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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
 AN DIE ZWEITE GRUPPE DEUTSCHER BISCHÖFE
ANLÄßLICH IHRES "AD-LIMINA"-BESUCHES


Herr Kardinal,
liebe Brüder im Bischofsamt!

1. Es ist mir eine große Freude, Euch hier im Apostolischen Palast zu empfangen: "Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!" (2 Kor 13,13). In diesen Gruß des Völkerapostels kleide ich meinen Wunsch für Euren Ad-limina-Besuch, der Euch nach Rom geführt hat, "um Kephas kennenzulernen" (Gal 1,18). In unmittelbarer Nähe der Gräber der Apostelfürsten sind unsere Gedanken auf Petrus und Paulus gelenkt, die Begründer der "sehr großen und sehr alten Kirche" (Irenäus von Lyon, Adv. Haer. III, 3,2). Zwar waren sie in Charakter und Berufung verschieden, doch das Zeugnis für ihren Glauben hat sie vereint. Gemeinsam hatten sich die beiden großen Apostel um des Evangeliums willen für Gott und die Menschen aufgezehrt. Auch wenn es bisweilen Spannungen zwischen ihnen gab, haben sie ihre Beziehungen niemals abgebrochen. Sie reichten einander sogar die Hand "im Zeichen der Gemeinschaft" (Gal 2,9). Denn sie wußten, daß es der Herr selbst war, der Petrus zum universalen Hirten seiner Herde (vgl. Joh 21,15-17) bestellt und als sichtbares Fundament kirchlicher Einheit (vgl. Mt 16,18) eingesetzt hatte.

Im gleichen Geist brüderlicher und hierarchischer Communio möchte ich die Überlegungen fortführen, die ich mit der vorhergehenden Gruppe von Bischöfen Eures Landes über die Kirche als das "allumfassende Heilssakrament" (Lumen gentium, 48; Gaudium et spes, 45) angestellt habe. Nachdem ich während der Begegnung mit Euren Mitbrüdern den Schwerpunkt auf die Rolle der Kirche in der Gesellschaft des vereinigten Deutschland legte, will ich heute mit Euch darüber nachsinnen, was Sein und Sendung Eures Hirtenamtes in der Kirche bedeutet, die sich als "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (Lumen gentium, 1) begreift.

2. Wie der Sohn vom Vater gesandt ist, so hat er selbst die Apostel gesandt und ihnen geboten: "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles befolgen, was ich Euch geboten habe" (Mt 28,18-20). Diesen feierlichen Auftrag Christi zur Verkündigung der Heilswahrheit haben die Apostel ihren Nachfolgern, den Bischöfen, weitergegeben. Sie sind gesandt, ihn zu erfüllen bis an die Grenzen der Erde (vgl. Apg 1,8), um auf diese Weise beizutragen "zum Aufbau des Leibes Christi" (Eph 4,2), der die Kirche ist.

Sie erfüllen ihren Auftrag in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom. Dieser besitzt ja als Nachfolger des heiligen Petrus aufgrund göttlicher Einsetzung in der Kirche die höchste, volle, unmittelbare und universale Seelsorgsgewalt (vgl. Christus Dominus, 2). Weil er daher als Hirte aller Gläubigen unter dem Auftrag steht, für das Gemeinwohl der ganzen Kirche und für das Wohl der einzelnen Kirchen zu sorgen, führt er "in der universalen Gemeinschaft der Liebe den Vorsitz" (vgl. Ignatius von Antiochien, Ad Rom., Vorwort).

