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BOTSCHAFT VON JOHANNES PAUL II.
ANLÄSSLICH DES 50. JAHRESTAGES DES ENDES
DES ZWEITEN WELTKRIEGES IN EUROPA

 

1. Vor fünfzig Jahren, am 8. Mai 1945, endete auf europäischem Boden der Zweite Weltkrieg. Während das Ende jener furchtbaren Heimsuchung in den Herzen die Erwartung auf Rückkehr der gefangenen, verschleppten und geflüchteten Menschen wiederaufleben lief, weckte es in ihnen zugleich das Verlangen, ein besseres Europa aufzubauen. Der Kontinent konnte wieder beginnen, auf eine Zukunft in Frieden und Demokratie zu hoffen.

Nach einem halben Jahrhundert bewahren Einzelpersonen, Familien und Völker noch immer die Erinnerung an jene sechs schrecklichen Jahre: Erinnerungen an Angst, Gewalt, größte Not, Tod; dramatische Erfahrungen schmerzlicher, durch den Entzug jeglicher Sicherheit und Freiheit erlebter Trennungen; unauslöschliche Erschütterungen durch grenzenlose Vernichtung.

Im Laufe der Zeit beginnt man den Sinn besser zu verstehen

2. Es war zunächst nicht leicht, die vielfältigen und tragischen Ausmaße des Konfliktes genau zu erfassen. Aber im Laufe der Jahre wuchs das Bewußtsein davon, welche Auswirkung jenes Geschehen auf das 20. Jahrhundert und auf die Zukunft der Welt hatte. Der Zweite Weltkrieg war nicht nur eine historische Episode ersten Ranges; er hat einen Wendepunkt für die moderne Menschheit bezeichnet. Die Erinnerungen dürfen mit den Jahren nicht verblassen; vielmehr sollen sie unserer und den kommenden Generationen eine ernste Lehre sein.

Was jener Krieg für Europa und für die Welt bedeutet hat, begann man in diesen fünf Jahrzehnten durch die Gewinnung neuer Daten zu begreifen, die eine bessere Kenntnis der von ihm verursachten Leiden erlaubten. Die zwischen 1939 und 1945 erlebte tragische Erfahrung stellt heute einen uneräßlichen Bezugspunkt für jeden dar, der über die Gegenwart und die Zukunft der Menschheit nachdenken will.

1989 habe ich aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages des Kriegsausbruchs geschrieben: »Fünfzig Jahre danach haben wir die Pflicht, uns vor Gott dieser dramatischen Tatsachen zu erinnern, um die Toten zu ehren und all denen, die diese Flut der Grausamkeit an Herz und Leib verwundet hat, unsere Anteilnahme zu bekunden, indem wir die Beleidigungen vollständig vergeben«. (1)

Wir müssen die Erinnerung an das Geschehene wachhalten: genau das ist unsere Pflicht. Gleichzeitig mit dem eben erwähnten Jahrestag begannen sich vor nunmehr sechs Jahren mit dem raschen Sturz der kommunistischen Regime in Osteuropa ganz neue gesellschaftliche und politische Szenarien abzuzeichnen. Es handelte sich um eine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, die die Tilgung einiger tragischer Folgen des Weltkrieges ermöglichte, dessen Ende ja für viele europäische Nationen in der Tat nicht den Beginn des vollen Genusses von Frieden und Demokratie bedeutet hatte, wie es am 9. Mai 1945 eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Denn einige Völker hatten die Macht der Selbstbestimmung verloren und waren in die erdrückenden Grenzen eines Reiches hineingezwungen worden, während alles daran gesetzt wurde, außer den religiösen Traditionen auch ihre geschichtliche Erinnerung und die jahrhundertealten Wurzeln ihrer Kultur zu zerstören. Das alles habe ich in der Enzyklika Centesimus annus hervorgehoben. (2) Für diese Völker hat der Zweite Weltkrieg in gewissem Sinne erst im Jahr 1989 aufgehört.

Ein Krieg mit Zerstörungen unglaublichen Ausmaßes

3. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges für das Leben der Völker und der Kontinente sind schrecklich gewesen. Die Soldatenfriedhöfe vereinen im Gedenken Christen und Gläubige anderer Religionen, Militärs und Zivilisten aus Europa und anderen Weltgegenden. Auch Soldaten aus nichteuropäischen Ländern hatten nämlich auf dem Boden des alten Kontinents gekämpft: viele sind auf dem Schlachtfeld gefallen, für andere bedeutete der 8. Mai das Ende eines furchtbaren Alptraumes.

Viele Millionen Männer und Frauen wurden getötet; die Zahl der Verwundeten und Vermissten läßt sich nicht einmal annähernd angeben. Unendlich viele Familien waren gezwungen, ihr angestammtes Land zu verlassen, mit dem sie durch jahrhundertelange Zugehörigkeit verbunden waren; menschliche Lebensbereiche und geschichtsträchtige Denkmäler wurden zerstört, Städte und Länder verwüstet und in Schutt und Asche gelegt. Niemals zuvor hat die Zivilbevölkerung, insbesondere Frauen und Kinder, in einem Krieg einen derart hohen Preis an Toten gezahlt.

