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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE MITGLIEDER DER KATHOLISCHEN VEREINIGUNG «AMELUNGIA» AUS ÖSTERREICH

Freitag, 19. Juni 1992

 

Liebe Freunde!

Zu Eurem Besuch im Vatikan heiße ich Euch alle herzlich will kommen. Als katholische Studenten und Hochschulabsolventen, die sich ihres christlichen Glaubens im konkreten Alltagsleben in Studium und Beruf ausdrücklich verpflichtet wissen, wollt Ihr während Eurer Romwallfahrt aus Anlass des 85. Gründungsjubiläums Eures Vereins auch dem Nachfolger des heiligen Petrus die Reverenz erweisen, Eure Verbundenheit mit der weltweiten Kirche bekunden und Euch im Glauben stärken lassen.

Die Vereinigung, der Ihr angehört, gründet ihren Zusammenhalt auf vier geschichtsträchtige Prinzipien, die es in Erinnerung zu rufen gilt, ohne sie einfach nur zu wiederholen; sie müssen vielmehr in die jeweiligen Zusammenhänge der Zeit neu hineingesprochen werden, so wie es ja auch bei ihrer Entstehung in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts war, um nicht Tradition zu bleiben, die sich in wirklichkeitsfremder Erinnerung erschöpft.

Die Freundschaft, die Euch verbinden soll, bildet gewissermaßen den äußeren Rahmen Eurer Gemeinschaft. So sehr Freundschaft auf Vertrauen basiert, so sehr wird sie ihres eigentlichen Sinnes entleert, wenn sie sich auf einseitige Ausgrenzung Dritter reduziert. Freundschaft ist ihrem Wesen nach einladend und auf Offenheit hin ausgerichtet, auch für den, der am Rande steht. Freundschaft ist also kein interner Mechanismus, sondern Grundlage gemeinsamen Handelns zum Wohle anderer.
Da Ihr alle Studenten seid oder nach Abschluss Eures Studiums einen zumeist akademischen Beruf ausübt, habt Ihr als Erinnerung daran, dass nicht Protektion, sondern fachliche Kompetenz und ein gediegenes Studium die entscheidende Grundlage erfolgreichen beruflichen Wirkens sind, den Gedanken der Wissenschaft zu einem Leitmotiv Eures Vereins gewählt. In der Tat erinnert daran auch das II. Vatikanische Konzil, wenn es von den Laien sagt: ”Hochschätzen mögen sie berufliche Sachkenntnis, familiären und mitbürgerlichen Sinn und alle jene Tugendhaltungen, die sich auf den mitmenschlichen Umgang beziehen..., ohne die auch ein wahrhaft christliches Leben nicht bestehen kann“.

Hier lässt das Konzil schon anklingen, dass die Religion, der christliche Glaube die entscheidende Grundlage für ein gelingendes Leben in Beruf und Familie ist. Denn jeder Getaufte und Gefirmte ist zur Nachfolge und Nachahmung Christi berufen und dazu befähigt, ”in der Annahme der Seligpreisungen..., in der bewussten und aktiven Teilnahme am liturgischen... Leben der Kirche, im persönlichen Gebet, im Gebet der Familie und der Gemeinschaften, im Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, in der Erfüllung des Gebotes der Liebe in allen Situationen des Lebens und im Dienst an den Brüdern, vor allem der Kleinsten, Armen und Leidenden“.

Schließlich fühlt Ihr Euch der Heim at verbunden, dem Vaterland, ein Wort, das für viele Menschen in diesen Jahren mit oft schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist, da sie sich durch Zwistigkeiten und Kriege ausgegrenzt und vertrieben sehen. Dazu sucht der europäische Kontinent eine neue Einheit, die nationale Egoismen überwinden will. So sehr die Betonung des Vaterlandes in früheren Jahren eine identitätsstiftende Bedeutung hatte, so sehr bedarf der Begriff heute eines Überdenkens und der Neuorientierung in einer gewandelten europäischen Wirklichkeit. Macht Euch in Eurem gesellschaftspolitischen Wirken diese gewandelte Wirklichkeit zu eigen und fördert den Gedanken der verbindenden Gemeinschaft der Völker Europas aus ihren christlichen Wurzeln heraus. Ohne eine Neuevangelisierung Europas wird ein friedliches Zusammenleben der Völker dauerhaft kaum gelingen.

Indem ich Euch nochmals für Euren Besuch danke, versichere ich Euch meines Gebetes für Euch und Eure Familien und erteile Euch allen gern meinen Apostolischen Segen.

 

© Copyright 1992 - Libreria Editrice Vaticana

 

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