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 BEGEGNUNG MIT DEN KATHOLISCHEN BISCHÖFEN GRIECHENLANDS

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II. 

Freitag, 4. Mai 2001


Liebe katholische Bischöfe von Griechenland! 

1. Unsere Begegnung hier ist für mich außerordentlich wichtig und bedeutsam. Deshalb habe ich sie aufrichtig herbeigesehnt. Denn mit euch bin ich besonders stark in der Gemeinschaft verbunden. Ihr seid im engsten Sinn meine Familie in Griechenland, und in dieser Vertrautheit möchte ich mein Wort aus tiefstem Herzen an euch richten. 

Ich möchte euch vor allem eine Liebe als Vater und Bruder und die aufrichtige Bewunderung zum Ausdruck bringen, die ich für euch empfinde, denn ihr wacht oft unter sehr schwierigen Bedingungen über die Herde der katholischen Kirche. Ihr sorgt in vielen Fällen für kleine und verstreute Gemeinden und seid deren Hirten im wahrsten Sinn des Wortes. Ihr stärkt durch eure Person und euren Dienst das sichtbare Band der Einheit. Ihr leiht der Verkündigung des Wortes eure Stimme. Ihr seid die ersten Ausspender des sakramentalen Lebens für die katholischen Gemeinden dieses Landes. Und gerade wegen dieser Kontakte werdet ihr von euren Gläubigen besonders geschätzt, und eure Besuche erfüllen sie mit tiefer geistlicher Freude. Diese Dimension eines pilgernden Episkopats hat etwas an sich, das an die frühchristliche Zeit erinnert, deren lebendiger Zeuge dieser Boden in Griechenland ist. 

2. In diesem Land leben Brüder und Schwestern der orthodoxen Kirche, mit der wir im Glauben an den gemeinsamen Herrn eng verbunden sind. Wie sehr ist es unser Wunsch, daß sich alle Herzen öffnen und die Arme sich ausstrecken, um den brüderlichen Friedensgruß zu empfangen! Wie sehr ersehnen wir es, daß die Hirten dieses edlen Landes – sowohl jene der orthodoxen Kirche als auch diejenigen der katholischen Kirche –, nachdem die vergangenen Schwierigkeiten ausgeräumt wurden und die gegenwärtigen mit Mut und im Geist der Nächstenliebe angegangen werden, sich verantwortlich fühlen für die eine Kirche Christi und deren Glaubwürdigkeit vor den Augen der Welt! 

In der Vergangenheit haben geschichtliche Ereignisse, die mit der Mentalität und Lebensweise der damaligen Zeit verbunden waren, die Herzen entzweit. Aber das Gedächtnis ist für den Christen vor allem das Heiligtum, das das lebendige Zeugnis des Auferstandenen bewahrt. Das Gedächtnis ermöglicht die Tradition, der unsere Kirchen so viel verdanken; dem Gedächtnis ist das Sakrament anvertraut, das Garant der wirkenden Gnade ist: »Tut dies zu meinem Gedächtnis«, befiehlt uns der Herr beim letzten Abendmahl. 

Das Gedächtnis ist für den Christen ein zu hohes und edles Heiligtum, als daß es durch die Sünde der Menschen befleckt werden könnte. Diese kann zwar das Gewebe des Gedächtnisses schmerzlich verletzen, aber nicht zerreißen: Denn dieses Gewebe ist wie das nahtlose Gewand des Herrn Jesus, das niemand zu teilen wagte. 

Meine lieben Brüder, wirken wir unermüdlich dahin, daß das Gedächtnis die großen Taten, die Gott in uns vollbracht hat, von neuem erstrahlen läßt; weiten wir den Blick über die Erbärmlichkeiten und Sünden hinaus und richten wir ihn auf den Himmel und den Thron des Lammes, wo die ewige Liturgie des Lobes von Menschen in weißen Gewändern und aus allen Völkern und Sprachen gesungen wird. Dort sehen sie Gottes Angesicht, aber nicht mehr »per speculum et in aenigmate«, sondern wie er wirklich ist. Dort oben weicht das Gedächtnis, und an seine Stelle tritt die Fülle, in der es keine Tränen, keinen Tod mehr gibt, denn das Alte ist vergangen. 

3. Ihr seid Bischöfe an vorderster Front: Gerade wegen der besonderen Umstände, unter denen ihr lebt, seid ihr besonders empfänglich und anspruchsvoll, und ihr wünscht, daß die Hindernisse, die der vollen Einheit entgegenstehen und in euch und euren Gläubigen so viel Leid verursachen, auf dem raschesten Weg überwunden werden. Ihr unterstreicht die euch gebührenden Rechte und treibt dadurch die katholische Kirche manchmal mit Ungeduld an, Schritte zu unternehmen, die immer entschiedener die gemeinsamen Fundamente aufzeigen können, die die alten Kirchen Christi vereinen. 

