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ANSPRACHE VON JOHANNES
PAUL II. AN DEN NEUEN BOTSCHAFTER ÖSTERREICHS BEIM HL. STUHL, HERRN CHRISTOPH CORNARO,
ANLÄSSLICH DER
ÜBERGABE DES BEGLAUBIGUNGSSCHREIBENS*
Montag, 28. Februar 1994
Sehr geehrter Herr Botschafter!
1. Nehmen Sie meinen aufrichtigen Dank
entgegen für die sehr freundlichen Worte, mit denen Sie die Überreichung Ihres
Beglaubigungsschreibens als neuer außerordentlicher und bevollmächtigter
Botschafter der Republik Österreich beim Heiligen Stuhl begleitet haben. Zu
Ihrem Amtsantritt heiße ich Sie herzlich willkommen und beglückwünsche Sie zur
dieser ehrenvollen und bedeutsamen Aufgabe.
Sie übernehmen die große
Verantwortung, den Beitrag Österreichs mit seiner großen Geschichte und seinem
reichen kulturellen Erbe für die Zukunft Europas in adäquater Weise einzubringen.
Die Republik Österreich kann dazu beitragen, die Mauern noch weiter abzutragen,
die durch Teilungen, Unverständnis und Streit entstanden sind. Und sie kann
Vertrauen fördern, um die vielschichtigen Schwierigkeiten und Konflikte zu lösen,
die nach den Ereignissen von 1989 aufkamen.
2. Unsere heutige erste Begegnung
steht, wie Sie selbst hervorgehoben haben, im Zeichen von Schatten des Krieges
über einem Teil Europas, mit unermesslichem Leid für die Zivilbevölkerung. Wie
ich in meiner Predigt am 23. Jänner dieses Jahres betont habe, scheinen ”neue
Mauern entstanden zu sein, die Europa auf andere Weise und aus anderen Gründen
teilen. Diese modernen Schranken, die vor allem die Nationen spalten, sind
offensichtlich die Nationalismen. Wir sind heute Zeugen des unbestrittenen
Entstehens solcher Spaltungen, wie es in den Balkanländern geschieht“.
Grausamkeiten brutalster Art, schwerste Verletzungen der fundamentalen
Menschenrechte zerstören die Zivilisation der Liebe, des Verständnisses und der
Toleranz. Die Gewalttaten, die an alten Menschen, an Frauen und Kindern verübt
wurden, müssen unser Gewissen wachrütteln und dürfen unseren Ruf nach Frieden
auf Erden nicht verstummen lassen. Kein Mensch guten Willens darf resignieren.
In diesem Zusammenhang ist es mir ein Anliegen, der Regierung, der Kirche und
allen Menschen guten Willens in der Republik Österreich herzlich zu danken für
die vielfache Hilfe, die sie Flüchtlingen, Verfolgten, Einwanderern und
Notleidenden angedeihen ließen. Zugleich verleihe ich meiner Überzeugung
Ausdruck, dass Österreich auch in Zukunft sein großzügiges Wohlwollen und tätige
Nächstenliebe anderen Menschen, die in Not sind, nicht versagen wird.
3. Die
gegenwärtige Situation veranlasst uns, auch darüber nachzudenken, wie im
Völkerrecht leider immer noch bestehende Divergenzen in der Bewertung der
Menschenrechte überwunden werden können. Nach dem Abbau ideologischer Barrieren
in den ehemals kommunistischen Ländern hatte sich zwar eine gewisse Einigkeit
über den Wert des Friedens und die Bedeutung der Menschenrechte entwickelt; es
besteht aber in unseren Tagen die große Gefahr, dass die anfängliche Euphorie in
eine neue Enttäuschung und Frustration umschlägt. Der Gedanke des
völkerrechtlichen Menschenrechtsschutzes ist zwar grundsätzlich normiert, es
bedarf aber erheblicher Anstrengungen, um diese Normen umzusetzen. Wenn die
internationale Gemeinschaft sich nicht in der Lage sieht, bei eklatanten
Menschenrechtsverletzungen mittels wirksamer Mechanismen einzugreifen und den
Frieden zu sichern, entsteht ein Dilemma, das schwerwiegende moralische Probleme
aufwirft. Alle ethnischen und religiösen Gruppen sollen sich zwar grundsätzlich
in das Staatsganze einordnen, zugleich aber ist darauf zu achten, dass ihnen
gleichberechtigte Möglichkeiten der Teilnahme am staatlichen Leben eröffnet
werden.
4. Die Zusammenarbeit zwischen Ihrem Land und dem Heiligen Stuhl bezieht
sich vor allem auf die Herstellung einer tragfähigen Basis für die Sicherung des
Friedens und einer gerechten Ordnung Europas. Dabei kommt der Funktion
Österreichs, die aus seiner geschichtlichen und geographischen Lage erwächst,
eine besondere Bedeutung zu. Wir dürfen dabei nicht in überholte und antiquierte
Denkweisen zurückverfallen, die sich als nicht tragfähig erwiesen haben. Eine
Politik der Nationalstaaten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wäre für
Europa schädlich. Angesichts der veränderten Verhältnisse wird die
friedenstiftende Rolle Europas und Österreichs im besonderen von entscheidender
Bedeutung sein.
