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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DEN NEUEN BOTSCHAFTER VON BOSNIEN UND HERZEGOWINA ANLÄßLICH DES ÜBERGABE DER BEGLAUBIGUNGSSCHREIBEN

Samstag, 30. November 2002

 

Herr Botschafter!

1. Gerne nehme ich das Beglaubigungsschreiben entgegen, mit dem Sie als außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter von Bosnien und Herzegowina beim Hl. Stuhl akkreditiert werden.

Ich heiße Sie willkommen und richte durch Sie meine ehrerbietigen Grüße an die Würdenträger des Landes, mit dessen Vertretung beim Apostolischen Stuhl Sie beauftragt sind.

Ich nutze diese Gelegenheit gerne, um die geliebten Völker von Bosnien und Herzegowina meiner ständigen Nähe zu versichern. Sie haben nicht nur unter einem politischen System gelitten, das auf einer Ideologie gründete, die im Widerspruch zu jenen Werten stand, die in den menschlichen Geist eingeschrieben sind, sondern auch unter einem langen und schmerzvollen Krieg. Aus diesem Grund wollte ich persönlich nach Sarajevo kommen. Die Vorsehung hat mir die Möglichkeit gegeben, am 12. und 13. April 1997 dieser so sehr geprüften Stadt einen Pastoralbesuch abzustatten und die Notwendigkeit zu bekräftigen, daß »die Achtung eines jeden Menschen und seiner Rechte zu sichern [sind] ohne ethnischen oder religiösen Unterschied« (Ansprache bei der Ankunft in Sarajevo, 12. April 1997, in: O.R. ted., Nr. 17, 25.4.1997, S. 7,1).

2. Gott sei Dank hat der gemeinsame Einsatz der Menschen guten Willens zunächst zum Abschluß des Washingtoner Vertrags geführt und dann zu den Verträgen von Dayton, die die Grundlage für den Staat Bosnien und Herzegowina bilden. Dies alles hat bewirkt, daß die Waffen heute schweigen. Es muß aber intensiv darauf hingearbeitet werden, den Frieden in Gerechtigkeit aufzubauen und ihn zur Geltung zu bringen, indem die mit der Zukunft des Landes verbundenen Probleme gelöst werden, unter anderem die Frage der Flüchtlinge und Vertriebenen, die darauf warten, in ihre Heimat zurückkehren zu können, sowie der wirtschaftliche Wiederaufschwung, welcher der Bevölkerung Ruhe und Vertrauen schenken würde.

Daher sind konkrete Programme notwendig, die von der Person ausgehen und von der Achtung ihrer Würde, die die Möglichkeit bieten, zu arbeiten und den Lebensunterhalt zu bestreiten, die den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gliedern der Gesellschaft fördern im vollen Respekt vor der Identität jedes einzelnen. Nur auf diese Weise ist es möglich, eine echte Demokratie aufzubauen als »Frucht der Wertschätzung der kulturellen, sozialen und religiösen Besonderheiten der verschiedenen Teile von Bosnien und Herzegowina, unter Beachtung der Gleichheit, der Gerechtigkeit und der Wahrheit« (Ansprache an die Teilnehmer der Heiligjahrwallfahrt der Kirchenprovinz Vrhbosna, 30. April 2000).

Die Demokratie ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die hohe Anforderungen stellt: Sittlichkeit, Ehrlichkeit, menschliche Sensibilität, Weisheit, Geduld, Respekt vor den anderen, Bereitschaft zum Verzicht jedesmal, wenn es das Gemeinwohl verlangt, und den festen Willen, die eigenen Ansichten und Ideen vorzuschlagen, aber nicht aufzuzwingen. Diese Aufgabe ist umso anspruchsvoller in einem Land, in dem verschiedene Völker, Kulturen und Religionen zusammenleben, wie in Bosnien und Herzegowina, das dazu berufen ist, seine Zukunft auf der soliden Grundlage der Gerechtigkeit, des Respekts vor den anderen sowie der Zusammenarbeit und Solidarität unter allen seinen Gliedern aufzubauen und dabei die gesunden Traditionen jedes einzelnen Volkes zu bewahren.