Die Entfachung des Hasses

4. Noch schwerwiegender war die Ausbreitung der »Kultur des Krieges« mit ihrem traurigen Gefolge von Tod, Hass und Gewalt. »Der Zweite Weltkrieg schrieb ich 1989 an die polnischen Bischöfe - hat alle erkennen lassen, welches bis dahin unbekannte Ausmaß die Verachtung des Menschen und die Verletzung seiner Rechte erreichen kann. Er hat eine unerhörte Mobilisierung des Hasses entfesselt, die den Menschen und alles, was menschlich ist, im Namen einer imperialistischen Ideologie mit Füßen getreten hat«. (3)

Man wird gar nie genug hervorheben können, daß der Zweite Weltkrieg das Leben so vieler Menschen und so vieler Völker schmerzlich verändert hat. Schließlich wurden grauenhafte Vernichtungslager errichtet, wo Millionen von Juden und Hunderttausende von Sinti und Roma und anderer Menschen unter dramatischen Umständen den Tod gefunden haben, Menschen, deren einzige Schuld darin bestand, eine andere Volkszugehörigkeit zu haben.

Auschwitz: Mahnmal für die Folgen des Totalitarismus

5. Auschwitz ist, neben vielen anderen Konzentrationslagern, das auf dramatische Weise ausdruckskräftigste Symbol für die Folgen des Totalitarismus. An diesem fünfzigsten Jahrestag im Gedenken und mit dem Herzen zu jenen Stätten zu pilgern, verlangt die Pflicht. »Ich knie nieder auf diesem Golgota der heutigen Welt«, sagte ich 1979 während der Feier der hl. Messe in Birkenau, unweit von Auschwitz. (4) Wie damals nehme ich meine Pilgerschaft zu jenen Vernichtungslagern im Geiste wieder auf. Ich halte zunächst inne »vor dem Gedenkstein mit der Inschrift in hebräischer Sprache«, um des Volkes zu gedenken, »dessen Sühne und Richter zur Ausrottung bestimmt waren«, und eindringlich zu betonen, daß »daran niemand gleichgültig vorübergehen darf«. (5) Wie damals bleibe ich, nach den in der ehemaligen Sowjetunion inzwischen eingetretenen Veränderungen, vor dem Stein in russischer Sprache stehen und gedenke »des Anteils, der in dem letzten schrecklichen Krieg von diesem Land für die Freiheit der Völker erbracht worden ist«. (6) Dann hake ich vor dem Gedenkstein in polnischer Sprache inne und denke an das Opfer eines großen Teiles der Nation, das »schmerzlich auf dem Gewissen der Menschheit lastet«. Wie ich 1979 sagte, so wiederhole ich heute: »Ich habe drei Gedenksteine ausgewählt. Eigentlich müßte man vor jedem einzelnen der vorhandenen Steine innehalten«. (7) Ja, an diesem fünfzigsten Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges empfinde ich das tiefe Bedürfnis, bei allen Gedenksteinen zu verweilen, auch jenen, die an das Opfer weniger bekannter oder gar vergessener Opfer erinnern.

6. Aus dieser Betrachtung entspringen Fragen, die sich die Menschheit stellen muss. Wie konnte man zu einem solchen Maß an Menschen- und Völkervernichtung gelangen? Warum sind nach Kriegsende aus der bitteren Lektion nicht die notwendigen Konsequenzen für den gesamten europäischen Kontinent gezogen worden?

Die Welt und besonders Europa gerieten in jene entsetzliche Katastrophe, weil sie die moralische Kraft verloren hatten, die notwendig gewesen wäre, um all dem Widerstand zu leisten, was sie in den Strudel des Krieges trieb. Der Totalitarismus zerstört in der Tat die grundlegenden Freiheiten des Menschen und unterdrückt seine Rechte. Indem er durch das unablässige Trommelfeuer der Propaganda die öffentliche Meinung manipuliert, bringt er die Menschen leicht dazu, dem Aufruf zu Gewalt und Krieg nachzukommen, und vernichtet schließlich das Verantwortungsgefühl des Menschen.

Man war sich damals leider nicht darüber im klaren, daß, sobald die Freiheit mit Füßen getreten wird, die Voraussetzungen für ein gefährliches Abgleiten in Gewalt und Hass, Vorboten der »Kultur des Krieges«, gegeben sind. Genau das ist eingetreten: für die Führer war es ein Leichtes, die Massen zu der verhängnisvollen Entscheidung zu verleiten, und zwar mit Hilfe der Behauptung des Mythos vom Übermenschen, der Anwendung rassistischer bzw. antisemitischer Politik, der Verachtung des Lebens aller, die, weil als krank oder asozial betrachtet, als nutzlos angesehen wurden; der Verfolgung aus religiösen oder der Diskriminierung aus politischen Gründen, der fortschreitenden Unterdrückung jeglicher Freiheit durch Polizeikontrolle und durch die aus dem einseitigen Einsatz der Kommunikationsmittel herrührende psychologische Konditionierung. Auf eben solche Machenschaften bezog sich Papst Pius XI. seligen Andenkens, als er in der Enzyklika Mit brennender Sorge vom 14. März 1937 von »düsteren Zeichen« sprach, die am Horizont erschienen. (8)

