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KREUZWEG 

BETRACHTUNGEN
DES HEILIGEN VATERS
PAPST JOHANNES PAUL II.

KARFREITAG 2003

 

ERÖFFNUNGSGEBET

Der Heilige Vater:

Im Namen des Vaters
und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
R. Amen.

Kreuzweg am Karfreitag des Jahres 2003.

 

Via Crucis der Kirchengemeinde der Stadt,
die zusammengeströmt ist beim Kolosseum,
dem tragischen und ruhmreichen Denkmal des kaiserlichen Rom,
stummer Zeuge von Macht und Herrschaft,
Erinnerung und Mahnmal für Geschehnisse im Zeichen von Leben und Tod,
wo, einem endlosen Echo gleich,
der Schrei des Blutes (vgl. Gen 4, 10)
und um Eintracht und Vergebung flehende Worte
widerzuhallen scheinen.

Via Crucis des fünfundzwanzigsten Jahres meines Pontifikats
als Bischof von Rom und Hirte der gesamten Kirche.
Durch Gottes Gnade habe ich in den fünfundzwanzig Jahren
meines Hirtendienstes
dieses Ereignis niemals versäumt,
das eine wahre Statio Urbis et Orbis ist,
Begegnung der Kirche von Rom
mit Pilgern aus allen Teilen der Welt
und mit Millionen von Gläubigen, die den Kreuzweg
über Rundfunk und Fernsehen mitverfolgen.
Auch in diesem Jahr
bin ich aufgrund der erneuten Barmherzigkeit des Herrn
wieder bei euch, um noch einmal im Glauben den Weg zu gehen,
den Jesus vom Amtssitz des Statthalters Pontius Pilatus
bis auf den Hügel Golgotha zurückgelegt hat.

Via Crucis,
ideale Umarmung zwischen Jerusalem und Rom,
zwischen der von Jesus geliebten Stadt,
wo er sein Leben für die Rettung der Welt hingegeben hat,
und dieser Stadt als Sitz des Nachfolgers Petri,
die den Vorsitz in der kirchlichen Liebe hat.

Via Crucis, Glaubensweg:
in dem zum Tod verurteilten Jesus
sollen wir den Weltenrichter erkennen;
in ihm, der mit dem Kreuz beladen ist, den Retter der Welt;
in ihm, dem Gekreuzigten, dem Herrn der Geschichte,
den Sohn Gottes selbst.

Nacht des Karfreitag,
milde und aufgewühlte Nacht des ersten Frühlingsvollmonds.
Wir sind im Namen des Herrn zusammengekommen.
Er ist seinem Versprechen gemäß (vgl. Mt 18, 20) hier unter uns.

Auch die Selige Jungfrau Maria ist bei uns.
Sie war auf Golgotha zugegen
als Mutter des sterbenden Sohnes,
Schülerin des Lehrers der Wahrheit,
neue Eva beim Baum des Lebens,
Frau voller Schmerzen,
vereint mit dem "Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut (Jes 53, 3)",
Tochter Adams, unsere Schwester, Königin des Friedens.

Als barmherzige Mutter
beugt sie sich über ihre Kinder,
die noch immer Gefahren und Sorgen ausgesetzt sind,
um ihre Leiden wahrzunehmen,
die von ihrem Elend aufsteigende Wehklage zu hören,
um Trost zu spenden und die Hoffnung auf Frieden wieder zu beleben.

Lasset uns beten.

Kurze Stille

Heiliger Vater, sieh an
das Blut, das aus der durchbohrten Seite des Heilands fließt;
sieh an das Blut, vergossen von den vielen Opfern
des Hasses, des Krieges, des Terrorismus,
und gewähre gütig, daß der Gang des Weltgeschehens
nach deinem Willen in Gerechtigkeit und Frieden verlaufe
und deine Kirche sich ruhig und vertrauensvoll
dem Dienst an dir und an der Befreiung des Menschen widme.

Durch Christus unseren Herrn.

R. Amen.


ERSTE STATION

Jesus wird zum Tod verurteilt

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

(Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.)

Aus dem Evangelium nach Markus. 15, 14-15

Sie schrien noch lauter: "Kreuzige ihn!".
Darauf ließ Pilatus, um die Menge zufriedenzustellen,
Barabbas frei
und gab den Befehl, Jesus zu geißeln
und zu kreuzigen.

