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  AUDIENZ VON JOHANNES PAUL II. 
FÜR DEN NEUEN BOTSCHAFTER DER 
TSCHECHISCHEN REPUBLIK*
 

Montag, 28. April 2003

 

Exzellenz!

Mit Freude heiße ich Sie im Vatikan willkommen anläßlich der Überreichung des Beglaubigungsschreibens, mit dem Sie zum außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter der Tschechischen Republik beim Heiligen Stuhl ernannt werden. Obwohl mein Besuch in Ihrem Land nun bereits einige Jahre zurückliegt, habe ich ihn noch lebhaft in Erinnerung, und voll Dankbarkeit denke ich an die mir entgegengebrachte Herzlichkeit und Gastfreundschaft zurück. Ich bitte Sie, dem neugewählten Präsidenten Václav Klaus, der Regierung und dem tschechischen Volk meine Grüße und meine aufrichtigen Glück- und Segenswünsche zu vermitteln. Bitte versichern Sie alle ihre Landsleute meines Gebets für den Frieden und das Wohlergehen der Nation.

Die diplomatischen Beziehungen der Kirche sind Teil ihres Sendungsauftrages im Dienst an der Menschenfamilie. Auch wenn diese Sendung vor allem geistiger Natur ist und sich somit von der politischen Ordnung unterscheidet, gründet ihr tiefempfundenes Verlangen, fruchtbare Beziehungen mit der bürgerlichen Gesellschaft zu fördern, auf ihrer langen Erfahrung bei der Vermittlung der universalen Werte der Wahrheit und Liebe an die Kulturen und Nationen unserer Welt. In der Tat ist es vor allem der besondere Auftrag, das Bewußtsein der Würde der menschlichen Person zu vertiefen und den Frieden unter den Menschen zu fördern – wesentliche Voraussetzung für die wahre Entwicklung von Menschen und Nationen –, der die diplomatische Arbeit des Heiligen Stuhls beseelt. In dieser Hinsicht begrüße ich den bemerkenswerten Fortschritt, der im Hinblick auf die Regelung der gegenseitigen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Tschechischen Republik erzielt werden konnte, und sehe erwartungsvoll der Ratifizierung des entsprechenden Abkommens entgegen.

Wie Eure Exzellenz bereits betont hat, sollten trotz der politischen Freiheit, der sich die tschechische Bevölkerung nun erfreut, die Nachwirkungen der totalitären Regime nicht unterschätzt werden. Die Geschichte lehrt uns, daß der Weg aus der Unterdrückung in die Freiheit beschwerlich und häufig durch verlockende trügerische Formen der Freiheit und leere Versprechungen geprägt ist. Während die wirtschaftliche Entwicklung und der mit ihr einhergehende gesellschaftliche Wandel vielen Menschen in Ihrem Land zugute gekommen ist, müssen die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft, insbesondere die Armen und Ausgegrenzten sowie die Kranken und Alten, geschützt werden.

Wahre Entwicklung kann nie ausschließlich mit wirtschaftlichen Mitteln erreicht werden. Das, was man als »Marktidolatrie« bezeichnen könnte – die wiederum eine Folge der sogenannten »Konsumkultur« ist –, führt dazu, die Menschen zu Objekten zu degradieren und das »Sein« dem »Haben« unterzuordnen (vgl. Sollicitudo Rei Socialis, 28). Dies führt zu einer ernsthaften Einschränkung der Menschenwürde und erschwert die Förderung der Solidarität unter den Menschen. Hingegen sollten das Bewußtsein von der geistigen Natur der menschlichen Person und die erneute Anerkennung des moralischen Charakters der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung als Voraussetzungen für die Umgestaltung der Gesellschaft in eine wahre Zivilisation der Liebe angesehen werden. Ein solches Projekt erfordert sowohl politische als auch religiöse Führung, wenn die Seele der Nation stark genug sein soll, um ihrer Bevölkerung den Ursprung der Wahrheit und der Liebe verständlich zu machen, die der Entwicklung und dem Fortschritt eines Landes Sinn verleihen.

