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BOTSCHAFT VON JOHANNES PAUL II.
AN DEN NEU AKKREDITIERTEN BOTSCHAFTER
FRANKREICHS BEIM HEILIGEN STUHL

Dienstag, 27. Juni 2002

 

Herr Botschafter!

1. Mit Freude empfange ich Eure Exzellenz zu Beginn Ihrer Mission beim Hl. Stuhl, und ich danke Ihnen aufrichtig für die zuvorkommenden Worte, die Sie an mich gerichtet haben. Durch Sie übermittle ich meine herzlichen Grüße an Seine Exzellenz Herrn Jacques Chirac, den Präsidenten der Republik, und spreche ihm meine besten Wünsche für sein neues Mandat im Dienst am französischen Volk aus. Meine Glückwünsche gehen zugleich an alle Ihre Landsleute.

2. Es gibt zahlreiche Themen, auf die ich bei diesem feierlichen Anlaß gerne eingehen würde, besonders im Hinblick auf die jahrhundertealte Geschichte der Beziehungen zwischen Frankreich und dem Hl. Stuhl und die neuen Perspektiven, die sich für die Zukunft vor uns auftun. Heute werde ich mich darauf beschränken, daran zu erinnern, daß Frankreich, das Sie nun hier vertreten, eine entscheidende Rolle gespielt hat bei der Entstehung und beim Aufbau der Europäischen Gemeinschaft sowie bei der fortschreitenden Einigung des Kontinents, die durch die Einführung einer einheitlichen Währung in zwölf Ländern jüngst sinnbildlich dargestellt wurde. Wie Sie wissen, ist der Hl. Stuhl erfreut über die Schaffung dieses »europäischen Raums«, dem noch viele weitere Länder beitreten möchten und der das Entstehen neuer Lebensbedingungen begünstigt hat. Diese sollten eine bessere soziale Entwicklung und die Aufwertung spezifischer Ressourcen ermöglichen und auf diese Weise wesentlich zur Förderung des Friedens und der Verständigung zwischen den Völkern auf dem gesamten Erdteil beitragen.

Aufgrund seiner Geschichte und seiner besonderen Stellung ist Frankreich dazu berufen, eine treibende Kraft bei der Heranbildung der europäischen Identität und bei ihrer Verbreitung zu sein, damit jene Ideale der Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit, die Ihren Mitbürgern zu Recht so viel bedeuten, in die Welt ausstrahlen können. Mein Wunsch ist, daß die französischen Institutionen sich auch in Zukunft für die Errichtung von Strukturen einsetzen, die es Europa ermöglichen, ein Protagonist des Friedens in allen Erdteilen zu sein. Ist es etwa nicht ein Wesenszug des humanistischen Erbes Europas, der ja in seiner langen christlichen Geschichte wurzelt, wenn man daraufhin arbeitet, daß jedes Volk und jede Nation in Würde und unter Achtung der grundlegenden Rechte der einzelnen und der Gemeinschaften leben kann? Vor kurzem hat die Kommission, die sich mit der Frage der Zweckmäßigkeit einer Verfassung für die Europäische Union befaßt, ihre Arbeit aufgenommen, und es erscheint von grundlegender Bedeutung, daß die Ziele des europäischen Hauses und die Werte, auf denen es gründen soll, immer besser dargelegt werden. Wie könnte man diesbezüglich nicht den entscheidenden Beitrag der vom Christentum vermittelten Werte erwähnen? Sie haben zur Entwicklung der Kultur und des Humanismus, auf die Europa berechtigterweise stolz ist und ohne die man seine tiefste Identität nicht verstehen kann, beigetragen und tragen weiterhin dazu bei.

In diesem Sinne freue ich mich sehr über die bereits unternommenen Untersuchungen und über die im schulischen Rahmen vorgeschlagenen Maßnahmen. Mittels ihrer entdecken die jungen Menschen durch die Kenntnis religiöser Sachverhalte die unterschiedlichen Religionen und die menschlichen Gemeinschaften, die sie praktizieren, und können sich so auf die Suche nach dem Sinn ihres Daseins machen; dies muß unter der Leitung von Erziehern erfolgen, denen der Wert einer solchen Vorgehensweise bewußt ist. Das wird sich positiv auswirken sowohl auf den gegenseitigen Respekt als auch auf einen größeren sozialen Frieden und auf eine tiefere Brüderlichkeit unter allen Gliedern der Nation.

