Liebe Freunde!
1. Mit Freude empfange ich Sie am Ende Ihrer Konferenz mit
dem Thema: »Zwanzig Jahre päpstliche Diplomatie unter Johannes Paul II.«
Zunächst möchte ich den Organisatoren dieses Treffens, der internationalen
diplomatischen Akademie und dem europäischen Institut für
staatlich-kirchliche Beziehungen, wie auch den verschiedenen Referenten
danken, die einen Überblick über die diplomatische Tätigkeit des Hl.
Stuhls gegeben haben und auf spezielle Fragen über bestimmte und auf
Verhandlungsebene oft schwierige Situationen eingegangen sind. Eine solche
Initiative beweist Ihre Aufmerksamkeit gegenüber dem Hl. Stuhl und seiner
Tätigkeit in aller Welt. Ich hoffe, daß Ihre fruchtbare Arbeit vielen
Gelegenheit geben wird, die verschiedenen Aspekte der diplomatischen Mission
des Papstes und des Hl. Stuhls zu entdecken und zu vertiefen.
Ihr Symposium schließt sich den Feierlichkeiten für das
zwanzigjährige Pontifikat des Papstes an, der Sie nun empfängt. Gegenstand
Ihrer Reflexionen war eine wichtige und besondere Dimension seines
Hirtenamtes, seine aktive Teilnahme am diplomatischen Leben. Der Papst ist
der Diener der Diener Gottes, Diener Gottes des Herrn der Geschichte, der
die Welt für die Menschen erschafft, nicht um sie ihrem Schicksal zu
überlassen, sondern um sie zu ihrer vollen Verwirklichung zu führen; er
ist auch Diener der Menschen.
Der Herr hat seine tiefe Liebe zum Menschen der Kirche
übertragen. Daher ist die diplomatische Aufgabe des Dieners der Diener
Gottes – einer alten Tradition und den internationalen Grundsätzen
entsprechend – ein konkreter Dienst an der Menschheit im Rahmen seines
Hirtenamtes. Ziel des Hl. Stuhls ist es somit, allen Menschen und Völkern
seinen besonderen Beitrag anzubieten und ihnen zu helfen, in Frieden und
Eintracht unter Berücksichtigung des Gemeinwohls und der ganzheitlichen
Entwicklung von Menschen und Völkern ihre Bestimmung stets besser zu
verwirklichen.
2. Ihre Konferenz hat sich mit den letzten zwanzig Jahren
dieses Jahrhunderts und Jahrtausends befaßt, eine Zeit, die uns mit
zahlreichen Veränderungen konfrontiert hat – Zeichen des tiefen
Verlangens nach einem oft durch großes Leid erkämpften Leben in Freiheit,
aber auch Zeichen tiefer Unruhe und inniger Hoffnung.
Gelegentlich als Wegbereiter und Urheber, bei anderen
Anlässen lediglich als Beobachter und Zeuge von Veränderungen, erlebt die
Diplomatie ihrerseits eine Übergangsphase. In der heutigen Zeit steht sie
keinen Feinden mehr gegenüber; von gemeinsamen Zielen ausgehend, bemüht
sie sich, auf die Herausforderungen der Globalisierung zu antworten und die
ohne Unterlaß drohenden Gefahren auf weltweiter Ebene auszuschalten.
Effektiv befassen sich die Diplomaten heute nicht mehr in erster Linie mit
Angelegenheiten der Landeshoheit, mit Grenzund Territorialfragen, obwohl
diese Probleme in einigen Regionen noch nicht gelöst worden sind. Neue
Destabilisierungsfaktoren sind extreme Armut, soziales Ungleichgewicht,
ethnische Spannungen, die Zerstörung der Umwelt, mangelnde Demokratie und
die Mißachtung der Menschenrechte, während Integrationsfaktoren nicht mehr
lediglich auf dem Gleichgewicht der Kräfte fußen, auf nuklearer oder
militärischer Abschreckung oder auf der Verständigung zwischen den
Regierungen.
