ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II. AN
DEN BUNDESPRÄSIDENTEN DER REPUBLIK ÖSTERREICH, HERRN THOMAS KLESTIL*
Freitag, 25.
November 1994
Herr Bundespräsident!
1. Mit großer Freude empfange ich am heutigen Tag das Staatsoberhaupt der
Republik Österreich in Begleitung des Herrn Bundesministers für Auswärtige
Angelegenheiten und weiterer hoher Persönlichkeiten. Ihrem Wunsch nach dieser
Begegnung habe ich gern entsprochen; mit meinem aufrichtigen Dank für diesen
Besuch heiße ich Sie herzlich willkommen.
2. In lebendiger Erinnerung habe ich
noch die beiden Pastoralbesuche in Ihrem Land, die mir, wie auch schon zuvor,
einen starken Eindruck vom reichen christlichen und kulturellen Erbe Österreichs
vermittelten. Dieses Erbe vor allem im Bereich der Europäischen Union
einzubringen und zu bewahren wird eine verantwortungsvolle Aufgabe für die
Republik Österreich darstellen. In diesem Zusammenhang darf ich auch an das hohe
Maß an politischer Reife erinnern, die die Bürger Ihres Landes in der Frage des
Beitritts zur Europäischen Union bewiesen haben.
Auf das Erbe Österreichs
blickend wird sehr deutlich, dass vor allem auch der ethische Aspekt von Kultur
eine bedeutende Rolle spielt. Kultur hat in ihren mehr oder weniger
anspruchsvollen Ausdrucksformen auch mit Werten und letztlich mit Wahrheit zu
tun: ”Im Dialog mit den anderen Menschen wird er (der Christ) jedem Beitrag an
Wahrheit, dem er in der Lebensgeschichte und in der Kultur der einzelnen und der
Nationen begegnet, Achtung zollen; er wird aber nicht darauf verzichten, all das
zu vertreten, was ihn sein Glaube und der rechte Gebrauch der Vernunft gelehrt
haben“. Der Akzent in der Kultur kann also nicht nur auf Erlebnisqualität und
-intensität sowie auf dem Interessantheitsgrad liegen. Das wertvolle Erbe des
christlichen Glaubens in seiner reichen kulturellen Entfaltung und mit seiner
ihm innewohnenden Wertordnung zu pflegen wird Aufgabe Ihrer Bürger sein, sehr
geehrter Herr Bundespräsident, wenn Ihr Land vor dem Anspruch seines kulturellen
Herkommens bestehen will.
Auch wenn der Glaube nie in bestimmten kulturellen
Vermittlungen und Ausdrucksformen aufgehen kann und deshalb offen sein muss für
neue, vielleicht auch ungewohnte Ausdrucksgestalten, ist es doch notwendig, mit
dem reichen und vielgestaltigen kulturellen Erbe sorgsam umzugehen. Es gibt
derzeit ein gewisses Nachdenken im Blick auf den weiteren Weg der Kultur, ein
Erschrecken angesichts von Sensationsgier, schierer Beliebigkeit und
Transzendenzlosigkeit, auch angesichts eines teilweise fahrlässigen Umgangs mit
dem Christentum als Ferment der europäischen Kultur. Ihre Bürger haben über
viele Jahrhunderte eine Lebenskultur aus dem Glauben entwickelt. Diese
Lebenskultur neu zu gestalten, die alltägliche Unterscheidung der Geister
vorzunehmen und die grundlegenden Werte in der Familie und in der Erziehung neu
zu verdeutlichen wird wesentlich sein für die Zukunft Europas. Einen größeren
Dienst können Christen unserer Kultur nicht leisten. Ich vertraue darauf, sehr
geehrter Herr Bundespräsident, dass auch die Verantwortlichen Ihres geschätzten
Landes diesem Ziel ihren ganzen Einsatz widmen werden.
3. Im politischen und
sozial-ethischen Handeln muss die Priorität des Menschen als personales Subjekt
gesehen werden. Die Republik Österreich ist in den vergangenen Jahrzehnten der
Verwirklichung dieses Prinzips in hohem Maße gerecht geworden. Ihr Land hat die
Tore für Flüchtlinge geöffnet, die in deren Land verfolgt und diskriminiert
wurden. Ihr Land hat einen vorbildhaften Schutz ethnischer Minderheiten
gesetzlich verankert und schließlich eine bewundernswerte Leistung an
humanitärer Hilfe für Menschen erbracht, die sich in Not befinden. Dafür gilt
allen Verantwortlichen und allen Bürgern mein aufrichtiger Dank. Gott möge es
allen reich vergelten.
Von diesem Ansatz einer hohen Achtung des Menschen und
seiner Würde wird Ihr Land einzelne Symptome von Gewalt und Gewaltbereitschaft
gegenüber Fremden und anderen Randgruppen überwinden können. Gewalt kann
letztlich nur gebändigt werden durch Erziehung zu gewaltfreiem Handeln und durch
die Herrschaft des Rechtes. Dies ist eine der vorrangigen Aufgaben auf
erzieherischem Gebiet. Nur so wird der Mensch in der Lage sein, andere zu ”ehren“:
”Das "Prinzip der Ehrerbietung", das heißt die Anerkennung und Respektierung des
Menschen als Menschen, ist die grundlegende Voraussetzung für jeden echten
Erziehungsprozess“.
4. Ihnen, Herr Bundespräsident, allen Gläubigen und Menschen
guten Willens in Ihrem geschätzten Land erbitte ich auf die Fürsprache der
Gottesmutter und aller heiligen Schutzpatrone Ihrer Heimat Gottes treues Geleit.
Von Herzen erteile ich dazu meinen Apostolischen Segen.
*Insegnamenti di Giovanni Paolo II,
vol. XVII, 2 p.864-866.
L’Attività della Santa Sede 1994 p. 890-891.
L'Osservatore Romano
26.11.1994 p.5.
©
Copyright 1994 - Libreria Editrice Vaticana
|