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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE NEUE BOTSCHAFTERIN NORWEGENS

Freitag, 13. Dezember 2002

 

Eure Exzellenz!

Mit Freude heiße ich Sie im Vatikan willkommen zur Überreichung des Beglaubigungsschreibens, mit dem Seine Majestät König Harald V. Sie zur außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafterin von Norwegen beim Hl. Stuhl ernannt hat. Ich erinnere mich gerne an den letzten Besuch von Ihren Majestäten König Harald und Königin Sonja, und ich bitte Sie, Seiner Majestät dem König meinen Dank für die freundlichen Grüße zu überbringen und ihn meiner Gebete für die königliche Familie und das ganze Volk von Norwegen zu versichern.

Wie Eure Exzellenz angemerkt haben, hat das Christentum über 1000 Jahre lang bei der Entwicklung der Werte der norwegischen Gesellschaft eine entscheidende Rolle gespielt. In der Tat waren die Wahrheiten und Werte des Christentums auf dem ganzen europäischen Kontinent lange Zeit die Grundlage des wahren Aufbaus der Gesellschaft, indem sie ihren Institutionen Form verliehen und die Völker auf ihrem Weg durch die Zeit bei der nie endenden menschlichen Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit unterstützt haben. Gleichwohl kann nicht übersehen werden, daß heute eine gewisse Schwächung des Bewußtseins von Gott die Schwächung des Bewußtseins von der Transzendenz des Menschen und der wahren Würde des menschlichen Lebens zur Folge hat. Gefangen in den engen Grenzen einer materialistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die leicht zur Fixierung auf das eigene Ich und zu einer utilitaristischen Auffassung vom Leben führt, sind die Menschen mitunter nicht mehr in der Lage, das Leben in seinem eigentlichen Wesen als Geschenk zu erkennen, als Geschenk, das seine ursprüngliche Bedeutung und seinen Zweck in der Offenheit für die Wahrheit seines Ursprungs in Gott und in der Haltung einer aufrichtigen Solidarität mit anderen Menschen hat. Beschränkt auf ein egozentrisches Selbstverständnis, fällt es den Menschen schwer, die Realität eines höheren und objektiven Gesetzes zu akzeptieren, das in ihr Herz eingeschrieben und ihrem Gewissen - jenem inneren Heiligtum der Seele, in dem jeder aufgerufen ist, das Höchstmaß der menschlichen Reife zu erlangen - zugänglich ist.

Das Christentum muß weiterhin die Rolle spielen, die es in Europa seit jeher eingenommen hat als »Seele« seiner Völker, indem es nicht nur dessen religiöse, sondern auch die kulturelle und soziale Entwicklung erleuchtet und fördert. Seit dem Beginn meines Pontifikates habe ich wiederholt die große Bedeutung hervorgehoben, welche die Kirche dem kulturellen Leben der Völker und Nationen beimißt, weil die Kultur einer Gemeinschaft die Antwort ist, die sie auf die fundamentalen Lebensfragen gibt, eine Antwort, die ein entscheidender Teil der sozialen Einstellungen und Verhaltensweisen ist. Ich wiederhole, was ich bei meiner Ankunft in Oslo am 1. Juni 1989 gesagt habe: »An die Ereignisse und Einflüsse zu erinnern, die eine Nation geformt haben, bedeutet die Quellen ihrer gegenwärtigen historischen Richtung besser zu verstehen.« Deshalb habe ich die Christen ermutigt, ihren Glauben im Geist einer ökumenischen und interreligiösen Zusammenarbeit bei der Gestaltung ihres eigenen Landes und der größeren internationalen Gemeinschaft zu leben.

Die Herausforderungen sind beachtlich. Eine Gesellschaft, die ihren christlichen Wurzeln treu bleibt, kann nichts anderes sein als eine Gesellschaft, die sich intensiv dafür einsetzt, den Bedürfnissen der anderen in weniger günstigen Situationen entgegenzukommen. Es ist eine Gesellschaft, die ein tiefes Verantwortungsgefühl hat gegenüber einer möglichen ökologischen Krise, den Problemen des Friedens oder den fehlenden Garantien für die fundamentalen Menschenrechte der Völker. Deshalb möchte ich erneut meiner Wertschätzung Ausdruck verleihen für die aktive Solidarität Norwegens mit den Entwicklungsländern in den weit entfernten Teilen der Erde. Ich vertraue darauf, daß die Hilfe, die sie großzügig leisten, stets darauf abzielen wird, den wahren Interessen der betroffenen Völker zu dienen. Im besonderen habe ich die von Norwegen geleiteten Bemühungen genau verfolgt, der Insel Sri Lanka, die sich in einer unruhigen Lage befindet, Frieden zu bringen, und ich bin froh über die Fortschritte, die die schwierigen Verhandlungen gemacht haben.

Die praktizierte Solidarität in jeder Gesellschaft ist Zeichen der festen und beharrlichen Entschlossenheit, das Gemeinwohl zu fördern. In Ihrem Land hat diese Solidarität ihren besonderen Platz im Umgang mit den wachsenden Gemeinschaften der Immigranten. Offenheit, Respekt und echte Dialogbereitschaft ermöglichen es den Immigranten, während sie um die Behebung ihrer eigenen Nöte und die ihrer Familien ringen, einen besonderen und positiven Beitrag zu leisten für das Land, das ihnen Aufnahme gewährt.

Die katholische Kirche in Norwegen hat aus der Überzeugung heraus, daß in der Kirche niemand ein Fremder ist, ihre Erfahrung der Aufnahme von Migranten als bereichernd und fruchtbar empfunden. Pfarrgemeinden sind in vielen Fällen zu Übungsfeldern der Gastfreundschaft geworden und zu Orten, an denen Menschen in Kenntnis und Respekt voreinander als Brüder und Schwestern in der Familie Gottes wachsen können.

Eure Exzellenz, ich bin zuversichtlich, daß Ihre Gegenwart als diplomatische Vertreterin Ihres Landes die Bande der Freundschaft und der Zusammenarbeit zwischen Norwegen und dem Hl. Stuhl verstärken wird. Da Sie nun Ihr Amt antreten, versichere ich Ihnen, daß die verschiedenen Ämter der Römischen Kurie bereit sein werden, Sie bei der Erfüllung Ihrer Pflichten auf jede mögliche Weise zu unterstützen. Auf Sie und Ihre Mitbürger rufe ich von Herzen den reichen Segen des allmächtigen Gottes herab.

 

© Copyright 2002 - Libreria Editrice Vaticana

 

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