Als "Stellvertreter der Liebe Christi" (Ambrosius, Expositio in Luc., lib. X) habe ich mich daher kürzlich verpflichtet gesehen, die unter Euch und in den Euch anvertrauten Teilkirchen entstandenen Dissonanzen dadurch aufzulösen, daß ich versuchte, die einzelnen Stimmen wieder in die "eine große Symphonie für das Leben" zusammenklingen zu lassen, der die katholische Kirche zu allen Zeiten und an allen Orten treu bleiben muß. Ich bete darum, daß die Kirche in Deutschland einmütig und klar das Evangelium des Lebens bezeugt. Umgekehrt zähle ich auch auf Euer Gebet, daß ich meinen Dienst als erster Treuhänder der Wahrheit zum Wohl der Kirche in der ganzen Welt glaubwürdig erfülle. Vielleicht hat mir Gottes Vorsehung gerade deshalb den Stuhl des heiligen Petrus anvertraut, damit ich an der Schwelle zum dritten Jahrtausend ein leidenschaftlicher "Anwalt des Lebens" sei. Ich, der ich von Jugend an erleben mußte, wie in einem besonders dunklen Kapitel der Geschichte dieses geplagten Jahrhunderts unweit meiner Heimatstadt Wadowice menschliches Leben mit Füßen getreten und systematisch vernichtet wurde!

3. Die Bischöfe sind vom Heiligen Geist eingesetzt und treten an die Stelle der Apostel als Hirten ihrer Teilkirchen. Dafür haben sie eine eigene Gewalt inne, die "von der obersten und allgemeinen Gewalt nicht ausgeschaltet, sondern im Gegenteil bestätigt, bestärkt und in Schutz genommen" (Lumen gentium, 27) wird. Gemeinsam mit dem Papst und unter seiner Autorität sind die Bischöfe gesandt, das Werk Christi, des ewigen Hirten, auf dem Weg durch die Zeit fortzusetzen. Denn Christus hat die Apostel und ihre Nachfolger mit der Vollmacht ausgestattet, alle Völker zu lehren, die Menschen in der Wahrheit zu heiligen und sie geistlich zu leiten (vgl. Christus Dominus, 2).

Eingebunden in diese edle Kette der apostolischen Nachfolge habt Ihr an der geistlichen Gabe teil, welche die Apostel ihren Helfern übertragen hatten (vgl. 2 Tim 1,6-7). Durch Handauflegung und Gebet wurden einem jeden von Euch die Ämter der Lehre, der Heiligung und der Leitung übertragen - Ämter, "die jedoch ihrer Natur nach nur in der hierarchischen Gemeinschaft mit Haupt und Gliedern des Kollegiums ausgeübt werden können" (Lumen gentium, 21).

Was dieser hohe Anspruch für den Bischof bedeutet, das wollen wir miteinander bedenken. Bei dieser Gelegenheit bekräftige ich einen Zusammenhang, auf den ich als Bischof von Rom schon vor zwanzig Jahren in meinem ersten Brief zum Gründonnerstag aufmerksam gemacht habe: "Wer die Konzilstexte aufmerksam studiert, weiß, daß man eigentlich nur von einer dreifachen Dimension des Amtes und der Sendung Christi sprechen darf, statt von drei verschiedenen Funktionen. Diese sind nämlich zuinnerst miteinander verbunden, sie erklären, bedingen und verdeutlichen sich gegenseitig" (Brief an alle Priester 1979, 2).

4. Bevor wir uns der dreifachen Dimension des Hirtenamtes widmen, möchte ich zunächst auf den Kern hinweisen, um das all Euer Tun kreisen soll: "Das Geheimnis Christi als Grundlage der Sendung der Kirche" (Enzyklika Redemptor hominis, 11). Wer in irgendeiner Weise an der Sendung der Kirche teilhat, muß von dieser Grundlage ausgehen, um in seinem Wirken der ihm übertragenen Aufgabe zu entsprechen. Dies gilt in erster Linie für die Bischöfe, die auf einzigartige Weise in das Christusgeheimnis gleichsam "eingeweiht" wurden. Mit der Fülle des Weihesakramentes ausgestattet, ist der Bischof berufen, in der ihm anvertrauten Diözese das ganze Christusgeheimnis unverkürzt vorzulegen und vorzuleben (vgl. Christus Dominus, 12). Es umfaßt einen "unerforschlichen Reichtum" (2 Kor 4,7). Hüten wir diesen Schatz! Machen wir ihn zur Perle unseres Lebens! Werden wir nicht müde, ihn zu betrachten, um daraus immer wieder Licht und neue Kraft für die tägliche Erfüllung unseres Amtes zu schöpfen.

