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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE CHILENISCHEN BISCHÖFE ANLÄßLICH IHRES
"AD-LIMINA"-BESUCHES

Dienstag, 15. Oktober 2002

 

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt! 

1. Mit großer Freude empfange ich euch, die Oberhirten der Kirche in Chile, anläßlich dieses »Ad-limina«-Besuchs, der euch zu den Gräbern der hll. Petrus und Paulus führt. Ihr wollt dabei den Glauben an Jesus Christus erneuern, den die Apostel an uns weitergegeben haben und den ihr als ihre Nachfolger bewahren sollt. Auch seid ihr nach Rom gekommen, um die Bande der Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri zu festigen und mit größerem Eifer »für die ganze Kirche Sorge zu tragen« (Christus Dominus, 6). 

Ich danke Kardinal Francisco Javier Errázuriz, Erzbischof von Santiago und Präsident der Bischofskonferenz, für die herzlichen Worte, mit denen er seine Zuneigung und Treue gegenüber dem Bischof von Rom – »seit jeher Sitz des Primats des apostolischen Stuhls« (vgl. hl. Augustinus, Ep. 43, 3) – bekundet und mir zugleich ermöglicht hat, an euren vorrangigen Sorgen und pastoralen Hoffnungen teilzuhaben. 

Wenn ich euch nun im Rahmen unserer Begegnung in eurem unermüdlichen Hirtendienst ermutige, denke ich vor allem an das chilenische Volk, mit dem ich mich so tief verbunden fühle. Die Besuche in eurem Land und meine Begegnungen mit der dortigen Bevölkerung, bei denen ich die tiefe Verwurzlung ihres christlichen Glaubens und die Zuneigung und Treue der Hirten und Gläubigen zum Hl. Stuhl verspürte, habe ich in lebhafter Erinnerung. Zeichen hierfür sind die zahlreichen Früchte der Heiligkeit in eurer Heimat, wie die hl. Teresa de los Andes, die sel. Laura Vicuña und der sel. Pater Alberto Hurado, dessen 50jährigen Todestag ihr feiert. 

2. Diese Aspekte sind Quelle der Inspiration und der Zuversicht für euer seelsorgliches Wirken in der heutigen Zeit, die zu Beginn eines neuen Jahrtausends von raschen Veränderungen in vielen Bereichen des menschlichen Lebens und von der großen Herausforderung des Globalisierungsphänomens gekennzeichnet ist. In ihm erkennt man in wirtschaftlicher, technischer und kultureller Hinsicht mitunter eine ernsthafte Bedrohung für die schwächeren Nationen; es enthält jedoch auch Elemente, die neue Entwicklungsmöglichkeiten bieten können. 

Wünschenswert ist, daß die Bemühungen des chilenischen Volkes um Eingliederung in die globale Welt nicht zum Verlust seiner kulturellen Identität führen. Diesbezüglich muß vermieden werden, daß alles auf den rein wirtschaftlichen Austausch verkürzt wird. Vielmehr sollen überall die besten Werte seiner Volksseele, die so eng mit der katholischen Tradition verbunden sind, angeboten werden. Das bereichert die sich stets ausweitende multikulturelle Umgebung durch eine Haltung gegenseitiger Achtung und durch die Entwicklung eines Dialogs, der intensiv nach der Wahrheit sucht und sich entfernt von Oberflächlichkeit und Relativismus, die Desinteresse fördern und das Zusammenleben gefährden. 

Hierzu müssen die katholischen Universitäten und Schulen ihren Beitrag leisten, die, Gott sei Dank, in Chile in großer Zahl vertreten sind. Zweifellos werden die Bischöfe sich ihnen weiterhin mit besonderer Aufmerksamkeit widmen, denn sie sind dazu aufgerufen, gesunder Sauerteig des Evangeliums Christi in der chilenischen Gesellschaft zu sein. 