Eine menschliche Gesellschaft läßt sich nicht auf Gewalt aufbauen

7. Der Zweite Weltkrieg war das direkte Ergebnis dieses Degenerationsprozesses: aber sind daraus nicht in den folgenden Jahrzehnten die notwendigen Konsequenzen gezogen worden? Das Ende des Krieges hat leider nicht zum Verschwinden der Politik und der Ideologien geführt, die den Boden für ihn bereitet bzw. ihm Vorschub geleistet hatten. Anders ausgedrückt, totalitäre Regime bestanden fort und breiteten sich, vor allem in Osteuropa, sogar noch weiter aus. Auch nach jenem 8. Mai wurden auf dem Boden des alten Kontinents und anderswo weiter zahlreiche Konzentrationslager betrieben, während nach wie vor viele Personen unter Mißachtung jedes elementaren Menschenrechts in Haft genommen wurden. Man hat nicht begriffen, daß sich auf der Zerstörung, Unterdrückung und Diskriminierung der menschlichen Person keine ihrer würdige Gesellschaft aufbauen läßt. Diese Lektion des Zweiten Weltkrieges ist noch nicht vollkommen und überall zur Kenntnis genommen worden. Und doch bleibt sie und muss bleiben - als Mahnung für das nächste Jahrtausend.

Insbesondere die in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg so intensiv betriebene kultische Verherrlichung von Volk und Nation, die gleichsam zu einem neuen Götzendienst wurde, hat in jenen sechs schrecklichen Jahren eine grauenhafte Katastrophe hervorgerufen. Pius XI. warnte bereits im Dezember 1930: »Es wird sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich sein, dass der Friede zwischen den Völkern und zwischen den Staaten andauert, wenn statt wahrer und echter Vaterlandsliebe ein egoistischer, hartnäckiger Nationalismus um sich greift und sich austobt, das heißt Hass und Missgunst an Stelle gegenseitigen Wohlwollens, Misstrauen und Verdächtigung an Stelle brüderlichen Vertrauens, Konkurrenz und Kampf an Stelle einträchtiger Zusammenarbeit, Streben nach Vormacht, nach Vorherrschaft an Stelle der Achtung und des Schutzes aller Rechte, auch jener der Schwachen und der Kleinen«. (9)

Es ist kein Zufall, dag einige erleuchtete Staatsmänner Westeuropas, ausgehend von Überlegungen zu den vom Zweiten Weltkrieg verursachten Verheerungen, ein gemeinschaftliches Band zwischen ihren Ländern schaffen wollten. Jenes Bündnis hat sich in den folgenden Jahrzehnten entfaltet und damit dem Willen der beigetretenen Nationen, ihrem Schicksal nicht mehr allein gegenüberzustehen, konkrete Gestalt verliehen. Sie hatten verstanden, dass es außer dem Gemeinwohl der einzelnen Völker ein Gemeinwohl der Menschheit gibt, das vom Krieg gewaltsam mit Füßen getreten worden war. Dieses Nachdenken über die dramatische Erfahrung veranlasste sie zu der Ansicht, dass die Interessen einer Nation nur im Rahmen der solidarischen Wechselbeziehung mit den anderen Völkern in angemessener Weise verfolgt werden konnten.

Die Kirche hört den Schrei der Opfer

8.Vielfältig sind die Stimmen, die sich am fünfzigsten Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges erheben und versuchen, die Trennwände zwischen Siegern und Besiegten zu überwinden. Es wird an den Mut und das Opfer von Millionen Männern und Frauen erinnert. Was die Kirche betrifft, so horcht sie vor allem auf den Schrei aller Opfer. Ein Schrei, der uns den Skandal jenes sechs Jahre währenden Konfliktes besser begreifen läßt. Ein Schrei, der zum Nachdenken darüber auffordert, was dieser Krieg über die ganze Menschheit gebracht hat. Ein Schrei, der eine Anklage gegen die Ideologien darstellt, die die schreckliche Katastrophe herbeigeführt haben. Wir alle sind angesichts jedes Krieges aufgerufen, über unsere Verantwortung nachzudenken, während wir um Verzeihung bitten und verzeihen. Man ist als Christ unangenehm berührt, wenn man daran denkt, daß »sich die Ungeheuerlichkeiten jenes Krieges auf einem Kontinent ereignet haben, der sich einer besonderen Blüte von Kultur und Zivilisation rühmte; auf dem Kontinent, der am längsten im Einflußbereich des Evangeliums und der Kirche gestanden hat«. (10) Daher müssen die Christen Europas um Verzeihung bitten, auch wenn eingeräumt werden muß, dass für den Aufbau der Kriegsmaschinerie etliche, ganz verschiedene Kräfte Verantwortung trugen.