Weil sich die Menschen eher durch das Zeugnis unseres Lebens als durch die Macht unserer Rede ansprechen lassen, möchten sie in uns Persönlichkeiten begegnen, deren Existenz ganz auf Jesus Christus hin ausgerichtet ist, den "eingeborenen Sohn, der am Herzen des Vaters ruht" (Joh 1,18). Sie hoffen, daß auch wir, wie die Apostel, das vermitteln können, was wir mit unseren Augen gesehen, betrachtet und mit unseren Händen berührt haben" (vgl. 1 Joh 1,11): anderen das im Glauben Erfahrene weitergeben - darin liegt das Ziel der Neu-Evangelisierung. Denn es ist die Aufgabe der Bischöfe, die christliche Lehre und Disziplin in einer Weise darzulegen, "die den Erfordernissen der Zeit angepaßt ist, das heißt, die den Schwierigkeiten und Fragen, von denen die Menschen so sehr bedrängt und geängstigt werden, entspricht" (Christus Dominus, 13). Da das Wort Gottes lebendig und kraftvoll ist (vgl. Hebr 4,12), wird es gerade in denen seine Wirkung nicht verfehlen, die den "Glaubensgehorsam" (Röm 1,5) frei und in Liebe leisten. Das Credo, das jeder Hirte in der Professio Fidei zum Ausdruck bringt, ist daher wesentlich und notwendig für sein Bemühen, die Wahrheiten des Glaubens unbefangen, begeistert und mutig zu lehren und zu leben.

5. Im dreifachen Amt der Bischöfe kommt nach der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils der Verkündigung des Evangeliums ein gewisser Vorrang zu. In erster Linie sollen die Hirten "Zeugen Christi vor allen Menschen" (Christus Dominus, 11) sein, "Glaubensboten, die Christus neue Jünger zuführen" (Lumen gentium, 25). Als Männer, "die offen und klar das Wort der Wahrheit ausrichten" (2 Tim 2,15), müssen wir gemeinsam das weitergeben, was wir selbst empfangen haben. Dabei geht es nicht um unser eigenes Wort, das noch so gelehrt sein mag. Denn wir verkündigen nicht uns selbst, sondern die geoffenbarte Wahrheit in Gemeinschaft mit den übrigen Mitgliedern des Bischofskollegiums.

Aus den Berichten, die Ihr über Eure Diözesen erstellt habt, geht hervor, daß Ihr bei der Erfüllung Eures Lehramtes auf ein kulturelles Klima trefft, in dem viele Zeitgenossen sich dem Anspruch nach Gewißheit in der Erkenntnis der Wahrheit mißtrauisch oder gar feindselig entgegenstellen. Heute ist eine Denkart weit verbreitet, die darauf abzielt, die Fragen nach den letzten Wahrheiten aus der Öffentlichkeit zu verbannen und den religiösen Glauben sowie durch moralische Werte begründete Überzeugungen in die Privatsphäre zu verweisen. Dieser Prozeß ist schon so weit fortgeschritten, daß die Frage berechtigt scheint: Welcher Stellenwert wird Gott noch beigemessen, dem sich die Väter der Verfassung Eures Landes ausdrücklich verpflichtet wußten, als sie vor fünfzig Jahren an den Anfang des Grundgesetzes das "Bewußtsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen" (Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949) setzten?

Es besteht die Gefahr, daß die Gesetze, die einen mächtigen und bildenden Einfluß auf das Denken und Handeln der Menschen haben, immer mehr vom moralischen Fundament losgelöst werden. In diesem Fall jedoch würden auch die Gesetze leiden: Denn auf Dauer würden sie nur noch als Mittel zur äußeren Regelung der Gesellschaft betrachtet, ohne jeglichen Bezug zur objektiven moralischen Ordnung. Vor diesem Hintergrund verstehe ich, daß es für Euch nicht immer leicht ist, "das Wort der Wahrheit und das Evangelium vom Heil" (Eph 1,13) zu predigen und ihnen zum Durchbruch zu verhelfen.

