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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE DES SYRO-MALABARISCHEN RITUS
ANLÄßLICH IHRES "AD-LIMINA"-BESUCHES

Dienstag, 13. Mai 2003 

 

Eminenz, verehrter Großerzbischof,
liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

1. »Friede sei mit euch!« (Joh 20,26). In dieser österlichen Zeit begrüße ich euch, die Bischöfe der syro-malabarischen Kirche, mit den Worten, die unser auferstandener Herr an euren Vater im Glauben, den hl. Thomas, richtete. In der Tat stehen die Ursprünge eurer Kirche in unmittelbarer Beziehung zu den Anfängen des Christentums und zum missionarischen Wirken der Apostel. Eure Reise, in deren Rahmen die Begegnung mit mir stattfindet, vereint gewissermaßen die Apostel Petrus und Thomas in der Freude über die Auferstehung, während wir gemeinsam der geliebten Bevölkerung Indiens »das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe« (1 Petr 1,4) verkünden. In besonderer Weise grüße ich Seine Eminenz Kardinal Varkey Vithayathil, Großerzbischof der syro-malabarischen Kirche, und danke ihm für die im Namen des Episkopats, der Priester und Gläubigen der gesamten syro-malabarischen Kirche zum Ausdruck gebrachten Grüße und Empfindungen.

2. Die Liturgie der syro-malabarischen Kirche, die seit Jahrhunderten einen festen Bestandteil der reichen und vielfältigen indischen Kultur bildet, ist der lebendigste Ausdruck der Identität eurer Völker. Die Feier des eucharistischen Mysteriums im syro-malabarischen Ritus hat wesentlich zur Ausbildung der Glaubenserfahrung in Indien beigetragen (vgl. Ecclesia in Asia, 27). »Die Eucharistie ist die heilbringende Gegenwart Jesu in der Gemeinschaft der Gläubigen und ihre geistliche Nahrung, sie ist das wertvollste Gut, das die Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte haben kann« (Ecclesia de Eucharistia, 9). Daher bestärke ich euch, diesen Schatz sorgfältig zu hüten und zu erneuern und nie zuzulassen, daß er als Quelle der Spaltung mißbraucht wird. Euer Zusammenkommen um den Altar, »von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht« (Eph 1,23), kennzeichnet euch nicht nur als eucharistisches Volk, sondern es ist auch eine Quelle der Versöhnung, die dazu beiträgt, jene Hindernisse zu überwinden, die den Weg zur Einheit des Geistes und der Zielsetzungen versperren können. Als erste Hüter der Liturgie seid ihr stets aufgerufen, wachsam zu sein und ungerechtfertigte Experimente einzelner Priester zu vermeiden, die die Liturgie in ihrer Unversehrtheit verletzen und auch den Gläubigen zutiefst schaden können (vgl. Ecclesia de Eucharistia, 10).

Ich bestärke euch in euren Bemühungen um die Erneuerung eures »rituellen Reichtums« im Licht der Konzilsdokumente, unter besonderer Beachtung von Orientalium Ecclesiarum und im Kontext des Kodex des Ostkirchenrechts sowie meines Apostolischen Schreibens Orientale lumen.

Mit Besonnenheit, Geduld und einer angemessenen Katechese wird dieser Erneuerungsprozeß gewiß reiche Früchte tragen. Die zahlreichen positiven Ergebnisse, die bereits erreicht werden konnten, lassen diese Aufgabe weniger mühsam erscheinen und machen sie vielmehr zu einer Quelle künftiger Stärke. Ich ermutige euch, diese wichtige Arbeit fortzusetzen, damit die Liturgie nicht nur studiert, sondern in all ihrer Vollkommenheit und Schönheit gefeiert wird.

3. Gleichermaßen erforderlich für die erfolgreiche Arbeit einer Bischofssynode ist die ständige Bereitschaft zu brüderlicher Nächstenliebe und Zusammenarbeit. In dieser Hinsicht möchte ich eure Standhaftigkeit und Hingabe auf diesem gemeinsamen Weg würdigen: Sie ist Zeichen der Stärke, des Vertrauens und der Einheit unter den syro-malabarischen Bischöfen und »eine ganz besonders beredte Weise, das Geheimnis der Kirche als Gemeinschaft zu leben und sichtbar zu machen « (Ansprache an die Bischofssynode der Syro-malabarischen Kirche, 8. Januar 1996, 4). In der Tat ist die Synode eine der edelsten Ausdrucksformen der affektiven Kollegialität der Bischöfe und ein angemessenes Forum zur Erörterung ernster Fragen bezüglich des Glaubens und der Gesellschaft, um jene Probleme zu lösen, denen die syro-malabarische Gemeinschaft gegenübersteht (vgl. Orientalium Ecclesiarum, 4). Die Wahrung dieser notwendigen Einheit erfordert Opfergeist und Demut. Allein durch aufeinander abgestimmte Anstrengungen könnt ihr gemeinsame Werke unterstützen, die den Zweck haben, das Wohl der Religion rascher zu fördern, die kirchliche Disziplin wirksamer zu schützen und die Einheit aller Christen auf harmonischere Weise aufzubauen (vgl. Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium, can. 84).