Der Krieg ist nicht imstande, Gerechtigkeit zu gewähren

9. Die vom Zweiten Weltkrieg verursachten Spaltungen weisen uns darauf hin, dass die Gewalt im Dienst des »Machtwillens« ein ungeeignetes Instrument für die Herstellung der wahren Gerechtigkeit ist. Sie setzt vielmehr einen unheilvollen Prozess in Gang von unvorhersehbaren Folgen für Männer, Frauen, Völker, die Gefahr laufen, zusammen mit ihrem Hab und Gut und selbst ihrem Leben auch jede Würde zu verlieren. Noch stark klingt die Ermahnung nach, die Papst Pius XII. seligen Andenkens im August 1939, beinahe am Vorabend jenes tragischen Krieges, bei einem allerletzten Versuch erhob, die bewaffnete Auseinandersetzung doch noch abzuwenden: »Es besteht zwar drohende Gefahr, doch noch ist es Zeit. Mit dem Frieden ist nichts verloren. Mit dem Krieg kann alles verloren sein. Mögen es die Menschen fertigbringen, sich wieder zu verständigen! Mögen sie wieder Verhandlungen aufnehmen!« (11) Pius XII. trat damit in die Fußstapfen Papst Benedikts XV., der, nachdem er alles versucht hatte, um den Ersten Weltkrieg abzuwenden, nicht zögerte, ihn mit der Bezeichnung »sinnloses Gemetzel« zu brandmarken. (12) Ich selber bin nicht von dieser Linie abgewichen, als ich am 20. Januar 1991 angesichts des Golfkrieges sagte: »Die tragische Wirklichkeit dieser Tage zeigt noch deutlicher, daß mit Waffen die Probleme nicht gelöst, sondern neue und größere Spannungen zwischen den Völkern geschaffen werden«. (13) Das ist eine Feststellung, die im Laufe der Jahre immer neue und ausgiebigere Bestätigung erhält, obgleich sich in einigen Gegenden Europas und in anderen Teilen der Welt weiterhin schmerzliche Kriegsherde entzünden. Papst Johannes XXIII. führte in der Enzyklika Pacem in terris unter den Zeichen der Zeit die Verbreitung der Überzeugung an, dass »Streitigkeiten, die unter Umständen zwischen den Völkern entstehen, nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen sind«. (14) Trotz der menschlichen Misserfolge fehlt es auch in jüngster Zeit nicht an Ereignissen, die als Beweis dafür geeignet sind, dass ehrliche, geduldige und die Rechte und Bestrebungen der Parteien respektierende Verhandlungen den Weg zu einer friedlichen Lösung selbst der kompliziertesten Situationen führen können. In diesem Geist spreche ich allen modernen Friedensstiftern meine lebhafte Anerkennung und Unterstützung aus.

Dazu fühle ich mich besonders durch die unauslöschliche Erinnerung an den Abwurf der Atombomben gedrängt, der im August 1945 zuerst Hiroshima und dann Nagasaki heimgesucht hat. Er zeugt in erschütterndem Maße von dem Schrecken und dem Leid, die vom Krieg hervorgerufen wurden: die endgültige Bilanz jener Tragödie ist wie ich bei meinem Besuch in Hiroshima sagte - noch nicht zur Gänze gezogen worden, noch wurde der totale menschliche Preis errechnet, vor allem wenn man überlegt, was ein Atomkrieg unserem Denken, unserem Verhalten und unserer Zivilisation angetan hat und noch immer antun könnte. »Sich auf die Vergangenheit besinnen heißt, sich der Zukunft verpflichten. Sich an Hiroshima erinnern heißt, den Atomkrieg verabscheuen. Sich an Hiroshima erinnern heißt, sich dem Frieden verpflichten. Sich daran erinnern, was die Menschen dieser Stadt gelitten haben, heißt, unseren Glauben an den Menschen erneuern, an seine Fähigkeit, das Gute zu tun, an seine Freiheit, das Rechte zu wählen, an seine Entschlossenheit, ein Unglück zu einem neuen Anfang werden zu lassen«. (15)

Nach fünfzig Jahren erscheint jener tragische Konflikt, der einige Monate später mit dem dramatischen Geschehen von Hiroshima und Nagasaki und infolge der Kapitulation Japans auch im Pazifik ein Ende fand, mit immer größerer Klarheit als »ein Selbstmord der Menschheit«. (16) Er ist nämlich, genau betrachtet, eine Niederlage für die Besiegten wie für die Sieger.

Die Propagandamaschinerie

10. Eine weitere Überlegung drängt sich auf: während des Zweiten Weltkrieges kam außer den konventionellen und den chemischen, biologischen und Atomwaffen noch ein anderes mörderisches Kriegswerkzeug zu umfassender Anwendung: die Propaganda. Bevor man den Gegner mit den Mitteln der physischen Zerstörung heimsuchte, versuchte man ihn moralisch zu vernichten durch Verleumdung, falsche Anschuldigungen, Lenkung der öffentlichen Meinung in Richtung unsinnigster Intoleranz, durch jede Form von Indoktrination, besonders gegenüber der Jugend. Es ist tatsächlich für jedes totalitäre Regime typisch, eine kolossale Propagandamaschinerie aufzubauen, um die eigenen Untaten zu rechtfertigen und zur ideologisch bedingten Intoleranz und zur rassistischen Gewalt gegen alle aufzuhetzen, die - wie es hieß nicht verdienten, als integrierender Bestandteil der Gemeinschaft angesehen zu werden. Wie unendlich weit entfernt ist dies alles von der echten Kultur des Friedens! Diese setzt die Anerkennung des inneren Bandes voraus, das zwischen der Wahrheit und der Liebe besteht. Die Kultur des Friedens wird dadurch aufgebaut, dass man jede Form von Rassismus und Intoleranz bereits im Keim zurückweist, keiner wie immer gearteten Rassenpropaganda nachgibt, wirtschaftliche und politische Machtgelüste kontrolliert, die Gewalt und jede Art von Ausbeutung entschieden ablehnt.