Leider verleitet der psychologische Druck, der von einigen sozialen Feldern des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland ausgeht, auch Katholiken dazu, die Lehre der Kirche und ihre Disziplin in Frage zu stellen. Im Klima eines weit verbreiteten religiösen Individualismus maßen sich sogar manche Glieder der Kirche das Recht an, in Angelegenheiten des Glaubens selbst zu entscheiden, welche Lehren sie annehmen wollen. Gleichzeitig mißachten sie, was ihnen persönlich unannehmbar erscheint. Die Glaubenslehren bilden indes eine organische Ganzheit, die keine willkürlichen Unterscheidungen dieser Art zuläßt. Wer hier nachgibt, kann nicht beanspruchen, in Übereinstimmung mit dem Glauben zu sein, den er bekennt.

6. Liebe Brüder, Ihr wißt, daß es grundlegende Pflicht des Bischofs als Hirte ist, die Glieder der Euch anvertrauten Teilkirchen zur Annahme der maßgebenden Lehre der Kirche über Glaube und Sitten in ihrem vollem Umfang einzuladen. Wir dürfen den Mut nicht sinken lassen, auch wenn unsere Botschaft nicht überall Zustimmung findet. Mit der Hilfe Christi, der die Welt überwunden hat (vgl. Joh 16,33), besteht die beste Medizin gegen den Irrtum darin, mit mutiger Gelassenheit das Evangelium zu verkünden, "ob man es hören will oder nicht" (2 Tim 4,2).

Diese Bitte spreche ich besonders im Hinblick auf die jungen Menschen aus. Viele von ihnen sind anspruchsvoll im Hinblick auf den Sinn und die Form ihres Lebens. Sie wollen aus ihrer religiösen und moralischen Verworrenheit befreit werden. Helft ihnen dabei! Denn die junge Generation ist für religiöse Werte offen und ansprechbar. Sie hat ein - wenn auch mitunter unbewußtes - Gespür dafür, daß religiöser und moralischer Relativismus nicht glücklich macht, und daß Freiheit ohne Wahrheit eine trügerische Illusion ist. Wenn ihr in Gemeinschaft mit Euren Priestern und Mitarbeitern im katechetischen Dienst das Lehramt der Kirche ausübt, dann solltet Ihr deshalb besonders auf die Bildung der Gewissen achten. Ohne Zweifel ist das sittliche Gewissen als jenes Heiligtum zu ehren, in dem der Mensch mit Gott allein ist, dessen Stimme er im Innersten seines Herzens vernehmen kann (vgl. Gaudium et spes, 16). Aber mit gleichem Eifer ruft den Euch Anvertrauten ins Bewußtsein, daß das Gewissen ein hohes Tribunal ist, dessen Urteil im Licht der moralischen Normen, die von Gott geoffenbart und von der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes authentisch vorgelegt werden, ständiger Schärfung bedarf.

Einer klaren und eindeutigen Unterweisung in diesen Dingen wird der positive Einfluß auf die notwendige Rückkehr zum Sakrament der Versöhnung nicht fehlen, von dem sich heute leider auch in den katholischen Gegenden Eures Landes immer weniger Gläubige beschenken lassen.

7. Eine weitere Hauptaufgabe der Bischöfe liegt im Amt der Heiligung. "Im Bischof sehe man den Hohenpriester seiner Herde, von dem das Leben seiner Gläubigen in Christus gewissermaßen ausgeht und abhängt" (Sacrosanctum Concilium, 41). Daher ist der Bischof gleichsam der erste Liturge in seiner Diözese. Wie es ihm obliegt, hauptsächlicher Ausspender der Geheimnisse Gottes zu sein, so hat er auch die Leitung, Förderung und Aufsicht des gesamten liturgischen Lebens in der ihm anvertrauten Teilkirche inne (vgl. Christus Dominus, 15).