MEDITATION

Das Urteil des Pilatus wurde unter dem Druck der Priester und der Menge gefällt. Die Verurteilung zum Tod durch Kreuzigung hätte ihre Leidenschaften befriedigen und die Antwort auf das Geschrei: "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!" (Mk 15, 13-14 ff.) sein sollen. Der römische Statthalter dachte, sich dem Urteil dadurch zu entziehen, daß er sich die Hände wusch, so wie er sich zuvor der Worte Christi entledigt hatte, der sein Reich mit der Wahrheit, mit dem Zeugnis für die Wahrheit (Joh 18, 38), gleichgesetzt hatte. Im dem einen wie im dem anderen Fall suchte Pilatus, seine Unabhängigkeit zu bewahren, gewissermaßen "abseits" zu stehen. Aber das war nur die Oberfläche. Das Kreuz, zu dem Jesus von Nazaret verurteilt wurde (Joh 19, 16), ebenso wie seine Wahrheit über das Reich (Joh 18, 36-37), sollten zutiefst die Seele des römischen Statthalters berühren. Das Kreuz war und ist eine Realität, angesichts derer man nicht abseits oder am Rande stehen kann. Die Tatsache, daß Jesus, der Sohn Gottes, von dem Mann über sein Reich befragt und deshalb gerichtet und zum Tod verurteilt worden ist, stellt den Anfang jenes abschließenden Zeugnisses Gottes dafür dar, daß er die Welt so sehr geliebt hat (vgl. Joh 3, 16).
Wir stehen vor diesem Zeugnis und wissen, daß es uns nicht erlaubt ist, uns die Hände zu waschen.

 

ANRUFUNGEN

Jesus von Nazaret, zum Tod am Kreuz verurteilt,
getreuer Zeuge der Liebe des Vaters.
R. Kyrie, eleison.

Jesus, Sohn Gottes, gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters
bis zum Tode am Kreuz.
R. Kyrie, eleison.

 

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Stabat Mater dolorosa,
iuxta crucem lacrimosa,
dum pendebat Filius.



ZWEITE STATION

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

V: Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Markus. 15, 20

Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten,
nahmen sie ihm den Purpurmantel ab
und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an.
Dann führten sie Jesus hinaus,
um ihn zu kreuzigen.


MEDITATION

Die Exekution, das heißt der Vollzug des Urteils, nimmt ihren Anfang. Der zum Tode verurteilte Christus muß das Kreuz auf seine Schultern laden wie die beiden anderen Verurteilten, die dieselbe Strafe erleiden sollen: "Er ließ sich unter die Verbrecher rechnen" (Jes 53, 12). Mit seinem schrecklich zerschlagenen Körper, voller Striemen und Wunden, während ihm das Blut vom dornengekrönten Haupt über das Gesicht rinnt, nähert sich Christus dem Kreuz. Ecce Homo! (Joh 19, 5). In ihm ist die ganze Wahrheit des Menschensohnes, wie sie von den Propheten vorhergesagt worden war, die von Jesaja angekündigte Wahrheit über den Knecht Jahwes: "Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen..., durch seine Wunden sind wir geheilt" (Jes 53, 5).
Bei ihm ist - was Erstaunen erregt - auch eine gewisse Konsequenz dessen gegeben, was der Mensch mit seinem Gott getrieben hat. Pilatus sagt: "Ecce Homo! Seht, da ist der Mensch!" (Joh 19, 5): "Seht, was ihr aus diesem Menschen gemacht habt!". Aus diesem Satz scheint eine andere Stimme zu sprechen, die scheinbar sagen will: "Seht, was ihr an diesem Menschen mit eurem Gott gemacht habt!".
Ergreifend ist das Näherkommen, das Sich-Dazwischenschalten dieser Stimme, die wir durch die Geschichte mit dem vernehmen, was uns durch das Bewußtsein des Glaubens erreicht. Ecce Homo! Jesus, "den man den Messias nennt" (Mt 27, 17), nimmt das Kreuz auf seine Schultern (Joh 19, 17). Die Urteilsvollstreckung hat begonnen.


ANRUFUNGEN

Christus, Sohn Gottes,
enthülle dem Menschen das Geheimnis des Menschen.
R. Christe, eleison.

Jesus, Knecht des Herrn,
durch deine Wunden sind wir geheilt.
R. Christe, eleison.
  

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.


Cuius animam gementem,
contristatam et dolentem
pertransivit gladius.


DRITTE STATION

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Buch des Propheten Jesaja. 53, 4-6

Aber er hat unsere Krankheit getragen
und unsere Schmerzen auf sich geladen.
Wir meinten, er sei von Gott geschlagen,
von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm,
durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe,
jeder ging für sich seinen Weg.
Doch der Herr lud auf ihn
die Schuld von uns allen.

