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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DEN NEUEN MISSIONSCHEF DER SOZIALISTISCHEN
LIBYSCH-ARABISCHEN VOLKS-JAMAHIRIA BEIM HL. STUHL

Dienstag, 1. Juli 2003

 

Herr Missionschef!

1. In diesem feierlichen Moment, in dem Sie mir das Schreiben überreichen, mit dem Sie als Vertreter der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Jamahiria beim Heiligen Stuhl akkreditiert werden, möchte ich Sie herzlich willkommen heißen.

Ich danke Ihnen für die freundlichen Worte, die Sie an mich gerichtet haben, und erwidere gern den freundlichen Gruß, den Seine Exzellenz Muammar Gaddafi, Führer der libyschen Revolution, mir durch Sie übermitteln läßt. Zugleich erinnert er an den gemeinsamen Einsatz des Heiligen Stuhls und Ihres Landes im Hinblick auf die Verständigung zwischen den Staaten, die Intensivierung des Dialogs im internationalen Bereich, die Verteidigung des Prinzips der Toleranz unter den Völkern und das Streben nach Frieden und Gerechtigkeit.

Ich bitte Sie, der durch Sie vertretenen Regierung meine Hochachtung und Anerkennung zu bekunden für die verschiedenen Initiativen, die sie in die Wege geleitet hat, um in der Völkergemeinschaft den Prozeß der gegenseitigen Achtung und Zusammenarbeit im Rahmen der internationalen Rechtsordnung zu festigen. Ferner versichere ich das libysche Volk meiner ständigen Zuneigung und meines Gebets für einen ausgewogenen Fortschritt im Zeichen des Wohlstands und der vollen Verwirklichung aller hohen menschlichen und geistlichen Ideale.

2. Die Aktivität des Heiligen Stuhls im Bereich der völkerrechtlichen Subjekte zeichnet sich aus durch anhaltende Bemühungen um einen aufrichtigen Dialog, wobei mehr das hervorgehoben werden soll, was vereint, als das, was trennt. Dadurch können das Einvernehmen zwischen den Nationen, der Aufbau von Friede und Gerechtigkeit, die Verteidigung der berechtigten Merkmale jedes Volkes und die Ausübung konkreter Solidarität gegenüber den Benachteiligten gefördert werden.

Die Methode des mutigen und beharrlichen Dialogs erweist sich als besonders nützlich, um den nicht wenigen Spannungen in der Welt zu begegnen: Spannungen, die besorgniserregend sind und deren Lösung die tätige Mitarbeit aller erfordert, unter steter Beachtung der grundlegenden Prinzipien der Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. Ich denke hier an die Situation im Nahen Osten, der mir sehr am Herzen liegt; an den Terrorismus, der, da er überall wahllos zuschlagen kann, die Sicherheit von Städten, Völkern und sogar der ganzen Menschheit gefährdet; an die Konflikte, die die Bewohner vieler Regionen Afrikas daran hindern, sich für ihre Entwicklung einzusetzen; an die ungerechte Verteilung der Güter der Erde und der Früchte technologischer, menschlicher und geistiger Forschung.

Der auf festen moralischen Grundsätzen gründende Dialog erleichtert die Lösung von Streitigkeiten und fördert die Achtung des Lebens, jedes menschlichen Lebens. In diesem Zusammenhang möchte ich an die erleuchteten Worte meines verehrten Vorgängers, des seligen Papstes Johannes XXIII., erinnern, der vor 40 Jahren in seiner Enzyklika Pacem in terris schrieb: »Jedem menschlichen Zusammenleben, das gut geordnet und nutzbringend sein soll, muß das Prinzip zugrunde liegen, daß jeder Mensch das Verfügungsrecht über seine Person hat. Er hat eine Natur, die mit Verstand und Willensfreiheit ausgestattet ist; er hat aus sich Rechte und Pflichten, die unmittelbar und gleichzeitig aus seiner Natur hervorgehen. Weil sie allgemein gültig und unverletzlich sind, können sie in keiner Weise veräußert werden.« (AAS 55 [1963], 259.)

3. Im Wissen um die Rolle, die der Religion zur Förderung und Festigung der Kultur der Begegnung, der gegenseitigen Verständigung und der aktiven Zusammenarbeit zukommt, ist die Kirche bestrebt, ihre Friedensmission auszuüben, wobei sie alle dazu aufruft, einander anzunehmen zum Aufbau einer gerechteren, solidarischeren und freieren Welt (vgl. Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 2003, Nr. 9).

Dieses Zeugnis gibt auch die kleine und aktive katholische Gemeinde in Libyen. Trotz ihrer bescheidenen Mittel stellt sie sich im Namen Christi in den Dienst am Menschen, an allen Menschen, denn in jeder menschlichen Person erkennt sie das Antlitz Gottes, das aufgenommen und geliebt werden muß und dem es zu dienen gilt. An dieser Wahrheit inspirieren sich die geweihten Personen, die sich verschiedenen Initiativen humanitärer und sozialer Unterstützung widmen. Die katholische Kirche in Libyen möchte ihre Arbeit fortsetzen und hierbei den Geist brüderlicher Gemeinschaft, die Verfügbarkeit gegenüber dem Nächsten durch ihre diskrete und liebevolle Präsenz wahren. Förderung des gegenseitigen Verständnisses

4. Herr Missionschef, ich bitte Sie, den libyschen Obrigkeiten und der gesamten Bevölkerung für die Achtung und Wertschätzung zu danken, mit der sie dem Sendungsauftrag und dem Wirken der Kirche begegnen.

Diese Achtung beruht auf Gegenseitigkeit. Die ehrliche Bereitschaft zu aufrichtiger Zusammenarbeit ist die Grundlage für das fruchtbringende Zusammenwirken zwischen den Gläubigen und zwischen allen Menschen. Insbesondere gilt dies für die Anhänger des Islams und die Christen. Angesichts gelegentlicher Versuche, die Religion zu verfälschen und die heiligen Traditionen zu mißbrauchen, muß nachdrücklich bekräftigt werden, daß Handlungsweisen, die zur Gewalttätigkeit und zur Mißachtung des menschlichen Lebens auffordern, im Widerspruch zu Gott und dem Menschen stehen.

Mit Entschlossenheit müssen wir den Weg des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses unter Achtung der Verschiedenheiten fördern, damit der wahre Friede und die Begegnung der verschiedenen Völker in einem Kontext solidarischen Einvernehmens verwirklicht werden kann.

Gerne nehme ich das Schreiben entgegen, das Sie zum Missionschef der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Jamahiria beim Heiligen Stuhl akkreditiert, und wünsche Ihnen alles Gute für die Ihnen anvertraute hohe Aufgabe. Für die Dauer Ihres Mandats versichere ich Sie meiner besonderen Aufmerksamkeit wie auch der kompetenten und selbstlosen Unterstützung durch meine Mitarbeiter.

Mit diesen Wünschen erbitte ich den reichen Segen Gottes für Sie und Ihre Mitarbeiter sowie für das libysche Volk und alle, die in diesem Land Verantwortung tragen.


*OR n. 35 p.8.

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