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Ansprache von Johannes Paul II.
an neuen Botschafter der
Vereinigten Staaten von Amerika
beim Heiligen Stuhl anläßlich der
Überreichung der Beglaubigungsschreiben

Donnerstag, 13. September 2001

 

Herr Botschafter!

Gerne nehme ich das Beglaubigungsschreiben entgegen, das Sie zum außerordentlichen bevollmächtigten Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika beim Hl. Stuhl ernennt. Ihr Amtsantritt erfolgt in einem zutiefst tragischen Augenblick für Ihr Land. In dieser Zeit landesweiter Trauer um die Opfer der Terroranschläge auf Washington und New York versichere ich Sie persönlich meiner aufrichtigen Anteilnahme am Schmerz des amerikanischen Volkes und meines innigen Gebets für den Präsidenten und die zivilen Autoritäten, für alle, die an den Rettungsaktionen beteiligt sind und sich um die Überlebenden und insbesondere um die Familien der Opfer kümmern. Möge diese unmenschliche Tat in den Herzen aller Völker der Erde zu dem festen Entschluß führen, jede Form der Gewalt zurückzuweisen, alles zu bekämpfen, was Haß und Zwietracht in der Menschenfamilie hervorruft, und sich für den Anbruch einer Epoche einzusetzen, die von den höchsten Idealen – Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden – gekennzeichnet ist.

Während meines jüngsten Treffens mit Präsident Bush betonte ich meine tiefe Hochachtung für den großen Reichtum menschlicher, religiöser und moralischer Werte, die im Laufe der Zeit den amerikanischen Charakter geformt haben. Ich brachte meine Überzeugung zum Ausdruck, daß die fortdauernde moralische Führungsrolle Amerikas in der Welt von der Treue zu ihren Gründungsprinzipien abhängt. Dem Freiheitsstreben Ihrer Nation, ihrem Verlangen nach Selbstbestimmung und Chancengleichheit liegen universale Wahrheiten zugrunde, die ihren religiösen Wurzeln entstammen. Auf ihnen beruht der Respekt vor der Heiligkeit des Lebens und vor der Würde einer jeden menschlichen Person, die nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen ist; zudem sind sie die Grundlage für die gemeinsame Verantwortung für das Wohl aller, für die Sorge um die Erziehung und Ausbildung junger Menschen und die Zukunft der Gesellschaft sowie für die Notwendigkeit eines weisen und umsichtigen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen, die ein gütiger Gott uns so reichlich zur Verfügung gestellt hat. Angesichts der zukünftigen Herausforderungen ist Amerika aufgerufen, die höchsten Werte seines nationalen Erbes zu wahren und zu leben: Solidarität und Zusammenwirken zwischen den Völkern, die Achtung der Menschenrechte und der Gerechtigkeit als unerläßliche Voraussetzung wahrer Freiheit und dauerhaften Friedens.

In dem nun vor uns liegenden Jahrhundert hat die Menschheit Gelegenheit, auf nachhaltige Weise einige ihrer traditionellen Feinde wie Armut, Krankheit und Gewalt zu bekämpfen. Wie ich bereits 1995 in meiner Ansprache vor den Vereinten Nationen betonte, steht es durchaus in unserer Macht, dafür zu sorgen, daß dem von Tränen gezeichneten zwanzigsten Jahrhundert nun im einundzwanzigsten Jahrhundert eine »Blüte des menschlichen Geistes« folgt. Die Menschenfamilie verfügt über unendlich viele Möglichkeiten, auch wenn diese nicht immer offenkundig sind in einer Welt, in der zu viele unserer Brüder und Schwestern Hunger leiden und unterernährt sind, keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung und Bildungseinrichtungen haben oder ungerechten Regierungen, bewaffneten Auseinandersetzungen, Vertreibung und neuen Formen der Sklaverei ausgesetzt sind. Um die vorhandenen Möglichkeiten wahrzunehmen, brauchen wir sowohl Weitblick als auch Hochherzigkeit, insbesondere seitens derjenigen, die über Freiheit, Wohlstand und reiche Ressourcen verfügen. Dringende ethische Fragen, die aufgeworfen werden durch die Spaltung zwischen denjenigen, die von der Globalisierung der Weltwirtschaft profitieren, und denjenigen, die von diesen Vorteilen ausgeschlossen sind, verlangen von der gesamten internationalen Gemeinschaft neue und kreative Antworten. Diesbezüglich möchte ich nochmals das hervorheben, was ich bei meinem jüngsten Treffen mit Präsident Bush sagte, nämlich, daß die Revolution der Freiheit durch eine »Revolution der Chancengleichheit« ergänzt werden muß, die allen Mitgliedern der Menschenfamilie ermöglichen wird, ein würdiges Leben zu führen und an den Vorteilen einer wahrhaft globalen Entwicklung teilzuhaben.