Die perversen Propagandamechanismen beschränken sich nicht auf die Verfälschung der Gegebenheiten der Wirklichkeit, sie vergiften auch die Information in bezug auf die Verantwortlichkeiten und erschweren so in hohem Maße das moralische und politische Urteil. Der Krieg erzeugt eine Propaganda, die keinen Raum läßt für den Pluralismus der Auslegungen, für die kritische Analyse der Ursachen, für die Suche nach der tatsächlichen Verantwortlichkeit. Das alles ergibt sich aus der Prüfung der über den Zeitraum zwischen 1939 und 1945 verfügbaren Daten wie auch aus der Dokumentation bezüglich anderer Kriege, die in den nachfolgenden Jahren ausgebrochen waren: in jeder Gesellschaft macht der Krieg einen totalitären Gebrauch von den Informations- und Propagandamitteln, der nicht zur Achtung vor dem anderen und zum Dialog erzieht, sondern vielmehr zu Verdächtigung und Rache aufhetzt.

Der Krieg ist nicht verschwunden

11. Nach dem Jahr 1945 war es mit Kriegen leider nicht endgültig vorbei. Gewalt, Terrorismus und bewaffnete Angriffe haben diese letzten Jahrzehnte weiter heimgesucht.

Wir haben den sogenannten »kalten Krieg« erlebt, in dem sich zwei durch ständiges Wettrüsten im Gleichgewicht befindliche Blöcke drohend gegenüberstanden. Und auch als diese zweipolige Konfrontation aufhörte, bedeutete das nicht das Ende kriegerischer Auseinandersetzungen.

Noch heute gibt es zu viele offene Konflikte in verschiedenen Teilen der Welt. Die öffentliche Meinung, betroffen von den schrecklichen Bildern, die täglich durch das Fernsehen in die Häuser gelangen, reagiert emotional, gewöhnt sich aber schließlich allzu schnell daran und nimmt die Unabwendbarkeit der Ereignisse nahezu hin. Das ist nicht nur ungerecht, es ist höchst gefährlich. Man darf nicht vergessen, was in der Vergangenheit geschehen ist und was auch heute geschieht. Das sind Dramen, die zahllose unschuldige Opfer betreffen, deren Schreckens- und Leidensschreie an das Gewissen aller rechtschaffenen Menschen appellieren: der Logik der Waffen kann und darf man nicht nachgeben!

Der Heilige Stuhl wollte auch durch die Unterzeichnung der wichtigsten internationalen Verträge und Abkommen die Staatengemeinschaft auf die Dringlichkeit hinweisen und tut das weiterhin unermüdlich -, die Vorschriften in bezug auf die Nicht-Weiterverbreitung von Kernwaffen und die Vernichtung der chemischen und biologischen Waffen sowie besonders schrecklicher Waffen mit unterschiedlichen Wirkungen zu verschärfen. Ebenso hat der Heilige Stuhl kürzlich die öffentliche Meinung aufgefordert, sich das fortdauernde Phänomen des Waffenhandels klarer bewußt zu machen, eine schwerwiegende Erscheinung, über die eine ernsthafte sittliche Reflexion dringend geboten ist. (17) Es gilt auch daran zu erinnern, daß nicht nur die Militarisierung der Staaten, sondern auch der leichte Zugang zu den Waffen von seiten von Privatleuten, der der Ausbreitung des organisierten Verbrechens und des Terrorismus Vorschub leistet, eine unvorhersehbare und ständige Bedrohung für den Frieden darstellt.

Eine Schule für alle Gläubigen

12. Nie wieder Krieg! Ja zum Frieden! Das waren die allgemein bekundeten Gefühle unmittelbar nach jenem historischen 8. Mai 1945. Die sechs schrecklichen Jahre des Krieges waren für alle eine Gelegenheit zum Reifen in der Schule des Schmerzes: auch die Christen hatten Gelegenheit, einander wieder näherzukommen und sich nach ihrer Verantwortung für die unter ihnen herrschenden Spaltungen zu fragen. Außerdem haben sie die Gemeinsamkeit eines Schicksals wiederentdeckt, das sie untereinander und mit den anderen Menschen jeder Nation vereint. Auf diese Weise hat sich das Geschehen, welches das Höchstmaß der Zerrissenheit und Spaltung zwischen den Völkern und Menschen bedeutet hat, für die Christen als eine von der Vorsehung gewollte Gelegenheit erwiesen, um sich einer tiefen Gemeinschaft im Leiden und im Zeugnis bewußt zu werden. Unter dem Kreuz Christi haben Mitglieder aller christlichen Kirchen und Gemeinschaften bis zum äußersten Opfer Widerstand geleistet. Viele von ihnen haben in vorbildlicher Weise mit den friedlichen Waffen des erlittenen Zeugnisses und der Liebe die Folterer und Unterdrücker herausgefordert. Zusammen mit anderen, Gläubigen und Nicht-Gläubigen, Männern und Frauen jeder Rasse, Religion und Nation, haben sie ganz oben, über der Flut von Gewalt eine Botschaft der Brüderlichkeit und Vergebung verbreitet.