MEDITATION

Jesus bricht unter dem Kreuz zusammen. Er fällt zu Boden. Er wendet nicht seine übermenschlichen Kräfte an, er greift nicht auf die Stärke der Engel zurück. "Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?" (Mt 26, 53). Nein, er bittet nicht darum. Nachdem er den Kelch aus den Händen des Vaters entgegengenommen hat (Mk 14, 36 usw.), will er ihn bis zur Neige trinken. Genau das will er. Und deshalb denkt er nicht an irgendeine übermenschliche Kraft, obgleich sie ihm zur Verfügung stünde. Diejenigen, die ihn gesehen hatten, als er die menschlichen Gebrechen, die Verstümmelungen und Krankheiten, ja selbst den Tod in die Schranken wies, können ein schmerzreiches Wunder erleben. Und jetzt? Verneint er das alles? "Wir aber hatten gehofft", werden einige Tage später die Emmaus-Jünger sagen (vgl. Lk 24, 21). "Wenn du Gottes Sohn bist..." (Mt 27, 40), werden ihn die Mitglieder des Hohen Rates verhöhnen. "Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen" (Mk 15, 31; Mt 27, 42), wird die Menge brüllen.
Und er nimmt diese provokanten Sätze hin, die den ganzen Sinn seiner Sendung, der Reden, die er gehalten, der Wunder, die er vollbracht hat, aufzuheben scheinen. Er nimmt alle diese Worte hin, er hat beschlossen, keinen Widerstand zu leisten. Er will geschmäht werden. Er will schwanken. Er will unter dem Kreuz fallen. Er will das. Er ist bis zum Ende, bis in die kleinsten Einzelheiten der Aussage treu: "Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen" (vgl. Mk 14, 36 usw.).
Gott wird aus dem Zu-Boden-Fallen Christi unter dem Kreuz das Heil der Menschheit bereiten.

ANRUFUNGEN

Jesus, sanftes Erlöserlamm,
der du die Sünde der Welt trägst.
R. Kyrie, eleison.

Jesus, unser Gefährte in der Zeit der Angst,
verbunden mit der menschlichen Schwachheit,
R. Kyrie, eleison.
 

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

O quam tristis et afflicta
fuit illa benedicta
mater Unigeniti!

VIERTE STATION

Jesus begegnet seiner Mutter

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Lukas. 2, 34-35. 51

Simeon sagte zu Maria, der Mutter Jesu:
Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel
viele durch ihn zu Fall kommen
und viele aufgerichtet werden,
und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.
Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden.
Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen...
Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.

MEDITATION

Die Mutter. Maria begegnet dem Sohn auf dem Kreuzweg. Sein Kreuz wird zu ihrem Kreuz, seine Erniedrigung zu ihrer, die öffentliche Schmach wird zu ihrer Schmach. Das ist die menschliche Ordnung der Dinge. So müssen es jene empfinden, die um sie herum sind, und so begreift es ihr Herz: "...Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen" (Lk 2, 35). Diese Worte, die gesprochen wurden, als Jesus vierzig Tage alt war, erfüllen sich in diesem Augenblick. Sie erlangen ihre ganze Fülle. Und durchbohrt von diesem unsichtbaren Schwert, geht Maria dem Golgota ihres Sohnes und damit ihrem eigenen Golgota entgegen. Christliche Frömmigkeit und Verehrung sieht sie mit diesem Schwert im Herzen und stellt sie auf Bildern und in Skulpturen so dar: Mater dolorosa! Schmerzhafte Mutter!
"Du, die du mit ihm gelitten hast!", wiederholen die Gläubigen, die im Innersten wissen, daß man das Geheimnis dieses Leidens so ausdrücken muß. Obwohl dieser Schmerz zu ihr gehört und sie in der ganzen Tiefe ihrer Mütterlichkeit berührt, wird die volle Wahrheit dieses Schmerzes mit dem Wort Mitleiden ausgedrückt. Es gehört zu demselben Geheimnis: es bringt in gewisser Weise die Einheit mit dem Leiden des Sohnes zum Ausdruck.


ANRUFUNGEN

Heilige Maria, unsere Mutter und Schwester auf dem Weg des Glaubens,
mit dir rufen wir zu deinem Sohn Jesus.
R. Kyrie, eleison.

Heilige Maria, unerschrocken auf dem Weg nach Golgotha,
mit dir flehen wir zu deinem Sohn Jesus.
R. Kyrie, eleison.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quae maerebat et dolebat
pia mater, cum videbat
Nati poenas incliti.


FÜNFTE STATION

Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Markus. 15, 21-22

Einen Mann, der gerade vom Feld kam,
Simon von Zyrene,
den Vater des Alexander und des Rufus,
zwangen sie sein Kreuz zu tragen.
Und sie brachten Jesus an einen Ort namens Golgota,
das heißt übersetzt: Schädelhöhe.