Die klassische Aufgabenstellung Österreichs bestand immer in der
Rolle des Mittlers zwischen den westlichen und den östlichen Nachbarn. Wenn die
Nachbarstaaten der Republik Österreich heute dort fortzufahren versucht sind, wo
sie vor Beginn der kommunistischen Ära aufgehört haben, gilt es zu
berücksichtigen, dass die angestellten Zerstörungen sich nicht nur auf das
Wirtschafts- und staatliche Ordnungsgefüge beziehen, sondern vor allem im
Geistigen anzutreffen sind. Deshalb ist es von Bedeutung, die geistig
beherrschenden Prinzipien und das System der Werte, die Europa über Jahrhunderte
aus christlichen Überzeugungen heraus geprägt haben, neu herauszustellen und zu
vermitteln. Wie ich bereits in der Enzyklika ”Veritatis Splendor“ betont habe,
macht sich ”immer verbreiteter und heftiger... das Verlangen nach radikaler
persönlicher und gesellschaftlicher Erneuerung bemerkbar, die allein imstande
ist, Gerechtigkeit, Solidarität, Wahrhaftigkeit und Transparenz zu gewährleisten“.
Die Ausweitung der Freiheitschancen der Menschen zählt zu den großen
Errungenschaften der europäischen Geschichte. In den freien Gesellschaften
Europas ist das System der Werte und der Moral allerdings in den Bannkreis des
Marktes und des Kapitals geraten, und dies nicht gerade im Interesse einer
Gewährleistung der oben genannten Werte. Denn ”in allen Bereichen des
persönlichen, familiären, gesellschaftlichen und politischen Lebens leistet...
die Moral - die sich auf die Wahrheit gründet und sich in der Wahrheit der
authentischen Freiheit öffnet - nicht nur dem einzelnen Menschen und seinem
Wachstum im Guten, sondern auch der Gesellschaft und ihrer wahren Entwicklung
einen ursprünglichen, unersetzlichen und äußerst wertvollen Dienst“.
5. Sie
haben, sehr geehrter Herr Botschafter, in Ihrer Überreichungsrede im
Zusammenhang des ”Jahres der Familie“ auf den fundamentalen Stellenwert der
Familie für die Gesamtgesellschaft hingewiesen. Der Schutz und die Förderung der
Familie müssen unser aller Anliegen sein, das der Kirche, der verfassungsmäßigen
Organe des Staates sowie aller gesellschaftlichen Kräfte. Glaube, Liebe, Treue
und Hingabe müssen den Kindern von ihren Eltern vorgelebt werden.
Wie ich
bereits in meiner Ansprache an die österreichischen Bischöfe anlässlich ihres Ad-limina-Besuches
im April 1992 dargelegt habe, breiten sich ”die Geringschätzung der Treue, die
Entwürdigung der Frau, die Verächtlichmachung der Gebote Gottes, der
schrankenlose Egoismus, die entwürdigende Pornographie und das leichtsinnige
Spiel des weltzerstörenden Konsumismus“ immer mehr aus. Zur gleichen Zeit sollte
allen verantwortlichen Kräften in Staat und Gesellschaft immer mehr ins Bewusstsein eindringen, dass ”die Familie als grundlegende und unersetzliche
erzieherische Gemeinschaft der bevorzugte Träger für die Weitergabe jener
religiösen und kulturellen Werte (ist), die der Person helfen, zu ihrer
Identität zu gelangen. Auf die Liebe gegründet und offen für das Geschenk des
Lebens, trägt die Familie die Zukunft der Gesellschaft in sich“. Unternehmen wir
gemeinsam jede nur mögliche Anstrengung, das wertvolle Gut der Familie zu
schützen und mit neuem Glanz zu versehen.
6. Die partnerschaftliche
Zusammenarbeit von Staat und Kirche, die auf der Basis des Konkordats in guter
und wirksamer Weise geregelt ist, möge zur sittlichen Erneuerung der Menschen
und der Gesellschaft beitragen. Es ist der Mensch, an dessen Wohl dem Staat und
der Kirche gemeinsam gelegen sein muss, indem sie durch Zusammenwirken die hohen
Werte und Ideale fördern.
Mit meinem aufrichtigen Dank erwidere ich die mir von
Ihnen überbrachten guten Wünsche des Herrn Bundespräsidenten. Ihnen, Ihrer
werten Familie sowie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Botschaft
erbitte ich Gottes Schutz und Beistand und erteile Ihnen allen von Herzen meinen
Apostolischen Segen.
*Insegnamenti di Giovanni Paolo II, vol. XVII, 1 p. 567-571.
L'Attività della Santa Sede 1994 p. 161-163.
L'Osservatore Romano 28.2-1.3-1994 p.6.
© Copyright 1994 - Libreria Editrice Vaticana
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