3. So wird man verstehen, warum die päpstliche Diplomatie
kein anderes Ziel verfolgt, als die Würde des Menschen und alle Formen des
menschlichen Zusammenlebens – in der Familie, am Arbeitsplatz, in der
Schule, in der Ortsgemeinde, im regionalen, nationalen und internationalen
Leben – zu fördern, weltweit zu verbreiten und zu verteidigen. Auf ihre
Art und Weise beteiligt sie sich aktiv an der juristischen Formulierung von
Werten und Idealen, die die Gesellschaft spalten würden. Insbesondere
bemüht sie sich um die konkrete Anerkennung grundlegender Prinzipien im
nationalen und internationalen Leben. Sie handelt in der Überzeugung, daß
zur Gewährleistung der Sicherheit und Stabilität der Menschen und Völker,
dem Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit entsprechend, auch im Hinblick
auf die Sicherheit die verschiedenen Aspekte des humanitären Rechts
ausnahmslos allen Völkern gegenüber Anwendung finden müssen. Überall in
der Welt ist es die Pflicht der Kirche, ihre Stimme zu erheben, damit die
Stimme der Armen von allen als wesentlicher Aufruf zu Anteilname und
Solidarität vernommen werde. Ziel der Hirtensorge des Nachfolgers Petri und
der in aller Welt verstreuten Ortskirchen ist das geistige, sittliche und
materielle Wohl aller.
Das diplomatische Leben gründet auf ethischen Grundsätzen,
die den Menschen in den Mittelpunkt von Analysen und Entscheidungen stellen
und die Würde jedes menschlichen Wesens und Volkes anerkennen, denn ein
jeder hat seiner Natur entsprechend das unveräußerliche Recht auf ein
angemessenes Leben. In meiner Enzyklika Centesimus annus hatte ich
bereits Gelegenheit, daran zu erinnern, daß »wenn es keine letzte Wahrheit
gibt, die das politische Handeln leitet und ihm Orientierung gibt, die Ideen
und Überzeugungen leicht für Machtzwecke« oder persönliche Interessen »mißbraucht
werden können« (Nr. 46).
Wir dürfen nicht hinnehmen, daß die Ungleichheit zwischen
den Kontinenten aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen endlos
aufrechterhalten wird; Diplomaten und die Verantwortlichen der Nationen
müssen bestrebt sein, die ethischen Aspekte in den Entscheidungsprozessen
auf allen Ebenen hervorzuheben.
In dieser Hinsicht sollten die Diplomaten, die mit dem
alltäglichen Leben der Bevölkerungen in Berührung kommen, welche sie
entdecken und kennenund liebenlernen, auf die verzweifelte Lage jener
Menschen und Völker aufmerksam machen, die von Situationen bedrängt
werden, denen sie nicht gewachsen sind, da sie an internationale Systeme
gebunden sind, die stets härtere Bedingungen an die Entwicklungsländer
stellen.
Wie allgemein üblich, gilt auch die diplomatische
Tätigkeit des Apostolischen Stuhls den Regierungen, internationalen
Organisationen und anderen in der heutigen Gesellschaft stets zahlreicher
vertretenen maßgeblichen Einrichtungen.
Gleichzeitig
wendet der Hl. Stuhl sich aber auch an alle verantwortlichen Gestalter des
internationalen Lebens, Einzelpersonen und Gruppen, um ihre Zustimmung, ihren
guten Willen und ihre Mitarbeit für die wesentlichen Belange des Menschen
anzuregen.
Die päpstliche Diplomatie fußt vor allem auf der in fast
allen Ländern der Welt bestehenden Einheit innerhalb der katholischen
Kirche. Diese Gemeinschaft, die die Beziehungen zwischen den verschiedenen
Ortskirchen und dem Bischof von Rom gewährleistet, ist nicht nur ein
unverjährbarer Grundsatz der Kirchenlehre, sondern auch ein internationaler
Reichtum.
Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag – Analysen und
Vorschläge – zur Reflexion über die Kriterien, die die Diplomatie des
Apostolischen Stuhls lenken, und erteile Ihnen und Ihren Lieben von ganzem
Herzen meinen Apostolischen Segen.