Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Geliebtes ungarisches Volk!
1. »Te Deum laudamus, Te Dominum confitemur!« [Dich,
Gott, loben wir, dich Herr, preisen wir.] Diese freuderfüllten Worte des Hymnus
»Te Deum« passen vortrefflich zu den festlichen Feierlichkeiten zum
tausendsten Jahrestag der Krönung des hl. Stephan. In dieser gnadenvollen Stunde
gehen unsere Gedanken zu jenem Schlüsselereignis, das die Geburtsstunde des
ungarischen Staates bedeutete. Mit dankbarem Herzen wollen wir den Herrn preisen
und ihm für die Gnaden danken, die wir vom ungarischen Volk in seiner
tausendjährigen Geschichte erhalten haben.
Es handelt sich um eine Geschichte, die mit einem heiligen
König, ja eigentlich mit einer »heiligen Familie« ihren Anfang nahm: Stephan und
seine Gemahlin, die sel. Gisela, sowie deren Sohn, der hl. Emerich, sind die
erste heilige Familie Ungarns. Dieser Same sollte wachsen und gedeihen und eine
Schar von edelmütigen Persönlichkeiten hervorbringen, die die »Pannonia Sacra«
berühmt machen sollten: man denke etwa an den hl. Ladislaus, die hl. Elisabeth
und die hl. Margareta!
Blickt man schließlich auf das gemarterte zwanzigste
Jahrhundert, wie könnte man sich dann nicht so großer Gestalten wie des
verstorbenen József Kardinal Mindszenty, des sel. Bischofs und Märtyrers Vilmos
Apor und des ehrw. László Batthyány-Strattmann erinnern? An Euch liegt es nun,
diese Geschichte, die sich so fruchtbringend durch die Jahrhunderte
hindurchzieht, fortzusetzen und in den verschiedenen Bereichen menschlichen
Wirkens mit neuen Früchten zu bereichern.
Im Laufe seiner ruhmreichen Vergangenheit war Ungarn auch ein
»Schutzwall« der Christen gegenüber dem Einfall der Tartaren und Türken. Gewiß
fehlte es in einem so langen Zeitraum nicht an dunklen Stunden. Es fehlte nicht
die bittere Erfahrung von Rückschlägen und Niederlagen, die nun einer kritischen
Prüfung unterzogen werden müssen, um die Verantwortlichkeiten zu klären.
Letztendlich muß sie dazu führen, sich der Barmherzigkeit Gottes
anheimzustellen, der auch das Böse zum Guten führen kann. Im ganzen betrachtet,
ist die Geschichte Eurer Heimat jedoch reich an strahlendem Licht sowohl auf
religiösem als auch auf zivilem Gebiet, und sie erweckt die Bewunderung aller,
die sich ihrer Erforschung widmen.
2. Zu Beginn des neuen Jahrtausends erhebt sich vor uns die
Gestalt des hl. Königs Stephan. Er wollte den Staat auf dem soliden Felsen der
christlichen Werte gründen. Daher war es sein Wunsch, die Königskrone aus den
Händen des Papstes, meines Vorgängers Silvester II., zu empfangen. Auf diese
Weise wurde die ungarische Nation in tiefer Einheit mit der Kathedra Petri
errichtet und stand in enger Verbindung mit den übrigen europäischen Ländern,
die mit ihm diesselbe christliche Kultur gemeinsam hatten. Eben diese Kultur war
der Lebenssaft, der die heranwachsende Pflanze durchströmte, der ihre
Entwicklung und ihr Kräftigwerden gewährleistete und ihre künftige
außergewöhnliche Blüte vorbereitete.
Durch das Wirken der Gnade, die alles verwandelt und erhöht,
setzen sich im Christentum das Wahre, die Gerechtigkeit, das Gute und das Schöne
in wunderbarer Harmonie wieder zusammen. Die Welt der Arbeit, des Studiums und
der Forschung, der Bereich des Rechtes, das Antlitz der Kunst in ihren
verschiedenen Ausdrucksformen, der Sinn für die Werte, der oft unbewußte Durst
nach Großem und Unendlichem ebenso wie die Sehnsucht nach dem Absoluten, die im
Menschen ist, finden ihre Antwort in Jesus Christus, der der Weg, die Wahrheit
und das Leben ist. Hierauf wollte Augustinus aufmerksam machen, als er sagte,
der Mensch sei auf Gott hin geschaffen, und sein Herz sei unruhig, bis es Ruhe
finde in Ihm (vgl. Confessiones, I,1).