Die Herausforderungen, denen die Tschechische Republik gegenübersteht, betreffen auch andere europäische Nationen. Während überall auf dem Kontinent die Länder den Übergang in das dritte christliche Jahrtausend feierten, dachten zahlreiche Einzelpersonen und Gruppen über die grundlegende und entscheidende Rolle des Christentums in ihren jeweiligen Kulturen nach. In der Tat haben Sie selbst betont, daß die Wahrheiten und Werte des Christentums seit langem das Fundament der sozialen Struktur Europas bilden und ihre bürgerlichen und politischen Institutionen auszeichnen. Das große, im Evangelium verwurzelte und von ihm geprägte Erbe macht uns deutlich, daß die Hoffnung, eine gerechtere Welt aufbauen zu können, auch die Erkenntnis einschließen muß, daß alle Mühe und Arbeit des Menschen ohne den rechten Bezug auf Gottes Hilfe nicht von bleibendem Wert sein kann: »Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut« (Ps 127, 1). Aus diesem Grund bekräftigt und verteidigt die christliche Lehre mit Nachdruck den Ursprung der Würde der menschlichen Person und ihren Platz im Plan Gottes: »Der Mensch empfängt von Gott seine ihm wesenhafte Würde und mit ihr die Fähigkeit, über jede Gesellschaftsordnung in Richtung der Wahrheit und des Guten hinauszuschreiten« (Centesimus Annus, 38).

Beunruhigend ist in diesem Zusammenhang, daß wenn der Sinn für Gott verlorengeht, auch der Sinn für den Menschen (vgl. Evangelium Vitae, 21) und für das erhabene Wunder des Lebens, zu dem er berufen ist, schwindet. Während tragische Katastrophen wie Kriege und Diktaturen weiterhin den liebevollen Plan Gottes für die Menschheit gewaltsam entstellen, schwächen auch subtilere Angriffe wie wachsender Materialismus, Utilitarismus und die Ausgrenzung des Glaubens allmählich die wahre Natur des Lebens, das Gott uns geschenkt hat. Während sich die europäischen Nationen auf neue Strukturen hinbewegen, muß der Wunsch, den Herausforderungen einer sich verändernden Welt zu entsprechen, von jener ständigen kirchlichen Verkündigung der Wahrheit beseelt sein, welche die Menschen frei macht und den kulturellen und staatlichen Institutionen wahren Fortschritt ermöglicht.

Die katholische Kirche wird ihrerseits stets für die Entwicklung der tschechischen Bevölkerung und Nation beten und arbeiten. Wie Eure Exzellenz freundlicherweise bestätigt hat, setzt sie sich insbesondere durch ihre Erziehungseinrichtungen tatkräftig für die spirituelle und intellektuelle Bildung der Jugend ein. Entsprechend den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln wird die Kirche ihre karitative Mission vor allem zur Unterstützung der Familie ausweiten, über die die Zukunft der Menschheit geht (vgl. Familiaris Consortio, 86). Gleiches gilt für die Förderung der Gesundheitsfürsorge und der sozialen Leistungen.

Herr Botschafter, mit Sicherheit wird Ihr Amt dazu dienen, die freundschaftlichen Bande zwischen der Tschechischen Republik und dem Heiligen Stuhl weiter zu festigen. Wenn Sie nun diese neue Verantwortung übernehmen, versichere ich Ihnen, daß die verschiedenen Ämter der Römischen Kurie Sie bei der Erfüllung ihrer Pflichten bereitwillig unterstützen werden. Für Sie und Ihre Landsleute erbitte ich von Herzen den reichen Segen des allmächtigen Gottes. 


*L'Osservatore Romano n. 20 p. 11.

 

© Copyright 2002 - Libreria Editrice Vaticana

 

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