Sehr geehrte Damen und Herren!
1. Es ist mir eine Freude, Sie, die Mitglieder der Internationalen
Vereinigung der Institute für Archäologie, Geschichte und Kunstgeschichte in
Rom empfangen zu können. Besonders begrüßen möchte ich Ihren Präsidenten, Herrn
Prof. Krysztof Zaboklicki.
Der Auftrag, der Ihrer Internationalen Vereinigung von ihren Gründern übertragen
wurde, besteht darin, der Geschichte und Kunst zu dienen, indem Sie die
zahlreichen Zeugnisse zur Geltung bringen, die Rom aus der westlichen
Zivilisation, der christlichen Kultur und aus dem Leben der Kirche besitzt. Es
handelt sich um ein wertvolles Erbe, das sich im Laufe der vergangenen
Jahrhunderte herausgebildet hat. Dieses Kunsterbe, das uns die Völker
hinterlassen haben, bewahren Sie aufmerksam, erforschen es und geben es weiter.
So handeln Sie wie der Verwalter eines unermeßlichen Schatzes, aus dem man wie
der Schriftgelehrte aus dem Evangelium unablässig Neues und Altes entnehmen muß,
wobei man mühevolle und verborgene Aufgaben zu überwinden hat.
Sie haben nicht gezögert, Forschern und Studenten eine Datenbank mit
bibliographischen Angaben zur Verfügung zu stellen, die unter der Ägide der »Römischen
Vereinigung wissenschaftlicher Bibliotheken« in Zusammenarbeit mit der »Biblioteca
Apostolica Vaticana« eingerichtet wurde. Ich f reue mich über diese bedeutsame
Arbeitshilfe ebenso wie über die Stipendien, die Sie jungen Forschern anbieten
sowie über die internationale Zusammenarbeit, die Sie entwickeln. All dies
schafft Verbindungen, die Grenzen, Kulturen und Generationen übersteigen. Auch
stellt all dies eine tragende Säule der Evangelisation und des Friedens dar. Die
Kirche anerkennt die unersetzbare Rolle der Kulturgüter für die Förderung eines
wahrhaftigen Humanismus und eines dauerhaften Friedens unter den Nationen.
»Durch die Universalität der Kultur werden die Völker – weit davon entfernt,
sich untereinander zur Konkurrenz zu werden oder sich gegeneinander zu stellen –
Gefallen daran finden, sich gegenseitig zu ergänzen, indem jeder seine
Fähigkeiten einbringt und aus den Fähigkeiten aller anderen Nutzen zieht« (vgl.
Pius XII., Ansprache an das internationale Komitee für die Einheit und
Universalität der Kultur, 14. November 1951). Daher ermutige ich Sie, zu
unermüdlichen Vorkämpfern einer internationalen Solidarität zu werden, die uns
einlädt, daran zu glauben, daß die menschliche Brüderlichkeit durch die Suche
nach dem Wahren und Schönen möglich ist.
2. Die Verbreitung der künstlerischen und geschichtlichen Kultur in allen
Schichten der Gesellschaft gibt den Menschen unserer Zeit die Mittel in die
Hand, um ihre Wurzeln wiederzufinden und aus ihnen die kulturellen und
geistlichen Elemente zu schöpfen, um ihr persönliches und gemeinschaftliches
Leben aufzubauen. Ließ nicht der Apostel Paulus selbst seine Zuhörer auf dem
Areopag in Athen erkennen, daß die Kunst eine spirituelle Suche darstellt, die
den Menschen dazu antreibt, über die materielle Wirklichkeit hinauszugehen (vgl.
Apg 17,19–31)? Für jeden Menschen, für jede Gesellschaft ist eine Kultur
notwendig, die einen antropologisch gesunden Weg zum moralischen und geistlichen
Leben eröffnet.
Es gibt nämlich, wie der Theologe Hans Urs von Balthasar richtig anmerkte, eine
Beziehung zwischen dem Ästhetischen und dem Ethischen (vgl. Herrlichkeit.
Eine theologische Ästhetik, Einleitung). Die Kunst lädt dazu ein, die
Schönheit der Existenz zu entfalten – indem sie deren moralische Anforderungen
in Fülle lebt – und sich unablässig auf die Suche nach der Wahrheit zu machen.
3. Aufgrund ihrer Dimension der Zweckfreiheit läßt uns die Kunst daran denken,
daß sich der Mensch und die Gesellschaft nicht auf Leistung um jeden Preis
reduzieren läßt. Die Kulturgüter haben eben jene Funktion, den Menschen auf den
Sinn des Geheimnisses und die Offenbarung des Absoluten hin zu öffnen, da sie
eine Botschaft übermitteln. Ihrerseits verkündet die christliche Kunst auf ihre
Weise das Göttliche und bereitet die Seele auf die Betrachtung der christlichen
Geheimnisse vor. Sie macht durch eine symbolhafte Ausdrucksweise das
verständlich, was sich durch Worte nur schwer ausdrücken läßt, indem sie zum
trinitarischen Gebet und zur Verehrung der Heiligen aufruft.
Für das Wirken Ihrer Internationalen Vereinigung möchte ich Ihnen meinen Dank
aussprechen, indem ich Sie der Fürsprache der »Theotokos« anempfehle,
deren Geheimnis zahlreiche Künstler inspiriert hat. Als Unterpfand meiner
Wertschätzung erteile ich Ihnen von ganzem Herzen meinen Apostolischen Segen,
den ich gerne auf Ihre Familien und alle Mitglieder ihrer verschiedenen
Institutionen ausweite.