3. Um mit größerem Vertrauen in die Zukunft blicken zu können, ist es ebenfalls unerläßlich, eine echte Versöhnung und aufrichtiges Vergeben zu fördern. »Die Spirale von ›Schuld‹ und ›Strafe‹ wird sich nie schließen, wenn man sich nicht endlich zur Verzeihung durchringt« (Predigt in Castelgandolfo, 8. September 1994, in: O.R. ted. , Nr. 37, 16.9.1994, S. 9,6).

Ja, es ist nicht leicht zu vergeben, aber es ist für das Wohl aller Menschen dringend notwendig. Es ist wahr, daß man all das, was in der Vergangenheit geschehen ist, nicht aus dem Gedächtnis tilgen kann, aber man kann und muß die Herzen von Groll und Rachegefühlen befreien. Die Erinnerung an die Irrtümer und Ungerechtigkeiten soll als fordernde Mahnung erhalten bleiben, damit diese sich nicht wiederholen und neue, vielleicht noch größere Tragödien verhindert werden können.

Die Kirche von Bosnien und Herzegowina hat die Arbeit schon begonnen und leistet durch die treue Verkündigung des Evangeliums ihren Beitrag zu Versöhnung und Vergebung. Sie bittet nur darum, diesem ihren Sendungsauftrag nachkommen zu können, bei dem sie den Armen und Ausgegrenzten beisteht und all jenen eine Stimme verleiht, die in der Gesellschaft keine haben.

In eben diesem Geist bemüht sich die Kirche darum, die Ausbildung der neuen Generationen zu fördern durch Schulen, die für diejenigen offen sind, die in den Genuß einer Ausbildung in den Grundschulen sowie in den höheren Schulen kommen wollen. Ich bin sicher, daß die Vertreter der staatlichen Institutionen diesen Beitrag der Kirche zu schätzen wissen und es nicht versäumen werden, jede angemessene Entwicklung ihrer schulischen Institutionen zu fördern zum Wohl der Kinder und Jugendlichen aller in Bosnien und Herzegowina vertretenen Ethnien und Religionen.

4. Es erfordert den Beitrag aller, eine Gesellschaft zu stärken, die jedwede Versuchung zurückweist, irgend jemanden zum Nachteil von anderen zu bevorzugen; eine Gesellschaft, die bereit ist, allen eine wirkliche Gleichheit zu gewährleisten, welche die Rechte, die Freiheiten und die Identität jedes einzelnen sowie die örtlichen geschichtlichen, sozialen und kulturellen Erfahrungen berücksichtigt;mit einem Wort: eine auf Gerechtigkeit und Frieden gegründete Gesellschaft.

Auch wenn der Krieg seit ungefähr sieben Jahren zu Ende ist, sind leider noch immer keine konkreten Lösungen für das Drama der zahlreichen Flüchtlinge und Vertriebenen, die in ihre Häuser zurückkehren möchten, zu erkennen. Ich denke insbesondere an die Menschen, die darauf warten, in die Gegend von Banja Luka und Bosanska Posavina zurückkehren zu können. Diese Bevölkerungsteile, wie auch die Flüchtlinge und Vertriebenen aus anderen Gegenden, sehen sich ihres Rechtes beraubt, ungestört in ihrer Heimat zu leben. Sehr häufig sind daher nicht wenige von ihnen gezwungen, ihr Glück anderswo zu suchen.

Diese Personen verlangen zu Recht Garantien für ihre Unversehrtheit sowie die Schaffung von annehmbaren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen. Sie fordern darüber hinaus die Rückgabe der Güter, derer sie während des Krieges gewaltsam beraubt worden sind.

