Herr Botschafter!
Es freut mich sehr, Sie im Vatikan willkommen zu heißen und
Ihr Beglaubigungsschreiben als außerordentlicher und bevollmächtigter
Botschafter des Staates Israel beim Hl. Stuhl in Empfang zu nehmen. Meine
Gedanken sind in diesem Augenblick erfüllt von tiefer und bleibender
Dankbarkeit: Dankbarkeit gegenüber Gott, der in diesem Großen Jubiläumsjahr
meine Schritte als Pilger ins Heilige Land und zu seinen Völkern geführt hat,
und Dankbarkeit gegenüber den Verantwortlichen des zivilen und religiösen
Lebens für die Aufnahme und Zuvorkommenheit, die sie mir während jener
bedeutungsvollen Tage meines Besuchs im März entgegenbrachten.
Das Heilige Land wird in den Herzen und Seelen von Juden,
Christen und Muslimen immer einen zentralen Platz einnehmen. Durch das
Gedenken an die Geburt Christi mußte das Jahr 2000 die liebende Aufmerksamkeit
von Millionen Christen aus allen Teilen der Erde auf jene Orte lenken, an
denen Jesus lebte, starb und auferstand. Die eindrucksvolle Erfahrung meiner
Pilgerreise zu den Heiligen Stätten lebt fort in meinem Geist als eine
außerordentliche Gnade Gottes und als eine Art Zeugnis, das ich – besonders
der jüngeren Generation – als Einladung zum Aufbau einer neuen Epoche in den
Beziehungen zwischen Christen und Juden hinterlassen möchte.
Vor allem wünsche ich, daß der religiöse Charakter dieses
Besuchs nicht vergessen werde. Meine Hauptabsicht war, mich im Geiste des
Gebets von einer Heiligen Stätte zur nächsten zu bewegen im Wissen darum, daß
dies uns nicht nur dabei hilft, »unser Leben als Weg zu erfahren. Es
vermittelt uns auch plastisch die Vorstellung von einem Gott, der uns
vorausgegangen ist und vor uns hergeht. Er hat sich selbst auf den Straßen der
Menschen auf den Weg gemacht. Er ist ein Gott, der uns nicht von oben
betrachtet, sondern unser Weggefährte geworden ist« (Brief über die
Pilgerfahrt zu den Stätten, die mit der Heilsgeschichte verbunden sind,
10; in O.R. dt., Nr. 28/1999).
Die Kirche ist sich voll bewußt, daß sie »genährt wird von der
Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft
sind« (Nostra Aetate, 4). Das spirituelle Erbe, das sich Christen und
Juden teilen, ist so groß und für das religiöse und sittliche Wohl der
Menschheitsfamilie so wesentlich, daß alles getan werden muß, um unseren
Dialog voranzubringen und auszuweiten, besonders in biblischen, theologischen
und ethischen Fragen. Außerdem muß auf allen Ebenen ein neuer, gemeinsamer und
aufrichtiger Versuch unternommen werden, um Christen und Juden zu helfen,
einander kennenzulernen, zu respektieren und den Überzeugungen und Traditionen
der anderen noch tiefere Achtung entgegenzubringen. Das ist der sicherste Weg,
die Vorurteile der Vergangenheit zu überwinden und die Formen von
Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhaß einzudämmen, die heute mancherorts
wieder aufgetaucht sind. Heute wie auch in anderen Zeiten ist es nicht echte
religiöse Überzeugung und Praxis, die zum Drama der Diskriminierung und
Verfolgung führt, sondern vielmehr der Verlust des Glaubens und das Aufkommen
einer egoistischen und materialistischen Anschauung ohne wahre Werte, eine
Kultur der Leere. Ihre Worte, Herr Botschafter, über die Notwendigkeit einer
sittlichen Führung, die dabei helfen können, einige der schlimmsten
Herausforderungen in Angriff zu nehmen, denen die Menschheit im neuen
Jahrtausend gegenübersteht, finden in den Überzeugungen des Hl. Stuhls ein
deutliches Echo.
