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BOTSCHAFT VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE TEILNEHMER DER EUROPÄISCHEN STUDIENTAGUNG ZUM THEMA
"AUF DEM WEG ZU EINER EUROPÄISCHEN VERFASSUNG?"
(ROM, 20.-23. JUNI 2002)

 

Sehr geehrte Damen und Herren! 

1. Es ist mir eine Freude, Ihnen meinen herzlichen Gruß anläßlich der europäischen Studientagung zu übersenden, die das Büro für die Hochschulseelsorge des Vikariats von Rom in Zusammenarbeit mit der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft und dem Verband der Katholischen Universitäten Europas einberufen hat. 

Die als Tagungsthema gestellte Frage: »Auf dem Weg zu einer europäischen Verfassung?« hat die entscheidende Phase ins Licht gerückt, die für den Aufbau des »gemeinsamen europäischen Hauses« begonnen hat. In der Tat scheint der Augenblick gekommen, um Hand anzulegen an die bedeutsamen institutionellen Reformen, die im Laufe der vergangenen Jahre für wünschenswert erachtet und vorbereitet worden waren und nun durch den vorgesehenen Beitritt neuer Mitgliedstaaten noch dringender und notwendiger geworden sind. 

Die von mir immer wieder gewünschte Erweiterung der Europäischen Union oder, besser, der Prozeß der »Europäisierung« des ganzen Erdteils, ist eine Priorität, die rechtzeitig und mutig anzustreben ist, damit die Erwartung von Millionen Menschen erfüllt wird, die wissen, daß sie durch eine gemeinsame Geschichte verbunden sind und eine Zukunft in Einheit und Solidarität erhoffen. Das erfordert eine gründliche Überarbeitung der institutionellen Strukturen der Europäischen Union, die sie den neuen Erfordernissen anpaßt und gleichzeitig das Bemühen um eine Neuordnung beschleunigt, in der die Zielsetzungen des europäischen Gebäudes, die Zuständigkeiten der Union und die Werte festgelegt werden, auf denen es gründen muß. Festigen des institutionellen Rahmens der Europäischen Union 

2. Angesichts verschiedener möglicher Lösungen dieses gegliederten und wichtigen europäischen »Prozesses« wendet die Kirche in Treue zu ihrer Identität und ihrem Evangelisierungsauftrag das an, was sie schon in bezug auf die einzelnen Staaten gesagt hat, das heißt, daß »es ihr nicht zusteht, sich zugunsten der einen oder anderen institutionellen oder verfassungsmäßigen Lösung zu äußern«, sondern sie will die berechtigte Autonomie der demokratischen Ordnung achten (vgl. Centesimus annus, 47). Aber gerade aufgrund dieser Identität und Sendung kann sie nicht gleichgültig bleiben angesichts der Werte, an denen sich die verschiedenen institutionellen Entscheidungen ausrichten. Denn in den Entscheidungen, die in dieser Hinsicht jeweils getroffen werden, sind zweifellos Dimensionen moralischer Ordnung enthalten, weil diese Entscheidungen durch die damit verknüpften Bestimmungen in einem besonderen geschichtlichen Kontext unvermeidlich den Auffassungen von der Person, der Gesellschaft und dem Gemeinwohl, aus denen sie entstanden und dem sie unterworfen sind, Ausdruck verleihen. Genau in diesem Bewußtsein gründet die Rechtspflicht der Kirche, tätig zu werden, indem sie ihren Beitrag leistet, der auf die Vision der Würde der menschlichen Person mit allen Konsequenzen verweist, die in der katholischen Soziallehre dargelegt werden. 

In dieser Hinsicht sind die Suche und der Entwurf einer Neuordnung, auf die auch die Arbeiten der vom Europarat im Dezember 2001 in Laeken verabschiedeten »Konvention« abzielen, als Schritte zu begrüßen, die an sich positiv sind. In der Tat sind sie auf die wünschenswerte Festigung des institutionellen Rahmens der Europäischen Union ausgerichtet, der mittels eines frei angenommenen Netzes von Bindungen und Zusammenarbeit wirksam zur Entwicklung des Friedens, der Gerechtigkeit und der Solidarität für den ganzen Kontinent beitragen kann. 

