Meine
Herren Kardinäle und verehrte Brüder im Bischofsamt,
Herr Präsident der
Republik Italien, Herr Ministerpräsident,
meine Herren Botschafter beim
Hl. Stuhl und in Italien,
sehr geehrte Herren vom Leitungsgremium und
Techniker der E.N.I.,
meine Damen und Herren!
1. Heute
steht die Fassade der Vatikanischen Basilika im Mittelpunkt unserer
Aufmerksamkeit. Seit Jahrhunderten ist sie Zeugin großer Ereignisse, die ihre
Spur in der Geschichte hinterlassen haben. Wir sind hier versammelt, um den
glücklichen Abschluß der Restaurierungsarbeiten zu feiern, mit denen
Ingenieure, Architekten, Marmorfacharbeiter, Steinmetzen, Stukkateure,
Schmiede und andere Handwerker mehr als zwei Jahre lang beschäftigt waren.
Ihrer mit großer Meisterschaft und Sachkenntnis durchgeführten Arbeit ist es
zu verdanken, daß die Vatikanische Basilika, so schön schon in ihrem Inneren,
sich nun in der ganzen majestätisch-feierlichen Schönheit ihrer Fassade
darbietet, mit der Maderno sie auszustatten wußte.
Meinen
herzlichen Gruß richte ich an alle Anwesenden – und besonders auch an den
Kardinal Erzpriester, der das gemeinsame Empfinden vortrefflich zum Ausdruck
gebracht hat. Denen, die ihre ganze Tatkraft dafür eingesetzt haben, diesem
architektonischen Meisterwerk seine ursprüngliche Pracht zurückzugeben, möchte
ich meine tiefempfundene Dankbarkeit aussprechen. Der Dank gilt in besonderer
Weise der E.N.I., Ente Nazionale Idrocarburi [Staatsunternehmen für
Brennstoffe], die mit edelmütiger Großzügigkeit das Werk der Restaurierung
ermöglicht und die modernsten technischen Verfahren dabei angewandt hat.
2. Während
wir bewundernd vor dem eindrucksvollen Ergebnis dieser Arbeiten stehen, steigt
im
Herzen spontan der Wunsch auf, den Herrn zu loben, der dem Menschen die
Fähigkeit gegeben hat, die Materie zu beherrschen und zu veredeln, indem er
das Siegel des Geistes in sie einprägte.
Wieviel Mühe
hat das Werk gekostet, das wir hier bewundern! Die mit ungezählten Hammerund
Meißelschlägen bearbeiteten und dann mit äußerster Sorgfalt und Geduld
geglätteten Marmorstücke sind schön zusammengefügt worden, um den Giebel der
Fassade zu zieren. In einer Abwandlung der Vision vom Tempel Gottes kann man
die verschiedenen Elemente als Symbol und Bild der vielfältigen Gaben und
Charismen deuten, mit denen der göttliche Künstler die Kirche, seine mystische
Braut, hat schmücken wollen.
3. Der
bewundernde Blick, den wir heute abend zu den architektonischen Strukturen der
Fassade erheben, nimmt den der zahllosen Pilger voraus, die während des nun
schon nahen Heili - gen Jahres aus allen Teilen der Welt hierherkommen werden.
Vor der Herrlichkeit und der ausgewogenen, maßvollen Festigkeit in der
Struktur dieser beeindruckenden Basilika werden sie etwas von der Begeisterung
der Pilger früherer Zeiten nachempfinden können angesichts dieses Gotteshauses,
das der Glaube der Vorfahren »zu Ehren des Apostelfürsten« errichtete,
wie die Widmungsinschrift besagt, die Papst Paul V. im Jahre 1614 anbringen
ließ.
Für Petrus
und für sein glorreiches Grab wurde diese Kirche erbaut und mit der Kuppel
Michelangelos gekrönt. Papst Clemens VIII. weihte sie, dem Gedanken seines
Vorgängers Sixtus V. Ausdruck gebend, »sancti Petri gloriae«, zur Ehre
des hl. Petrus. Das bestätigen die zahlreichen Darstellungen des Apostels, die
in jedem Teil des Gebäudes in Erscheinung treten. Auch an dieser Fassade fehlt
sie nicht. Im Hochrelief des Mailänders Ambrogio Bonvicino sehen wir das Bild
des Petrus, der von Christus die Schlüssel empfängt.
4. So
setzt gewissermaßen der Apostel Petrus seine Sendung als »Stellvertreter der
Liebe Christi « fort und bekennt demütig, aber fest seinen Glauben. »Und jede
Zunge, die den Herrn bekennt, macht sich – wie Leo d.Gr. sagt – die in diesem
Ausspruch enthaltene Lehre zu eigen« (Sermones 3,3; Bibliothek der
Kirchenväter, Bd. 54, München 1927, S. 9).
So
versteht man leicht, wie unsere Freude angesichts dieses restaurierten
Meisterwerks nicht nur ein ästhetischer Genuß sein sollte, sondern sich für
das innerlich Faszinierende der dargestellten geistigen Wirklichkeit öffnen
müßte. Petrus erinnert uns und alle, die heute abend geistig um sein Grab
versammelt sind, daran, wie er eines Tages im Jahr 63 oder 64 von Rom aus an
die Christen von Kleinasien schrieb, denen er das Evangelium verkündet hatte:
»Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer
heiligen Priesterschaft, um […] geistige Opfer darzubringen, die Gott
gefallen« (1 Petr 2,5).
Liebe
Brüder und Schwestern, laßt uns diese Einladung annehmen, lebendige Steine zu
sein, regsame Glieder des geistigen Gebäudes, das heißt: der Kirche. Das nahe
bevorstehende Jubiläum möge uns bereit finden, unseren Glauben mit noch
hochherzigerer Hingabe zu verkünden und zu bezeugen. Die
Restaurierungsarbeiten erinnern uns daran, daß jeder Gläubige, jeder von uns,
zu beständiger Bekehrung und zu einer mutigen Überprüfung des Lebens
aufgerufen ist, um Christus in einer tiefen Weise begegnen zu können und in
den vollen Genuß der Früchte des Heiligen Jahres zu kommen.
So
sei es für alle. Mit diesem Wunsch rufe ich die Fürbitte Marias und der hll.
Apostel Petrus und Paulus auf alle Anwesenden herab und auf alle, die auf
verschiedene Weise zu diesem außerordentlichen Werk der Restaurierung
beigetragen haben. Allen erteile ich gern den Apostolischen Segen.