Herr Botschafter, Ihre früheren Ämter haben Ihnen die Möglichkeit gegeben, zu erkennen, wie sehr doch die Religion ein wesentliches Element der Kultur ist. Weit davon entfernt, eine Gefährdung für das gesellschaftliche Leben darzustellen, sind die religiösen Kräfte in Wirklichkeit eine Chance für das Gemeinschaftsleben, denn sie wirken an dem ihnen zukommenden Platz am Aufbau einer Gesellschaft mit, in der der Mensch in allen seinen Dimensionen berücksichtigt wird. Die nationale Gemeinschaft kommt auf diese Weise in den Genuß der von den religiösen Traditionen vermittelten kulturellen, spirituellen und sittlichen Werte, die mit Sicherheit ein Klima der Eintracht und des Friedens begünstigen werden.

3. In diesem Zusammenhang verweise ich gerne auf die Bedeutung des Treffens vom vergangenen 12. Februar beim Sitz Ihrer Regierung. Die Zusammenkunft des Ministerpräsidenten mit dem Apostolischen Nuntius, dem Kardinalerzbischof von Paris und den Verantwortlichen der Bischofskonferenz ist das Ergebnis eines geduldigen Dialogs zwischen dem Staat, dem Hl. Stuhl und der katholischen Kirche Frankreichs, und sie bezeugt, daß der Weg des Dialogs und der Verhandlung zur Lösung konkreter Problemstellungen hinsichtlich der Ausübung der Religionsfreiheit sowohl für den Staat als auch für die Kirche von Vorteil ist.

Der Hl. Stuhl bringt seine Genugtuung zum Ausdruck über die Aufnahme eines ständigen Dialogs im Rahmen der Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Dies wird zweifelsohne zu einer besseren gegenseitigen Kenntnis führen und zur Suche nach einem Gleichgewicht zwischen der natürlichen Intervention seitens der Bischöfe und der Unterstützung und Betreuung, die die Präsenz des Hl. Stuhls seit jeher bietet, vor allem wenn grundlegende Prinzipien auf dem Spiel stehen. Die Schaffung von Arbeitsgruppen, die sich der Erforschung verschiedener Aspekte des Lebens der katholischen Kirche in Ihrem Land widmen sollen, ist in dieser Hinsicht vielversprechend. Möge dieser Geist des Dialogs und der Zusammenarbeit immer überwiegen, zum Wohle aller Menschen!

4. Hier in Rom ist die französische Tradition nach wie vor fruchtbringend vertreten. Durch seine zahlreichen Veranstaltungen leistet das Kulturzentrum »Saint-Louis de France« einen wertvollen Beitrag zur vertieften Untersuchung der Fragestellungen, die die Gesellschaft beschäftigen. Ich weiß zu schätzen, daß die Französische Botschaft durch diese Einrichtung in hervorragender Weise jene unerläßlichen Überlegungen anregt, die durch die raschen Entwicklungen der Wissenschaft und Technik in uns geweckt werden. Die Bewunderung und die Fragen, die sie hervorrufen, erfordern in der Tat ein Wachsen in der Weisheit und laden ein, über die Folgen der Umsetzung gewisser Entdeckungen nachzudenken, die zu einer Mißachtung der Menschenwürde führen können. In Fortführung der humanistischen Tradition, die Ihr Vorgänger Jacques Maritain so brillant verkörperte, ist das Kulturzentrum der Französischen Botschaft heute mehr denn je dazu aufgefordert, ein Ort zu sein, an dem sich Menschen begegnen, die der Überzeugung sind, daß die Fortschritte der Menschheit an ein immer besseres Verständnis der Größe und Würde der menschlichen Person geknüpft sein müssen.

5. Zum Abschluß unserer Begegnung ist es mir eine Freude, durch Sie die Hirten und Gläubigen der katholischen Kirche in Frankreich zu grüßen, die um zwei jüngst verstorbene, bedeutende Hirten, die Kardinäle Pierre Eyt und Louis-Marie Billé, trauern. Ich danke Gott für die Vitalität und die Treue so vieler Getaufter, die mit außergewöhnlicher Großherzigkeit und durch ihren vielfältigen Dienst an der kirchlichen und der menschlichen Gemeinschaft der christlichen Berufung in Ihrem Land Genüge tun. Alle, Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen und Gläubige versichere ich meiner geistigen Nähe und meiner aufrichtigen Zuneigung! Anläßlich Ihres Amtsantritts in der Ewigen Stadt spreche ich Ihnen,

Herr Botschafter, meine besten Wünsche aus, und ich versichere Ihnen, daß meine Mitarbeiter Ihnen zur Verfügung stehen, um Ihnen jede Hilfe zu geben, die Sie bei der Erfüllung Ihres hohen Amtes benötigen. Ich bitte Gott, das französische Volk zu unterstützen, damit es – in Treue zu seiner Geschichte und seinem geistigen und kulturellen Erbe – auch in Zukunft für den Frieden und die Eintracht zwischen Menschen und Völkern wirke. Gerne erteile ich Ihnen, Ihren Mitarbeitern und Angehörigen den Apostolischen Segen.

 

© Copyright 2002 - Libreria Editrice Vaticana

 

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