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APOSTOLISCHE REISE NACH PARIS ANLÄSSLICH DES XII. WELTJUGENDTAGES (21. - 24. AUGUST 1997)

TAUFVIGIL MIT DEN JUGENDLICHEN

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.

Pferderennbahn Longchamp
Samstag, 23. August 1997

 

Liebe Jugendliche, liebe Freunde!

1. Zu Beginn begrüße ich euch alle, die ihr hier versammelt seid, mit den Worten des Propheten Ezechiel, denn sie enthalten eine wunderbare Verheißung Gottes, und sie drücken die Freude aus, die eure Anwesenheit bereitet: "Ich hole euch heraus aus den Völkern. [...] Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, daß ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt. [...] Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein" (Ez 36, 24-28).

2. Ich begrüße die französischen Bischöfe, die uns aufnehmen, und die Bischöfe, die aus der ganzen Welt gekommen sind. Meine herzlichen Grußworte richte ich auch an die geschätzten Vertreter der anderen christlichen Konfessionen, mit denen wir die gleiche Taufe teilen, und denen viel daran gelegen war, sich dieser Feier der Jugend anzuschließen.

Am Vorabend des 24. August kann man nicht das schmerzvolle Blutbad der Bartholomäusnacht vergessen, das sehr dunklen Beweggründen in der politischen und religiösen Geschichte Frankreiches entsprang. Christen haben Taten verübt, die das Evangelium verurteilt. Wenn ich an die Vergangenheit erinnere, so deshalb, weil "das Eingestehen des Versagens von gestern ein Akt der Aufrichtigkeit und des Mutes [ist], der uns dadurch unseren Glauben zu stärken hilft, daß er uns aufmerksam und bereit macht, uns mit den Versuchungen und Schwierigkeiten von heute auseinanderzusetzen" (Tertio millennio adveniente, 33). Darum schließe ich mich den Initiativen der französischen Bischöfe an, denn mit ihnen bin ich überzeugt, daß nur die angebotene und empfangene Vergebung fortschreitend zu einem fruchtbaren Dialog führt, der dann eine vollkommen christliche Versöhnung besiegelt. Der Ausdruck verschiedener religiöser Überzeugungen innerhalb einer nationalen Gemeinschaft darf heute keine Quelle von Opposition oder Spannung sein. Ganz im Gegenteil: die Liebe zu Christus, die uns gemeinsam ist, drängt uns, ohne Unterlaß den Weg zur vollen Einheit zu suchen.

3. Die liturgischen Texte unserer Vigil sind zu einem Teil die gleichen wie die der Ostervigil. Sie beziehen sich auf die Taufe. Das Evangelium des hl. Johannes erzählt das nächtliche Gespräch Christi mit Nikodemus. Dieser, ein Mitglied des Sanhedrin, sucht Jesus auf und bringt seinen Glauben zum Ausdruck: "Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist" (Joh 3,2). Jesus antwortet ihm: "Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen" (Joh 3,3). Nikodemus fragt ihn: "Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden" (Joh 3,4). Jesus antwortet: "Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist" (Joh 3,5-6).

Jesus läßt Nikodemus von den sichtbaren zu den unsichtbaren Wirklichkeiten kommen. Jeder von uns ist aus dem Mann und der Frau geboren, von einem Vater und einer Mutter. Diese Geburt ist der Ausgangspunkt unseres Daseins. Nikodemus denkt an diese natürliche Wirklichkeit. Christus ist demgegenüber aber in die Welt gekommen, um eine andere Geburt zu offenbaren, die geistige Geburt. Wenn wir unseren Glauben bekennen, dann sagen wir, wer Christus ist: "Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater – consubstantialis Patri; durch ihn ist alles geschaffen – per quem omnia facta sunt; für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden, descendit de caelis et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria virgine et homo factus est." Ja, liebe jungen Freunde, der Sohn Gottes ist auch für euch alle Mensch geworden - für jeden einzelnen von euch!