MEDITATION

Simon von Zyrene, der angehalten wurde, das Kreuz zu tragen (vgl. Mk 15, 21; Lk 23, 26), wollte es gewiß nicht tragen. Er ist also dazu gezwungen worden. Er ging neben Christus unter derselben Last. Er lieh ihm seine Schultern, als die Schultern des Verurteilten zu schwach zu sein schienen. Er war ihm ganz nahe: näher als Maria, näher als Johannes, der, obwohl auch er ein Mann war, nicht gerufen worden ist, um ihm zu helfen. Sie haben ihn, Simon von Zyrene, den Vater des Alexander und des Rufus, gerufen, wie das Markusevangelium berichtet (Mk 15, 21). Sie haben ihn gerufen, ja sie haben ihn gezwungen.
Wie lange hat dieser Zwang gedauert? Wie lange ist er neben ihm gegangen und hat dabei zu erkennen gegeben, daß ihn nichts mit dem Verurteilten, mit seiner Schuld, mit seiner Strafe verband? Wie lange ist er so gegangen, innerlich gespalten durch eine Sperre der Gleichgültigkeit gegenüber dem Mann, der litt? "Ich war nackt, ich war durstig, ich war im Gefängnis" (vgl. Mt 25, 35.36), ich habe das Kreuz getragen... und: Hast du es mit mir getragen? ... Hast du es wirklich bis zum Ende mit mir getragen?
Das wissen wir nicht. Der heilige Markus nennt nur den Namen der Söhne des Mannes aus Zyrene, und die Überlieferung behauptet, daß sie zu der Christengemeinde gehörten, die dem heiligen Petrus nahestand (vgl. Röm 16, 13).

 


ANRUFUNGEN

Christus, barmherziger Samariter,
du hat dich an die Seite des Armen, des Kranken und des Geringsten gestellt.
R. Christe, eleison.

Christus, Diener des Ewigen, du betrachtest jede liebevolle Geste
gegenüber dem Verbannten, dem Ausgegrenzten und dem Fremden,
als würde sie dir erwiesen.
R. Christe, eleison.  
 

Alle: 

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quis est homo qui non fleret,
matrem Christi si videret
in tanto supplicio?

SECHSTE STATION

Veronika trocknet das Antlitz Jesu

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Buch des Propheten Jesaja. 53, 2-3

Er hatte keine schöne und edle Gestalt,
so daß wir ihn anschauen mochten.
Er sah nicht so aus, daß wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden,
ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut.
Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt.

MEDITATION

Die Überlieferung hat uns mit Veronika bekanntgemacht. Sie vervollständigt vielleicht die Geschichte des Mannes aus Zyrene. Denn es ist sicher, daß sie - auch wenn sie als Frau das Kreuz nicht physisch getragen hat und auch nicht dazu gezwungen worden ist - dieses Kreuz gewiß mit Jesus mitgetragen hat: sie hat es so getragen, wie sie es vermochte, wie ihr es in jenem Augenblick möglich war, und wie ihr Herz es ihr eingab. Und sie hat sein Antlitz getrocknet.
Dieses Detail, das uns die Tradition überliefert, läßt sich allem Anschein nach auch leicht erklären: auf dem Schweißtuch, mit dem sie ihm das Angesicht getrocknet hat, sind die Gesichtszüge Christi abgedrückt geblieben. Da das Antlitz ganz mit Blut und Schweiß bedeckt war, konnte es Spuren und Umrisse hinterlassen.
Der Sinn dieses Details kann jedoch auch anders interpretiert werden, wenn man es im Licht der Rede Christi vom Weltgericht sieht. Zweifellos werden viele fragen: "Herr, wann haben wir das getan?". Und Jesus wird antworten: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (vgl. Mt 25, 37-40). In der Tat drückt der Heiland jedem Akt der Nächstenliebe die Ähnlichkeit mit ihm ein, wie er es auf dem Tuch der Veronika getan hat.


ANRUFUNGEN

O Antlitz des Herrn Jesus,
vom Schmerz entstellt, strahlend von göttlicher Herrlichkeit.
R. Kyrie, eleison.

O heiliges Antlitz,
als Siegel in jede Liebestat eingeprägt.
R. Kyrie, eleison.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quis non posset contristari,
piam matrem contemplari
dolentem cum Filio?



SIEBTE STATION

Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Buch der Klagelieder. 3, 1-2.9.16

Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat
durch die Rute seines Grimms.
Er hat mich getrieben und gedrängt
in Finsternis, nicht ins Licht...
Mit Quadern hat er mir den Weg verriegelt,
meine Pfade irregeleitet...
Meine Zähne ließ er auf Kiesel beißen,
er drückte mich in den Staub.


