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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II. AN DIE FRANZISKANERINNEN DER CHRISTLICHEN
LIEBE
Ehrwürdige Schwestern! Liebe Brüder und Schwestern!
1. Es ist mir eine große Freude, Euch heute im Apostolischen Palast zu
empfangen. Besonders grüße ich die Franziskanerinnen von der christlichen
Liebe in Begleitung der ehrwürdigen Mutter Generaloberin. Außerdem heiße ich
die Mitglieder vom "Komitee Schwester Restituta" willkommen. Damit ist
schon das Stichwort gegeben, das Euch miteinander verbindet und Euch veranlaßt
hat, gemeinsam eine Wallfahrt in die Ewige Stadt zu unternehmen. Ihr seid nach
Rom gepilgert, um an den Gräbern der Apostelfürsten Gott, dem Geber alles
Guten, für die Gnade zu danken, die er uns mit der Seligsprechung von Schwester
Restituta Kafka gewährt hat.
2. So wandern meine Gedanken zum Heldenplatz nach Wien, wo es mir am 21. Juni
des vergangenen Jahres während meines dritten Pastoralbesuches in Österreich
geschenkt wurde, neben den beiden Priestern Jakob Kern und Anton Maria Schwartz
auch die Hartmann-Schwester Restituta Kafka zur Ehre der Altäre erheben zu
dürfen. Gern mache ich mir die Freude zu eigen, die Euch zusammen mit
zahlreichen Gläubigen darüber erfüllt, diese Ordensfrau, die für viele von
Euch eine Art "ältere Schwester" ist, nun als Märtyrin verehren zu
dürfen. Zugleich wird in mir die bleibende Botschaft lebendig, die diese
leuchtende Glaubenszeugin mitten in einer dunklen Zeit unseres Jahrhunderts an
uns gerichtet hat, die wir an der Schwelle zum dritten Jahrtausend stehen. An
der seligen Schwester Restituta können wir ablesen, zu welchen Höhen innerer
Reife ein Mensch geführt werden kann, wenn er sich den guten Händen Gottes
überläßt. Ihr irdischer Lebensweg gleicht einem Aufstieg nach Kalvaria, in
dessen Verlauf sich der Seligen nach und nach eine Aussicht erschlossen hat, die
sowohl ihr bisheriges Sein und Wirken in ein neues Licht stellte als auch die
Hoffnung auf das ewige Leben so fest in ihr verankerte, daß sie im Angesicht
des Todes feststellen konnte: "Für Christus habe ich gelebt, für Christus
will ich sterben". Ihr Beichtvater nannte deshalb zu Recht ihren Kreuzweg
eine "Hochschule der Seelenführung", die sie mit Auszeichnung
bestanden habe.
3. Zunächst hat Schwester Restituta gelernt, was Demut heißt. Einst war die
junge Frau "aus Liebe zu Gott und den Menschen" ins Kloster
eingetreten. Über Jahrzehnte hinweg hat sie Gott in den Kranken gedient, für
die sie ihre vielfältigen Fähigkeiten und ihre fachliche Kompetenz
unermüdlich einsetzte. Wenn sie vom Himmel sprach, dann stand sie im wahrsten
Sinn des Wortes mit beiden Beinen auf der Erde. Als ihr irdisches Leben zur
Neige ging, wandelte Gottes Gnade die Demut der Ordensfrau immer mehr in eine
Verdemütigung, die bereit war zur vollen Selbsthingabe. Die sich als
Krankenschwester über die Patienten beugte, hielt schließlich den Kopf hin
für das Bekenntnis zum Gekreuzigten.
4. In der "Hochschule der Seelenführung" hat Schwester Restituta
auch die Tugend der Sanftmut eingeübt. Von Natur aus mit einem starken
Charakter ausgestattet, war sie geradlinig und aufrichtig, voll mütterlicher
Zuwendung und zuvorkommender Hilfsbereitschaft, fröhlich und mitunter auch
etwas unkonventionell. Aufgrund ihres Temperamentes einmal als
"ungeschliffener Edelstein" bezeichnet, ließ sie sich von Gott so
läutern, daß aus ihr ein wertvoller Diamant werden konnte. Dabei wurde sie
immer aufmerksamer und feinfühliger für die tiefen Nöte, die ihren
Mitschwestern und Patienten auf der Seele brannten. So erstaunt es nicht, daß
sie ihre Zeit im Gefängnis als Geschenk sah, um sich noch mehr in Sanftmut und
Geduld einzuüben und "viel in der Seelsorge helfen zu dürfen".
5. Schließlich gelangte auch der Charakterzug zur vollen Reife, der
Schwester Restituta wohl am meisten eigen war: der Mut. Für die Ordensfrau, die
man wegen ihrer entschlossenen Art nicht selten Schwester "Resoluta"
nannte, wurde das Gefängnis zu einer Art Gnadenort, um ihrem eigentlichen
Ordensnamen alle Ehre zu machen: Restituta, die von Gott Wiederhergestellte.
Denn im Blick auf die erlösende Kraft des Kreuzes strahlte in ihrem Herzen
zunehmend die Erkenntnis auf, daß selbst dann, wenn der äußere Mensch sterben
muß, der innere längst nicht zugrundegeht. Der Mut, der ihr in die Wiege
gelegt war, gewann auf diese Weise so festen Halt, daß sie mit dem heiligen
Paulus sprechen konnte: "Wir sind verkannt und doch anerkannt, sind wie
Sterbende, und seht: wir leben. Wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet;
uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich" (2 Kor 6,
9-10).
Liebe Schwestern und Brüder! 6. Ich wünsche Euch, daß die selige
Schwester Restituta ein Modell für Euer Leben sei. Sie gewann ihre Größe aus
der Demut, sie stach hervor durch ihre Sanftmut und blieb auch dann festen
Mutes, als sie das Bekenntnis zum Kreuz das Leben kostete. In schweren
Augenblicken trug sie ihre Sorgen zur Mater Dolorosa, mit der sie zeitlebens
innig verbunden war. Die Schmerzensmutter sei auch Euch eine treue Begleiterin
in jeder Not und eine Quelle des Trostes und der Zuversicht für Euer tägliches
Glaubenszeugnis. Dazu erteile ich Euch von Herzen den Apostolischen Segen.
Aus dem Vatikan, am 28. Oktober 1999
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