Ich danke euch für diese eifrige Sorge, die mit so viel Hochherzigkeit verbunden ist. Ich versichere euch, daß ich diese brennende Sehnsucht mit euch teile, daß die Einheit der Kirche so bald wie möglich in ihrer ganzen Gesamtheit sichtbar werde. Und ich stimme mit euch darin überein, daß die Anstrengungen fortgesetzt werden, die das II. Vatikanische Konzil nachhaltig in Erinnerung rufen und verstärken wollte – mit dem Ziel, daß die katholische Kirche sich in ihrem inneren Gefüge alltäglicher Erfahrung immer eifriger bemüht, den Grundstein für ein besseres Verständnis mit den Brüdern und Schwestern der anderen Kirchen zu legen, die es zugleich nicht versäumen werden, ihren Teil bei der Suche der Gemeinschaft beizutragen. 

Aber ihr wißt auch, daß das Reifen viel Zeit erfordert, kluge Annäherung, offene und lange Auseinandersetzung. Das setzt das Üben der geduldigen Nächstenliebe voraus, damit Klerus und Gläubige allmählich die notwendigen Änderungen aufnehmen und befolgen, indem sie diese im Innern erfassen und selbst ihre Wortführer werden. Ebensowenig darf man vergessen, daß die katholische Kirche nach den schmerzlichen Spaltungen der Vergangenheit reiche Erfahrung gesammelt und einige Aspekte des Glaubens in besonderer Weise geklärt hat. 

Der Heilige Geist verlangt von uns, daß das alles geprüft wird, daß neue Formen – oder vielleicht alte wiederentdeckte Formen – angewandt werden, aber mit der Gewißheit, daß nichts vom Glaubensgut verloren geht oder auch nur in den Schatten gestellt wird. Diese doppelte Anstrengung der Öffnung und der Treue hat mein Pontifikat inspiriert. Ich bin sicher, daß sie auch den Grund eurer Wünsche und Bestrebungen bildet. 

4. Während eures »Ad-limina«-Besuches von 1999 wollte ich euch einige konkrete pastorale Weisungen anbieten, auf die ich hier nicht zurückkommen will. Sie scheinen mir noch gültig, und an ihnen könnt ihr Maß nehmen bei der Ausarbeitung eurer Pläne für das euch anvertraute Volk. Heute möchte ich besonders hervorheben, daß der Papst mit euch hier in diesem Land ist, um euch auch eine physische Solidarität zu bekunden und euch seiner aufrichtigen und liebevollen Hochschätzung und seines unermüdlichen Gedenkens im Gebet zu versichern. 

Ich wünschte, ich könnte die lieben Söhne und Töchter der katholischen Kirche einzeln empfangen. Bei meiner Pilgerfahrt auf den Spuren des Apostels Paulus finde ich lebendige Gemeinden vor. Ich bin glücklich, mit ihnen beten und die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen und unter uns feiern zu können. Ich umarme vor allem durch euch die Priester und Diakone, die die ihnen anvertrauten Gemeinden hüten, nähren und im Glauben und in der Liebe stärken; sie tun es gemeinsam mit den Ordensleuten, deren Anwesenheit für die katholische Kirche in Griechenland notwendig ist. Vergessen wir nie, daß diese Gebiete durch ihr antikes Zeugnis Heiligtümer des Glaubens sind und daß aus dem Schatz der Vergangenheit die geistliche Kraft geschöpft werden muß, damit wir in der Welt von heute unseren Dienst erfüllen können. 

Den jungen Menschen wünsche ich, daß sie mit Zuversicht den Weg des neuen Griechenlands gehen, das immer lebendiger in Europa eingegliedert und immer weltweiter und damit notwendigerweise offener für den Dialog und die Anerkennung der Rechte aller wird; es wird aber auch stärker den Gefahren einer zügellosen Säkularisierung ausgesetzt, die dazu neigt, den Lebenssaft auszutrocknen, der der Seele Frische und der menschlichen Person Hoffnung gibt. Die Alten und die Kranken, die dem Kreuz des Herrn besonders nahe sind, möchte ich die ganze barmherzige Brüderlichkeit der Kirche fühlen lassen. 

5. Teure und liebe Brüder, ihr seid aufgrund der Vielzahl der Situationen im Hinblick auf Pastoral und Riten stellvertretend für die Vielfalt in der Einheit innerhalb der katholischen Kirche. Und die ganze katholische Kirche bezeigt euch heute in meiner Person ihre Solidarität und ihre Liebe. Fühlt euch nicht verlassen, verliert nicht die Hoffnung. Der Herr hält gewiß unverhoffte Tröstungen für diejenigen bereit, die sich ihm anvertrauen. Handelt immer gemeinsam, mit der Zartheit der Nächstenliebe und dem Mut der Wahrheit. 

Seid sicher, daß der Papst an euch denkt und euch Tag für Tag begleitet; er betet täglich für euch, und von jetzt an beseelt von der Freude dieser Begegnung. 

Euch und euren Gemeinschaften erteile ich meinen besonderen Segen.     

 

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