Ein steter Grund zur Traurigkeit ist der vergängliche
Charakter eines endgültigen Friedens im Nahen Osten. Wir alle freuen uns jedes
Mal über die Nachricht eines weiteren Schrittes nach vorn in den komplizierten
Verhandlungen, die zu einem wesentlichen Merkmal der Beziehungen zwischen
Israel und seinen Nachbarn, insbesondere den palästinensischen Behörden,
geworden sind. Die Fortsetzung des Dialogs und der Verhandlungen ist schon an
sich eine bedeutsame Entwicklung. Es ist wichtig, anzuerkennen, welch
beachtliche Fortschritte bereits gemacht worden sind, damit die Beteiligten
nicht angesichts des Ausmaßes der noch vor ihnen liegenden Aufgabe entmutigt
werden. Manchmal wirken die Hindernisse auf dem Weg zum Frieden so groß und
zahlreich, daß es – rein menschlich betrachtet – unmöglich scheint, ihnen
entgegenzutreten. Aber was noch vor wenigen Jahren undenkbar schien, ist
inzwischen Wirklichkeit geworden oder steht zumindest der Diskussion offen.
Dies muß alle Betroffenen davon überzeugen, daß eine Lösung möglich ist. Es
soll jeden dazu ermutigen, mit Mut und Beharrlichkeit weiterzumachen.
In bezug auf die heikle Frage der Stadt Jerusalem ist es
besonders wichtig, daß der künftige Weg gekennzeichnet sei von Dialog und
gegenseitigem Verständnis und nicht von Stärke und gegenseitiger
Druckausübung. Dem Hl. Stuhl ist es ein besonderes Anliegen, daß der
einzigartige religiöse Charakter der Heiligen Stadt durch ein international
garantiertes Sonderstatut geschützt werde. Die Geschichte und die gegenwärtige
Wirklichkeit der interreligiösen Beziehungen im Heiligen Land sind derart
gestaltet, daß ohne eine Form der Unterstützung von seiten der internationalen
Gemeinschaft kein gerechter und anhaltender Frieden absehbar ist. Die
Zielsetzung dieser internationalen Unterstützung wäre der Fortbestand des
kulturellen und religiösen Erbes der Heiligen Stadt, ein Erbe, das Juden,
Christen und Muslimen auf der ganzen Welt und der gesamten internationalen
Gemeinschaft gehört. In der Tat sind die Heiligen Orte nicht lediglich
Gedenkstätten der Vergangenheit. Sie sind vielmehr das vitale Zentrum
dynamischer, lebendiger und sich entwickelnder Gemeinschaften von Gläubigen,
die frei sind in der Ausübung ihrer Rechte und Pflichten und untereinander
harmonisch zusammenleben – und dies müssen sie auch in Zukunft bleiben. Es
steht nicht nur der Erhalt und der freie Zugang zu den Heiligen Stätten der
drei Religionen auf dem Spiel, sondern auch die freie Ausübung der religiösen
und bürgerlichen Rechte, die die Mitglieder, Orte und Aktivitäten der
verschiedenen Gemeinschaften betreffen. Das angestrebte Ziel muß – wie ich
schon während meines Besuchs sagte – eine Stadt Jerusalem und ein Heiliges
Land sein, wo es den verschiedenen Religionsgemeinschaften gelingt, in
Freundschaft und Harmonie zusammen zu leben und zu arbeiten, eine Stadt
Jerusalem, die wahrhaftig eine Stadt des Friedens für alle Völker sein wird.
Dann werden wir alle die Worte des Propheten wiederholen: »Kommt, wir ziehen
hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs« (Jes 2,3).
Herr Botschafter, mein Gebet begleitet Sie, wenn sie nun Ihr
Amt als diplomatischer Vertreter Israels beim Hl. Stuhl antreten. Ich bin
sicher, daß Sie alles in Ihrer Kraft Stehende tun werden, um das Verständnis
und die Freundschaft zwischen uns zu mehren – im Geist des Grundlagenabkommens
und der anderen Dokumente, die dessen Anwendung gewährleisten sollen.
Gleicherweise werden die verschiedenen Ämter der Römischen Kurie gerne mit
Ihnen bei der Erfüllung Ihres wichtigen Auftrags zuammenarbeiten. Mögen Güte
und Huld Ihnen Ihr Leben lang folgen (vgl. Ps 22,6).
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