmen. Wir alle dürfen die uns
gegebene Chance nicht verspielen.
Ihr seid in Berlin zusammengekommen. Versucht in diesen Tagen, modellhaft jene
Gemeinschaft zu sein, die auf Werten und Grundsätzen basiert, die Eure Zukunft
wahrhaft zu tragen und Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit wahrhaft zu schaffen
vermögen.
Dazu mögen Euer Gebet, Eure Gottesdienste, Eure Arbeit, Euer Zeugnis und Eure
Gespräche einen Beitrag leisten. In diesen Tagen weiß ich mich mit Euch allen,
mit den Katholiken in ganz Deutschland sowie mit allen Christen in Ost und West
vereint im Gebet um die erneute Herabkunft des Heiligen Geistes. Daß wir mit
seiner Hilfe den Willen des Vaters, der wie im Himmel so auf Erden waltet,
erkennen und tun, erteile ich Euch allen von Herzen meinen Apostolischen Segen.
Aus dem Vatikan, am 23. Mai 1990.
IOANNES PAULUS PP. II
© Copyright 1990 - Libreria
Editrice Vaticana
|