Sollte man an diesem Jahrestag etwa nicht solcher Christen gedenken, die, während sie Zeugnis gegen das Böse ablegten, für die Unterdrücker gebetet und sich niedergebeugt haben, um die Wunden aller zu pflegen? Im Miteinander des Leidens konnten sie sich als Brüder und Schwestern erkennen und erlebten die ganze Sinnwidrigkeit ihrer Spaltungen. Das geteilte Leid hat sie die Last der Spaltungen, die zwischen den Jüngern Christi noch immer bestehen, und ihrer negativen Konsequenzen für den Aufbau der geistigen, kulturellen und politischen Identität des europäischen Kontinents in höchstem Maße empfinden lassen. Ihre Erfahrung ist für uns eine Mahnung: auf dieser Linie gilt es weiterzumachen, mit intensivem Gebet und Arbeit voller Vertrauen und Großherzigkeit, im Blick auf das bevorstehende Jubiläumsjahr 2000. Mögen sie mit einer Pilgerschaft der Buße und Wiederversöhnung (18) den Weg zu jenem Ziel einschlagen, in der Hoffnung, endlich die volle Gemeinschaft zwischen allen, die an Christus glauben, verwirklichen zu können, was der Sache des Friedens mit Sicherheit zum Vorteil gereichen wind.

13. Die Woge von Schmerz, die sich mit dem Krieg über die Erde ergossen hat, hat die Gläubigen aller Religionen veranlasst, ihre geistig-geistlichen Mittel und Fähigkeiten in den Dienst am Frieden zu stellen. Jede Religion hat, wenn auch mit unterschiedlichem Verlauf, in diesen fünf Jahrzehnten einzigartige Erfahrungen solcher Art erlebt. Die Welt ist Zeuge dafür, dass nach der furchtbaren Tragödie des Krieges im Bewußtsein der Gläubigen der verschiedenen Religionsbekenntnisse etwas Neues entstanden ist: sie fühlen sich in höherem Maße verantwortlich für den Frieden unter den Menschen und haben begonnen untereinander zusammenzuarbeiten. Der »Weltgebetstag für den Frieden« am 27. Oktober 1986 in Assisi hat diese im Leiden gereifte Haltung öffentlich gewürdigt. Assisi hat »das enge Band, das eine echte religiöse Haltung und das große Gut des Friedens miteinander verbindet«, (19) offenbar gemacht. In den nachfolgenden »Gebetstagen für den Frieden auf dem Balkan (9.-10. Januar 1993 in Assisi und am 23. Januar 1994 in St. Peter) wurde im besonderen der spezifische Beitrag hervorgehoben, den die Gläubigen zur Förderung des Friedens durch die Waffen des Gebetes und der Buße leisten sollten.

Die Welt, die kurz vor dem Ende des zweiten Jahrtausends steht, erwartet von den Gläubigen ein entschiedeneres Handeln für den Frieden. Zu den Vertretern der christlichen Kirchen und der großen Weltreligionen, die 1989 zum 50. Jahrestag des Kriegsausbruchs in Warschau zusammengekommen waren, sagte ich: »Aus dem Herzen unserer verschiedenen religiösen Traditionen erwächst das Zeugnis der mitleidenden Teilnahme an den Schmerzen des Menschen, der Achtung vor der Heiligkeit des Lebens. Dies ist eine gewaltige geistige Kraft, die Vertrauen erweckt für die Zukunft der Menschheit«. (20) Das traurige Geschehen des Zweiten Weltkrieges macht uns nach fünfzig Jahren stärker das Erfordernis bewußt, mit neuer Kraft und neuem Einsatz diese geistigen Kräfte freizusetzen.

In diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden, dass gerade die schreckliche Erfahrung des Krieges Anstoß zur Entstehung der Organisation der Vereinten Nationen gewesen ist, die von Papst Johannes XXIII. seligen Andenkens wegen deren »Hauptaufgabe, den Frieden unter den Völkern zu schützen und zu festigen«, (21) als eines der Zeichen unserer Zeit angesehen wurde. Als Reaktion auf die grausame Missachtung der Würde und der Rechte der Menschen ist außerdem die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte entstanden. Der fünfzigste Jahrestag der Vereinten Nationen, der in diesem Jahr begangen wird, sollte Anlass sein, den Einsatz der internationalen Gemeinschaft im Dienst am Frieden zu verstärken. Dazu wird es notwendig sein, der Organisation der Vereinten Nationen die Mittel zu gewährleisten, derer sie bedarf, um ihre Sendung wirksam fortsetzen zu können.

