Herr Kardinal Laghi,
liebe Missionare und Missionarinnen der Nächstenliebe,
Eltern und Kinder der Adoptivfamilien,
Freunde und Mitarbeiter des Werkes von Mutter Teresa von Kalkutta!
1. Es freut mich, euch so zahlreich zu begegnen, und ich danke
Sr. Mary Simon für die freundlichen Worte, die sie an mich gerichtet und damit
eure Empfindungen ausgedrückt hat.
Ihr habt eure Heiligjahrfeier an dem Tag begehen wollen, der mit
dem dritten Jahrestag des Todes von Mutter Teresa zusammenfällt. Das ist eine
sehr bedeutungsvolle Weise, um euren Willen auszudrücken, Christus nachzufolgen
auf den Spuren dieser einzigartigen Tochter der Kirche, die sich ganz für die
Nächstenliebe verzehrt hat. Wie könnte man sie vergessen? Mit dem Vergehen der
Jahre ist die Erinnerung an sie lebendiger denn je. Wir erinnern uns an sie mit
ihrem Lächeln, ihren tiefliegenden Augen, ihrem Rosenkranz. Wir meinen sie noch
zu sehen, unterwegs in aller Welt auf der Suche nach den Ärmsten der Armen,
stets bereit, neuen Raum für die Nächstenliebe zu öffnen, aufnahmebereit
gegenüber allen wie eine wahre Mutter.
2. Eine Ordensfrau »Mutter« zu nennen ist schon gebräuchlich.
Diese Bezeichnung nahm bei Mutter Teresa jedoch eine besondere Ausdrucksstärke
an. Eine Mutter erkennt man an der Fähigkeit, sich zu verschenken. Mutter Teresa
zu beobachten – an ihren Zügen, ihren Haltungen, ihrer Weise zu sein – half
verstehen, was für sie, abgesehen von der rein physischen Dimension, Mutter-Sein
bedeutete; half, an die geistigen Wurzeln der Mutterschaft zu gehen.
Wir wissen gut, worin ihr Geheimnis bestand: Sie hatte sich von
Christus erfüllen lassen und sah deshalb alle mit den Augen und dem Herzen
Christi an. Sie hatte seine Worte ernst genommen: »Ich war hungrig, und ihr habt
mir zu essen gegeben …« (Mt 25,35). Es fiel ihr daher nicht schwer, ihre
Armen als »Adoptivkinder« anzunehmen. Ihre Liebe war konkret und initiativ. Sie
trieb sie dort hin, wo nur wenige den Mut hatten, hinzugehen, wo das Elend so
groß war, daß man erschrecken konnte.
Es wundert nicht, daß die Menschen unserer Zeit von ihr wie
fasziniert waren. Sie war die Verkörperung jener Liebe, die Jesus als das
Erkennungszeichen für seine Jünger genannt hatte: »Daran werden alle erkennen,
daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13,35).
3. Unter den Werken, die Mutter Teresa aus dem Herzen kamen, ist
die »Bewegung für die Adoptionen« eines der bedeutendsten. Deshalb sind
heute so viele Familien mit Adoptivkindern hier.
Mit Zuneigung entbiete ich euch meinen Gruß, liebe Eltern und
Kinder! Ich bin froh über diese Begegnung, die es mir ermöglicht, mit euch über
den Weg nachzudenken, den ihr eingeschlagen habt. Ein Kind zu adoptieren ist
eine große Tat der Liebe. Wenn man sie vollbringt, gibt man viel, man
erhält aber auch viel. Es ist ein wahrer Austausch von Gaben.
Unsere Zeit kennt leider auch in diesem Bereich nicht wenige
Widersprüche. Gegenüber zahlreichen Kindern, die wegen Tod oder Untauglichkeit
der Eltern ohne Familie sind, gibt es viele Paare, die sich entschließen, ohne
Kinder zu bleiben – nicht selten aus egoistischen Gründen. Andere lassen sich
durch wirtschaftliche, soziale oder bürokratische Schwierigkeiten entmutigen.
Wieder andere gehen in dem Wunsch, um jeden Preis ein »eigenes« Kind zu haben,
weit über die rechtmäßige Hilfe hinaus, welche die medizinische Wissenschaft der
Fortpflanzung bieten kann, und lassen sich zu moralisch verwerflichen Praktiken
verleiten. Angesichts solcher Tendenzen muß nachdrücklich betont werden, daß die
Weisungen des Moralgesetzes nicht auf abstrakte Prinzipien hinauslaufen, sondern
das wahre Wohl des Menschen, und in diesem Fall das Wohl des Kindes auch
gegenüber den Interessen der Eltern, schützen.
Als Alternative zu diesen fragwürdigen Wegen läßt das Dasein so
vieler Kinder ohne Familie die Adoption als konkreten Weg der Liebe
geraten scheinen. Familien wie die euren sind hier, um zu sagen, daß es trotz
seiner Schwierigkeiten ein möglicher und schöner Weg ist; zumal ein heute mehr
noch als gestern gangbarer Weg – im Zeitalter der Globalisierung, die alle
Distanzen verkürzt.
4. Ein Kind zu adoptieren und es als wirklichen Sohn, als
wirkliche Tochter gefühlsmäßig anzunehmen und zu behandeln, bedeutet
anzuerkennen, daß die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nicht nur mit
genetischen Maßstäben zu messen ist. Fruchtbare Liebe ist vor allem
Selbsthingabe. Es gibt eine »Zeugung«, die sich in Annahme, Fürsorge und
Hingabe verwirklicht. Die Beziehung, die daraus entsteht, ist so eng und
dauerhaft, daß sie der auf biologische Abstammung begründeten in nichts
nachsteht. Wenn sie wie in der Adoption auch rechtlich geschützt ist in einer
durch das Eheband stabil verbundenen Familie, dann gewährt sie dem Kind jene
heitere Atmosphäre und jene zugleich väterliche und mütterliche Zuneigung,
die es für seine volle menschliche Entwicklung braucht.
Gerade das tritt aus eurer Erfahrung zutage. Eure Wahl und euer
Einsatz sind eine Einladung zu Mut und Weitherzigkeit für die ganze
Gesellschaft, damit dieses Geschenk immer mehr Wertschätzung erfahre, gefördert
und auch rechtlich unterstützt werde.
5. Ich danke euch für euer Zeugnis! Wenn wir in diesem Großen
Jubiläum 2000 Jahre seit der Geburt Christi feiern, bringen wir uns auch in
Erinnerung, daß jeder Mensch, der auf die Welt kommt, in welchen
Verhältnissen auch immer, das Zeichen der Liebe Gottes trägt. Für jedes
Kind der Welt ist Christus geboren worden und hat er sein Leben hingeben. Es
gibt also kein Kind, das nicht zu ihm gehört.
»Laßt die Kinder zu mir kommen« (Mk 10,14). Diesen
Worten Christi gab Mutter Teresa in gewissem Sinn Widerhall, wenn sie zu den
Müttern, die versucht waren, abzutreiben, sagte: »Bringt mir eure Kinder.« Auf
ihren Spuren habt ihr euch mit Christus auf die Seite der Kinder
gestellt. Möge der Herr euch mit allem Trost erfüllen und euch in den
Schwierigkeiten des Weges beistehen.
In seinem Namen grüße und segne ich euch.
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