4. "Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren ist, kann er nicht in das Reich Gottes kommen" (3,5). Um in das Reich Gottes zu kommen, muß der Mensch also von neuem geboren werden, nicht nach den Gesetzen des Fleisches, sondern nach dem Geist. Die Taufe ist genau das Sakrament dieser Geburt. Der Apostel Paulus erklärt tiefschürfend in dem Abschnitt aus dem Römerbrief, den wir gehört haben: "Wißt ihr denn nicht, daß wir alle, die wir auf Christus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben" (Röm 6,3-4). Der Apostel verrät uns hier den Sinn der neuen Geburt; er zeigt, warum das Sakrament der Taufe durch Eintauchen ins Wasser gespendet wird. Es handelt sich hier nicht um ein symbolisches Eintauchen ins Leben Gottes. Die Taufe ist das konkrete und wirksame Zeichen des Eintauchens in den Tod und in die Auferstehung Christi. Wir verstehen daher, warum die Tradition die Taufe mit der Ostervigil verbunden hat. An diesem Tag, und vor allem in dieser Nacht, erlebt die Kirche von neuem den Tod Christi, ist sie ganz hineingenommen in die Umwälzung dieses Todes, aus dem ein neues Leben ersteht. Die Vigil ist also im genauen Sinn des Wortes Erwartung: Die Kirche erwartet die Auferstehung; sie erwartet das Leben, das der Sieg über den Tod sein wird und das den Menschen in dieses Leben hineinzieht.

Jedem Menschen, der die Taufe empfängt, wird es gegeben, an der Auferstehung Christi teilzuhaben. Der hl. Paulus kommt oft auf dieses Thema zurück, das das Wesentliche vom wahren Sinn der Taufe zusammenfaßt. Er schreibt: "Wenn wir ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein." Und weiter: "Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, daß Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus" (Röm 6, 6-11). Liebe Jugendliche, mit Paulus sagt ihr der Welt: Unsere Hoffnung ist fest; durch Christus leben wir für Gott.

5. Wenn wir heute abend die Ostervigil in Erinnerung rufen, dann rühren wir damit an die wesentlichen Probleme: Leben und Tod, Sterblichkeit und Unsterblichkeit. In der Geschichte der Menschheit hat Jesus Christus hinsichtlich des Sinnes der menschlichen Existenz eine Umschaltung vorgenommen. Wenn die tägliche Erfahrung uns diese Existenz als einen Weg auf den Tod hin zeigt, dann öffnet uns das Ostergeheimnis den Ausblick auf ein neues Leben jenseits des Todes. Darum hat die Kirche, die in ihrem Credo den Tod und die Auferstehung Jesu bekennt, allen Grund, auch folgende Worte zu sprechen: "Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben."

6. Liebe Jugendliche, wißt ihr, was das Sakrament der Taufe aus euch macht? Gott erkennt euch als seine Kinder an und gestaltet euer Leben um zu einer Liebesgeschichte mit Ihm. Er macht euch Christus gleichförmig, damit ihr eure persönliche Berufung verwirklichen könnt. Er ist gekommen, um ein Bündnis mit euch einzugehen und bietet euch seinen Frieden an. Ihr lebt nun als Kinder des Lichtes, die sich versöhnt wissen durch das Kreuz des Erlösers!

Als "Geheimnis und Hoffnung auf die kommende Welt" (Vgl. Hl. Kyrillos v. Jerusalem, Protocatechese 10,12) ist die Taufe das schönste der Geschenke Gottes. Sie lädt uns ein, Jünger des Herrn zu werden. Sie läßt uns in innige Vertrautheit mit Gott treten, in das dreifaltige Leben, schon heute und bis in Ewigkeit. Sie ist eine dem Sünder geschenkte Gnade, die uns von der Sünde reinigt und uns eine neue Zukunft eröffnet. Sie ist ein Bad, das reinigt und wiederbelebt. Sie ist eine Salbung, die uns Christus, dem Priester, Propheten und König angleicht. Sie ist ein Licht, das unseren Weg hell macht und ihm seinen ganzen Sinn gibt. Sie ist ein Gewand der Kraft und Vollkommenheit. Am Tag unserer Taufe weiß gekleidet, wie wir es am letzten Tag sein werden, sind wir berufen, jeden Tag den Glanz dieses Kleides zu bewahren und ihn stets wiederzuerlangen dank der Vergebung, des Gebetes und eines christlichen Lebens. Die Taufe ist das Zeichen dafür, daß Gott auf unserem Weg bei uns ist, daß er unser Leben schöner macht und unsere Geschichte in eine heilige Geschichte verwandelt.