Noch immer rüsten einige zum Krieg

14. In diesen Tagen werden in vielen Teilen Europas Gedenkfeiern und Kundgebungen abgehalten, an denen staatliche Autoritäten und Verantwortliche jeder Gemeinschaft und jedes Landes teilnehmen. Während ich mich dem Gedenken an Leid und Tod der vielen Opfer des Krieges anschließe, möchte ich alle Menschen guten Willens einladen, ernsthaft über den unabdingbaren Zusammenhang nachzudenken, der zwischen dem Gedenken an den schrecklichen Weltkrieg und der Ausrichtung der nationalen und internationalen Politik bestehen muss. Im besonderen wird es darauf ankommen, über wirksame Mittel zur Kontrolle des internationalen Waffenhandels zu verfügen und zugleich geeignete Strukturen zum Eingreifen im Krisenfall vorzusehen, die alle Parteien dazu veranlassen sollen, statt der bewaffneten Auseinandersetzung lieber den Verhandlungsweg zu wählen. Trifft es etwa nicht zu, dass es, während wir die Wiedererlangung des Friedens feiern, leider noch immer Leute gibt, die sowohl durch die Förderung einer Kultur des Hasses wie durch die Verbreitung raffinierter Kriegswaffen zum Krieg rüsten? Trifft es etwa nicht zu, dass in Europa schmerzliche offene Konflikte bestehen, die seit Jahren auf friedliche Lösungen warten? Dieser 8. Mai 1995 ist für manche Gegenden Europas leider kein Tag des Friedens! Ich denke besonders an die gemarterten Länder des Balkans und des Kaukasus, wo noch immer Waffenlärm herrscht und weiter Menschenblut vergossen wind.

Zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg 1965 fragte sich Paul VI. in seiner Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen: »Wird die Welt je die parteiliche und kriegerische Gesinnung ändern, die bisher mit einem Großteil ihrer Geschichte verwoben war?«. (22) Eine Frage, die noch immer auf ihre Beantwortung wartet. Möge die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bei allen den Vorsatz wiederbeleben, im Dienst an einer entschiedenen Friedenspolitik in Europa und in der ganzen Welt tätig zu sein - jeder nach seinen Möglichkeiten.

Eine besondere Bedeutung für die jungen Menschen

15. Meine Gedanken gehen zu den jungen Menschen, die die Schrecken jenes Krieges nicht persönlich erlebt haben. Ihnen sage ich: liebe Jugendliche, ich habe großes Vertrauen in eure Fähigkeit, glaubwürdige Vermittler des Evangeliums zu sein. Fühlt euch persönlich zum Dienst am Leben und am Frieden verpflichtet. Die Opfer, die kämpfenden Soldaten an den Fronten und die Märtyrer des Zweiten Weltkrieges waren zum großen Teil junge Menschen wie ihr. Darum bitte ich euch, Jugendliche des Jahres 2000, sehr wachsam zu sein angesichts des Entstehens der Kultur des Hasses und des Todes. Erklärt den stumpfsinnigen und gewalttätigen Ideologien eine eindeutige Absage; verwerft jede Form von übertriebenem Nationalismus und Intoleranz; auf diesen Wegen schleicht sich unbemerkt die Versuchung zu Gewalt und Krieg ein.

Euch ist es aufgegeben, neue Wege der Brüderlichkeit zwischen den Völkern zu eröffnen, um durch Vertiefung des Gesetzes »der Gegenseitigkeit von Geben und Empfangen, von Selbsthingabe und Annahme des anderen« (23) eine einzige Menschheitsfamilie aufzubauen. Das verlangt das vom Schöpfer jedem Menschen ins Herz geschriebene Sittengesetz, ein Gesetz, das von ihm in der Offenbarung des Alten Testamentes bestätigt und schließlich von Jesus im Evangelium zur Vollendung gebracht worden ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Lev 19, 18; Mk 12, 31); »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 34). Die Zivilisation der Liebe und der Wahrheit kann nur dann verwirklicht werden, wenn sich die Öffnung für die Annahme des anderen auf die Beziehungen zwischen den Völkern, zwischen den Nationen und den Kulturen ausdehnt. Möge im Bewußtsein aller die Aufforderung Widerhall finden: Du sollst die anderen Völker lieben wie dein eigenes!

Der Weg der Zukunft der Menschheit führt über die Einheit; und die wahre Einheit - das ist die Botschaft des Evangeliums - führt über Jesus Christus, der unsere Versöhnung und unser Friede ist (Vgl. Eph 2, 14-18) .

Wir brauchen ein neues Herz

16. »Du sollst an den ganzen Weg denken, den der Herr, dein Gott, dich während dieser vierzig Jahre in der Wüste geführt hat, um dich gefügig zu machen und dich zu prüfen. Er wollte erkennen, wie du dich entscheiden würdest: ob du auf seine Gebote achtest oder nicht. Durch Hunger hat er dich gefügig gemacht und hat dich dann mit dem Manna gespeist, das du nicht kanntest und das auch deine Väter nicht kannten. Er wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht« (Dtn 8, 2-3).