MEDITATION

"Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet" (Ps 22, 7): Die Worte des als Prophet sprechenden Psalmisten finden ihre volle Verwirklichung in diesen engen, steilen Gassen Jerusalems in den letzten Stunden vor dem Paschafest. Und wie man weiß, sind diese Stunden, gerade vor dem Fest, mühsam, und die Straßen überfüllt. Und in diesem Rahmen bewahrheiten sich die Worte des Psalmisten, auch wenn niemand daran denkt. All dessen sind sich zweifellos diejenigen nicht bewußt, die ihre Verachtung zeigen und für die dieser Jesus von Nazaret, der zum zweiten Mal unter dem Kreuz fällt, zu einem Objekt des Spottes geworden ist.
Und er will das. Er will, daß sich die Prophezeiung erfüllt. Er fällt also, erschöpft vor Anstrengung. Er fällt nach dem Willen des Vaters. Dieser Wille kommt auch in den Worten des Propheten zum Ausdruck. Er fällt, weil es sein eigener Wille ist, denn: "Wie würde dann aber die Schrift erfüllt?" (Mt 26, 54): "Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch" (Ps 22, 7), also nicht einmal "Ecce Homo" (Joh 19, 5), sondern noch geringer, noch schlechter.
Der Wurm kriecht, an die Erde geheftet; der Mensch hingegen als König der Geschöpfe geht aufrecht über sie. Der Wurm nagt auch am Holz: wie der Wurm, so nagt das Schuldgefühl über die Sünde am Gewissen des Menschen. Gewissensbisse darüber, daß Jesus zum zweiten Mal fällt.


ANRUFUNGEN

Jesus von Nazaret, zur Schande der Menschen geworden,
um alle Geschöpfe zu adeln.
R. Kyrie, eleison.

Jesus, Diener des Lebens,
von den Menschen zermalmt, von Gott erhöht.
R. Kyrie, eleison.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Pro peccatis suae gentis
vidit Iesum in tormentis
et flagellis subditum.



ACHTE STATION

Jesus begegnet den Frauen von Jerusalem

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Lukas. 23, 28-31

Jesus wandte sich zu den Frauen und sagte:
"Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich;
weint über euch und eure Kinder!
Denn es kommen Tage, da wird man sagen:
Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren
und nicht gestillt haben.
Dann wird man zu den Bergen sagen:
Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu!
Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht,
was wird dann erst mit dem dürren werden?".


MEDITATION

Das ist der Aufruf zur Reue, zur wahren Reue, zur wahrhaftigen Trauer über das begangene Übel. Jesus sagt zu den Frauen von Jerusalem, die bei seinem Anblick weinen: "Weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder!" (Lk 23, 28). Man darf nicht an der Oberfläche des Übels stehen bleiben, man muß zu seinen Wurzeln, zu den Ursachen, bis zur äußersten Wahrheit des Gewissens vordringen.
Genau das will Jesus sagen, der das Kreuz trägt, der von jeher "wußte, was im Menschen ist" (vgl. Joh 2, 25), und der es immer weiß. Darum muß er stets der allernächste Zeuge unserer Handlungen und der Urteile sein, die wir uns über sie in unserem Gewissen bilden. Vielleicht läßt er uns sogar begreifen, daß diese Urteile überlegt, vernünftig und sachlich sind, so daß er sagt: "Weint nicht!" - Und doch müssen sie zugleich mit alldem verbunden sein, was diese Wahrheit enthält: Er weist uns darauf hin, weil er es ist, der das Kreuz trägt.
Ich bitte dich, Herr, in der Wahrheit leben und wandeln zu können!


ANRUFUNGEN

Herr Jesus, weise und barmherzig,
Wahrheit, die zum Leben führt.
R. Kyrie, eleison.

Herr Jesus, von Mitleid erfüllt,
deine Gegenwart stillt in der Stunde der Prüfung unsere Trauer.
R. Kyrie, eleison.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.


Tui nati vulnerati,
tam dignati pro me pati
poenas mecum divide.

 

NEUNTE STATION

Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Buch der Klagelieder. 3, 27-32

Gut ist es für den Mann, ein Joch zu tragen
in der Jugend.
Er sitze einsam und schweige,
wenn der Herr es ihm auflegt.
Er beuge in den Staub seinen Mund;
vielleicht ist noch Hoffnung.
Er biete die Wange dem, der ihn schlägt,
und lasse sich sättigen mit Schmach.
Denn nicht für immer verwirft der Herr.
Hat er betrübt, erbarmt er sich auch wieder
nach seiner großen Huld.


