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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE AUS DEN KIRCHENPROVINZEN
SAINT PAUL UND MINNEAPOLIS (USA)
ANLÄSSLICH IHRES "AD-LIMINA"-BESUCHES

Freitag, 10. Dezember 2004

 

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

1. Zu dieser letzten meiner Begegnungen mit den Hirten der Kirche in den Vereinigten Staaten, die ihren fünfjährlichen »Ad-limina«-Besuch abstatten, heiße ich euch, die Bischöfe von Minnesota, North Dakota und South Dakota, herzlich willkommen.

Im Laufe dieses Jahres habe ich gemeinsam mit euch und euren Mitbrüdern im Bischofsamt in einer Reihe von Reflexionen über das dreifache Amt des Lehrens, Heiligens und Leitens nachgedacht, das den Nachfolgern der Apostel anvertraut ist. Wir haben die geistlichen Gaben und die apostolische Sendung betrachtet, die bei der Bischofsweihe empfangen werden und durch die jeder Bischof sakramental Jesus Christus, dem Haupt und dem obersten Hirten seiner Kirche, gleichgestaltet wird (vgl. 1 Petr 5,4). Es war dabei unser Ziel, die Wertschätzung des Geheimnisses der Kirche zu vertiefen, die der mystische Leib Christi ist, lebendig gemacht durch den Heiligen Geist und auferbaut in Einheit durch eine reiche Vielfalt an Gaben, Diensten und Werken (vgl. 1 Kor 12,4–6; Lumen gentium, 7).

2. In den vergangenen acht Monaten hatte ich die erfreuliche Gelegenheit, jeden der amerikanischen Bischöfe zu treffen und durch sie die lebendige Stimme der Kirche in den Vereinigten Staaten zu hören. Dies war für mich eine Quelle großen Trostes und eine Einladung, dem dreifaltigen Gott für die reiche Ernte zu danken, die seine Gnade in euren Ortskirchen hervorbringt. Zugleich habe ich das tiefe Leid mit euch geteilt, das ihr und euer Volk in den letzten Jahren erfahren habt. Dabei konnte ich feststellen, mit welcher Entschlossenheit ihr die sich daraus ergebenden ernsten pastoralen Aufgaben gerecht und freimütig angehen wollt. In der Ausübung meines Amtes als Nachfolger Petri wollte ich einen jeden von euch im Glauben stärken (vgl. Lk 22,32) und euch in euren Bemühungen ermutigen, für das eurer Obhut anvertraute Volk Gottes »wachsame Hüter, mutige Propheten, glaubwürdige Zeugen und treue Diener Christi« zu sein (vgl. Pastores gregis, 3). Von Anfang an habe ich bei unseren Begegnungen betont, daß euer Auftrag zum Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft und Sendung zwangsläufig mit eurer eigenen geistlichen Erneuerung beginnen muß. Ich habe euch ermutigt, die ersten zu sein, die durch ihr Zeugnis der Umkehr zum Wort Gottes und durch ihren Gehorsam gegenüber der apostolischen Tradition den Königsweg aufzeigen, der die pilgernde Kirche zu Christus und zur Fülle seines Reiches führt. Im besonderen habe ich euch aufgerufen, einen von evangeliumsgemäßer Armut geprägten Lebensstil anzunehmen, der »eine der unabdingbaren Voraussetzungen für eine fruchtbare Erfüllung des bischöflichen Dienstes« darstellt (Pastores gregis, 20). Wie das Konzil sagt, hat der Herr selbst das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbracht, und seine Kirche ist berufen, ihm auf diesem Weg nachzufolgen (vgl. Lumen gentium, 8).

3. Zum Abschluß dieser Reihe von Begegnungen möchte ich euch und euren Mitbrüdern im Bischofsamt zwei Anliegen mit auf den Weg geben. Das erste besteht in der brüderlichen Ermutigung zum freudigen Ausharren in dem euch anvertrauten Dienst, im Gehorsam gegenüber der authentischen Lehre der Kirche. Können wir nicht in den Leiden und Skandalen der vergangenen Jahre sowohl ein »Zeichen der Zeit« (vgl. Mt 16,3) als auch einen durch die göttliche Vorsehung bewirkten Aufruf zur Umkehr und zur größeren Treue gegenüber den Forderungen des Evangeliums sehen? Eine aufrichtige Gewissenserforschung und das Eingestehen von Versäumnissen wird im Leben eines jeden Gläubigen und im Leben der ganzen Kirche immer begleitet von einer neuen Zuversicht in die heilende Kraft der göttlichen Gnade und vom Aufruf, sich auszustrecken nach dem, was vor einem liegt (vgl. Phil 3,13). In der ihr eigenen Art ist die Kirche in den Vereinigten Staaten gerufen, das neue Jahrtausend zu beginnen, indem sie »neu anfängt bei Christus« (vgl. Novo Millennio ineunte, 29) und indem sie die Wahrheit des Evangeliums klar zum Maßstab ihres Lebens und Wirkens macht.

