1. Oktober 1998
Meine Herren Kardinäle,
Eure Seligkeiten,
verehrte Mitbrüder
im Bischofs- und Priesteramt!
1. Mit tiefer Freude treffe ich mit euch bei der Vollversammlung eurer
Kongregation zusammen, während ihr über einige Aspekte des für die
kommenden Jahre vorgesehenen Aktionsplans eures Dikasteriums im Dienst der
katholischen Ostkirchen nachdenkt. Mein ganz besonderer Dank gilt dem
Präfekt der Kongregation für die Orientalischen Kirchen, Kardinal Achille
Silvestrini, für die freundlichen Begrüßungsworte, die er im Namen aller
Anwesenden an mich gerichtet hat.
Ferner möchte ich der Kongregation für den Dienst danken, mit dem sie
dem Bischof von Rom zur Seite steht »bei der Ausübung des obersten
Hirtenamtes für das Wohl und im Dienst der Weltkirche und der Teilkirchen,
eine Aufgabe, die die Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des
Gottesvolkes stärkt und die kirchliche Sendung in der Welt fördert« (vgl.
Apostolische Konstitution Pastor bonus, 1).
2. Die Kongregation für die Orientalischen Kirchen hat im Vergleich zu
den anderen Dikasterien der Römischen Kurie eine ganz besonders schwierige
Aufgabe, sowohl aufgrund ihrer institutionellen Zuständigkeit als auch im
Hinblick auf den gegenwärtigen Zeitpunkt.
Eure Kongregation »befaßt sich mit Angelegenheiten, die die
Orientalischen Kirchen betreffen, sowohl im Hinblick auf Personen als auf
Dinge« (vgl. Pastor bonus, 56). Diese Zuständigkeit »bezieht sich
auf alle die Orientalischen Kirchen betreffenden Angelegenheiten, die im
Hinblick auf die Struktur und Ordnung der Kirchen, die Ausübung der Lehr-,
Heiligungs- und Führungsfunktion, auf Personen, ihre Stellung, Rechte und
Pflichten, dem Apostolischen Stuhl unterbreitet werden müssen« (vgl. Art.
58 §1). Ferner »ist die apostolische und missionarische Tätigkeit in den
Regionen, wo seit langer Zeit der orientalische Ritus vorherrscht,
ausschließlich dieser Kongregation unterstellt, auch wenn sie von
Missionaren der lateinischen Kirche ausgeführt wird« (Art. 60).
Diese aufgrund der schwierigen gegenwärtigen Situation der
Orientalischen Kirchen ganz besonders mühevolle Arbeit der Kongregation
erfordert vielseitige Fachkenntnisse. Das kommt vor allem in der Arbeit der
Sonderausschüsse zum Ausdruck, wie in dem für Liturgie, für das Studium
des christlichen Orients und für die Bildung des Klerus und der
Ordensleute, die die Päpste im Rahmen der Kongregation gegründet haben.
3. Das II. Vatikanische Konzil betonte die reichen Verdienste der
Ostkirchen um die Gesamtkirche, indem es ihre Vielfalt in der Einheit
herausstellte. Im Dekret Orientalium Ecclesiarum heißt es
einleitend: »Die Ostkirchen mit ihren Einrichtungen und liturgischen
Bräuchen, ihren Überlieferungen und ihrer christlichen Lebensordnung sind
in der katholischen Kirche hochgeschätzt. In diesen Werten von ehrwürdigem
Alter leuchtet ja eine Überlieferung auf, die über die Kirchenväter bis
zu den Aposteln zurückreicht. Sie bildet ein Stück des von Gott
geoffenbarten und ungeteilten Erbgutes der Gesamtkirche« (Nr.1). Aufgrund
dieser Berufung wünschten die Konzilsväter, daß die Orientalischen
Kirchen »neu erblühen und mit frischer apostolischer Kraft die ihnen
anvertraute Aufgabe meistern« (Nr. 1).
Daher ist es Aufgabe der Kongregation, die Sorge der Gesamtkirche für
diese Kirchen so zum Ausdruck zu bringen, daß alle »diesen Schatz in
seiner ganzen Fülle kennenlernen können und so gemeinsam mit dem Papst den
leidenschaftlichen Wunsch verspüren, daß der Kirche und der Welt das
vollständige Erscheinungsbild der Katholizität zurückgegeben werde, wie
sie nicht nur in einer einzigen Überlieferung und schon gar nicht im
Gegeneinander der Gemeinschaften Ausdruck findet (Apostolisches Schreiben Orientale
lumen, 1).