MEDITATION

"Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2, 8). Jede Station dieses Kreuzwegs ist ein Meilenstein dieses Gehorsams und dieser Erniedrigung.
Das Ausmaß dieser Entäußerung begreifen wir, wenn wir den Worten des Propheten folgen: "Der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen... Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen" (Jes 53, 6).
Das Ausmaß dieser Erniedrigung erfassen wir, wenn wir sehen, daß Jesus wieder, zum dritten Mal, unter dem Kreuz zusammenbricht. Wir begreifen es, wenn wir darüber nachdenken, wer da zu Boden stürzt, wer da unter dem Kreuz im Straßenstaub liegt, neben den Füßen feindseliger Leute, die ihn mit Demütigungen und Schmähungen nicht verschonen...
Wer ist das, der zu Boden stürzt? Wer ist Jesus Christus? "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz " (Phil 2,6-8).


ANRUFUNGEN

Jesus Christus,
du hast die Bitterkeit der Erde verkostet,
um das Stöhnen des Schmerzes in Jubelgesang zu verwandeln.
R. Christe, eleison.

Jesus Christus,
der du dich im Fleisch erniedrigt hast,
um die ganze Schöpfung zu adeln.
R. Christe, eleison.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.


Eia, mater, fons amoris,
me sentire vim doloris
fac, ut tecum lugeam.


ZEHNTE STATION

Jesus wird seiner Kleider beraubt

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Markus. 15, 24

Die Soldaten warfen das Los
und verteilten seine Kleider unter sich
und gaben jedem, was ihm zufiel.


MEDITATION

Als Jesus auf Golgotha ohne Kleider dasteht (vgl. Mk 15, 24 usw.), wenden sich unsere Gedanken seiner Mutter zu: sie gehen zurück zum Ursprung dieses Leibes, der schon jetzt, vor der Kreuzigung, eine einzige Wunde ist (vgl. Jes 52, 14). Das Geheimnis der Menschwerdung: Der Sohn Gottes nimmt aus dem Schoß der Jungfrau seinen Leib an (vgl. Mt 1, 23; Lk 1, 26-38). Der Sohn Gottes spricht zum Vater mit den Worten des Psalms: "An Schlacht- und Speiseopfern hast du kein Gefallen..., doch einen Leib hast du mir geschaffen" (Ps 40, 8.7; Hebr 10, 6.5). Der Leib des Menschen ist Ausdruck seiner Seele. Der Leib Christi ist Ausdruck der Liebe zum Vater: "Darum sage ich: Ja, ich komme... Deinen Willen zu tun, mein Gott, macht mir Freude" (Ps 40, 9; Hebr 10, 7). "Ich tue immer das, was ihm gefällt" (Joh 8, 29). Mit jeder Wunde, mit jedem Schmerzensschauer, mit jedem Muskelriß, mit jedem vergossenen Blutstropfen, mit der ganzen Ermüdung der Arme, mit den Wunden an Hals und Schultern, mit dem schrecklichen Schmerz an den Schläfen erfüllt dieser entblößte Leib den Willen des Sohnes und jenen des Vaters. Dieser Leib erfüllt den Willen des Vaters, als er seiner Kleider beraubt und als Folterobjekt behandelt wird; als er in sich den unermeßlichen Schmerz des geschändeten Menschseins umschließt.
Der Leib des Menschen wird auf vielfältige Weise geschändet.
Bei dieser Station müssen wir an die Mutter Christi denken, denn unter ihrem Herzen, in ihren Augen und geborgen in ihren Händen hat der Leib des Gottessohnes vollkommene Anbetung empfangen.


ANRUFUNGEN

Jesus, heiliger Leib,
noch immer geschändet in deinen lebendigen Gliedern.
R. Kyrie, eleison.

Jesus, aus Liebe aufgeopferter Leib,
noch immer getrennt in deinen Gliedern.
R. Kyrie, eleison.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

 
Fac ut ardeat cor meum
in amando Christum Deum,
ut sibi complaceam.


ELFTE STATION

Jesus wird ans Kreuz genagelt

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Markus. 15, 25-27

Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.
Und eine Aufschrift (auf einer Tafel) gab seine Schuld an:
Der König der Juden.
Zusammen mit ihm kreuzigten sie zwei Räuber,
den einen rechts von ihm, den anderen links.


