Herr Kardinal,
liebe Mitglieder der Päpstlichen
Bibelkommission!
1. Mit großer Freude empfange ich euch zu dieser Begegnung, die
anläßlich eurer jährlichen römischen Arbeitssitzung stattfindet, in der ihr
die von jedem einzelnen durchgeführten Forschungen allmählich zu organischer
Reife bringt. Ich danke Herrn Kardinal Joseph Ratzinger, der eure gemeinsamen
Empfindungen zum Ausdruck bringen wollte.
Aus zwei Gründen ist mir diese Begegnung besonders willkommen:
wegen der 100-Jahrfeier der Errichtung eurer Kommission und wegen des Themas,
das ihr in diesen Jahren behandelt. Die Päpstliche Bibelkommission dient der
Sache des Wortes Gottes gemäß den Zielsetzungen, die ihr von meinen
Vorgängern Leo XIII. und Paul VI. vorgegeben wurden. Sie ist mit der Zeit
gegangen, indem sie deren Schwierigkeiten und Sorgen geteilt und sich bemüht
hat, in der Botschaft der göttlichen Offenbarung die Antwort zu finden, die
Gott für die schweren Probleme anbietet, die die Menschheit von Epoche zu
Epoche erschüttern.
2. Eines davon ist Gegenstand eurer derzeitigen Forschung. Ihr habt es
unter dem Titel »Bibel und Moral« zusammengefaßt. Wir alle haben
eine Situation vor uns, die etwas Paradoxes an sich hat: Der Mensch von heute,
der von so vielen unbefriedigenden Antworten auf die Grundfragen des Lebens
enttäuscht ist, scheint sich der Stimme zu öffnen, die von der Transzendenz
kommt und sich in der biblischen Botschaft ausdrückt. Zugleich zeigt er sich
aber immer unduldsamer gegenüber den von ihm geforderten Verhaltensweisen,
die mit den Werten übereinstimmen, welche die Kirche seit jeher als im
Evangelium gründend vorstellt. Wir werden also Zeugen von unterschiedlichsten
Versuchen, die biblische Offenbarung von den anspruchsvolleren Lebensmodellen
zu lösen.
Das aufmerksame Hören des Wortes Gottes kann für diese Situation
Antworten bieten, die ihren vollen Ausdruck in der Lehre Christi finden.
Geehrte Professoren und Wissenschaftler, ich möchte euch in eurer
mühsamen Arbeit ermutigen und euch versichern, daß sie mehr denn je
nützlich ist für das Wohl der Kirche. Damit eure Arbeit reiche Frucht
bringe, versichere ich euch meines Gebetes und begleite euch mit dem
Apostolischen Segen.