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ANSPRACHE VON JOHANNES
PAUL II. AN DIE TEILNEHMER DER 12. GENERALVERSAMMLUNG DES
PÄPSTLICHEN INSTITUTS FÜR AUSWÄRTIGE MISSIONEN
Liebe Brüder!
1. Mit großer Freude empfange ich euch heute und entbiete euch meine
herzlichen Willkommensgrüße. Zum Abschluß der Feierlichkeiten anläßlich
eures 150. Gründungsjahres und im Rahmen eurer 12. Generalversammlung habt ihr
mir einen Besuch abstatten wollen, um eurer Treue zum Nachfolger Petri und eurer
Verbundenheit mit der gesamten Kirche Ausdruck zu verleihen. Ich begrüße euch
in tiefer Zuneigung.
Vor allem wende ich mich an den neuen Generaloberen, P. Giambattista Zanchi,
dem ich meine besten Wünsche ausspreche für die schwierige Aufgabe, die ihm im
Dienst am Institut und an der Kirche anvertraut worden ist. Gleichzeitig möchte
ich P. Franco Cagnasso für seine wertvolle Arbeit danken, die er als
Generaloberer eurer Bruderschaft leistet. Mein Gruß gilt auch den Mitgliedern
des neuen Hauptverwaltungsrates. In euch, meine Lieben, erkenne ich die
Gesichter zahlreicher Missionare des Päpstlichen Instituts für auswärtige
Missionen, die ihren selbstlosen Dienst in vielen Regionen der Welt leisten.
Alle umarme ich im Geiste, eingedenk jener hochherzigen Einsatzbereitschaft, mit
der sie das Wort Gottes trotz zahlreicher Schwierigkeiten und Hindernisse
verbreiten.
Eure dem Gebet und der Reflexion gewidmete Versammlung fand wenige Monate
nach Beendigung des Großen Jubiläums statt, jenes außerordentlichen
Gnadenereignisses für die Kirche, und zu Beginn eines neuen Jahrtausends, in
dem die christliche Gemeinschaft sich mit neuer Zuversicht und Hoffnung der Verkündigung
Christi, des einzigen Erlösers der Menschheit, widmet. Das heutige Treffen
findet unmittelbar vor dem Pfingstfest statt: In unserem Geiste hallt die
Weisung des Herrn wider, hinauszugehen, alle Völker zu lehren und sie auf den
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen (vgl. Mt
28,19). Die gleiche Kraft des Geistes spornte die erste christliche Gemeinde an,
unser Schritte auf den Spuren Christi zu lenken.
2. Tage und Jahrhunderte vergehen, doch Christus bleibt derselbe gestern,
heute und in Ewigkeit. Er ist das Zentrum des persönlichen und
gemeinschaftlichen Lebens derer, die ihm angehören. Daher müssen wir stets von
ihm ausgehen, um den Sinn der Sendung zu verstehen, die er der Kirche anvertraut
hat.
Wenn ihr die Absicht habt, das Charisma eures Instituts zu überdenken, um es
neu zu beleben, ist es auch unter diesem Gesichtspunkt notwendig, von der
zentralen Stellung Christi im gemeinschaftlichen Leben und im persönlichen
Zeugnis auszugehen. Falls euer Handeln von einer »christologischen Schwäche«
durchsetzt sein sollte, könnte euer Evangelisierungswerk Gefahr laufen, auf
eine vorwiegend sozial-karitative Aktivität oder auf pastorale Organisation beschränkt
zu sein. Eure Gesellschaft entstand hingegen, um fromme und hochherzige Seelen
zusammenzuführen, »die sich Gott hingeben, erfüllt von dem Wunsch, sich der
Ausbreitung seines heiligen Reiches zu widmen« (Grundsätze und Normen für
das Missionsinstitut, Vorbemerkung).
Heute wie auch gestern seid ihr in die Welt ausgesandt um Christus
anzugehören, ohne Furcht, »daß das eine Beleidigung für die Identität des
anderen sein könnte, was frohe Verkündigung eines Geschenkes ist:eines
Geschenkes, das für alle bestimmt ist und allen mit größter Achtung der
Freiheit eines jeden angeboten werden soll. Es ist das Geschenk der Verkündigung
des Gottes, der Liebe ist und ›die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen
einzigen Sohn hingab‹ (Joh 3,16)« (Novo millennio ineunte, 56).
Der Glaube wird gestärkt, indem man ihn weiterschenkt!
Gewiß müssen die Schwierigkeiten und Probleme, denen die Menschheit in
ihrer Komplexität heute gegenübersteht, angemessene Beachtung finden. Ich
denke beispielsweise an das Aufkommen neuer weltweiter Sichtweisen wie etwa die
Globalisierung, der Ethnozentrismus oder die Versuchung, sich eine
»Do-it-yourself-Religion« zu schaffen. Ich denke an die keineswegs geringe
Anzahl von Ländern, die für Missionar und direkte Evangelisierung verschlossen
bleiben. Auch dürfen spezifische Probleme nicht unterbewertet werden, wie die
rückläufige Anzahl der Institutsmitglieder und die sich daraus ergebende
Überalterung sowie die mitunter problematische Begegnung zwischen Mitgliedern
unterschiedlicher Herkunft. Dennoch müssen wir mit Gottes Gnade voll Zuversicht
in die Zukunft schauen. Gestärkt durch die geheimnisvolle Gegenwart Christi
müssen wir uns auf den weiten Ozean hinauswagen, der sich vor der Kirche des
dritten Jahrtausends auftut, und mit Zuversicht »hinausfahren«.
