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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DEN NEUEN BOTSCHAFTER ÖSTERREICHS BEIM HL. STUHL*

Donnerstag, 9. Januar 1997

 

Sehr geehrter Herr Botschafter!

1. Mit besonderer Freude empfange ich Sie heute im Vatikan zu Ihrem Amtsantritt als neuer außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der Republik Österreich beim Heiligen Stuhl. Wie schon Ihre geschätzten Vorgänger heiße ich auch Sie herzlich willkommen und beglückwünsche Sie zu Ihrer neuen ehrenvollen Aufgabe.

2. In Ihrem Grußwort, für das ich Ihnen aufrichtig danke, haben Sie auf die über tausendjährige Geschichte hingewiesen, in der Österreich und die katholische Kirche ein enges Beziehungsnetz zueinander knüpfen konnten. Vor 1000 Jahren wurde der Name »Ostarrîchi« - »Österreich« zum ersten Mal urkundlich bezeugt. Bereits 300 Jahre vorher es war im Jahr 696 - tauchte der Name »Rupert von Worms« auf, der als Gründerheiliger Salzburgs, der Erzabtei St. Peter sowie des Bistums gilt. Wenn das auf 1. November 996 datierte Diplom Ottos III. (983-1002), in dem ein Ort im westlichen Niederösterreich als »in Ostarrîchi liegend« bezeichnet wird, Anlaß ist, ein Millennium zu feiern, dann sollte man allerdings nicht nur in die Vergangenheit zurückblicken, sondern auf Spurensuche gehen, um einen sinnvollen Weg in die Zukunft zu finden. Während Österreich sich dankbar seiner mehr als tausendjährigen Geschichte erinnert, schaut es zusammen mit der Kirche gleichzeitig über das zweite Jahrtausend christlicher Zeitrechnung hinaus. So ist das vor 1000 Jahren beschriebene Pergament weder Taufschein noch Geburtsurkunde Österreichs, es ist vielmehr Gabe einer reichen Vergangenheit und zugleich Aufgabe, sich der Zukunft zu stellen.

In meiner Enzyklika »Redemptoris missio« habe ich von den »modernen Areopagen« (vgl. 37)gesprochen. Nachdem Paulus an zahlreichen Orten gepredigt hatte, kam er nach Athen und ging auf den Areopag, das Kulturzentrum der Metropole. Dort verkündete er das Evangelium in einer Sprache, die für diese Umgebung geeignet und verständlich war (Apg 17, 22-31). Vor mehr als 1000 Jahren war Salzburg ein solcher Areopag mit großer Strahlkraft: Weite Teile des deutschen Sprachraumes wurden von Salzburg aus missioniert. Gerade an der Schwelle zum dritten Jahrtausend ist Österreich wieder in besonderer Weise Areopag: Vor einigen Jahren noch Trennungslinie zweier Welten mit dem Donaustrom, der Westen und Osten wenigstens geographisch verband, ist Österreich heute als Staat in der Mitte Europas Brückenkopf und Umschlagplatz vieler Ideen - ein Areopag des »europäischen Hauses«. Auf diesem Areopag gilt es, wie damals in Athen der heilige Paulus und später in Salzburg der heilige Rupert, dem Evangelium Gehör zu verschaffen.

3. Sie haben, sehr geehrter Herr Botschafter, selbst schon einige Areopage genannt, auf denen die Frohe Botschaft zu Wort kommen und von Österreich und dem Heiligen Stuhl gemeinsam zur Sprache gebracht werden soll. Ich denke an die internationale Friedenssicherung und das gemeinsame Ringen um Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich unter den Völkern. Ich erinnere an das Bemühen Österreichs, als Mitglied der Europäischen Union eine Kirchensicherungsklausel im Unionsvertrag verankern zu lassen, die die verfassungsrechtliche Stellung der Religionsgemeinschaften in den Mitgliedsstaaten achtet.

Zwei Areopage liegen mir besonders am Herzen: zum einen der Areopag Europa. Auf diesem Areopag darf es nicht nur darum gehen, die Stimme für wirtschaftliche und finanzielle Angelegenheiten zu erheben. Die Geschichte Europas mit seinen christlichen Wurzeln legt immer noch den stärkeren Akzent auf das »mehr sein« als auf das »mehr haben«. Nicht nur materielle Güter zählen, sondern spirituelle Werte, die Sinn stiften. Wer das »Haus Europas« auf solidem Grund bauen will, darf deshalb nicht nur auf die materielle Infrastruktur setzen, sondern muß die geistige und religiöse Infrastruktur pflegen: »Unsere Zeit hat zugleich etwas Dramatisches und Faszinierendes an sich. Während die Menschen einerseits dem materiellen Erfolg nachzulaufen und sich immer mehr im konsumistischen Materialismus einzutauchen scheinen, zeigt sich auf der anderen Seite die ängstliche Suche nach Sinn«, die sogenannte »Rückkehr zur Religion« (Redemptoris missio, 38). Der Sinn des Lebens sollte den Menschen nicht vorenthalten bleiben. Zwar sind Staat und Kirche zwei verschiedene Größen, doch sitzen sie heute nicht selten im gleichen Boot: Denn »die Menschen fühlen sich wie Seeleute auf der stürmischen See des Lebens, aufgerufen zu immer größerer Einheit und Solidarität. Lösungen für die existentiellen Probleme können nur unter Mitwirkung aller studiert, diskutiert und experimentiert werden (ebd., n. 37)«.

