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BOTSCHAFT VON PAPST JOHANNES PAUL II.
ANLÄßLICH DES INTERRELIGIÖSEN 
FRIEDENSTREFFENS IN PALERMO

 

An den Hochwürdigsten Mitbruder 
Kardinal ROGER ETCHEGARAY
emeritierter Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden 

1. Von Herzen grüße ich Sie, Herr Kardinal, wie auch die ehrenwerten Teilnehmer des in Palermo geplanten 16. Internationalen Gebetstreffens für den Frieden zum Thema »Religionen und Kulturen zwischen Konflikt und Dialog«. 

Ich grüße den Erzbischof von Palermo, Kardinal Salvatore De Giorgi, sowie die lieben Kirchen Siziliens und ihre Hirten. Gewiß werden diese Tage der Reflexion und des Gebets der Bevölkerung Siziliens helfen, ihre Insel noch bewußter zu einem Ort der solidarischen Aufnahme und des friedlichen Zusammenlebens zu machen, denn Sizilien ist berufen, inmitten des Mittelmeeres ein Kreuzungspunkt und Begegnungsort von Nord und Süd, Orient und Okzident zu sein. 

2. Das unmittelbar bevorstehende Treffen in Palermo bringt mir den 27. Oktober 1986 in Assisi in Erinnerung, als ich erstmals die Vertreter der Kirchen, christlichen Gemeinschaften und Weltreligionen aufforderte, Seite an Seite für den Frieden zu beten. Sie, Herr Kardinal, gehörten zu den wichtigsten Baumeistern jenes denkwürdigen Tages, der einen neuen Modus der Begegnung zwischen den Gläubigen unterschiedlicher Religionen einleitete: eine Begegnung nicht als Gegenüberstellung und noch weniger als gegenseitige Mißachtung, sondern als gemeinsamer Versuch eines konstruktiven Dialogs, in dem sich jeder, ohne dem Relativismus oder Synkretismus nachzugeben, den anderen achtungsvoll öffnet, weil alle wissen, daß Gott die Quelle des Friedens ist. 

Seitdem haben wir, den »Geist von Assisi« gleichsam fortsetzend, Jahr für Jahr diese dem Gebet und der gemeinsamen Reflexion gewidmeten Zusammenkünfte beibehalten. Ich danke der Gemeinschaft Sant’Egidio für den Mut und die Kühnheit, mit denen sie den »Geist von Assisi« aufgenommen hat, dessen Kraft von Jahr zu Jahr in verschiedenen Weltstädten zu spüren war. Der »Geist von Assisi« hat, Gott sei Dank, den Dialog und das gegenseitige Verständnis begünstigt und viele konkrete Früchte der Versöhnung erbracht. Daher sind wir berufen, ihn zu unterstützen und zu verbreiten, indem wir den Weg der Gerechtigkeit gehen und auf die Hilfe Gottes vertrauen, der überall dort Wege des Friedens zu öffnen weiß, wo es den Menschen nicht gelingt. 

In unserer Zeit ist es um so dringlicher, diesen Geist zu leben. Daher wollte ich nach den tragischen Ereignissen des 11. September im vergangenen Januar zusammen mit den Vertretern der christlichen Kirchen und der Weltreligionen nach Assisi zurückkehren. In Assisi, das nun gleichsam eine Agora des Friedens unter den Völkern geworden ist, sagte ich, es gelte, die Nebel des Mißtrauens und des Unverständnisses zu lichten. Aber die Finsternis kann nicht mit Waffen aufgehellt werden; die Finsterns weicht, wenn Lichter angezündet werden (vgl. Ansprache in Assisi, 24. Januar 2002: in O.R. dt., Nr. 5/2002, S. 6). 

3. In Palermo werden am 1. September diese Lichter neu entfacht, um auf den gesamten Mittelmeerraum auszustrahlen, den Ort, an dem unterschiedliche Religionen und Kulturen von alters her zusammenleben, der aber auch Schauplatz tiefen Unverständnisses und blutiger Konflikte ist. Insbesondere denke ich an das Heilige Land, das in eine scheinbar unaufhaltsame Spirale der Gewalt geraten ist. 

Wie viele Völker sind nicht nur von schmerzlichen Konflikten heimgesucht, sondern auch von Hunger und Armut, insbesondere in Afrika, jenem Kontinent, der das bestehende Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd des Planeten zu verkörpern scheint. Möge von Palermo ein neuer Aufruf ausgehen, damit sich alle auf verantwortliche Weise für Gerechtigkeit und wahre Solidarität einsetzen. 

  4. Das Thema des Treffens bietet den Ausgangspunkt für eine eingehende Analyse der Situation unseres Planeten und für Vorschläge von Schritten, die gemeinsam zu unternehmen sind. 

»Auf welche Fundamente müssen wir die neue geschichtliche Epoche bauen?« Diese aus den großen Wandlungen des 20. Jahrhunderts sich ergebende Frage ist an unsere religiösen Traditionen und verschiedenen Kulturen gerichtet. »Wird es genügen – fragte ich die unlängst zum Weltjugendtag in Toronto versammelten Jugendlichen –, sich auf die zur Zeit stattfindende technologische Revolution zu verlassen, die scheinbar einzig und allein von Kriterien der Produktivität und Leistungsfähigkeit geregelt ist, ohne jeglichen Bezug auf die religiöse Dimension des Menschen und ohne weltweit geteilte ethische Werte?« (Ansprache bei der Gebetsvigil am 27. Juli 2002, in: O.R. dt., Nr. 32/33/2002, S. 12). 

Die Dringlichkeit des Augenblicks erinnert die Menschheit daran, daß sie allein im Antlitz Gottes den Sinn unseres Daseins und die Wurzel unserer Hoffnung finden kann. Möge das Treffen von Palermo dieses allgemeine Bewußtsein fördern und dazu beitragen, eine Welt mit größerer Freiheit und Brüderlichkeit zu bauen. 

Allen versichere ich meine geistliche Teilnahme, und ich bitte Gott von Herzen um seinen reichen Segen für die Kongreßarbeiten und alle Anwesenden. 

Aus Castelgandolfo, am 29. August 2002

IOANNES PAULUS II

   

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