Exzellenz!
Auch in diesem Jahr möchte der Heilige Vater Ihnen, den
Organisatoren und allen Teilnehmern am »Meeting für die Freundschaft zwischen
den Völkern« seinen herzlichen Gruß übermitteln.
1. Das für das diesjährige Treffen gewählte Thema ist Psalm 34
entnommen: »Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen
wünscht?« Es handelt sich um eine Frage, die zum Nachdenken anregt. Über
weite Teile seiner Existenz ist der Mensch nahezu unempfänglich für seine
Berufung zu wahrer Glückseligkeit, eine Berufung, die seinem Bewußtsein
innewohnt; er wird gewissermaßen »abgelenkt« von den zahlreichen Beziehungen zur
Wirklichkeit, und sein inneres Ohr scheint nicht mehr reagieren zu können.
Es kommen uns die Worte Jesajas in den Sinn: »Niemand ruft
deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast
dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns der Gewalt unserer Schuld
überlassen« (Jes 64,6). Der Prophet beleuchtet die Wurzel jenes
Unbehagens, das von der Frage des Psalms hervorgerufen wird, und fährt dann
fort: »Ich wäre zu erreichen gewesen für die, die nicht nach mir fragten, ich
wäre zu finden gewesen für die, die nicht nach mir suchten. Ich sagte zu einem
Volk, das meinen Namen nicht anrief: Hier bin ich, hier bin ich« (Jes
65,1).
Dieses Wort des Propheten ist wahrscheinlich der beste
Kontrapunkt zum Thema des Meetings. Gott schreitet ein, er rüttelt den
auf sich selbst zurückgebeugten Menschen wach, der von seiner eigenen Bosheit
benebelt ist, er zeigt sich ihm und versucht wiederholt, seine Aufmerksamkeit zu
erregen. Die Beharrlichkeit Gottes, der sich liebevoll einem Kind offenbart,
dessen Leben abzudriften droht, ist ein anrührendes Geheimnis der Barmherzigkeit
und Unentgeltlichkeit.
2. Die Welt, die die Menschheit vor allem in den vergangenen
Jahrhunderten aufgebaut hat, tendiert oft dazu, in den Menschen die natürliche
Sehnsucht nach Glück zu verdunkeln und jene »Zerstreuung« zu verstärken, der sie
aufgrund der ihnen wesenseigenen Schwachheit zu verfallen drohen. Die heutige
Gesellschaft fördert jene Art von Verlangen, das durch psychologische und
soziologische Normen kontrolliert und somit häufig gewinnbringend oder zur
Erlangung von Zustimmung und Anklang eingesetzt wird. Eine Vielzahl von Wünschen
hat jene Sehnsucht ersetzt, die Gott der menschlichen Person ins Herz gelegt
hat, damit sie Ihn suche und in Ihm allein volle Erfüllung und Frieden finde.
Partielle Wünsche, die gesteuert werden von machtvollen Mitteln, die in der Lage
sind, unser Bewußtsein zu beeinflussen, werden zu Zentrifugalkräften, die den
Menschen immer mehr von sich selbst entfernen, ihn unzufrieden und mitunter
sogar gewalttätig machen.
Das diesjährige Meeting von Rimini wirft ein stets
aktuelles Thema neu auf: Die von der Sehnsucht nach dem Unendlichen beseelte
menschliche Kreatur darf niemals zu einem Mittel herabgestuft werden, das der
Verwirklichung irgendwelcher Interessen dient. Die Prägemale des Göttlichen, die
in ihr die Form sehnsüchtigen Verlangens nach Glückseligkeit annehmen, bewirken,
daß sie wesensmäßig nie instrumentalisiert werden kann.
3. Das Unbehagen gegenüber der in Psalm 34 aufgeworfenen Frage
beruht somit auf der Tatsache, daß der Mensch oft nicht die Kraft findet zu
sagen: »Ich! Ich bin ein Mensch, der das Leben will und sich nach guten Tagen
sehnt.« Das Thema des Meetings macht darauf aufmerksam, wie notwendig ein
Erwachen des Menschen ist: Er muß wieder die Kraft und den Mut finden, vor Gott
zu treten, um auf das »Hier bin ich, hier bin ich« des Herrn zu antworten und,
wenn auch mit schwacher Stimme, gleichsam als Echo dieses Rufs zu sagen: »Auch
ich bin hier. Nun, da du mich wiedergefunden hast, erhebe ich meinen Ruf zu
dir.«
Diese Antwort an den Gott, der ruft, bis er unsere Taubheit
überwunden hat, bringt die anrührende Erkenntnis zum Ausdruck, zu der der Mensch
im tiefsten Inneren seiner Seele gelangt. Dies geschieht in dem Augenblick, in
dem der Ruf Gottes den Nebel durchdringt, der unser Bewußtsein einhüllt. Allein
die Antwort: »Hier bin ich« gibt dem Menschen sein wahres Antlitz zurück und
bedeutet den Anfang seiner Erlösung.
Hierbei muß die Person von einer angemessenen Erziehung
unterstützt werden, deren eigentliches Ziel es ist, in ihr das Bewußtsein ihrer
eigenen Bestimmung zu fördern und in ihrem Herzen die notwendige Kraft für deren
Verwirklichung zu wecken. Die Erziehung richtet sich daher nie an die Masse,
sondern vielmehr an den einzelnen Menschen in seiner einzigartigen und
einmaligen Wesensart. Dies bedingt eine aufrichtige Liebe zur Freiheit des
Menschen und den unermüdlichen Einsatz für deren Schutz.
4. Mit dem diesjährigen Thema erinnert das Meeting auch
an die Völker Europas, die unter der schweren Last ihrer Geschichte, in der sie
verwurzelt sind, zu wanken scheinen. Durch die erneute Betrachtung der im Psalm
gestellten Frage weckt die Veranstaltung in Rimini die Erinnerung an die
bedeutende Gestalt des hl. Benedikt, und insbesondere an den Augenblick, als er
jene empfing, die um Aufnahme ins Kloster gebeten haben (vgl. Regel, Prolog
15). Seine Regel war nicht nur ein Weg zu christlicher Vollkommenheit, sondern
auch ein einzigartiges Werkzeug der Zivilisation, der Einheit und der Freiheit.
In den von so viel Verwirrung und Gewalt geprägten Jahrhunderten hat sie die
Errichtung eines Bollwerks ermöglicht, durch das die Menschen der verschiedenen
Epochen ihre volle Würde wiedererlangen konnten. Die Zukunft aufbauen bedeutet,
von den Wurzeln Europas auszugehen und die größtenteils von der Begegnung mit
Christus geprägten Erfahrungen der Vergangenheit zu nutzen.
In der Hoffnung, daß das Meeting eine Gelegenheit zu
wahrer kultureller und spiritueller Bereicherung sein möge, versichert Seine
Heiligkeit alle seines Gebets und erteilt allen Teilnehmern an den verschiedenen
vorgesehenen Veranstaltungen von Herzen seinen besonderen Apostolischen Segen.
Meinerseits wünsche ich den vollen Erfolg dieser edlen
Initiative und verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr im Herrn ergebener
Angelo Card. Sodano
Staatssekretär