Verehrter Bruder im Bischofsamt,
liebe Schwestern und Brüder
aus Kärnten!
1. Mit dem Christbaum, den Ihr aus Eurer Heimat nach Rom
gebracht habt, fühlen wir uns alle reich beschenkt. Vor drei Jahren habt Ihr
Euch entschlossen, im Großen Jubiläum des Jahres 2000 den Weihnachtsbaum für
den Petersplatz zu stiften. Schon damals hat der Heilige Stuhl das Angebot
angenommen, das heute Wirklichkeit wird. Der Christbaum ist ein sprechender Gruß
des Landes Kärnten und der Kirche von Gurk-Klagenfurt an alle, die sich an
Weihnachten aus der Stadt Rom und dem ganzen Erdkreis mit dem Zentrum der
Christenheit verbinden.
Ich danke allen, die sich um dieses Geschenk verdient gemacht
haben. Besonders grüße ich Euren verehrten Oberhirten Bischof Egon Kapellari
und alle Pilger, unter die sich der Landeshauptmann von Kärnten mit einer
offiziellen Delegation und der Bürgermeister von Gurk an der Spitze einer
Gruppe aus der Marktgemeinde eingereiht haben.
2. Wenn ich in den vergangenen Tagen von meinem Arbeitszimmer
auf den Petersplatz blickte, dann hat mich der Baum zur geistlichen Betrachtung
angeregt. Schon in meiner Heimat hatte ich Bäume sehr gern. Wenn man sie
anschaut, fangen sie gleichsam zu sprechen an. Ein Dichter sieht in den Bäumen
eindringliche Prediger: "Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie verkündigen
das Urgesetz des Lebens".
Im Blühen des Frühlings, in der Reife des Sommers, in den Früchten
des Herbstes und im Sterben des Winters erzählt der Baum das Geheimnis des
Lebens nach. Daher haben die Menschen von alters her auf das Bild des Baumes zurückgegriffen,
um sich mit den Grundfragen des eigenen Lebens auseinanderzusetzen.
3. Wie die Bäume, so brauchen auch die Menschen Wurzeln, die in
die Tiefe greifen. Denn nur wer tief genug in fruchtbarem Boden verwurzelt ist,
der steht fest. Er kann sich nach oben ausstrecken, um das Licht der Sonne
aufzunehmen, und gleichzeitig den Winden wehren, die ihn umwehen. Wer aber
glaubt, auf das Fundament verzichten zu dürfen, dessen Existenz hängt auf
Dauer wie Wurzeln ohne Erdreich in der Luft.
Die Heilige Schrift nennt uns das Fundament, in das wir unser
Leben einwurzeln können, um festen Stand zu haben. Der Apostel Paulus gibt uns
den guten Rat: "Bleibt in Jesus Christus verwurzelt und auf ihn gegründet.
Haltet in dem Glauben fest, in dem ihr unterrichtet worden seid" (vgl. Kol
2, 7).
4. Der Baum lenkt meine Gedanken noch in eine andere Richtung.
In unseren Häusern und Wohnungen ist es guter Brauch, den Christbaum neben die
Krippe zu stellen. Muß man da nicht an das Paradies denken, an den Baum des
Lebens, aber auch an den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen? Mit der
Geburt des Sohnes Gottes hat die neue Schöpfung begonnen. Der erste Adam wollte
sein wie Gott und aß vom Baum der Erkenntnis. Jesus Christus, der neue Adam,
war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte
sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich (vgl. Phil 2, 6f.):
von der Geburt bis zum Tod, von der Krippe bis zum Kreuz. Vom Baum des
Paradieses kam der Tod, vom Baum des Kreuzes erstand das Leben. So gehört der
Baum zur Krippe und deutet bereits auf das Kreuz, den Lebensbaum.
6. Herr Bischof, liebe Schwestern und Brüder! Noch einmal drücke
ich Euch gegenüber meine tiefe Dankbarkeit für Eure weihnachtliche Gabe aus.
Nehmt als Gegengabe die Botschaft des Baumes mit, wie sie der Psalmist in Worte
gefaßt hat: "Wohl dem Mann, der Freude hat an der Weisung des Herrn, über
seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht. Er ist wie ein Baum, der an
Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen
Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen" (Ps
1, 2f.).
Mit diesen Gedanken wünsche ich Euch allen sowie Euren Angehörigen
und Freunden daheim ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest im Heiligen Jahr
2000. Alles, was Ihr im Neuen Jahr beginnt, möge Euch mit Gottes Hilfe gut
gelingen. Die Heiligen Eurer Heimat seien Euch dabei mächtige Fürsprecher. Von
Herzen erteile ich Euch den Apostolischen Segen.
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