MEDITATION

"Sie durchbohren mir Hände und Füße. Man kann all meine Knochen zählen" (Ps 22, 17-18). "Man kann ..... zählen": was für prophetische Worte! Man weiß jedoch, daß dieser Leib ein Lösegeld ist. Ein hohes Lösegeld ist dieser ganze Leib: die Hände, die Füße und jeder Knochen. Der ganze Mensch in höchster Spannung: Skelett, Muskeln, Nervensystem, jedes Organ, jede Zelle, alles ist in höchstem Maße angespannt. "Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle Menschen an mich ziehen" (Joh 12, 32).
Diese Worte drücken die volle Wirklichkeit der Kreuzigung aus. Zu ihr gehört auch diese schreckliche Spannung, die durch die Hände, die Füße und alle Knochen geht: die schreckliche Spannung des ganzen Leibes, der, nachdem er wie ein Gegenstand an die Balken des Kreuzes genagelt wurde, im Todeskampf bis zum Äußersten erniedrigt wird. Und in dieselbe Wirklichkeit der Kreuzigung tritt die ganze Welt ein, die Jesus an sich ziehen will (vgl. Joh 12, 32). Die Welt ist der Zugkraft des Leibes ausgesetzt, der sich aus Trägheit nach unten wendet.
In eben dieser Spannung liegt das Leiden des Gekreuzigten.
"Ihr stammt von unten, ich stamme von oben" (Joh 8, 23). Seine Worte vom Kreuz herab lauten: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23, 34).


ANRUFUNGEN

Christus, vom Haß gekreuzigt,
von der Liebe zum Zeichen der Versöhnung und des Friedens gemacht.
R. Christe, eleison.

Christus, durch das am Kreuz vergossene Blut
hast du den Menschen, die Welt und den gesamten Kosmos losgekauft.
R. Christe, eleison.

 
Alle:
Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Sancta mater, istud agas,
Crucifixi fige plagas
cordi meo valide.


ZWÖLFTE STATION

Jesus stirbt am Kreuz

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Markus. 15, 33-34. 37. 39

Als die sechste Stunde kam,
brach über das ganze Land eine Finsternis herein.
Sie dauerte bis zur neunten Stunde.
Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme:
Eloi, Eloi, lema sabachtani?,
das heißt übersetzt:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?...
Jesus schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus...
Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand,
ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er:
Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!


MEDITATION

Das ist das höchste, das erhabenste Werk des Sohnes in Verbundenheit mit dem Vater. Ja, in Verbundenheit, in der tiefsten Verbundenheit, gerade dann, wenn er schreit: "Eloi, Eloi, lema sabachtani?", "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15, 34; Mt 27, 46). Dieses Werk drückt sich aus durch die vertikale Richtung des entlang dem senkrechten Balken des Kreuzes gespannten Leibes und durch die horizontale Richtung der längs dem Querbalken ausgestreckten Arme. Der Mensch, der diese Arme sieht, kann denken, daß sie mit aller Anstrengung den Menschen und die Welt umarmen.
Sie umarmen.
Seht, da ist der Mensch. Seht, da ist Gott selbst. "Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17, 28). In ihm: in diesen längs dem Querbalken des Kreuzes ausgestreckten Armen.
Das Geheimnis der Erlösung.
An das Kreuz genagelt, unbeweglich in dieser schrecklichen Stellung festgehalten, ruft Jesus den Vater an (vgl. Mk 15, 34; Mt 27, 46; Lk 23, 46). Alle seine Rufe bezeugen, daß er mit ihm eins ist. "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10, 30); "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14, 9); "Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk" (Joh 5, 17).


ANRUFUNGEN

Sohn Gottes, denk an uns
in der letzten Stunde des Todes.
R. Kyrie, eleison.

Sohn des Vaters, denk an uns
und erneuere durch deinen Geist das Angesicht der Erde.
R. Kyrie, eleison.
 

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Vidi suum dulcem Natum
morientem desolatum,
cum emisit spiritum.


DREIZEHNTE STATION

Jesus wird vom Kreuz abgenommen

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Markus. 15, 42-43. 46

Da es schon Abend wurde,
kaufte Josef von Arimathäa, ein vornehmer Ratsherr,
der auch auf das Reich Gottes wartete,
ein Leinentuch,
nahm Jesus vom Kreuz und wickelte ihn in das Tuch.