3. Heute ist es notwendig, den Weg der Völker mit christlichen Grundsätzen zu erleuchten und dabei jene Möglichkeiten zu nutzen, die die gegenwärtige Situation zur Förderung einer wahren Evangelisierung bietet, die mit einer neuen Sprache und einer bedeutungsvollen Symbolik die Botschaft Jesu Christi für die Menschen von heute verständlicher macht. Wichtig ist somit, wie ihr selbst betont habt, daß die Kirche zu Beginn des neuen Jahrtausends Hoffnung vermittelt, damit alle Veränderungen der heutigen Zeit wirklich zu einer neuen Begegnung mit dem lebendigen Christus führen, die euer Volk zu Umkehr und Solidarität anregt. 

Wenn man berücksichtigt, daß die christliche Offenbarung zu »einem tieferen Verständnis der Gesetze des gesellschaftlichen Lebens [führt], die der Schöpfer in die geistliche und sittliche Natur des Menschen eingeschrieben hat« (Gaudium et spes, 23), darf die Kirche, angefangen bei ihrem Sendungsauftrag in der Gesellschaft, sich nicht der Aufgabe entziehen, auch jene Prozesse zu verfolgen und zu steuern, die in eurem Land zur Reform von Aspekten durchgeführt werden, die – wie beispielsweise die Bereiche Bildung und Erziehung, das Gesundheitswesen und die Rechtspflege – für das Gemeinwohl von grundlegender Bedeutung sind. Zudem soll sie darauf achten, daß sie der Förderung der Bürger, insbesondere der schwachen und bedürftigen, dienen. 

4. Ich kenne und schätze all das, was ihr für die Familie tut, die zahlreichen Schwierigkeiten unterschiedlicher Natur sowie Gefahren ausgesetzt ist, die jene Aspekte bedrohen – wie etwa die unauflösliche Natur der Ehe –, die im Plan Gottes von grundlegender Bedeutung sind. Diese Bemühungen, die ein wertvoller Dienst an eurem Land sind, müssen ferner von einer ganzheitlichen Familienpastoral begleitet werden, die eine angemessene Vorbereitung der Eheleute vor der Eheschließung einschließt und sie auch danach unterstützt, vor allem dann, wenn Schwierigkeiten aufkommen. Zudem soll diese Pastoral ihnen bei der Erziehung der Kinder Orientierung bieten. 

In dieser Hinsicht kann nichts eine wahre Kultur des Lebens, die intensive Erfahrung treuer Liebe und einen tief verwurzelten Geist der Hingabe ersetzen, über die das Wort Gottes und das Lehramt der Kirche die menschliche Existenz eingehend erleuchtet. Die Evangelisierung der Familien bedeutet, den Eheleuten die grenzenlose Liebe Christi für seine Kirche darzulegen, die sie in dieser Welt widerspiegeln sollen (vgl. Eph 5, 31 und ff.). Auch ihren Gliedern muß die Berufung zur Heiligkeit, zu der sie bestimmt sind, eingeprägt werden, ohne die Befürchtung, hohe, oft unerreichbar scheinende Ideale anzubieten, die jedoch dem göttlichen Heilsplan entsprechen. 

5. Die unlängst während des letzten Weltjugendtages in Toronto gelebte Erfahrung veranlaßt mich, auch an das Kontinentaltreffen der Jugendlichen zu erinnern, das vor einigen Jahren in Santiago stattgefunden hat. Als Protagonisten dieses großen Treffens habt ihr auf die Hochherzigkeit ihrer Antwort und die Begeisterung ihrer Mitarbeit voll vertraut. Wie ich in meiner Botschaft an sie geschrieben habe, »pulsiert in ihnen das intensive Verlangen, dem Nächsten zu dienen und Solidarität zu üben« (An die Teilnehmer des ersten panamerikanischen Jugendtreffens, 10.10.1998), das die Führung und das Vertrauen der Hirten erfordert, um zu einer lebendigen Begegnung mit Christus zu werden mit dem festen Vorsatz, seinem Evangelium treu zu dienen und es voll Freude in der chilenischen Gesellschaft und in der ganzen Welt zu verbreiten. 