Wir sind noch nicht in das »verheißene Land des Friedens« eingetreten. Die Erinnerung an den schmerzlichen Weg des Krieges und den nicht leichten Weg der Nachkriegsjahre weist uns ständig darauf hin. Dieser Weg in den dunklen Zeiten des Krieges, in den schwierigen Situationen der Nachkriegsjahre, in den unsicheren und problemreichen Tagen unserer heutigen Zeit hat oft enthüllt, dass es im Herzen der Menschen, auch der Gläubigen, eine starke Versuchung zum Hass, zur Mißachtung des anderen, zur Pflichtverletzung gibt. Auf diesem selben Weg hat es jedoch nicht an der Hilfe des Herrn gefehlt, der zusammen mit dem aufrichtigen Verlangen nach Versöhnung und Einheit Gefühle der Liebe, des Verständnisses und des Friedens keimen ließ . Wir wissen als Gläubige, dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht. Wir wissen auch, dass der Friede in den Herzen aller derer Wurzel fasst, die sich Gott öffnen. Sich des Zweiten Weltkrieges und des in den Jahrzehnten danach zurückgelegten Weges zu erinnern, muss bei den Christen das dringende Bedürfnis nach einem neuen Herzen hervorrufen, das fähig ist, den Menschen zu achten und seine echte Würde zu fördern.

Das ist die Grundlage far die wahre Hoffnung auf den Frieden der Welt: »Ein Licht aus der Höhe« - so prophezeite Zacharias - wird aufstrahlen, »um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens« (Lk 1, 78-79). In dieser österlichen Zeit, die den Sieg Christi feiert über die Sünde, das zersetzende Element, das Trauer und Zerrüttung mit sich bringt, kommt uns wieder das eindringliche Gebet auf die Lippen, mit dem die Enzyklika Pacem in terris meines verehrten Vorgängers Johannes XXIII. schließt: »Christus möge den Geist der Regierenden erleuchten, dass sie mit angemessenem Wohlstand ihren Bürgern auch das schöne Geschenk des Friedens sichern und verteidigen. Er möge den Willen aller Menschen entzünden, dass sie die Schranken zerbrechen, die die einen von den andern trennen; dass sie die Bande gegenseitiger Liebe festigen, einander besser verstehen; dass sie schließlich allen verzeihen, die ihnen Unrecht getan haben. Unter Gottes Führung und Schutz mögen sich alle Völker brüderlich umarmen, und stets möge in ihnen der ersehnte Friede herrschen«. (24)

Maria, stets wachsame und um alle ihre Kinder besorgte Mittlerin der Gnade, erwirke für die ganze Menschheit das kostbare Geschenk der Eintracht und des Friedens.

Aus dem Vatikan, am 8. Mai 1995

JOHANNES PAUL II.


Anmerkungen

1) Botschaft zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges (27. August 1989), 2: AAS 82 (1990), 51.

2) Vgl. Nr. 18: AAS 83 (1991), 815.

3) Brief an die Bischöfe Polens zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges (26. August 1989), 3: AAS 82 (1990), 46.

4) Homílie im ehemaligen Konzentrationslager Birkenau (7. Juni 1979), 2: Insegnamenti II (1979), 1484.

5) Ebd.

6) Ebd., a.a.O., 1485.

7) Ebd.

8) Nr. 11: AAS 29 (1937), 186

9) Ansprache an die Römische Kurie (24. Dezember 1930): AAS 22 (1930), 535-536.

10) JOHANNES PAUL II., Brief an die Bischöfe Polens zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges (26. August 1989), 3: AAS 82 (1990), 46.

11) Rundfunkbotschaft »In schwerer Stunde (24. August 1939): AAS 31 (1939), 334.

12) Botschaft an die Staatsoberhäupter der am Krieg beteiligten Nationen (1. August 1917): AAS 9 (1917), 420.

13) Gebetsaufruf nach dem Angelus: Insegnamenti XIV, l (1991), 156.

14) III., AAS 55 (1963), 291.

15) JOHANNES PAUL II., Ansprache vor dem Friedensdenkmal in Hiroshima (25. Februar 1981): AAS 73 (1981), 417.

16) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 18: AAS 83 (1991), 816.

17) Vgl. PÄPSTLICHER RAT FÜR GERECHTIGKEIT UND FRIEDEN, Dokument Der internationale Waffenhandel (1. Mai 1994), Vatikanstadt 1994.

18) Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente (10. November 1994), 50: AAS 87 (1995), 36.

19) JOHANNES PAUL II., Ansprache anlässlich des feierlichen interreligiösen Weltgebetes für den Frieden, 6: AAS 79 (1987), 868.

20) Fernsehbotschaft an die Teilnehmer am internationalen Gebetstreffen für den Frieden aus Anlass des 50. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkrieges (Warschau, 1. September 1989): Insegnamenti XII, 2 (1989), 421.

21) JOHANNES XXIII., Enzyklika Pacem in terris (11. April 1963), IV: AAS 55 (1963), 295.

22) Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen (4. Oktober 1965), 5: AAS 57 (1965), 882.

23) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Evangelium vitae (25. März 1995), 76: L'Osservatore Romano, 31. März 1995, S. 10.

24) Vgl.: AAS 55 (1963), 304.

 

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