4. Aufgrund der geschichtlichen Umstände sind diese Kirchen, ebenso wie
einige Teilkirchen des lateinischen Ritus, auf die Unterstützung, die
Zuneigung und die besondere Fürsorge des Hl. Stuhls angewiesen. Einige
orientalische Teilkirchen haben die Verfolgung der kommunistischen Regime
überwunden und bemühen sich nun um ihren Wiederaufbau. Andere hingegen
sind in politisch unbeständigen Gebieten tätig, wo das interreligiöse
Zusammenleben nicht immer von Brüderlichkeit und gegenseitiger Achtung
gekennzeichnet ist. Schließlich verpflichtet das ständig wachsende
Migrationsphänomen den Apostolischen Stuhl zur Unterstützung und
Förderung der pastoralen Betreuung orientalischer Katholiken in der
Diaspora.
5. Immer noch sind jene Ergriffenheit und Freude lebendig, die vor zwei
Tagen die bedeutende Begegnung mit den Patriarchen der katholischen
Ostkirchen in mir geweckt hat. Jener Anlaß gab mir Gelegenheit
hervorzuheben, daß diese Geste als ein Beweis der Ehrerbietung des
Apostolischen Stuhls für die ihnen eigene Würde zu werten ist.
Zwei Aspekte, die bereits beim Treffen mit den Patriarchen erörtert
worden sind, erscheinen mir ganz besonders wichtig: die Synodalität, die
die Kirchen, denen sie vorstehen, auf besondere Art und Weise ausüben und
der stets größere Beitrag, den sie im Hinblick auf die Wiederherstellung
der vollen Gemeinschaft mit den orthodoxen Schwesterkirchen zu leisten
berufen sind. Der neben dem Patriarchen stehende Synod der Bischöfe,
Kennzeichen der Orientalischen Kirchen, ist eine uralte Art und Weise, die
Kollegialität der Bischöfe zu leben, wie die Dogmatische Konstitution Lumen
gentium bekräftigt und darlegt (vgl. Nr. 22).
Die Orientalischen Kirchen sind kraft ihrer theologischen und kulturellen
Nähe gegenüber den Orthodoxen Kirchen berufen, mutig und entschlossen in
ihrem ökumenischen Einsatz voranzugehen, auch wenn die Erinnerung an die
Wunden der Vergangenheit noch nicht verblaßt ist und die Verwirklichung
dieses Auftrags in der gegenwärtigen Situation oft nicht einfach ist.
6. Das Arbeitsprogramm eurer Plenarversammlung beweist den Einsatz, mit
dem ihr die zukünftige Tätigkeit des Dikasteriums umreißt. Ich wäre euch
dankbar, wenn ihr dem Sektor der pastoralen Betreuung der in der Diaspora
lebenden orientalischen Gläubigen ganz besondere Aufmerksamkeit schenken
würdet. Dazu ist erforderlich, daß alle, Lateiner und Orientalen, die
heiklen Implikationen einer Situation erkennen, die sowohl für das
Überleben des christlichen Ostens wie auch für das allgemeine Überdenken
ihrer Pastoralpläne eine wirkliche Herausforderung darstellen.
Die Hirten der lateinischen Kirche sind aufgefordert, vor allem ihre
eigenen Kenntnisse über das Leben und das Erbe der katholischen Ostkirchen
zu vertiefen und diese Kenntnisse auch bei den ihrer Sorge anvertrauten
Gläubigen zu mehren.
Ferner sollten sie das Recht der orientalischen Gläubigen fördern und
verteidigen, jener Tradition entsprechend zu leben und zu beten, die die
Väter ihrer jeweiligen Kirchen an sie weitergegeben haben. »Im Hinblick
auf die pastorale Betreuung der Gläubigen orientalischer Riten, die in
Diözesen des lateinischen Ritus leben, müssen gemäß der Konzilsdekrete Christus
Dominus (23,3) und Orientalium Ecclesiarum (4) die lateinischen
Diözesanbischöfe so bald wie möglich für eine angemessene geistliche
Betreuung der orientalischen Gläubigen sorgen, was, wo möglich, entweder
durch Priester oder Pfarreien des entsprechenden Ritus oder auch durch einen
bischöflichen Vikar geschehen kann« (Schreiben an die indischen
Bischöfe, 28. Mai 1987, Nr. 5.c).