Ein weiterer Areopag unserer Zeit ist die Welt der Kommunikation und ihre Verantwortung. Das Verschwinden des Eisernen Vorhangs stellte die Macht und den Einfluß der Medien drastisch vor Augen. In jenen aufregenden Stunden sind von den Medien Signale ausgegangen, die Hoffnung weckten. Diese wachsende Macht der Kommunikationsmittel, die in einem neuen Europa immer mehr und schneller Verbindung schaffen werden, verlangt als sensibles Instrument der Meinungsbildung von allen ein großes Verantwortungsbewußtsein. Die »Gute Nachricht« der Christen steht hier vor der Möglichkeit neuer Kanzeln. Der Kirche eröffnen sich große Möglichkeiten: Mit Nachdruck verweise ich auf die elementare Bedeutung der Familie, auf den Schutz des menschlichen Lebens vom Anfang bis zum Ende. Ich erinnere an die moralische Verantwortung einer sich überstürzenden Forschung. All das steht in engstem Zusammenhang mit einem christlichen Welt- und Menschenbild, das an der geistigen Einheit Europas und am Fundament Österreichs schon einmal so entscheidend mitgebaut hat, und das auch heute mit den modernen Mitteln verbreitet werden muß. Was der Völkerapostel Paulus an eine Gemeinde in Kleinasien schrieb, gibt auch unserer Zeit zu denken: »Täuscht euch nicht. Gott läßt seiner nicht spotten. Was der Mensch sät, das wird er ernten« (Gal 6, 7). Was manche Vorfahren im Verlauf des 18. bis hinein ins 20. Jahrhundert ausgesät haben, aus dem Geist eines oft nicht mehr christlichen Humanismus - ich denke an Rationalismus, Marxismus und Nationalsozialismus, oft in extremen Formen mußten wir nicht das alles ernten in den schrecklichen Jahren der beiden Weltkriege und deren Folgen, wie auch in den Gefängnissen und Konzentrationslagern des Nationalsozialismus und des Kommunismus? Es war eine »civitas terrena«, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die »civitas christiana« umzubauen und abzubauen.

4. Sie treten, sehr geehrter Herr Botschafter, Ihre Aufgabe zu einem Zeitpunkt an, der am Anfang des Weges zur Schwelle ins dritte Jahrtausend steht. Wie Sie zum Ausdruck brachten, durften Sie als junger Diplomat das Zweite Vatikanische Konzil hier in Rom aus der Nähe erleben. Ich selbst konnte als Bischof daran teilnehmen. Jeder auf seine Weise, wurden wir beide Zeugen eines Konzils, »das sich auf das Geheimnis Christi und seiner Kirche konzentriert und zugleich offen ist für die Welt« (Tertio millennio adveniente, 18). Der rote Faden der Konzilsbotschaft besteht darin, daß Gott »in seiner absoluten Herrschaft: über alle Dinge, aber auch als Garant der authentischen Eigenständigkeit der irdischen Wirklichkeit dargestellt« (ebd., 20) wird. Daraus ergeben sich Konsequenzen für den Dialog, der auf vielen Gebieten begonnen wurde und auch in Zukunft wahrhaftig und redlich weitergeführt werden soll. Dies betrifft die gesellschaftlichen Fragen ebenso wie die ökumenischen Bemühungen, es gilt für den innerkirchlichen Bereich wie für das Gespräch zwischen den Religionen: Die Grundhaltung zu einem gelingenden Dialog ist aber nicht mit einer falsch verstandenen Toleranz zu verwechseln, die gar nicht an der Wahrheit interessiert ist, sondern im Grunde alles gleich gültig sein läßt. In diesem Zusammenhang erinnere ich an die Goldene Regel des Konzils: »Die Wahrheit erhebt nicht anders Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt« (Dignitatis humanae, 1). Wer heute die modernen Areopage besteigt, muß und darf mit dem Anspruch der Wahrheit auftreten und diese in Wahrhaftigkeit bezeugen. Das macht seine Glaubwürdigkeit aus.

5. Die modernen Areopage warten auf uns. Sie warten auf klare Worte. Eingedenk des stolzen christlichen Erbes, auf das Österreich bauen kann, bietet die Kirche ihre Mitarbeit an, die in Ihrem Land auf der Basis des Konkordats in harmonischer und wirksamer Weise geregelt ist. Österreich im Herzen Europas kommt in besonderer Weise die Aufgabe zu, Europa eine Seele zu geben. Es ist der Mensch, an dessen Wohl dem Staat und der Kirche gemeinsam gelegen sein muß, indem beide miteinander die hohen Werte und Ideale fördern, denen sie sich in je eigener Weise verpflichtet wissen. Der Mensch ist nicht nur der Weg der Kirche. Er ist auch der Weg Österreichs in einem vereinten Europa.

Mit einem besonderen Wort des Dankes erwidere ich die guten Wünsche, die Sie, sehr geehrter Herr Botschafter, von Ihrem Herrn Bundespräsidenten überbracht haben. Zugleich erteile ich Ihnen, Ihrer werten Familie sowie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Botschaft von Herzen den Apostolischen Segen.


*Insegnamenti di Giovanni Paolo II, vol. XX, 1 p. 36-40.

L'Osservatore Romano 10.1. 1997 p.5.

 

© Copyright 1997 - Libreria Editrice Vaticana

 

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