Trotz zahlreicher Verlockungen, die zu Hedonismus, Mittelmäßigkeit und schnellem Erfolg verleiten, lassen sich junge Menschen nicht leicht von Schwierigkeiten einschüchtern, und sie sind demnach besonders empfänglich für radikale Anforderungen und bedingungslosen Einsatz, wenn sie die wahre Bedeutung ihres Lebens erkannt haben. Sie schrecken nicht davor zurück, einen beschwerlichen Weg vor sich zu haben, wenn sie Christus entdecken, der diesen Weg als erster gegangen und bereit ist, ihn mit ihnen zu gehen (vgl. Ansprache während der Begrüßungsfeier, Toronto, 25.7.2002, Nr. 3). Für Jugendliche voller Tatkraft ist es von wesentlicher Bedeutung, Erbauer und Urheber des Lebens und der Welt zu sein, in der sie leben. Ohne Widerspruch oder Vorbehalte gegenüber den Werten des Evangeliums, den moralischen Pflichten oder der Notwendigkeit der im Gebet erflehten und in den Sakramenten empfangenen Gnade Gottes, müßt ihr sie daher lehren, »Stein auf Stein zu setzen, um in der Stadt der Menschen die Stadt Gottes zu bauen« (Gebetswache, Toronto , 27.7.2002, Nr. 4).

6. Wie bei anderen Gelegenheiten möchte ich euch nachdrücklich die Priester anvertrauen, eure wichtigsten Mitarbeiter im pastoralen Dienst. Sie brauchen gut ausgearbeitete Programme zur Weiterbildung, insbesondere im Bereich der Theologie, der Spiritualität, der Pastoral und der kirchlichen Soziallehre, die ihnen ermöglichen, sachkundige Verkünder des Evangeliums und Diener der Kirche in der heutigen Gesellschaft zu sein. Für den größten Teil des Volkes Gottes ist der Priester in der Tat der bevorzugte Mittler, durch den es das Evangelium erreicht und auch jenes unmittelbare Bild, durch das das Gottesvolk das Mysterium der Kirche erkennt.  

Ihre intellektuelle und lehrmäßige Vorbereitung sollte daher stets mit dem Zeugnis eines vorbildlichen Lebens verbunden sein, der engen Gemeinschaft mit den Bischöfen, der brüderlichen Verbundenheit gegenüber ihren Mitbrüdern im Priesteramt, der freundlichen Beziehung zu anderen, dem gemeinschaftlichen Geist mit allen kirchlichen Bereichen ihrer Gemeinde und jenem spirituellen Frieden und apostolischem Eifer, die allein der ständige Kontakt mit dem Meister geben und aufrechterhalten kann. Ebenso wie die Jünger, von denen das Lukasevangelium spricht, müssen auch sie unendliche Freude empfinden über die Wunder, die Jesus durch sie wirkt (vgl. Lk 19, 7). Auf diese Weise sollen sie die Verkündigung mit dem persönlichen Zeugnis und die Lehre mit dem beispielhaften Leben verbinden. 

Damit die Priester eure Gegenwart und Nähe spüren, ist es überaus wichtig, häufig mit ihnen persönlich zu sprechen, »sie bereitwillig anzuhören und sich um ein vertrautes Verhältnis zu ihnen zu bemühen« (vgl. Christus Dominus, 16), Interesse zu zeigen für die täglichen Probleme, die sie oft belasten, und ihnen zu verdeutlichen, wie wertvoll in den Augen Gottes und der Kirche diese aufopfernde, tägliche »oft verborgene Arbeit ist, die zwar keine Schlagzeilen macht, aber das Reich Gottes in die Gewissen der Menschen eindringen läßt« (Brief an die Priester zum Gründonnerstag 2001, Nr. 3).  

