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JOHANNES PAUL II.
AUDIENZ FÜR DEN NEU
AKKREDITIERTEN BOTSCHAFTER
DES KÖNIGREICHS MAROKKO BEIM HEILIGEN STUHL,
MOHAMED SBIHI
Freitag, 3. Mai 2002
Herr Botschafter! 1. Es ist mir eine
Freude, Eure Exzellenz anläßlich der Überreichung Ihres
Beglaubigungsschreibens als außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter
des Königreichs Marokko beim Hl. Stuhl im Vatikan zu begrüßen.
Aufrichtig danke ich Ihnen dafür, mir die freundliche Botschaft
Seiner Majestät König Mohammed VI. übermittelt zu haben. Ich wäre Ihnen
dankbar, wenn Sie ihm meinerseits meine besten Wünsche für seine Person, für
Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Lalla Salma und für das Wohlergehen des
marokkanischen Volkes zukommen lassen würden.
Wie Sie bereits in Ihrer Rede zum Ausdruck brachten, haben sich
die langjährigen Beziehungen zwischen dem Königreich Marokko und dem Hl. Stuhl
im Laufe der Jahre harmonisch weiterentwickelt. Ich freue mich darüber und
bitte den Allmächtigen, die Bemühungen aller Marokkaner um den Aufbau einer
immer brüderlicheren und einigeren Nation zu unterstützen. 2.
Zu Beginn des dritten Jahrtausends spornen die schwierigen und beunruhigenden
Gegebenheiten der internationalen Lage die Menschen guten Willens nachdrücklich
dazu an, die Bande des Vertrauens untereinander und die Überzeugung, sich
gemeinsam für Dialog und Frieden einsetzen zu müssen, zu festigen. Wie ich
bereits bei verschiedenen Gelegenheiten hervorgehoben habe – insbesondere
anläßlich des Weltgebetstags in Assisi am vergangenen 24. Januar –, haben
die Verantwortlichen der Nationen und die geistlichen Führer die Pflicht, sich
unermüdlich für einen Rückgang der Gewalt einzusetzen, die in unserer Welt
allzu oft die Beziehungen zwischen den Menschen und zwischen den verschiedenen
Gruppen beherrscht. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie außerdem alle
falschen Legitimationen der Gewalt, vor allem die im Namen der Religion,
ausdrücklich verurteilen und ihr Festhalten am Dialog und am Frieden ohne
Umschweife bekräftigen.
3. Wie sollten wir in dieser Stunde, wie Sie selbst es bereits getan haben,
nicht an die tragische Situation im Nahen Osten erinnern und an die Sorgen, die
uns im Hinblick auf die Heiligen Stätten der Region quälen. Dies gilt vor
allem für die Heilige Stadt Jerusalem, die für alle Gläubigen der
monotheistischen Religionen das Symbol jenes Friedens ist, der von Gott kommt. Der
Hl. Stuhl hat angesichts der Ereignisse in jüngster Zeit seine tief
Beunruhigung zum Ausdruck gebracht, und er hört nicht auf, sich für eine
Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien einzusetzen,
wobei alles getan werden muß, daß die ausweglosen bewaffneten
Auseinandersetzungen, die den sich gegenüberstehenden Völkern weder
Zukunftsaussichten noch Hoffnung geben, beendet werden. Nur ein mutiger Dialog,
beseelt vom Willen zum Aufbau einer tragfähigen Zukunft für alle Einwohner
dieser Gegend und für alle dort ansässigen Gemeinschaften, kann einen gerechten
und dauerhaften Frieden zurückbringen. Wie ich schon sagte, können weder die
blinde Gewalt des Terrorismus noch die Gewalt des Krieges zu Lösungen führen.
Möge es unseren beständigen Anstrengungen und dem entschlossenen Einsatz der
internationalen Gemeinschaft gelingen, die einen wie die anderen davon zu
überzeugen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren!
4. Bei der Förderung des Dialogs, der zwischen den verschiedenen Religionen
und auch zwischen den Kulturen der Menschen unserer Zeit geführt werden muß,
kann Ihr Land, Herr Botschafter, eine wichtige Rolle spielen. Seine
geographische Lage aber auch seine Geschichte kennzeichnen es als Land der
Begegnung und als Brücke – einerseits nach Westeuropa und zu allen Ländern
des Mittelmeerraumes, die schon durch eine lange gemeinsame Geschichte
miteinander verbunden sind, andererseits zum subsaharianen Afrika, das sich
angesichts der Migrationströme dem Maghreb annähert. Die Verantwortlichen
Ihres Landes sind fortwährend aufgerufen, diesen neuen Gegebenheiten und der
besonderen Situation bestimmter Völker, insbesondere bezüglich ihrer
menschlichen Dimension, Aufmerksamkeit zu schenken. Dies stellt die reiche
kulturelle Identität der Nation, die sich eben durch ihre Gastfreundschaft
auszeichnet, keineswegs in Frage.
Wie ich in meiner Botschaft für den Frieden schrieb: »Wenn es daher
einerseits darauf ankommt, daß man die Werte der eigenen Kultur zu schätzen
weiß, so ist andererseits das Bewußtsein erforderlich, daß jede Kultur, da
sie ein typisch menschliches und geschichtlich bedingtes Produkt ist,
notwendigerweise auch Grenzen einschließt. Ein wirksames Mittel dagegen, daß
das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl zur Abschottung wird, ist das
unparteiliche, nicht von negativen Vorurteilen bestimmte Kennenlernen der
anderen Kulturen« (Botschaft
zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2001, 7). Von diesem Geist beseelt, erfreut
sich Ihr Land einer langen Tradition der religiösen Toleranz und Offenheit, und
die Gläubigen verschiedener Religionen leben dort im gegenseitigen Respekt ohne
Einschränkung ihrer Grundfreiheiten. Dadurch zeigen sie, daß es für Gläubige
unterschiedlicher religiöser Traditionen durchaus möglich ist, friedlich in
derselben Gegend zusammenzuleben. 5. Herr Botschafter,
erlauben Sie mir, durch Ihre Vermittlung meine herzlichen Grüße an die
katholische Gemeinschaft in Marokko und ihr Hirten zu richten. Ich weiß, daß
die Katholiken im Leben des Landes ihren Platz haben und sie die Achtung der
Bevölkerung genießen. Sie möchten sich, zusammen mit allen Mitbürgern, für
den Aufbau einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens einsetzen im Dienst am
Menschen und seiner Entwicklung. Sie wissen, daß sie durch dieses Zeugnis des
Respekts, der jedem Menschen als Abbild Gottes zusteht, den Allerhöchsten
preisen! Ich ermutige sie, immer mehr zu Zeugen der brüderlichen Liebe zu werden,
die Christus uns lehrt, um allen Menschen die unvergängliche Liebe Gottes zu verkünden.
6. In diesem Augenblick, in dem Sie Ihre Arbeit beim Hl. Stuhl beginnen, spreche
ich Ihnen meine besten Wünsche für ein gutes Gelingen aus. Sie können sicher
sein, daß Sie bei meinen Mitarbeitern stets Aufgeschlossenheit und Verständnis
finden werden. Für Eure Exzellenz, Ihre Familie und das
gesamte marokkanische Volk und seine Leiter erbitte ich von ganzem Herzen den
überreichen Segen des Allmächtigen.
© Copyright 2002 - Libreria
Editrice Vaticana
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