Anderseits werden die Hirten der Orientalischen Kirchen sich auch
weiterhin der Betreuung jener Gläubigen annehmen, die ihre Heimatländer
verlassen haben und sich um angemessene Ausdrucksformen ihrer Tradition
bemühen in einer Weise, die den heutigen Anforderungen dieser Gläubigen
und den besonderen Situationen der Gesellschaft entspricht, in der sie
leben.
7. An diesem Punkt ist es wichtig, denke ich, über die Aufgaben zu
sprechen, die in den kommenden Jahren die Arbeit der Kongregation für die
Orientalischen Kirchen kennzeichnen sollten.
Sie ist berufen, die Gemeinden der katholischen Ostkirchen zu
unterstützen und zu fördern. So wird sie ein Ausdruck »der Sorge für
alle Gemeinden« (vgl. 2 Kor 11,28), die allen Teilkirchen eigen ist,
insbesondere aber die spezielle Berufung der römischen Kirche darstellt,
die – wie Ignatius von Antiochien so schön formulierte – »der gesamten
Liebesgemeinschaft vorsteht«.
Es gibt zwei konkrete Möglichkeiten, diese Aufgabe auszuführen. Die
Kongregation soll in erster Linie allgemeine Anweisungen formulieren, die
auf ihrer vielfältigen und reichhaltigen Erfahrung begründet sind und die
die einzelnen Kirchen ausarbeiten und ihren jeweiligen Situation
entsprechend anpassen. Diesen Weg ging die Kongregation beispielsweise bei
der Instruktion über die Anwendung liturgischer Vorschriften des Codex des
Ostkirchenrechts. In dieser Hinsicht werden die Hirten jeder orientalischen
Kirche sicherlich bald mit der Ausarbeitung der von ihr verlangten eigenen
liturgischen Direktorien beginnen, denn sie sind ein unerläßliches Mittel,
um die jeweilige liturgische Tradition voll zum Ausdruck zu bringen.
Die auf liturgischem Gebiet bereits gegebenen Anweisungen müssen nun
auch im Hinblick auf Ausbildung, Katechese und Ordensleben ausgearbeitet
werden.
Die Kongregation wird einige generelle Richtlinien festlegen, um den
einzelnen Kirchen bei der Formulierung ihrer eigenen Ratio studiorum
(vgl. Codex des Ostkirchenrechts, can. 330) behilflich zu sein.
Nützlich wäre auch die Ausarbeitung eines katechetischen Direktoriums,
damit »die besondere Eigenart der Orientalischen Kirchen, die Bedeutung der
Bibel und der Liturgie wie auch die Tradition der jeweiligen Kirche in der
Patristik, in der Hagiographie und auch in der Ikonographie in der Katechese
klar hervortritt« (vgl. Codex des Ostkirchenrechts, can. 621 2).
Erleuchtend ist in dieser Hinsicht die katechetische Methode der
Kirchenväter, die in der »Katechese« für die Katechumenen und in der
»Mystagogie« oder »mystagogischen Katechese« als Einweihung in die
göttlichen Mysterien zum Ausdruck kam.
Mit besonderer Aufmerksamkeit müssen die Bemühungen zur
Wiederherstellung der traditionellen Formen des Ordenslebens in den
katholischen Ostkirchen ver folgt werden, vor allem im Hinblick auf das
Mönchtum, das »seit jeher die eigentliche Seele der Ostkirchen gewesen
ist« (vgl. Orientale lumen, 9).
8. Neben der Ausarbeitung allgemeiner Richtlinien ist es Aufgabe der
Kongregation, den katholischen Ostkirchen bei der Durchführung dieser
Anweisungen zu helfen. Daher bemüht sie sich um Begegnungen und
Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen, wie beispielsweise beim Treffen
zwischen den Bischöfen und den höheren Oberen der Ostkirchen Europas und
der Kongregation im Juli 1997 in der ungarischen Eparchie von Haidudorog.