In diesem Licht möchte ich euch von neuem meine Wertschätzung dafür aussprechen, daß ihr euch darum bemüht, jedem einzelnen und jeder kirchlichen Gruppe das Verständnis für die dringende Notwendigkeit eines konsequenten, ehrlichen und treuen Zeugnisses für den katholischen Glauben vor Augen zu führen. Ebenso lobenswert ist euer Einsatz, daß alle kirchlichen Einrichtungen und apostolischen Dienste in allen Aspekten ihres Lebens eine klare katholische Identität bekunden. Dies ist vielleicht die schwierigste und heikelste Herausforderung, die sich euch heute in eurer Rolle als Lehrer und Hirten der Kirche in Amerika stellt. Dennoch ist sie unverzichtbar. Indem ihr eure Pflicht erfüllt, »mit allem Nachdruck zu lehren, zu ermahnen und zurechtzuweisen« (vgl. Tit 2,15), seid ihr die ersten, die dazu berufen sind, »eines Sinnes und einer Meinung« zu sein (1 Kor 1,10) und einmütig für die Verkündigung des Evangeliums zu arbeiten.

4. Das zweite Anliegen besteht in dem eindringlichen Aufruf, euren Blick fest auf das große Ziel zu richten, das der ganzen Kirche zu Beginn dieses dritten Jahrtausends gesetzt ist: die Verkündigung Jesu Christi, des Erlösers der Menschheit. Auch wenn die Ereignisse der letzten Jahre eure Aufmerksamkeit unausweichlich auf das Innenleben der Kirche gerichtet haben, so sollte euch dies doch in keiner Weise davon ablenken, eure Augen auf die große Aufgabe der Neuevangelisierung zu richten und auf die Notwendigkeit eines »neuen apostolischen Aufbruchs« (Novo Millennio ineunte, 40). »Duc in altum!« »Die Kirche in Amerika soll immer mehr von Christus, dem menschlichen Antlitz Gottes und dem göttlichen Antlitz des Menschen sprechen« (Ecclesia in America, 67) und dabei alles in ihrer Macht Stehende tun für eine noch überzeugendere Verkündigung des Evangeliums, für das Wachstum in der Heiligkeit und für eine noch wirksamere Weitergabe des Glaubensschatzes an die jüngere Generation.

Ein klares Bewußtsein der Sendung trägt auf natürliche Weise Frucht, indem es dazu führt, daß alle Glieder der christlichen Gemeinschaft eines Sinnes werden (vgl. Christifideles laici, 32). Daher wird ein solcher missionarischer Aufbruch sicherlich dem Werk der Versöhnung und der Erneuerung innerhalb eurer Ortskirchen dienlich sein. Er wird auch das prophetische Zeugnis der Kirche in der heutigen amerikanischen Gesellschaft festigen und vorantreiben. Die Kirche fühlt sich für jeden Menschen und für die Zukunft der Gesellschaft verantwortlich (vgl. Redemptor hominis, 15), und diese Verantwortung fällt in besonderer Weise den Laien zu, deren Berufung es ist, Sauerteig des Evangeliums in der Welt zu sein. Wenn wir die Herausforderungen betrachten, die sich heute der Kirche in den Vereinigten Staaten stellen, können wir sofort zwei dringliche Aufgaben erkennen: Es bedarf einer Evangelisierung der Kultur im allgemeinen, wodurch, wie ich bereits andeutete, die Kirche in eurem Land heute einen einzigartigen Beitrag zur Mission »ad gentes« leisten kann, und es bedarf einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Männern und Frauen guten Willens beim Aufbau einer Kultur der Achtung vor dem Leben (vgl. Evangelium vitae, 95).

5. Liebe Mitbrüder, ich danke Gott für den reichen Segen, den er im Laufe der Begegnungen des Nachfolgers Petri mit den amerikanischen Bischöfen gewährt hat. Ihr seid ins Herz der Kirche gekommen und wurdet in der Gemeinschaft mit dem Sitz der Einheit gefestigt. Wenn ihr nun in eure Ortskirchen zurückkehrt, sollt ihr erneuert sein im Eifer für eure Sendung, die eurer Obhut anvertraute Herde zu lehren, zu heiligen und zu leiten. Wenn ihr im Dienst am Evangelium »die Last des Tages und die Hitze« ertragt (vgl. Mt 20,12), dann seid euch dessen gewiß, daß die Kirche auf jedem Schritt ihrer irdischen Pilgerfahrt gestärkt wird »von der Kraft des auferstandenen Herrn […], um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird« (Lumen gentium, 8).

Es fügt sich gut, daß unsere Begegnungen genau in der Woche ihren Abschluß finden, in der die Kirche den 150. Jahrestag der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria feiert, der Schutzpatronin der Kirche in den Vereinigten Staaten. Wir bringen die Früchte dieser Begegnungen dem Herrn dar und erbitten seinen Segen für die katholische Gemeinschaft in Amerika. Laßt uns dabei unseren Blick auf die Mutter Gottes richten, die gemäß den Worten des Konzils ein »überragendes und völlig einzigartiges Glied der Kirche « ist, wie auch »ihr Typus und klarstes Urbild im Glauben und in der Liebe« (Lumen gentium, 53). Maria, die Unbefleckte Empfängnis, leite jeden von euch, zusammen mit dem Klerus, den Ordensleuten und den Laien eurer Ortskirchen auf dem Pilgerweg zur Fülle des Reiches Gottes. Sie möge euren Blick erheben zur glorreichen Schau einer erlösten und von der Gnade verwandelten Schöpfung. Sie, die Mutter der Kirche, helfe ihren Kindern, »die gefallen sind und sich doch bemühen, wieder aufzustehen«, damit sie sich freuen können an dem Großen, das der Herr schon getan hat (vgl. Lk 1,49), und damit sie vor der Welt treue Zeugen jener Hoffnung seien, die uns nie zugrunde gehen lassen wird (vgl. Röm 5,5).

Mit großer Zuneigung im Herrn erteile ich euch allen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

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