In diesem Zusammenhang möchte ich Euch die beiden Grundsakramente Taufe und Eucharistie besonders ans Herz legen. Kurz nachdem ich auf den Stuhl Petri erhoben wurde, billigte ich eine Instruktion über die Kindertaufe, in der die Kirche die von Anfang an angewandte Praxis der Kindertaufe bekräftigt. Mit Recht besteht man in der pastoralen Praxis Eurer Ortskirchen auf der Notwendigkeit, die Taufe nur dann zu spenden, wenn die berechtigte Hoffnung besteht, daß das Kind im katholischen Glauben erzogen wird und das Sakrament somit Früchte tragen kann (vgl. CIC, can. 868,2). Allerdings werden bisweilen die Richtlinien der Kirche strenger ausgelegt, als sie beabsichtigt sind. So geschieht es, daß Eltern die Taufe ihres Kindes ohne hinreichenden Grund aufgeschoben oder ganz versagt wird. Pastorale Klugheit und Liebe scheinen indes eine verständnisvollere Haltung gegenüber jenen anzuraten, die sich wieder redlich der Kirche annähern wollen, indem sie um die Taufe ihres Kindes bitten. Umgekehrt soll dieselbe pastorale Liebe die Hirten davon abhalten, Forderungen zu stellen, die nicht von der Lehre oder den Geboten der Kirche verlangt werden. Es ist richtig, daß Eltern durch ihre Seelsorger auf die Taufe ihres Kindes angemessen vorbereitet werden, aber ebenso wichtig ist es, daß dieses erste christliche Initiationssakrament primär als Geschenk Gottes des Vaters an das Kind angesehen wird. Denn nirgendwo tritt das freie und unverdiente Wesen der Gnade deutlicher ins Licht als bei der Kindertaufe: "Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat" (1 Joh 4,10).

Außerdem können wir nicht von einer geistlichen Erneuerung der Diözese sprechen, ohne einen Blick auf den Stellenwert der Eucharistie zu werfen. Es gehört zu den vordringlichen Aufgaben Eures hohepriesterlichen Amtes, die lebenswichtige Bedeutung der Eucharistie als "Höhepunkt und Quelle des ganzen christlichen Lebens" (Lumen gentium, 11) herauszuheben. In der Feier des heiligen Meßopfers gipfelt nicht nur der Dienst der Bischöfe und Priester, sie soll auch die Mitte sein, um die sich das Leben aller anderen Glieder des Leibes Christi bewegt. Der Mangel an Priestern oder ihre ungleichmäßige Verteilung einerseits und andererseits der besorgniserregende Rückgang der Zahl derer, die regelmäßig die Sonntagsmesse besuchen, bilden eine Herausforderung, der sich Eure Kirchen zu stellen haben. Um darauf in rechter Weise zu antworten, ist es angezeigt, dem Grundprinzip Rechnung zu tragen: Die Pfarrgemeinde muß eine eucharistische Gemeinschaft sein. Daher soll sie von einem geweihten Priester geleitet werden, der kraft seiner heiligen Gewalt und seiner damit verbundenen unersetzlichen Verantwortung das eucharistische Opfer in persona Christi darbringt (Pastores dabo vobis, 48). Freilich weiß ich, daß einige unter Euch - selbst in traditionell katholischen Gebieten - längst nicht mehr in der Lage sind, einen Priester in jede Gemeinde zu senden. Es ist offensichtlich, daß diese Situation eine Behelfslösung erfordert, um die Gemeinden nicht verwaist zu lassen und damit zu riskieren, daß sie geistlich immer mehr verarmen. Wenn deshalb von Euch beauftragte Ordensleute und Laien am Sonntag Wortgottesfeiern vorstehen, dann verdient diese Tatsache Lob in der Notsituation. Doch auf Dauer kann man diesen Zustand nicht als befriedigend bezeichnen. Im Gegenteil: Die sakramentale Unvollständigkeit dieser Gottesdienste sollte die gesamte Pfarrgemeinde dazu veranlassen, den Herrn noch inständiger mit ihrem Gebet zu bestürmen, daß er Arbeiter sende für seine Ernte (vgl. Mt 9,38).