Ich hoffe, daß auch die für das kommende Jahr vorgesehene Begegnung mit
den Patriarchen und Bischöfen des Nahen Ostens ein entsprechend positives
Ergebnis bringen wird und daß auch für die sog. »Neue Welt« eine
ähnliche Initiative geplant und organisiert werden kann.
9. Schließlich ist es Aufgabe der Kongregation, im Geist des
Apostolischen Schreibens Orientale lumen die Gesamtkirche mit dem
Leben und den besonderen Eigenschaften der katholischen Ostkirchen vertraut
zu machen. Zu diesem Zweck sollten eingehende geschichtliche und
theologische Studien angeregt und unterstützt werden. Diese Kenntnis muß
auch auf die pastorale Dimension ausgedehnt werden, damit die lateinischen
Bischöfe konkrete Vorstellungen haben, wie die Gegenwart orientalischer
Katholiken in ihren Diözesen hervorgehoben werden kann; es ist Sache des
Dikasteriums, sich diesbezüglich mit angemessenen Richtlinien an sie zu
wenden.
10. Wir stehen auf der Schwelle des Großen Jubeljahres 2000.
Die heutige Welt braucht ein mutiges Werk der Evangelisierung. »Alle Kirchen,
im Osten wie im Westen, erreicht der Schrei der heutigen Menschen, die nach
einem Sinn für ihr Leben fragen. Wir vernehmen den Ruf dessen, der den
vergessenen und verlorenen Vater sucht (vgl. Lk 15,18-20; Joh
14,8). Die Menschen von heute bitten uns, ihnen Christus zu zeigen, der den
Vater kennt und ihn uns offenbart hat (vgl. Joh 8,55, 14,8-11)« (Orientale
lumen, 4). Die Orientalischen Kirchen erfreuten sich einer
außergewöhnlichen Evangelisierungskraft, und oft haben sie es verstanden, sich
den kulturellen Erfordernissen anzupassen, die sich durch die Begegnung mit
neuen Völkern ergaben. Es ist absolut notwendig, den Geist und die Bedingungen
zu erwägen, um diese Praxis unter den heutigen Umständen erneut lebendig
werden zu lassen.
Die Kinder der Orientalischen Kirchen, die nicht zögerten, ihr Blut für
die Treue zu Christus und der Kirche hinzugeben, werden auch in ihren
Kirchen jene Erneuerung der Herzen und Strukturen bewirken können, die ihr
christliches Zeugnis voll erstrahlen lassen wird.
Die Kirche blickt mit tiefer Dankbarkeit und Bewunderung auf den
missionarischen Einsatz der Orientalischen Kirchen in Indien in der
Hoffnung, daß andere Kirchen diesem Beispiel folgen und alle diese
wunderbare Zusammenarbeit unterschiedlicher Form und Tradition zum Aufbau
des Gottesreiches dankbar anzunehmen wissen. Das Dekret über die
katholischen Ostkirchen weist darauf hin, daß alle der pastoralen Leitung
des Bischofs von Rom unterstehenden Kirchen »dieselben Rechte genießen und
dieselben Verpflichtungen haben, auch bezüglich der unter Oberleitung des
Bischofs von Rom auzuübenden Verkündigung des Evangeliums an die ganze
Welt« (vgl. Orientalium Ecclesiarum, 3), (Schreiben an die
indischen Bischöfe, 28. Mai 1987, Nr. 5.b).
11. Ferner veranlaßt uns dieser Eifer für die Evangelisierung,
entschlossen die volle Einheit mit den anderen christlichen Religionen
anzustreben. Die heutige Welt wartet auf diese Einheit, und wir haben sie
»eines gemeinsamen Zeugnisses beraubt, das es vielleicht vermocht hätte,
viele Dramen zu vermeiden, wenn nicht gar den Sinn der Geschichte zu ändern
…Weiter erschallt kräftig das Echo des Evangeliums, des Wortes, das nicht
enttäuscht, nur geschwächt durch unsere Spaltung: Christus ruft, doch der
Mensch hat Mühe, seine Stimme zu hören, weil es uns nicht gelingt,
einmütige Worte weiterzugeben« (Orientale lumen, 28).
Nochmals wünsche ich euch viel Erfolg bei eurer Arbeit und erflehe für
euch und eure Bemühungen den reichen Beistand des Himmels, als dessen Pfand
ich euch von ganzem Herzen meinen Apostolischen Segen spende.