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Botschaft
von Papst Johannes Paul II. an Kardinal Roger Etchegaray anläßlich
des 15. Internationalen Treffens des Gebets für den Frieden in
Barcelona
Herrn Kardinal Roger Etchegaray, emeritierter
Präsident der Päpstlichen Räte »Justitia et Pax« und »Cor Unum«
Gern richte ich durch Sie meinen herzlichen Gruß an die werten Vertreter der
großen Weltreligionen, die sich in diesem Jahr in Barcelona zum 15.
Internationalen Treffen des Gebets für den Frieden versammeln unter dem
Leitwort: »Grenzen des Dialogs: Religionen und Zivilisationen im neuen
Jahrhundert.«
Das diesjährige Treffen ist ein wichtiger Meilenstein, nicht nur weil es zum
fünfzehnten Mal durchgeführt wird, sondern auch weil Ihr hierdurch aufzeigen
wollt, wie man diesen neuen Zeitabschnit beginnen soll. Dies soll nicht nur
durch Debatten und Reflexionen geschehen, die in diesen Tagen abgehalten wurden,
sondern auch und vor allem durch Eure Anwesenheit; durch sie zeigt Ihr der Welt,
daß es gut ist, das 21. Jahrhundert nicht mit Streitigkeiten, sondern mit einer
gemeinsamen Vision zu beginnen: mit dem Traum von der Einheit der
Menschheitsfamilie.
Ich habe mir diesen Traum zu eigen gemacht, als ich im Oktober 1986 meine
christlichen Brüder und die Führer der großen Weltreligionen nach Assisi
einlud, um für den Frieden zu beten: einer mit dem andern und nicht einer gegen
den andern. Ich wollte, daß wirklich alle, Kinder und Erwachsene, Frauen und
Männer, in einer Welt, die noch in zwei Blöcke gespalten und von der Furcht
vor einem Atomkrieg befangen war, sich aufgerufen fühlten, eine Zukunft in
Frieden und Wohlstand aufzubauen. Ich hatte ein großartiges Bild vor Augen:
Alle Völker der Welt machen sich von verschiedenen Punkten der Erde aus auf den
Weg, um sich vor dem einen Gott als eine einzige Familie zu versammeln. Dieser
Traum wurde an jenem denkwürdigen Nachmittag in der Geburtsstadt des hl.
Franziskus Wirklichkeit: Zum ersten Mal trafen Vertreter der verschiedenen
Weltreligionen zusammen.
Seitdem sind fünfzehn Jahre vergangen. Ich benütze nun die Gelegenheit, um
der Gemeinschaft »Sant’ Egidio« aufrichtig dafür zu danken, daß sie diese
Initiative unterstützt und voll Hoffnung Jahr für Jahr weitergeführt hat, so
daß die Bemühungen um den Frieden trotz großer Schwierigkeiten unablässig
fortgesetzt wurden. Diese Tage verlaufen jeweils in einer brüderlichen
Atmosphäre, die ich als »Geist von Assisi« bezeichnet habe.
In den vergangenen Jahren hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt, die
sich über viele Teile der Welt erstreckt und viele Früchte des Friedens
gebracht hat. Viele kirchliche Würdenträger haben sich den ersten Teilnehmern
im Gebet und in der Reflexion angeschlossen. Auch nichtglaubende, aber
aufrichtig nach der Wahrheit suchende Personen haben am Dialog dieser Treffen
teilgenommen und daraus große Hilfe geschöpft.
Ich danke Gott, der reich an Erbarmen und Gnade ist, für den Weg, der in den
vergangenen Jahren zurückgelegt wurde. Ich beglückwünsche Euch alle zu dieser
Initative. Die Männer und Frauen der Welt sehen, daß Ihr gelernt habt,
miteinander umzugehen und zu beten, jeder nach seiner religiösen Tradition,
ohne Vermischung und in gegenseitiger Achtung, während die eigenen Bekenntnisse
unversehrt und fest bleiben. In einer Gesellschaft, in der Personen
unterschiedlicher Religion zusammenleben, setzt diese Begegnung ein Zeichen des
Friedens. Alle können sehen, daß der Friede unter den Völkern in diesem Geist
keine ferne Utopie mehr ist.
Deshalb wage ich zu behaupten, daß diese Begegnungen ein »Zeichen der Zeit«
geworden sind, wie der sel. Johannes XXIII. ehrwürdigen Andenkens sagen würde:
ein angemessenes Zeichen für das immer mehr vom kulturellen und religiösen
Pluralismus geprägte 21. Jahrhundert und dritte Jahrtausend, damit deren
Zukunft von Anfang an durch den brüderlichen Dialog erleuchtet wird und so für
die friedliche Begegnung offen ist. Ihr zeigt auf sehr deutliche Weise, wie eine
der heikelsten und dringendsten Aufgaben unserer Zeit zu bewältigen ist. Der
Dialog zwischen den verschiedenen Religionen vertreibt nicht nur »das düstere
Gespenst der Religionskriege, die viele Epochen der Menschheitsgeschichte mit
Blut überzogen haben« (Novo millennio ineunte, 55), sondern er schafft
eine sichere Voraussetzung für den Frieden. Wir alle haben als Gläubige diese
ernste und zugleich leidenschaftliche Pflicht: »Der Name des einzigen Gottes
muß immer mehr zu dem werden, was er ist, ein Name des Friedens und ein
Gebot des Friedens« (ebd.).
Ihr habt Euch in dieser katalanischen Stadt versammelt, die mir so lieb ist.
Sie liegt am Mittelmeer und blickt auf einen sehr weiten Horizont. Ich richte
bei dieser Gelegenheit einen brüderlichen Gruß an die Erzdiözese Barcelona
und ihren verdienstvollen Erzbischof Kardinal Ricardo Maria Carles Gordo und
danke für die Mithilfe bei der Verwirklichung dieses Treffens. Zugleich grüße
ich voll Hochachtung die Regierung von Katalonien und ihren Präsidenten
sowie die Stadtgemeinde Barcelona und ihren Bürgermeister, die diese
lobenswerte Initiative ermöglicht haben.
Liebe Brüder und Schwestern, gemeinsam »fahren wir hinaus« zum
ökumenischen Dialog, damit das dritte Jahrtausend das der Einheit um den einen
Herrn Jesus Christus werde! Das Ärgernis der Spaltung darf nicht mehr
hingenommen werden. Es ist eine wiederholte Absage an die Liebe Gottes. Erheben
wir unsere Stimme in der Kraft der Liebe, die er uns gezeigt hat, damit wir den
Mut haben, gemeinsam voranzugehen.
Mit Euch Vertretern der großen Weltreligionen müssen wir auch auf dem
weiten Ozean dieser Welt »hinausfahren«, um allen dabei zu helfen, den Blick
zu erheben und nach oben zu schauen, auf den einen Gott und Vater aller Völker
der Erde. Wir werden erkennen, daß die Unterschiede nicht zur Konfrontation,
sondern zur Achtung anspornen, zur ehrlichen Zusammenarbeit und zum Aufbau des
Friedens. Wir alle müssen auf den Dialog und die Liebe setzen als die einzigen
Wege, die uns erlauben, die Rechte eines jeden zu achten und die großen
Herausforderungen des neuen Jahrtausends zu bewältigen.
Aus dem Vatikan, am 28. August 2001, dem Fest des hl. Augustinus
JOHANNES PAUL II.
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