5. 5. Es ist unerläßlich, ein echtes Klima des Friedens zu schaffen. »Der Friede« - bekräftigt das II. Vatikanische Konzil - »besteht nicht darin, daß kein Krieg ist; er läßt sich auch nicht bloß durch das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern« (Gaudium et spes, 78). Das Konzil erinnert vielmehr daran, daß der Friede »mit Recht und eigentlich ein Werk der Gerechtigkeit« ist, und dies erfordert »den festen Willen, andere Menschen und Völker und ihre Würde zu achten« (ebd.).

Diese Lehre in die Tat umzusetzen beinhaltet die Verpflichtung, keine Situationen zu begünstigen, die jene Ergebnisse zu belohnen scheinen, die mit Gewalt zum Schaden von wehrlosen Personen erreicht worden sind; sie setzt außerdem den Willen voraus, mit geeigneten politischen und ökonomischen Mitteln sowohl auf örtlicher als auch auf institutioneller Ebene die begangenen Ungerechtigkeiten wiedergutzumachen und zu beheben. Bei diesen Bemühungen »dürfen die möglicherweise auftretenden unvorhergesehenen Schwierigkeiten niemanden entmutigen, sondern sie sollen ein Herausforderung sein für die Klugheit aller bei der Korrektur und Verbesserung der vorgesehenen Pläne« (Ansprache an den Botschafter von Bosnien und Herzegowina, 11. September 1998).

6. Herr Botschafter! Ich wünsche von Herzen, daß das Land, das Sie vertreten, Verständnis und konkrete Unterstützung findet für das, was die Heilung jener Wunden betrifft, die dem Land durch den letzten Krieg und durch die vergangenen politischen Systeme zugefügt wurden, die in Bosnien und Herzegowina sowie in anderen Ländern dieser Region im Laufe des 20. Jahrhunderts enorme Tragödien ver rsacht haben. Die Länder des alten Kontinents nd die internationale Gemeinschaft werden es nicht an der nötigen Hilfe fehlen lassen, die zur Förderung jener Programme notwendig ist, die darauf abzielen, bald sowohl Bosnien und Herzegowina als auch die Länder des gesamten südosteuropäischen Gebietes an den europäischen und weltweiten Integrationsprozessen teilnehmen zu lassen.

Genauso bin ich überzeugt davon, daß Bosnien und Herzegowina seinen Beitrag zu leisten weiß, um jenes »gemeinsame Haus« zu errichten, das für alle Völker unseres Kontinentes offen ist. Niemand hat daher das Recht, andere auszuschließen, während alle die Pflicht haben, die anderen zu respektieren, mag es sich um große oder kleine Länder handeln.

7. Herr Botschafter, mit Genugtuung habe ich zur Kenntnis genommen, was Sie zu den gegenseitigen Beziehungen zwischen Bosnien und Herzegowina und dem Hl. Stuhl sowie zur Entwicklung und Vertiefung dieses Verhältnisses angemerkt haben. Diese Beziehungen haben bisher und werden auch weiterhin dem Wohl aller Bürger von Bosnien und Herzegowina dienen.

In der Ausübung des hohen Ihnen anvertrauten Amtes wird Eure Exzellenz ebenso wie Ihr Vorgänger von seiten des Hl. Stuhles volles Entgegenkommen bei der Behandlung aller Fragen von gemeinsamem Interesse finden.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Rom, und Gott ermögliche Ihnen, eine fruchtbringende und interessante Arbeit zu leisten.

Ich verbinde diese Wünsche mit meinem Gebet, daß Gott, der Vater aller Menschen und Völker, Ihnen, Ihren Mitarbeitern, den staatlichen Autoritäten wie auch den geliebten Völkern von Bosnien und Herzegowina, die mir so sehr am Herzen liegen, mit seinen Gaben beistehen möge.

 

© Copyright 2002 - Libreria Editrice Vaticana

 

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