3. Eine so gestaltete europäische Neuordnung muß aber, wenn sie wirklich der Förderung des wahren Gemeinwohls zuträglich sein will, jene Werte anerkennen und schützen, die das kostbarste Erbe des europäischen Humanismus sind, der Europa eine einzigartige Ausstrahlung in der Geschichte der Zivilisation jetzt und in Zukunft sichert. Diese Werte sind der charakteristischste intellektuelle und geistliche Beitrag, der die europäische Identität im Laufe der Jahrhunderte geformt hat, und sie gehören zum eigentlichen Kulturschatz dieses Erdteils. Wie ich bei mehreren Gelegenheiten in Erinnerung rief, betreffen sie die Würde der Person, die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, die zentrale Rolle der auf der Ehe gegründeten Familie, die Bedeutung der Erziehung und Bildung, die Freiheit zu denken, zu reden und die eigenen Überzeugungen und die eigene Religion zu bekennen; der Rechtsschutz der einzelnen und der Gruppen; die Mitarbeit aller am Gemeinwohl; die Arbeit, die als persönliches und soziales Gut zu betrachten ist; die als Dienst verstandene politische Macht, die dem Gesetz und der Vernunft unterworfen ist und von den Rechten der Person und der Völker »eingeschränkt« wird. 

Es wird vor allem notwendig sein, die Würde der menschlichen Person und das Recht auf Religionsfreiheit anzuerkennen und zu schützen, das in seiner dreifachen Dimension, in der individuellen, kollektiven und institutionellen, zu verstehen ist. Ebenso wird Raum zu schaffen sein für das Prinzip der Subsidiarität in ihrer horizontalen und vertikalen Dimension wie auch für eine Vision der sozialen und gemeinschaftlichen Beziehungen, die auf einer wahren Kultur und Ethik der Solidarität gründen. 

4. Die kulturellen Wurzeln, die zur Festigung der bisher genannten Werte beigetragen haben, sind vielfältig: Sie reichen vom Geist Griechenlands und der antiken römischen Welt, von den Beiträgen der lateinischen, keltischen, germanischen, slawischen und finnougrischen Völker bis hin zu denen der jüdischen Kultur und der islamischen Welt. Diese unterschiedlichen Faktoren haben in der jüdisch-christlichen Tradition eine Kraft gefunden, die imstande war, sie untereinander in Einklang zu bringen, zu festigen und zu entfalten. In Anerkennung dieser geschichtlichen Tatsache kann Europa sein christliches Erbe nicht außer acht lassen, denn ein Großteil dessen, was es im juridischen, künstlerischen, literarischen und philosophischen Bereich hervorgebracht hat, wurde von der Botschaft des Evangeliums geprägt. 

Es wird deshalb notwendig sein, nicht einer nostalgischen Versuchung nachzugeben und sich nicht mit einer mechanischen Nachahmung der Modelle der Vergangenheit zufriedenzugeben, sondern sich den kommenden neuen Herausforderungen zu öffnen und sich mit kreativer Treue an jenen christlichen Wurzeln zu orientieren, die die europäische Geschichte geprägt haben. Das erfordert das geschichtliche Gedächtnis, aber besonders die Sendung Europas, das heute noch berufen ist, Lehrer des wahren Fortschritts zu sein, eine Globalisierung in Solidarität und ohne Ausgrenzungen zu fördern und am Aufbau eines gerechten und dauerhaften Friedens in seinem Innern und in der ganzen Welt beizutragen. Europa ist berufen, unterschiedliche kulturelle Traditionen zu verknüpfen, um einen Humanismus ins Leben zu rufen, in dem die Achtung der Rechte, die Solidarität, die Kreativität jedem Menschen die Möglichkeit geben, seine edelsten Bestrebungen zu verwirklichen. Anerkennung der Identität und sozialen Rolle der Kirchen 

5. Die europäischen Politiker stehen in der Tat vor keiner leichten Aufgabe! Um dieser tatsächlich gerecht zu werden, wird es notwendig sein, daß sie unter Achtung eines rechten Verständnisses von der weltanschaulichen Neutralität der politischen Institutionen den obengenannten Werten jene tiefe transzendente Verwurzelung zu geben verstehen, die in der Öffnung zur religiösen Dimension Ausdruck findet. 