In dieser kreativen Unruhe macht sich all das bemerkbar, was an
tief Menschlichem existiert: der Sinn für die Zugehörigkeit zu Gott, die Suche
nach Wahrheit, das unstillbare Verlangen nach dem Guten, der brennende Durst
nach Liebe, das Hungern nach Freiheit, die Sehnsucht nach dem Schönen, das
Staunen vor dem Neuen und die leise, aber eindringliche Stimme des Gewissens.
Daher offenbart gerade diese Unruhe die wahre Würde des Menschen, der sich im
tiefsten Inneren seines Seins dessen gewahr wird, wie das eigene Schicksal
untrennbar mit dem ewigen Schicksal Gottes verbunden ist. Jeder Versuch, dieses
ununterdrückbare Verlangen nach Gott beseitigen oder nicht zur Kenntnis nehmen
zu wollen, würde die ursprünglichen Eigenschaften des Menschen verkürzen und
verkümmern lassen: der Gläubige, der sich dessen bewußt ist, muß sich in der
Gesellschaft zum Zeugen hierfür machen, um auf diese Weise der wahren Sache des
Menschen zu dienen.
3. Es ist allseits bekannt, daß Eure edelmütige Nation sich auf
dem Mutterschoß der Heiligen Kirche herangebildet hat. Leider hatten in den
vergangenen beiden Generationen nicht alle die Gelegenheit, Jesus Christus,
unseren Heiland, kennenzulernen. Dieser Abschnitt der Geschichte war
gekennzeichnet von Kummer und Leid. Es ist nun Eure Aufgabe, ungarische
Christen, den Namen Christi in die Welt zu tragen, seine Frohe Botschaft all
Euren lieben Mitbürgern zu verkünden und sie mit dem Antlitz unseres Erlösers
vertraut zu machen.
Als der hl. Stephan für seinen Sohn Emerich die sogenannten
Ermahnungen schrieb, hatte er sich da nur an ihn gewandt? Diese Frage
stellte ich Euch im Laufe meiner Pastoralreise nach Ungarn während der
unvergeßlichen Feier auf dem Heldenplatz am 20. August 1991. Damals stellte ich
fest: »Hat er nicht vielleicht seine Ermahnungen für alle künftigen Generationen
der Ungarn, für alle Erben seiner Krone geschrieben? Euer heiliger König, liebe
Söhne und Töchter der ungarischen Nation, hat euch als Erbschaft nicht nur die
von Papst Silvester II. empfangene Königskrone hinterlassen. Er hat euch sein
geistliches Testament, ein Erbe fundamentaler und unzerstörbarer Werte
hinterlassen: das Haus, das wahrhaft auf Fels gebaut ist« (Predigt von
Johannes Paul II. bei der Eucharistiefeier in Budapest zum Festtag des hl.
Stephan; in O.R. dt., Nr. 38, 20.9.1991).
Das, was der heilige König seinem Sohn in diesem herausragenden
Text zu bedenken gab, bleibt immer aktuell: »Ein Land, das nur über eine Sprache
und eine Landessitte verfügt, ist schwach und gebrechlich. Daher empfehle ich
dir, Fremde mit Wohlwollen aufzunehmen und ihnen Ehre zuteil werden zu lassen,
so daß sie es vorziehen, sich lieber bei dir als anderswo aufzuhalten« (Ermahnungen,
6). Wie könnte man nicht die Weitsicht einer solchen Ermahnung bewundern? In ihr
zeichnet sich eine moderne Staatsauffassung ab, die im Lichte des Evangeliums
Christi für die Bedürfnisse aller offen ist.
4. Die Treue gegenüber dem Evangelium Christi bringe auch Euch
heute dazu, liebe ungarische Brüder und Schwestern, die Werte des gegenseitigen
Respekts und der Solidarität zu pflegen, die ihren unzerstörbaren Grund in der
Würde der menschlichen Person haben. Nehmt in dankbarer Gesinnung gegenüber Gott
das Geschenk des Lebens an, und verteidigt mit unerschrockenem Mut dessen
heiligen Wert von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende. Seid Euch der
zentralen Bedeutung der Familie im Hinblick auf eine geordnete und gedeihende
Gesellschaft bewußt. Setzt Euch daher für gut durchdachte Initiativen ein, um
die Unerschütterlichkeit und Unversehrtheit der Gesellschaft zu bewahren. Nur
eine Nation, die auf gesunden und fest zusammenstehenden Familien gründet, ist
überlebensfähig und kann in die Geschichte eingehen, so wie dies bei Euch in der
Vergangenheit geschehen ist.
