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BEGEGNUNG MIT JUGENDLICHEN IN
DER GRIECHISCH-KATHOLISCHEN KATHEDRALE VON DAMASKUS
ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
Montag, 7. Mai 2001
Liebe Jugendliche! 1. »Friede sei mit euch!« Heute abend
richte ich an euch den österlichen Gruß des auferstandenen Herrn an seine
Jünger. Es ist mir eine Freude, euch zum Abschluß meiner Pilgerreise auf den
Spuren des Apostels Paulus in Syrien zu begegnen. Ich danke den Jugendlichen,
die mich in eurem Namen begrüßt haben. Ihr gehört unterschiedlichen
christlichen Konfessionen an, aber ihr möchtet alle vereint auf den einen Herrn
hören und auf ihn zugehen: Eure Anwesenheit hier sei das Zeichen eures
gemeinsamen Engagements, euch mit der Gnade Christi an der Förderung der
sichtbaren und vollen Einheit unter allen Christen zu beteiligen! Herzlich
grüße ich Seine Seligkeit den Patriarchen Gregor III. und danke ihm für die
Willkommensworte, die er im Namen der Bischöfe des griechisch-melkitischen
Patriarchats von Antiochien an mich gerichtet hat. In dieser Kathedrale gehen
meine brüderlichen Gedanken auch an den verehrten Patriarchen Maximos Hakim,
der sich von seiner Residenz in Beirut aus uns im Gebet anschließt. 2.
Der Abschnitt aus dem Brief an TImotheus, den wir gehört haben, ist eine
Ermutigung für euch: »Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch
mit ihm leben; wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen;
wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen. Wenn wir untreu sind,
bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen« (2 Tim 2,11
– 13). Liebe Jugendliche! Ihr durchlebt eine Zeit mit vielen Fragen und
Unsicherheiten. Christus aber ruft euch und erweckt in euch den Wunsch, etwas
Großes und Schönes aus eurem Leben zu machen, den Willen, ein Ideal zu
verfolgen, die Weigerung, der Mittelmäßigkeit nachzugeben, und den Mut zu
beharrlichem und geduldigem Engagement. 3. Um auf diesen Ruf zu
antworten, sollt ihr ständig nach Vertrautheit mit dem Herrn des Lebens suchen,
indem ihr treu in seiner Gegenwart bleibt durch das Gebet, die Kenntnis der
Schrift, die Begegnung in der Eucharistie und das Sakrament der Versöhnung. So
werdet ihr euer »Inneres«, wie der Apostel Paulus es nennt, aufbauen und
stärken. Die innige Beziehung zum Herrn ist auch das Geheimnis eines
fruchtbringenden Daseins, denn es ist angeordnet um das für jeden Menschen
zentrale Element, nämlich der Dialog mit Demjenigen, der unser Schöpfer und
Erlöser ist. Auf diese Weise wird euer Leben nicht oberflächlich, sondern tief
verwurzelt sein in den spirituellen, sittlichen und menschlichen Werten, die das
Rückgrat jeden Wesens und allen Lebens sind. Erinnert euch daran, daß man
nicht Christ sein und gleichzeitig die auf Jesus Christus gegründete Kirche
ablehnen kann; daß man sich nicht als gläubig bezeichnen kann ohne Gesten des
Glaubens zu tun; daß man sich nicht als spirituelle Männer und Frauen
bezeichnen kann, ohne sich von Gott im demütigen und freudigen Hören auf
seinen Geist und in der Aufgeschlossenheit gegenüber seinem Willen formen zu
lassen. Dann werdet ihr in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen und
euch mit ganzer Kraft zu engagieren. Vielleicht stellt ihr euch heute Fragen wie:
Welchen Weg soll ich gehen? Was soll ich aus meinem Leben machen? Wem soll ich
folgen? Habt keine Angst davor, euch Zeit zum Nachdenken mit den Erwachsenen zu
nehmen, um ernsthafte Überlegungen über die vor euch stehenden Entscheidungen
anzustrengen. Sie setzen voraus, daß ihr auf Christus hört, der euch einlädt,
ihm nachzufolgen auf den anspruchsvollen Pfaden eines mutigen Zeugnisses im
Dienst an den Werten, für die es sich zu leben und sein Leben hinzugeben lohnt:
Wahrheit, Glaube, Menschenwürde, Einheit, Friede, Liebe. Mit der Hilfe Christi
und seiner Kirche werdet ihr Tag für Tag mehr zu freien und
verantwortungsbewußten Männern und Frauen, die sich aktiv in das Leben ihrer
Kirche, in die Beziehungen zwischen den religiösen und menschlichen
Gemeinschaften und in den Aufbau einer immer gerechteren und brüderlicheren
Gesellschaft einbringen möchten. 4. Der Herr Jesus fordert von seinen
Jüngern, »Zeichen« in der Welt zu sein und dort, wo sie leben und
arbeiten, sichtbare und glaubhafte Werkzeuge seiner Heilsgegenwart zu sein.
Nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch einen besonderen Lebensstil
mit freiem Herzen und kreativem Geist werdet ihr die Jugendlichen eurer
Generation entdecken lassen, daß Christus eure Freude und euer Glück ist.
Dabei darf man nicht der heutzutage weit verbreiteten irrigen Meinung
unterliegen, wonach der Glaube am Leben vorbeigeht und das Leben ohne Glauben
auskommt. Wesen und Dasein des Christen müssen um ihren zentralen Pol vereint
werden: die Treue zu Jesus Christus; so kann der Christ mit dem Apostel
unablässig wiederholen: »Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe« (2 Tim
1,12). 5. Ebenso wie die Heiden an Philippus herantraten und ihn baten:
»Wir möchten Jesus sehen« (Joh 12,21), oder wie die Person, die Paulus
in seiner Vision sah: »Komm [...] und hilf uns« (Apg 16,9), so möchten
auch die Menschen von heute in ihrem tastenden Suchen – oft ohne es zu wissen
– Christus, den einzigen Erlöser, kennenlernen. Liebe Jugendliche! Heute lade
ich euch ein, mit Mut und Treue von Jesus Christus zu sprechen, besonders
gegenüber den jungen Menschen eurer Generation; doch nicht nur von Jesus
Christus zu sprechen, sondern auch und vor allem ihn sichtbar werden
zu lassen. Wenn sie euer Leben sehen, müssen eure Landsleute sich fragen
können, was euch dabei leitet und was eure Freude ausmacht. Dann werdet ihr
ihnen antworten können: »Kommt und seht.« Die Kirche zählt sehr auf euch,
damit Christus besser bekannt gemacht und tiefer geliebt werde. Wie bei den
Aposteln und den Frauen am Ostermorgen so ergibt sich auch eure Sendung, die die
Sendung aller Getauften ist, aus der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn (vgl.
Joh 20,11 – 21.25). Die Liebe drängt uns zur Weitergabe dieser frohen
Botschaft, die unser Leben und das Schicksal der Welt verändert. 6.
Liebe junge Menschen! Die Zukunft des Christentums in eurem Land ist gebunden an
die Annäherung und Zusammenarbeit zwischen den hier lebenden Kirchen und
kirchlichen Gemeinschaften. Ihr seid euch dessen bewußt und arbeitet schon
jetzt daran. Das Miteinander, das ihr glücklicherweise in eurem täglichen
Leben erlebt – in euren Stadtvierteln, Schulen oder Ausbildungseinrichtungen,
in euren Gruppen oder Jugendaktivitäten –, liegt euch am Herzen. Es bereitet
euch schon jetzt darauf vor, eure Zukunft als Christen in Syrien gemeinsam zu
gestalten. Vertieft immer mehr all das, was euch eint. Denkt über das
Evangelium nach, ruft den Heiligen Geist an, hört auf das Zeugnis der Apostel,
betet voller Freude und Dankbarkeit. Liebt eure kirchlichen Gemeinschaften: Sie
vermitteln euch den Glauben und das Zeugnis, für das eure Vorfahren einen oft
sehr teuren Preis bezahlt haben. Sie zählen auf euren Mut und eure Heiligkeit
als Grundlagen jeder echten Versöhnung. Das Gebet Christi »Alle sollen eins
sein« möge in euren Herzen wie eine Einladung und eine Verheißung erklingen!