MEDITATION

Als der Leib Jesu vom Kreuz abgenommen und in die Arme seiner Mutter gelegt wird, taucht vor unseren Augen wieder die Szene auf, als Maria den Gruß des Engels Gabriel empfängt: "Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben... der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben... Seine Herrschaft wird kein Ende haben" (Lk 1, 31-33). Maria sagte nur: "Mir geschehe, wie du es gesagt hast" (Lk 1, 38), so als hätte sie schon damals das ausdrücken wollen, was sie in diesem Augenblick erlebt.
Im Geheimnis der Erlösung verflechten sich die Gnade, das heißt die Gabe Gottes selbst, und "die Bezahlung" des menschlichen Herzens. In diesem Geheimnis werden wir durch ein Geschenk von oben bereichert (vgl. Jak 1, 17), und gleichzeitig durch ein Lösegeld des Gottessohnes freigekauft (vgl. 1 Kor 6, 20; 7, 23; Apg 20, 28). Maria, die mehr als jeder andere reich mit Gaben ausgestattet wurde, zahlt auch mehr. Mit dem Herzen.
Mit diesem Geheimnis verbunden ist die wunderbare Verheißung, die Simeon bei der Darstellung Jesu im Tempel ausgesprochen hat: "Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen, dadurch sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden" (Lk 2, 35).
Auch das geht in Erfüllung. Wie viele Menschenherzen öffnen sich dem Herzen dieser Mutter, die so viel gezahlt hat!
Und Jesus liegt wieder ganz in ihren Armen, wie einst im Stall von Betlehem (vgl. Lk 2, 16), auf der Flucht nach Ägypten (vgl. Mt 2, 14), in Nazaret (vgl. Lk 2, 39-40). Pieta.

 

ANRUFUNGEN

Heilige Maria, Mutter voll unendlichem Erbarmen,
mit dir öffnen wir dem Leben die Arme
und bitten flehentlich.
R. Kyrie, eleison.

Heilige Maria, Mutter und Gefährtin des Erlösers,
in Gemeinschaft mit dir empfangen wir Christus
und rufen voller Hoffnung:
R. Kyrie, eleison.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
donec ego vixero.

 


VIERZEHNTE STATION

Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Markus. 15, 46-47

Josef von Arimathäa,
wickelte den Leichnam Jesu in ein Leinentuch
und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war.
Dann wälzte er einen Stein
vor den Eingang des Grabes.
Maria aus Magdala aber
und Maria, die Mutter des Joses,
beobachteten, wohin der Leichnam gelegt wurde.

MEDITATION

Von dem Augenblick an, wo der Mensch wegen der Sünde vom Baum des Lebens getrennt wurde (vgl. Gen 3, 23-24), ist die Erde zu einem Friedhof geworden. So viele Gräber wie Menschen. Ein großer Planet von Grabmälern.
In der Nähe von Golgotha gab es ein Grab, das dem Josef von Arimathäa gehörte (vgl. Mt 27, 60). In dieses Grab wurde der Leichnam Jesu nach der Abnahme vom Kreuz mit der Zustimmung Josefs gelegt (vgl. Mk 15, 42-46 usw.). Sie beeilten sich, den Leichnam noch vor dem Paschafest (vgl. Joh 19, 31), das bei Sonnenuntergang begann, vom Kreuz zu nehmen.
Unter allen über die Kontinente unseres Planeten verstreuten Gräbern gibt es eines, in dem der Sohn Gottes, der Mensch Jesus Christus, den Tod durch den Tod besiegt hat. "O mors! Ero mors tua!" (Erste Antiphon der Laudes am Karsamstag). Der Baum des Lebens, von dem der Mensch wegen der Sünde zurückgewiesen worden ist, hat sich den Menschen im Leib Christi aufs neue geoffenbart. "Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt" (Joh 6, 51).
Obgleich sich unser Planet immer wieder mit Gräbern bevölkert, obgleich der Friedhof wächst, in dem der aus Staub geformte Mensch zum Staub zurückkehrt (vgl. Gen 3, 19), leben dennoch alle Menschen, die auf das Grab Jesu Christi blicken, in der Hoffnung auf die Auferstehung.

 

ANRUFUNGEN

Herr Jesus, unsere Auferstehung,
in dem neuen Grab zerstörst du den Tod und schenkst das Leben.
R. Kyrie, eleison.

Herr Jesus, unsere Hoffnung,
dein gekreuzigter und auferstandener Leib ist der neue Baum des Lebens.
R. Kyrie, eleison.

 

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimite nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quando corpus morietur,
fac ut animæ donetur
paradisi gloria. Amen.


Der Heilige Vater richtet sein Wort an die Anwesenden.

Am Ende der Ansprache erteilt der Heilige Vater den Apostolischen Segen:

V. Dominus vobiscum.
R. Et cum spiritu tuo.

V. Sit nomen Domini benedictum.
R. Ex hoc nunc et usque in saeculum.

V. Adiutorium nostrum in nomine Domini.
R. Qui fecit caelum et terram.

V. Benedicat vos omnipotens Deus,
Pater, et Filius, et a Spiritus Sanctus.
R. Amen.

© Libreria Editrice Vaticana

          

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