Im Zusammenhang mit so vielen beunruhigenden Ereignissen in aller Welt muß unbedingt auch auf die tragischen Gewaltakte hingewiesen werden, von denen der Nahe Osten nach wie vor betroffen ist und die den in Madrid eingeleiteten Friedensprozeß ernsthaft gefährden. Auch dank der Bemühungen der Vereinigten Staaten hat dieser Prozeß in all jenen Hoffnung geweckt, die das Heilige Land als einen einzigartigen Ort der Begegnung und des Gebets unter den Völkern betrachten. Zweifellos wird Ihr Land nicht zögern, einen wahrhaftigen Dialog zu fördern, der den betroffenen Parteien ermöglicht, unter voller Achtung der Menschenrechte und des Völkerrechts zu Sicherheit, Gerechtigkeit und Frieden zu gelangen.

Herr Botschafter, der Weitblick und die moralische Kraft, die Amerika zu Beginn dieses neuen Jahrhunderts in einer sich rasch wandelnden Welt haben muß, verlangen von uns, die spirituellen Wurzeln jener Krise zu erkennen, die die westlichen Demokratien durchleben. Es handelt sich um eine Krise, die von einer sich immer weiter ausbreitenden materialistischen, utilitaristischen und zutiefst entmenschlichten Weltanschauung geprägt ist, die sich auf tragische Weise von den moralischen Grundlagen der westlichen Zivilisation entfernt hat. Um überleben und sich entwickeln zu können, müssen sich die Demokratie und die mit ihr verbundenen wirtschaftlichen und politischen Strukturen von einer Sichtweise leiten lassen, deren Mittelpunkt die von Gott geschenkte Würde und die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen vom Augenblick seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod sind. Wenn in einigen Fällen das Leben, einschließlich das der Ungeborenen, von der persönlichen Entscheidung anderer abhängig ist, wird kein anderer Wert und kein anderes Recht mehr gewährleistet sein und die Gesellschaft unweigerlich von Eigeninteresse und Gewinnstreben beherrscht werden. Die Freiheit kann nicht in einem kulturellen Umfeld gewahrt werden, für das die menschliche Würde ausschließlich utilitaristische Bedeutung hat. Nie war es ein dringenderes Anliegen, die für die Aufrechterhaltung einer gerechten und freien Gesellschaft grundlegende moralische Sichtweise und Entschlossenheit neu zu beleben.

In diesem Zusammenhang denke ich an die Jugend Amerikas, die Hoffnung der Nation. Während meiner Pastoralreisen in die Vereinigten Staaten, vor allem während meines Besuchs in Denver anläßlich des Weltjugendtags des Jahres 1993, war ich persönlich Zeuge der Hochherzigkeit und des guten Willens, die die Jugend Ihres Landes erfüllen. Die jungen Menschen sind zweifellos der größte Reichtum Ihres Landes. Daher brauchen sie dringend eine ganzheitliche Erziehung, die ihnen ermöglicht, Zynismus und Selbstsucht zurückzuweisen und als gut ausgebildete, weise und moralisch verantwortungsbewußte Mitglieder der Gemeinschaft aufzuwachsen. Auf der Schwelle eines neuen Jahrtausends muß jungen Menschen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Rolle als »Baumeister einer neuen Menschheit [zu übernehmen], wo Brüder und Schwestern, Glieder ein und derselben Familie, endlich leben können in Frieden!« (Botschaft zum Weltfriedenstag 2001, 22).

Herr Botschafter, während Sie Ihr Amt als Repräsentant Ihres Landes beim Hl. Stuhl antreten, möchte ich erneut meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, daß das amerikanische Volk angesichts der gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen seine tiefen spirituellen und moralischen Ressourcen einbringen wird, die die Entwicklung der Nation inspiriert und gelenkt haben und der sicherste Beweis seiner Größe sind. Zweifellos wird die katholische Gemeinde Amerikas, die im Lauf der Geschichte eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung einer verantwortungsvollen Bürgerschaft und für die Unterstützung von Armen, Kranken und Bedürftigen gespielt hat, aktiv an jenem Prozeß beteiligt sein, der die Zukunft Ihres Landes bestimmen wird. Ihnen und Ihrer Familie wie auch dem gesamten amerikanischen Volk erteile ich von Herzen den Segen des Gottes der Freude und des Friedens.

 

© Copyright 2001 - Libreria Editrice Vaticana

 

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