Euer Land zeichnet sich auch durch das friedvolle Zusammenleben aller Teile der
Bevölkerung aus. Ich schätze dieses solidarische und friedliche Miteinander
und hoffe, daß alle sich als wesentliche Glieder einer Gemeinschaft fühlen
können, in der es ihnen in Freiheit ermöglicht wird, ihren Beitrag zum
Gemeinwohl zu leisten. Liebe Jugendliche, ihr müßt den Gott, den ihr
entdeckt habt, der Welt weiterschenken. Die christliche Logik ist
wirklich originell! Niemand kann dieses Geschenk behalten, wenn er es nicht
selbst weiterschenkt. Es ist dieselbe Logik, die der göttliche Meister, der
sich erniedrigt und gedemütigt hat bis zum äußersten Opfer, schon vor euch
vorgelebt hat. Deshalb wurde er erhöht, und es wurde ihm der Name verliehen,
der größer ist als alle Namen (vgl. Phil 2,5 – 11). Die wahre
Fruchtbarkeit jedes Daseins geht durch diese radikale Erfahrung des Mysteriums
der Passion und Auferstehung. 7. Gemeinsam mit euren Patriarchen und
Bischöfen, mit den Priestern und mit der ganzen Kirche möchte ich euch heute
abend erneut zurufen: Seid in eurem Lebensumfeld treue Zeugen des Wortes des
Lebens! Eure regelmäßige Anwesenheit und eure Mitarbeit in den Pfarreien und
kirchlichen Bewegungen, eure brüderliche und solidarische Fürsorge für die im
Körper und Geist Leidenden, euer verantwortungsvoller Einsatz für den Aufbau
einer Gesellschaft, die die Rechte aller achtet und Gemeinwohl und Frieden
fördert: Dies sind die Verpflichtungen, die ihr gemäß eurer Zugehörigkeit zu
Christus und eures Entschlusses, den Menschen zu dienen, leben müßt. Liebe
junge Christen: Bezeugt das »Evangelium der Nächstenliebe«. Liebe Jugendliche
Syriens: Baut die »Zivilisation der Liebe« auf. Dies mache ich euch mit
großer Hoffnung und großem Vertrauen zum Auftrag. 8. Von Herzen
wiederhole ich euch gegenüber die Einladung, die ich anläßlich des Heiligen
Jahres an die Jugendlichen der Welt gerichtet habe: »Habt keine Angst, die
Heiligen des neuen Jahrtausends zu sein! … Mit Christus wird es möglich, die
Heiligkeit – der göttliche Plan für jeden Getauften – zu verwirklichen …
Jesus geht mit euch, er erneuert euer Herz und stärkt euch mit der Kraft seines
Geistes« (Botschaft zum 15. Weltjugendtag, 3, in: O. R. dt., Nr. 29/30
vom 16.7.1999, S. 10). Ich segne euch alle sowie eure Familien von
ganzem Herzen. Vor der offiziellen Ansprache hatte der Papst auf
französisch folgendes improvisiert:
Liebe Freunde, als die
Kardinäle mich auf den Stuhl Petri gewählt haben, habe ich zu den Jugendlichen
gesprochen und ihnen gesagt: Ihr seid meine Hoffnung, ihr seid die Hoffnung der
Kirche. Dreiundzwanzig Jahre später wiederhole ich euch mit noch
größerer Überzeugung: Ihr seid meine Hoffnung! Ihr seid die Hoffnung der
Kirche! Heute möchte ich hinzufügen: Ihr seid die Hoffnung Syriens! Hoffnung
auf Frieden, auf Einheit, auf die Zivilisation der Liebe, ihr seid die Hoffnung.
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