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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE TEILNEHMER DER OSZE-KONFERENZ
ÜBER RELIGIONSFREIHEIT

Freitag, 10. Oktober 2003

 

Herr Präsident,
sehr geehrte Parlamentarier!

1. Von Herzen danke ich Ihnen für die zuvorkommenden Worte, die der Vorsitzende Ihrer Parlamentarischen Versammlung, Herr Abgeordneter Bruce George, zum Abschluß der Konferenz über Religionsfreiheit, organisiert vom Leiter der italienischen Delegation, Herrn Marcello Pacini, an mich gerichtet hat. Herzlich begrüße ich alle Anwesenden und danke Ihnen für diesen höflichen Besuch.

Seit dem Beginn der Konferenzen von Helsinki haben die beteiligten Staaten die internationale Dimension des Rechts auf Religionsfreiheit und seine Bedeutung für die Sicherheit und Stabilität der Nationengemeinschaft anerkannt. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa setzt ihr Engagement fort, um zu gewährleisten, daß dieses grundlegende Menschenrecht, das auf der Würde des Menschen basiert, auf angemessene Weise geachtet wird. In einem gewissen Sinne ist die Verteidigung dieses Rechts eine Art »Lackmustest« für die Achtung aller weiteren Menschenrechte.

2. Da ich um diese Bemühungen weiß, möchte ich heute meine Wertschätzung zum Ausdruck bringen und Sie gleichzeitig zu einer großherzigen Fortführung dieses Projekts ermutigen. Es trifft zu, daß heutzutage viele junge Menschen aufwachsen, ohne sich ihres spezifischen spirituellen Erbes bewußt zu werden. Trotzdem übt die religiöse Dimension auch weiterhin Einfluß auf weite Teile der Bevölkerung aus.

Daher ist es wichtig, daß – während eine vernünftige Auffassung von der weltlichen Natur des Staates respektiert wird – die positive Rolle der Glaubenden im öffentlichen Leben anerkannt wird. Dies entspricht unter anderem den Anforderungen eines gesunden Pluralismus und trägt zum Aufbau einer echten Demokratie bei, der sich auch die OSZE zutiefst verpflichtet fühlt.

Wenn die Staaten bei der Hervorhebung ihres weltlichen Charakters angemessen und ausgewogen vorgehen, wird der Dialog zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Lebensbereichen begünstigt und demzufolge eine transparente und kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen der bürgerlichen und der religiösen Gesellschaft gefördert, was wiederum dem Gemeinwohl zugute kommt.

3. Genauso wie der Gesellschaft Schaden zugefügt wird, wenn die Religion in die Privatsphäre verbannt wird, so werden auch die Gesellschaft und die zivilen Einrichtungen verarmen, wenn die Gesetzgebung – unter Mißachtung der Religionsfreiheit – die religiöse Gleichgültigkeit, den Relativismus und den religiösen Synkretismus begünstigt und sie vielleicht sogar durch eine falsche Auffassung von Toleranz rechtfertigt.

Im Gegenzug nützt es allen Bürgern, wenn die religiösen Traditionen, in denen jedes Volk seine Wurzeln hat und mit denen sich die Bevölkerung auf besondere Weise identifiziert, Anerkennung und Wertschätzung erfahren. Die Förderung der Religionsfreiheit kann auch durch Verfügungen für die unterschiedlichen Rechtsdisziplinen der einzelnen Religionen erfolgen – vorausgesetzt, daß die Identität und die Freiheit jeder Religion gewahrt bleiben.

4. Daher kann ich Sie, liebe Gesetzgeber, nur einladen, sich die Verpflichtung, die Ihre Länder im Rahmen der OSZE bezüglich der Religionsfreiheit übernommen haben, zu eigen zu machen.

Die OSZE ist jedoch auch für die Anerkennung der institutionellen Bedeutung dieser Freiheit zu loben: Ich denke dabei besonders an Artikel 16 des Schlußdokuments von Wien aus dem Jahr 1989. Eine solch entschlossene Verteidigung der Religionsfreiheit ist eine wirksame Abschreckung gegen die Verletzung der Menschenrechte durch Gruppen, die die Religion für vollkommen abwegige Zwecke mißbrauchen. Andererseits entspricht eine angemessene Förderung der Religion den hohen Zielen der Einzelpersonen und Gemeinschaften, wobei sie diese übersteigt und zu deren besserer Verwirklichung beiträgt.

Der Respekt vor jeder Form von Religionsfreiheit ist somit als höchst wirksames Mittel zur Gewährleistung von Sicherheit und Stabilität in der Völker- und Nationenfamilie im 21. Jahrhundert anzusehen.

Ich spreche Ihnen meine besten Wünsche aus und erbitte den Segen des allmächtigen Gottes für Sie alle und für Ihre Arbeit im Dienst an den Menschen und am Frieden.

 

© Copyright 2003 - Libreria Editrice Vaticana

 

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