Ihr seid berufen worden, seid von Christus erwählt, in der Freiheit der Kinder Gottes zu leben. Ihr seid auch gefirmt, gestärkt in eurer Taufberufung, der Heilige Geist wohnt in euch, damit ihr das Evangelium durch euer ganzes Leben verkündet. Wenn ihr das heilige Salböl empfangt, engagiert ihr euch mit all euren Kräften, die empfangene Gabe in Geduld zum Wachsen zu bringen durch den Empfang der Sakramente, besonders der Eucharistie und der Buße, die in uns das Leben der Taufe erhalten. Als Getaufte gebt ihr Zeugnis für Christus durch eure Sorge um ein geradliniges Leben in Treue zu Christus, das es in geistigem und moralischem Kampf durchzuhalten gilt. Glaube und sittliches Leben sind miteinander verbunden. Das empfangene Geschenk führt uns in der Tat zu dauernder Bekehrung, um Christus nachzuahmen und der göttlichen Verheißung zu entsprechen. Das Wort Gottes verwandelt das Leben derer, die es aufnehmen, denn es ist die Regel des Glaubens und des Handelns. In ihrem Leben machen die Christen, wenn sie bestrebt sind, die wesentlichen Werte zu respektieren, auch die Erfahrung des Leidens. Es können von ihnen moralische Entscheidungen - manchmal sogar heroische - gefordert werden, die dem Verhalten der Welt entgegengesetzt sind. Doch das glückliche Leben mit dem Herrn kostet diesen Preis. Liebe Jugendliche, euer Zeugnis kostet diesen Preis. Ich baue auf euren Mut und auf eure Treue.

7. Ihr habt als Christen mitten unter euren Brüdern und Schwestern zu leben. Durch die Taufe gibt Gott uns eine Mutter, die Kirche. Mit ihr wachsen wir geistig heran, um den Weg der Heiligkeit zu gehen. Das Taufsakrament gliedert euch in ein Volk ein, es macht euch zu Teilnehmern am kirchlichen Leben und gibt euch Brüder und Schwestern zu lieben, "um ›einer‹ in Christus" (Gal 3, 28) zu sein. In der Kirche gibt es keine Grenzen mehr; in Gemeinschaft mit den Bischöfen, den Hirten der Herde, sind wir ein einziges solidarisches Volk, zusammengesetzt aus Gruppen mit unterschiedlichen Kulturen, Empfindungen und Handlungsweisen. Diese Einheit ist ein Zeichen von Reichtum und Vitalität. Einheit in der Verschiedenheit und geschwisterlicher Zusammenhalt, das sei eure Hauptsorge. Es gewährleistet eine glückliche persönliche Entwicklung und Wachstum für den ganzen Leib der Kirche.

Taufe und Firmung nehmen uns aber nicht aus der Welt heraus, denn wir teilen mit den Menschen von heute ihre Freuden und Hoffnungen, und wir leisten in allen technischen und wissenschaftlichen Bereichen unseren Beitrag für die menschliche Gemeinschaft. Durch Christus sind wir allen unseren Brüdern und Schwestern nahe und berufen, die tiefe Freude zu bekunden, die darin liegt, mit ihm zu leben. Der Herr heißt uns dort unsere Mission erfüllen, wo wir sind, denn "der Platz, den Gott uns zugewiesen hat, ist so schön, daß wir ihn nicht verlassen dürfen" (vgl. Brief an Diognet VI,10). Was wir auch tun, unser Dasein ist für den Herrn, darin liegt unsere Hoffnung und unser Ehrentitel. In der Kirche ist die Anwesenheit von jungen Menschen, Katechumenen und Neugetauften ein großer Reichtum. Sie ist eine Quelle von Lebenskraft für die ganze christliche Gemeinschaft, die berufen ist, Rechenschaft über ihren Glauben zu geben und ihn bis an die äußersten Enden der Erde zu bezeugen.

8. Als eines Tages in Kafarnaum zahlreiche Jünger Jesus verließen, antwortete Petrus auf die Frage Jesu: "Wollt auch ihr weggehen?" und sagte: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh 6, 67-68). Zu diesem Jugendtag in Paris, einer der Hauptstädte unserer heutigen Welt, kommt der Nachfolger des Petrus, um euch erneut zu sagen, daß diese Worte des Apostels das Leuchtfeuer sein müssen, das euch allen Licht gibt auf eurem Weg. "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh 6,68). Mehr noch: Du sprichst uns nicht nur vom ewigen Leben. Du bist es selbst. Wahrhaftig, du bist "der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6).

9. Liebe Jugendliche, durch die Salbung bei der Taufe seid ihr Glieder des heiligen Volkes geworden. Durch die Salbung der Firmung nehmt ihr voll an der Sendung der Kirche teil. Die Kirche, zu der ihr gehört, hat Vertrauen in euch und zählt auf euch. Möge euer christliches Leben, nach dem schönen Ausdruck des hl. Irenäus, ein fortschreitendes "Eingewöhnen" in das Leben mit Gott sein, damit ihr Missionare des Evangeliums werdet!

 

© Copyright 1997 - Libreria Editrice Vaticana

 

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