4. Die Frage der Seelsorge für die Katholiken der orientalischen Kirchen in Indien und im Ausland gehört weiterhin zu den Anliegen der Katholischen Bischofskonferenz Indiens wie auch der syro-malabarischen Synode. In diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, daß »es dringend notwendig ist, die Ängste und die Verständnislosigkeit zu überwinden, die mitunter zwischen den Katholischen Ostkirchen und der lateinischen Kirche aufzukommen scheinen…, besonders im Hinblick auf die Seelsorge, auch außerhalb des eigenen Territoriums« (Ecclesia in Asia, 27). Ermutigend sind die Fortschritte, die bereits gemacht werden konnten, um eine Lösung dieses Problems zu finden. Zweifellos werdet ihr auch weiterhin mit euren Brüdern, den Bischöfen des lateinischen Ritus, und dem Heiligen Stuhl zusammenarbeiten, damit die Syro-Malabaren in Indien wie in aller Welt die ihnen zustehende spirituelle Unterstützung erhalten. Dies geschehe unter strenger Einhaltung der Rechtsnormen, die, wie wir wissen, angemessene Mittel zur Wahrung der kirchlichen Gemeinschaft sind (vgl. Christus Dominus, 23; Codex Iuris Canonici, can. 383 §2; Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium, can. 916 §4). Erforderlich ist eine klare Unterscheidung zwischen dem Werk der Evangelisierung und jenem der Seelsorge für die Katholiken des Ostens. Stets muß dies in Achtung vor den jeweiligen Ortsbischöfen geschehen, die vom Heiligen Geist gerufen sind, die heilige Kirche Gottes zusammen mit dem Bischof von Rom, dem Hirten der Weltkirche, zu leiten.

5. Die Nächstenliebe bestärkt jeden Christen, die Frohe Botschaft Jesu Christi in aller Welt zu verkünden. Der Apostel sagt: »Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor 9,16). Die Evangelisierung steht im Mittelpunkt des christlichen Glaubens. Indien, von so vielen verschiedenen Kulturen gesegnet, ist ein Land, dessen Menschen sich nach Gott sehnen. Dies macht eure ausgesprochen indisch geprägte Liturgie zu einem ausgezeichneten Mittel der Evangelisierung (vgl. Ecclesia in Asia, 22).

Wahre Evangelisierung ist offen für die lokale Kultur und Tradition und achtet stets das »unveräußerliche Recht« jeder einzelnen Person auf Religionsfreiheit. Hier gilt der Grundsatz: »Die Kirche schlägt vor, sie drängt nichts auf« (Redemptoris missio, 39). Daher ermutige ich euch, in euren Beziehungen zu den Brüdern und Schwestern anderer Kirchen »darum [zu] ringen, gegenseitig zu erkennen und gutzuheißen, was immer gut und heilig ist, so daß wir gemeinsam die geistigen und sittlichen Wahrheiten anerkennen, bewahren und fördern, die einzig und allein die Zukunft der Welt garantieren« (vgl. Begegnung mit den Repräsentanten anderer Religionen und christlicher Konfessionen, 7. November 1999, 3; in O.R. dt., Nr. 48, 26.11.1999, S. 12). Diese Offenheit darf jedoch nie die Pflicht einschränken, Jesus Christus als den »Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6) zu verkünden. Die Menschwerdung unseres Herrn bereichert alle menschlichen Werte und ermöglicht ihnen, neue und bessere Früchte hervorzubringen.

6. Gemeinsam mit euch möchte ich für die zahlreichen Priester und Ordensleute danken, mit denen eure Eparchien gesegnet sind. Ihnen allen versichere ich, für das gute Gelingen ihres Dienstes und die immerwährende Treue zu ihrer Berufung zu beten. Die schwere Last eurer pastoralen Sendung könnte nicht ohne den Klerus, eure Mitarbeiter im heiligen Dienstamt, getragen werden. Das notwendige Vertrauen in die Priester veranlaßt euch, eine tiefe Verbindung mit ihnen zu fördern. Sie sind eure Söhne und Freunde. Als ihre Väter und Vertraute müßt ihr sie stets »bereitwillig anhören und euch durch ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen um den Fortschritt der gesamten Pastoral in der ganzen Diözese bemühen« (vgl. Christus Dominus, 16).

Gleichermaßen gehören auch die eurer Sorge anvertrauten Ordensleute zu eurer Familie. Das von zahlreichen geweihten Männern und Frauen gegebene Zeugnis eines Lebens in Keuschheit, Armut und Gehorsam ist wahrhaft ein Zeichen des Widerspruchs in einer zunehmend säkularisierten Nation. »In einer Welt, in der das Bewußtsein der Gegenwart Gottes oft getrübt ist, müssen die Ordensleute den Primat Gottes und des ewigen Lebens auf überzeugende und prophetische Weise bezeugen« (Ecclesia in Asia, 44). Der Bischof soll dafür Sorge tragen, daß die zum Ordensleben Berufenen durch eine angemessene geistliche und theologische Ausbildung vorbereitet werden, um diesen Herausforderungen begegnen zu können. Zweifellos werdet ihr die Ordensleute in euren Eparchien bestärken, ihre Ausbildungsprogramme stets zu überprüfen, weiterzuentwickeln und zu verbessern, um den besonderen Anforderungen der syro-malabarischen Gemeinde zu entsprechen.

7. Der »Ad-limina«-Besuch gibt euch als Oberhirten von Teilkirchen die Gelegenheit, gemeinsam mit mir das Wirken des Heiligen Geistes in euren Eparchien zu betrachten. In brüderlicher Gemeinschaft mit eurem ehrwürdigen Großerzbischof habt ihr die Herausforderungen und Erfolge überdacht, durch die sich die syro-malabarische Kirche und ihre treuen Mitglieder auszeichnen, die sich jeden Tag um die treue Erfüllung ihrer Taufversprechen bemühen. In diesem dem Rosenkranz gewidmeten Jahr vertraue ich euch, euren Klerus, die Ordensleute und die Laienchristen dem Schutz der allerseligsten Jungfrau an und erteile euch meinen Apostolischen Segen.

 

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