ANSPRACHE VON
JOHANNES PAUL II.
AN EINE GRUPPE PRIESTER
AUS DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
Freitag, 9.
November 1990
Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst!
Liebe Schwestern und Brüder!
Zu Eurem Besuch im Vatikan heiße ich Euch herzlich willkommen. Für viele von
Euch ist es der erste Besuch in Rom, nachdem Euer Land und Euer Kirche die
Freiheit wiedererlangt haben. Was Euch bisher versagt war, ist nun
selbstverständlicher Ausdruck Eurer Verbundenheit mit dem Nachfolger des
Heiligen Petrus geworden: die Pilgerfahrt nach Rom.
Die Trennung Deutschlands ist überwunden und die Einschränkungen und
Behinderungen kirchlichen Lebens sind aufgehoben. Ihr und die Euch anvertrauten
Gläubigen haben durch Gebet und erhebliche persönliche Opfer dazu beigetragen, daß die Grenzen und Mauern in Eurem Land und in Europa gefallen sind. Dies
bedeutet aber, daß Ihr erneut in die Pflicht genommen seid, die nicht geringen
Schäden aus der Vergangenheit zu beheben.
Manchen von Euch ist vermutlich erst in den letzten Monaten so recht deutlich
geworden, was Mißbrauch der Macht eigentlich bedeutet. Wo die Macht Gottes in
Frage gestellt wird und der Mensch oder eine Ideologie zum Maß aller Dinge
erhoben werden, wird der Mensch unmenschlich; das Vertrauen wird zerstört,
Gottes Schöpfung wird rücksichtslos ausgebeutet und der Herrschaft von Lüge und
Gewalt wird zum Durchbruch verholfen. Die seelischen Schäden, unter denen viele
Menschen leiden, sind möglicherweise noch gar nicht in vollem Umfang abzusehen.
Deswegen ermuntere und ermutige ich Euch, die Frohe Botschaft von der
Vergebungsbereitschaft Gottes und von seiner Liebe, die alles Begreifen
übersteigt, zu verkünden. Denn Frieden wird es nur dort geben, wo Gott ihn schafft.
Was viele als Errungenschaften der neuen Gesellschaft preisen, hat manche Eurer
Landsleute aber auch unverschuldet in Not gebracht; sie wurden arbeitslos, viele
sind den neuen Anforderungen noch nicht gewachsen oder wurden zum Spielball
wirtschaftlicher Interessen. Ihnen gilt es zu verkünden, daß der Wert eines
Menschen nicht im Alter oder in der Qualität der Arbeit und der Ausbildung
begründet ist, sondern in der Tatsache, daß Gott ihn angenommen hat. Gott hat zu
jedem Menschen sen ”Ja“ gesagt: dies macht den Wert des Menschen aus.
Das kostbare Gut der Freiheit ist auch als Geschenk Gottes zu begreifen. Von der
durch die Veränderungen in Eurem Land wiedergewonnenen Freiheit muß mit hohem
Verantwortungsbewußtsein Gebrauch gemacht werden. Der Apostel Paulus mahnt uns:
”Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und laßt euch nicht
von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen“.
Dazu erteile ich Euch sowie allen Euch anvertrauten Menschen von Herzen meinen
Apostolischen Segen.
© Copyright 1990 - Libreria
Editrice Vaticana