8. Auf diese Weise gelange ich schließlich zum Leitungsamt, das Euch aufgetragen ist. Sicher habt Ihr dafür das Beispiel des guten Hirten vor Augen, der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen (vgl. Mt 20,28). Dieses Bild ist anspruchsvoll - umso mehr für den, der sich daran messen lassen muß und weiß, aus den Menschen genommen und daher mit menschlichen Schwächen behaftet zu sein. Doch gerade dieses Bewußtsein wird ihn dazu veranlassen, wohlwollendes Verständnis für jene aufzubringen, die seiner Seelsorge und Leitung anvertraut sind (vgl. Lumen gentium, 27).

Vor allem lege ich Euch Eure ersten "Hausgenossen" in den Ortskirchen ans Herz. Ich meine die Priester, für die Ihr als Bischöfe das "sichtbare Prinzip und Fundament der Einheit" (Lumen gentium, 23) darstellt. Der Dienst in der Seelsorge ist fordernd. Oft scheinen die sichtbaren Erfolge die Mühen nicht zu lohnen, die bisweilen an die Grenze der Belastbarkeit reichen. Viele Seelsorger haben den Eindruck, nicht so sehr im Weinberg des Evangeliums als vielmehr in einem trockenen Steinbruch arbeiten zu müssen. Was soll man sagen, wenn man auf die Überalterung der Priester und den Mangel an Berufungen schaut, der die Zukunft der Diözesen belastet? Ich möchte Euch dazu ermutigen, mit Euren Priestern und Seminaristen eine noch engere Verbindung zu pflegen. Ich weiß um die terminlichen Beanspruchungen, die Euer Amt täglich mit sich bringt. Dennoch gebe ich in väterlicher Sorge die Hoffnungen wider, die das Zweite Vatikanische Konzil in so eindringliche und feinfühlige Worte gekleidet hat: "Wegen der Gemeinschaft im gleichen Priestertum und Dienst sollen die Bischöfe die Priester als ihre Brüder und Freunde betrachten. Sie seien nach Kräften auf ihr leibliches Wohl bedacht, und vor allem ihr geistliches Wohl sei ihnen ein Herzensanliegen. (...) Sie sollen sie gern anhören, ja sie um Rat fragen und mit ihnen besprechen, was die Seelsorge erfordert und dem Wohl des Bistums dient" (Presbyterorum ordinis, 7). "Mit tatkäftigem Erbarmen sollen sie jenen Priestern nachgehen, die irgendwie in Gefahr schweben oder sich in bestimmten Punkten verfehlt haben" (Christus Dominus, 16).

Ehrwürdige Brüder! Nehmt die Gelegenheit wahr, um Euren Priestern zu versichern: Der Bischof von Rom ist allen und jedem einzelnen nahe. Die Anwesenheit der Priester ist äußerst wichtig. Ohne Priester würden dem Bischof die Arme fehlen.

9. Liebe Brüder! Lehrer, Hoherpriester und Leiter - mit diesen Begriffen habe ich Euch einige Gedanken vorgelegt, die mir am Herzen liegen und Eure Überlegungen zu dem Euch übertragenen dreifachen Hirtenamt für die Kirche in Eurem Heimatland anregen sollen. Da ich um den großen Einsatz weiß, mit dem Ihr das bischöfliche Amt ausübt, möchte ich nicht schließen, ohne Euch meine brüderliche und dankbare Wertschätzung auszudrücken. In jeder Lage möge uns der Gedanke trösten, daß uns Jesus Christus nicht als seine Manager angestellt, sondern zu Dienern seiner Geheimnisse geweiht hat.

So vertraue ich Euer Sein und Eure Sendung als Hirten Eurer Herden der Fürsprache Marias an, der Mutter Christi und Mutter der Kirche. Auf Euch, die Priester, Diakone, Ordensleute und Laien in Euren Diözesen komme die göttliche Gnade in Fülle herab. Ihr Unterpfand ist der Apostolische Segen, den ich allen von Herzen erteile.

Aus dem Vatikan, am 18. November 1999

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