All das wird auch einer Berufungspastoral zugute kommen, die mit Entschlossenheit, Beharrlichkeit und Konsequenz verwirklicht werden muß. Sie soll einen unersetzlichen Bezugspunkt in der Anziehungskraft haben, die jene Menschen auf die Jugend ausüben, die mit spürbarer Freude ihr gesamtes Leben vollkommen Gott und dem Dienst an der Kirche geweiht haben. 

Ferner sollte jeder Bischof die Förderung von Berufungen in seiner Diözese stets als vorrangige Aufgabe betrachten. Sie ist zu verwirklichen durch das Gebet und eigens darauf ausgerichtete Initiativen, wie ich in dem Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis und bei zahlreichen anderen Gelegenheiten hervorgehoben habe. 

7. Diese Zeit zu Beginn des neuen Jahrtausends, in der sich Chile dem 200jährigen Jubiläum seiner Unabhängigkeit nähert, stellt die Kirche und alle Bürger vor die entscheidende Herausforderung, ein von vollkommener Eintracht gekennzeichnetes Zusammenleben zu erlangen, in dem, ohne die Wahrheit zu verbergen, Platz ist für jene Vergebung, »die die Wunden heilt und die tiefgehende Wiederherstellung der gestörten menschlichen Beziehungen bewirkt« (Botschaft zum Weltjugendtag, 1.1.2002, Nr. 3). 

Die Kirche, die beauftragt ist, Werkzeug der Versöhnung der Menschen mit Gott und untereinander zu sein, muß »Haus und Schule der Gemeinschaft« sein (Novo Millennio ineunte, 43), in der man das zu schätzen und anzunehmen versteht, was positiv ist im anderen, und in der sich niemand ausgeschlossen fühlt.  

Gerade in der Haltung der Ausgrenzung, die einen zum Weitergehen veranlaßt, um dem bedürftigen Bruder nicht zu begegnen (vgl. Lk 10, 31), weil er lästig und nutzlos zu sein scheint, kommt der negative Aspekt gewisser gesellschaftlicher Modelle unserer Welt zum Ausdruck, denen die Kirche mit besonderer Aufmerksamkeit entgegentreten muß. Sie soll daher daran erinnern, daß vor allem die Bedürftigen nicht als bedeutungslose Rückstände eines Prozesses betrachtet werden dürfen, der nur das in Betracht zieht, was zu Erfolg, maßlosem Anhäufen von Gütern und bevorzugten Positionen führt. 

8. Am Ende dieses Treffens bitte ich euch, euren kirchlichen Gemeinschaften meine Zuneigung und geistige Nähe zu übermitteln. Überbringt meinen Dank den Priestern und den Ordensgemeinschaften, die sich mit Großherzigkeit dafür einsetzen, das Reich Gottes in Chile zu verkünden und zu bezeugen, sowie den Katecheten und allen anderen Mitarbeitern, die euren Evangelisierungsauftrag teilen. Vermittelt den Dank des Papstes jenen Personen und Einrichtungen, die sich dem Dienst der Nächstenliebe und Solidarität an den Ärmsten widmen, denn das ist eine der großen Herausforderungen für das Leben der Kirche im neuen Jahrtausend (vgl. Novo Millennio ineunte, 49-50).

Der heiligen Jungfrau Maria, »Nuestra Senora del Carmen de Maipú«, vertraue ich eure pastoralen Sorgen an. Sie bitte ich inständig, die lieben Söhne und Töchter Chiles zu Christus, dem Ursprung des Lebens und der Wahrheit, zu führen und ihnen dabei zu helfen, in einem so schönen Land als Brüder und Schwestern zu leben. Sie möge bei ihrem göttlichen Sohn Fürsprache einlegen, damit das Land in Frieden und Eintracht, den besten Werten seiner christlichen Tradition entsprechend, gedeihen kann. 

Euch und den Gläubigen aller Teilkirchen, denen ihr vorsteht, erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

 

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