3. Erlaubt mir, an dieser Stelle die vier wesentlichen Dimensionen
aufzugreifen, die – wie auch aus dem Arbeitsprogramm der Generalversammlung
hervorgeht – die Identität eures Instituts kennzeichnen. In erster Linie ist
der Missionar des Päpstlichen Instituts für auswärtige Missionen »ad
extra« ausgesandt; das heißt, er verläßt seine Heimat, seine Kultur, ja
selbst seine Ortskirche, um dort, wohin der Herr ihn ruft, das Kreuz zu verkünden.
Der eindrucksvolle Ritus der Übergabe des Kreuzes und der Abfahrt bedeutet,
daß ihr als Geschenk Gottes an die Menschheit und die Gemeinden ausgesandt seid,
bei denen ihr euer pastorales Amt ausübt.
Zweitens ist eure Mission eine »missio ad gentes« und somit eine
stete Verpflichtung, diejenigen zu erreichen, die »fern« stehen, vor allem
jene, die das Evangelium noch nicht kennen. Dies wiederum erfordert große
Kreativität, um die Botschaft des Evangeliums zu inkulturieren, intensive
Bereitschaft und Fähigkeit zum Dialog, konstante Aufmerksamkeit für die
Anforderungen der menschlichen Entwicklung, des Kampfes gegen Ungerechtigkeiten,
der Verteidigung der Ärmsten und Entrechteten. Wenn es euch gelingt, neue
Berufungen für den internationalen Kulturaustausch heranzubilden, könnt ihr
voller Hoffnung sein, über Missionare zu verfügen, die in Einheit zusammenarbeiten
und dennoch ihr berechtigten Verschiedenheiten wahren.
Drittens ist eure Weihe »ad vitam«. Sie ist die Antwort auf eine
Berufung und einen Plan, die die gesamte Existenz erfassen und das ganze Leben
lang dauern. Sie ist die vollkommene Übereignung an Christus für die Mission.
Die grundlegenden Akzente eurer Spiritualität liegen demnach mehr auf dem Sein
als auf dem Tun, eingedenk der Worte Christi: »Wenn ihr standhaft bleibt, werdet
ihr das Leben gewinnen« (Lk 21,19).
Eine weitere Charakteristik ist die gemeinschaftliche Verwirklichung
eures apostolischen Werkes. Ihr seid Missionare unterschiedlicher Nationalität,
Geistliche und Laien, die ein auf die Mission hingeordnetes Gemeinschaftsleben
führen. Die Spiritualität der Gemeinschaft ist das wahrhaftigste Zeugnis
Christi, das ihr der Welt geben könnt, jede Verschiedenheit in der Einheit
harmonisch zu verbinden, damit sie zum Reichtum aller werde. Dies erfordert
einen beständigen Prozeß persönlicher Kenosis, in dem sich jeder einzelne,
Priester oder Laie, dem anderen öffnet. Unübersehbar ist in dieser Hinsicht
die Nützlichkeit der weltlichen Dimension der missionarischen Aufgabe, als
Antwort auf die Zeichen der Zeit, die die Präsenz des Laien im Bereich der
Evangelisierung erfordern. Wichtig ist, daß Geistliche und Laien es verstehen
zusammenzuarbeiten, damit die Verschiedenheit des Amtes zum Reichtum aller und
zum vielsagenden Zeugnis Christi werde.
4. Liebe Missionare, die Gnade Gottes öffnet jeden Tag neue
Evangelisierungs- und Einsatzmöglichkeiten. Hört auf den Geist, der euch ruft;
antwortet ihm mit Großherzigkeit, indem ihr die Herausforderungen der heutigen
Stunde annehmt. Fürchtet euch nicht, dorthin zu gehen, wo der Missionar aus
politischen, gesellschaftlichen, ideologischen oder auch religiösen Gründen
nicht als solcher angenommen wird.
Vergeßt ferner nicht, daß auch in den seit langem christianisierten
Ländern eine starke missionarische Präsenz erforderlich ist, insbesondere in
den Städten, wo die Notwendigkeit einer Neuevangelisierung, wenn nicht sogar in
manchen Fällen einer Erstverkündigung Christi offenkundig ist. Die Geschichte
eures Instituts ist eine lange Beschreibung der Begegnung und des Dialogs mit
anderen Religionen. Möget ihr diesen Weg beharrlich fortsetzen; freut euch an
dem darin enthaltenen Reichtum und vermittelt euren Gesprächspartnern das
besondere Geschenk eures christlichen Glaubens.
Der Obhut Mariens, Stern der Evangelisierung, vertraue ich eure gesamte
Familie an; möge sie euch unterstützen und Trost spenden. Sie schütze euch
zusammen mit den Heiligen und Seligen, die ihre ganze Existenz der Mission
gewidmet haben. Es begleite euch auch mein Segen, den ich von ganzem Herzen euch,
euren Mitbrüdern und all jenen erteile, denen ihr bei der Ausübung eures Amtes
begegnet.
Aus dem Vatikan, 1. Juni 2001
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