Zudem möge es den Katholiken Ungarns nicht am Willen ermangeln,
mit den Anhängern anderer christlicher Konfessionen aufrichtig gemeinte
ökumenische Beziehungen aufzubauen, um zu wahrhaftigen Zeugen des Evangeliums zu
werden. Vor eintausend Jahren waren die Christen noch nicht getrennt. Heute
fühlen wir immer dringlicher die Notwendigkeit, die vollkommene kirchliche
Einheit zwischen allen, die an Christus glauben, wiederherzustellen. Die
Trennungen der vergangenen Jahrhunderte sollen in Wahrheit und Liebe sowie mit
leidenschaftlichem und unermüdlichem Eifer überwunden werden.
Fördert und unterstützt darüber hinaus jene Initiativen, die die
Eintracht und Zusammenarbeit innerhalb der Nation und mit den angrenzenden
Nationen fördern wollen. Über eine so lange Zeit der Prüfungen, die Euch und
andere Völker heimsuchten, habt Ihr gemeinsam gelitten. Warum solltet Ihr nun in
Zukunft nicht gemeinsam leben? Friede und Eintracht seien für Euch die Quelle
alles Guten. Setzt Euch mit Eurer Vergangenheit auseinander und versucht, aus
der Erkenntnis der Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte jene Lehre zu ziehen,
die uns die Geschichte, magistra vitae (die Lehrerin des Lebens), so
überreich auch für Eure Zukunft aufzeigt.
5. »Salvum fac populum tuum, Domine, et benedic hereditati
tuae!« (Rette dein Volk, o Herr, und segne dein Erbe.) Mit dieser Anrufung,
die uns ebenfalls das »Te Deum« in den Mund legt, wenden wir uns an den Herrn,
um seine Hilfe für das nun beginnende neue Jahrtausend zu erflehen. Wir bitten
ihn durch die Fürsprache der Jungfrau Maria, »Magna Domina Hungarorum«,
deren Verehrung im wertvollen Erbe des hl. Königs Stephan ein so hoher
Stellenwert zukam. Er hatte ihr seine Krone zum Geschenk gemacht, als Zeichen
der Weihe des ungarischen Volkes an ihren himmlischen Beistand. Wie viele Bilder
erinnern in Euren Kirchen an diese Geste! Getreu dem Beispiel des heiligen
Königs sollt auch Ihr Eure Zukunft unter dem Mantel jener bergen, der Gott
seinen eingeborenen Sohn anvertraute! Ihr werdet heute die Reliquie der rechten
Hand des hl. Stephan in feierlicher Prozession durch die Straßen Eurer Stadt
tragen: jene Hand, mit der er der allerseligsten Jungfrau Maria seine Krone zum
Weihegeschenk gemacht hat. Die »Heilige Rechte« Eures früheren Königs begleite
und beschütze Euch stets in Eurem Leben!
Mit diesen Gedanken nehme ich in geistlicher Weise an Euren
festlichen Feierlichkeiten teil. Mein ehrerbietiger Gruß geht an den Herrn
Staatspräsidenten und alle Autoritäten Eurer Nation, an den Herrn
Kardinalerzbischof und alle Mitbrüder im Bischofsamt sowie an deren Mitarbeiter,
an die geschätzten Teilnehmer der Delegationen, die zu diesem feierlichen Anlaß
in Budapest zusammengekommen sind, sowie an die gesamte ruhmreiche ungarische
Nation.
Im Jahr des Großen Jubiläums der Menschwerdung des Sohnes Gottes
und anläßlich der Tausendjahrfeier Eurer Nation rufe ich auf Euch alle den
überreichen Segen Gottes, des Vaters, herab, der reich an Barmherzigkeit ist,
Gottes, des Sohnes, unseres einzigen Erlösers, und Gottes, des Heiligen Geistes,
der alles neu macht. Ihm sei Ruhm und Ehre in Ewigkeit!
Aus Castelgandolfo, am 16. August 2000, dem 22. Jahr meines
Pontifikats.