ANSPRACHE VON
JOHANNES PAUL II.
AN EINE
PILGERGRUPPE AUS BOZEN-BRIXEN
Montag, 26. November 1990
Liebe Schwestern und Brüder!
Ihr habt Euch zu den Stätten des Wirkens des Heiligen Franziskus von Assisi auf
den Weg gemacht und wollt nun Eure Pilgerfahrt mit einem Besuch bei den Gräbern
der Apostel Petrus und Paulus abschließen. Dazu heiße ich Euch in Rom sehr
herzlich Willkommen und freue mich, mit Euch unter Leitung Eures lieben Herrn
Bischofs zusammenzukommen. Euer großes Anliegen ist der Einsatz für
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, eine der großen
Herausforderungen unserer Zeit, die Ihr daher auch zum Schwerpunkt des
pastoralen Wirkens in Eurer Diözese gemacht habt.
Euer Einsatz für die Menschen wird um so stärker, je mehr Ihr mit Gott und
untereinander verbunden seid. Gottes Handeln und die Antwort des Menschen haben
ihren Ausdruck gefunden in dem Bund Gottes mit den Menschen. So beten wir im
vierten Hochgebet: ”Immer wieder hat Gott den Menschen seinen Bund angeboten“.
Wir Menschen sind auf diesen Bund Gottes und auf seine helfende Nähe angewiesen.
Durch Gewalt und Unrecht der Menschen droht die Welt immer wieder aus den Fugen
zu geraten. Doch Gott garantiert den Bestand der Welt. Er schließt nach der
Sintflut mit Noach einen Bund und richtet über den Menschen und allen Lebewesen
den Regenbogen als Zeichen der Versöhnung und der Hoffnung auf. Gott verspricht,
sich dieses Bundes zu erinnern und die Welt nicht zu vernichten.
Im Kreuzestod Jesu führt Gott diesen Bund zur Vollendung. ”Das ist der Kelch des
neuen und ewigen Bundes“, beten wir in jeder Eucharistiefeier. In Jesus Christus
schließt Gott den bleibenden Bund mit seinem Volk. Hier erweist sich Gott als
ein Gott für die Menschen: er geht ihren Weg und nimmt sich der Armen und
Unterdrückten an. Er ist ein Gott des Friedens, der die Menschen in seine Nähe
nimmt und sie untereinander in Frieden zusammenführt. Er ist ein Gott, der die
Welt im Dasein erhält.
Angesichts der Lage der Welt wollt Ihr Euch dazu verpflichten, Euren Beitrag zu
einer Welt in Gerechtigkeit und Frieden zu leisten und bei der Bewahrung des
Gartens der Schöpfung mitzuarbeiten. Ihr wollt dies tun gemäß dem Glauben und
der großen katholischen Tradition, die Euer Volk und Eure Landschaft geprägt
haben. Ich habe Euer schönes Land besuchen können und dabei auch manche Probleme kennengelernt, von denen ich einige in Erinnerung rufen möchte. Euer Land ist
wohlhabend, und doch leben bei Euch Menschen, die an den Rand gedrängt sind.
Habt ein waches Auge für die versteckten Nöte in Eurer Umgebung und seid
solidarisch mit den Menschen, die in Eurer Nähe oder anderswo in der Welt Eure
Hilfe suchen.
Euer Land ist Heimat für drei Volksgruppen: Bemüht Euch aufrichtig,
in Friede und Gerechtigkeit miteinander zu leben. Seid Euch bewußt, daß die
Solidarität unter den Völkern und Volksgruppen ein Gebot der Stunde ist. Der
Friede ist ebenso Aufgabe Eurer Familien, Dörfer und Städte. Ihr lebt in einem
landschaftlich reizvollen Land, und zu Euch kommen viele Gäste. Bewahrt das
kostbare Erbe Eures schönen Landes für Eure Nachkommen und für die
erholungsuchenden Menschen. Euer Land liegt an einer der großen Verkehrswege
Europas. Tragt dazu bei, daß Euer Land weiterhin eine Brücke zwischen den Völkern
und Kulturen sein kann; bemüht Euch, daß die Menschen nicht zu Opfern des
Verkehrs werden.
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Editrice Vaticana