Hierdurch wird unter anderem bekräftigt, daß die politischen Institutionen und die öffentliche Gewalt nicht absolut gesetzt werden – aufgrund der Vorrangsstellung und der angeborenen »Zugehörigkeit« der menschlichen Person zu Gott, dessen Bild in der Natur jedes Menschen unauslöschlich eingeprägt ist. Geschähe dies nicht, würde man Gefahr laufen, jene Ziele des agnostischen und atheistischen Laizismus und Säkularismus zu legitimieren, die zum Ausschluß Gottes und des moralischen Naturgesetzes aus den verschiedenen menschlichen Lebensbereichen führen. Unter den tragischen Folgen hätte zuallererst – wie es die europäische Geschichte gezeigt hat – das ganze zivile Zusammenleben in Europa zu leiden. 

6. In diesem Prozeß sind auch die besondere Identität und die soziale Rolle der Kirchen und der religiösen Bekenntnisse anzuerkennen und zu schützen. Denn sie haben immer eine in vieler Hinsicht entscheidende Rolle gespielt in der Erziehung zu den tragenden Werten des Zusammenlebens, im Aufzeigen der grundlegenden Fragen und Antworten hinsichtlich des Lebenssinnes, in der Förderung der Kultur und Identität der Völker. Zudem haben sie Europa das angeboten, was dazu beiträgt, ihm eine notwendige und wünschenswerte geistliche und geistige Grundlage zu geben. Im übrigen dürfen sie nicht verkürzt werden auf eine reine Privatangelegenheit, sondern sie wirken mit einer ganz besonderen institutionellen Bedeutung, die es verdient, geschätzt und rechtlich aufgewertet zu werden, indem das Statut geachtet und nicht in seinem Wert geschmälert wird, aus dem sie in den Verfassungen der einzelnen Mitgliedstaaten der Union Nutzen ziehen. 

Es geht mit anderen Worten darum, der Versuchung zu widerstehen, das europäische Zusammenleben aufzubauen, indem der Beitrag der religiösen Gemeinschaften mit dem Reichtum ihrer Botschaft, ihres Wirkens und ihres Zeugnisses ausgeschlossen wird. Das würde unter anderem dem europäischen Aufbauprozeß wichtige Kräfte für die ethisch-kulturelle Grundlegung des zivilen Zusammenlebens entziehen. Deshalb hoffe ich, daß gemäß der Logik der »gesunden Zusammenarbeit« zwischen kirchlicher und politischer Gemeinschaft (vgl. Gaudium et spes, 76) die europäischen Institutionen auf diesem Weg den Dialog mit den Kirchen und religiösen Bekenntnissen gemäß den jeweils geregelten Formen anzuknüpfen wissen, so daß sie den Beitrag annehmen, der durch die Spiritualität und das Bemühen der Kirchen um die Humanisierung der Gesellschaft von ihnen herkommen kann. 

7. Zum Schluß möchte ich mich an die christlichen Gemeinschaften und an alle, die an Christus glauben, wenden mit der Bitte, eine umfassende und gegliederte kulturelle Kampagne in Gang zu setzen. Es ist wirklich dringend notwendig, durch die Kraft von überzeugenden Beweisführungen und anziehenden Beispielen zu zeigen, daß der Bau des neuen Europas für alle nutzbringend ist, wenn es auf den Werten gegründet wird, die es während seiner ganzen Geschichte geformt haben und in der christlichen Tradition ihre Wurzeln haben; es ist für alle vorteilhaft, welcher philosophischen oder geistigen Tradition sie auch angehören;und es ist das feste Fundament für ein menschlicheres und friedlicheres Zusammenleben, weil es alle und jeden einzelnen achtet. 

Auf der Grundlage solcher geteilten Werte wird es möglich sein, jene Formen des demokratischen Konsenses zu erzielen, die notwendig sind, um auch auf institutioneller Ebene das Projekt eines Europas zu entwerfen, das wirklich das Haus aller ist, in dem keine Person und kein Volk sich ausgeschlossen fühlen, sondern alle sich berufen fühlen, an der förderlichen Pflege des Gemeinwohls in diesem Kontinent und in der ganzen Welt teilzuhaben. 

8. In dieser Hinsicht ist es angebracht, sich von den europäischen Katholischen Universitäten viel zu erwarten. Sie werden es nicht versäumen, über die verschiedenen Aspekte einer so anregenden Problematik gründlich nachzudenken und Lösungen zu entwickeln. Auch diese Tagung wird zu dieser Suche gewiß ihren lobenswerten Beitrag leisten. 

Indem ich auf das Bemühen eines jeden das Licht und die Kraft Gottes herabrufe, erteile ich allen meinen besonderen Apostolischen Segen. 

Aus dem Vatikan, 20. Juni 2002

IOANNES PAULUS II

 

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