1. Tief bewegt habe ich am Konzert des heutigen Abends
teilgenommen, das die Versöhnung zwischen Juden, Christen und Moslems zum Thema
hat. Ich habe mit innerer Anteilnahme der hervorragenden musikalischen
Aufführung zugehört, die für uns alle eine Gelegenheit zum Nachdenken und zum
Gebet war. Mein herzlicher Gruß und Dank gilt den Initiatoren und allen, die zur
Verwirklichung dieser Initiative beigetragen haben.
Ich begrüße die Präsidenten und Mitarbeiter der Päpstlichen
Räte, die dieses so bedeutsame Ereignis unterstützt haben. Auch grüße ich die
Persönlichkeiten und Vertreter verschiedener internationaler jüdischer
Organisationen, der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie des Islam, die
diese unsere Begegnung durch ihre Teilnahme noch eindrucksvoller werden lassen.
Besonders danke ich den Kolumbusrittern, die für das Konzert ihre konkrete
Unterstützung angeboten haben, wie auch der hier durch ihre leitenden
Angestellten vertretenen Fernsehanstalt RAI, die für die Übertragung der
Veranstaltung gesorgt hat.
Schließlich begrüße ich den geehrten Herrn Dirigenten Gilbert
Levine, die Mitglieder des »Pittsburgh Symphony Orchestra« und die Chöre aus
Ankara, Krakau, London und Pittsburgh. Die Auswahl der Stücke dieses Abends
sollte unsere Aufmerksamkeit auf zwei wichtige Aspekte lenken, die in gewisser
Weise all jene verbinden, die sich auf das Judentum, den Islam und das
Christentum berufen, auch wenn sie in den jeweiligen heiligen Schriften in
unterschiedlicher Weise behandelt werden. Es geht um folgende zwei Themen: die
Verehrung für den Patriarchen Abraham und die Auferstehung der Toten. Deren
meisterhafte Interpretation haben wir in der geistlichen Motette »Abraham« von
John Harbison und in der Zweiten Sinfonie von Gustav Mahler gehört, die vom
Drama »Dziady« des berühmten polnischen Dichters Adam Mickiewicz inspiriert ist.
2. Die Geschichte der Beziehungen zwischen Juden, Christen und
Moslems ist gezeichnet durch Licht und Schatten und hat bedauerlicherweise auch
leidvolle Momente gekannt. Heute spüren wir den dringenden Wunsch nach einer
echten Versöhnung unter denen, die an den einen Gott glauben.
Am heutigen Abend sind wir hier vereint, um dem Streben nach
Versöhnung konkreten Ausdruck zu verleihen, indem wir uns der universalen
Botschaft der Musik anvertrauen. Wir wurden an die Mahnung erinnert: »Ich bin
Gott, der Allmächtige. Gehe deinen Weg vor mir, und sei rechtschaffen!« (Gen
17,1). Jeder Mensch spürt in seinem Innersten den Widerhall dieser Worte: Er
weiß, daß er eines Tages vor jenem Gott Rechenschaft ablegen muß, der aus der
Höhe des Himmels seinen Weg auf Erden betrachtet.
3. Der Jude ehrt den Allmächtigen als Beschützer der
menschlichen Person und als Gott der Verheißungen des Lebens. Der
Christ weiß, daß die Liebe der Grund dafür ist, daß Gott mit dem Menschen in
Beziehung tritt und daß Liebe die Antwort ist, die er vom Menschen erwartet. Für
den Moslem ist Gott gut und versteht den Gläubigen mit seinen Erbarmungen
überreich zu beschenken. Beseelt von diesen Überzeugungen können Juden, Christen
und Moslems nicht akzeptieren, daß die Erde vom Haß bedrängt und die Menschheit
von endlosen Kriegen heimgesucht wird.
Ja! Wir müssen in uns den Mut zum Frieden finden. Wir müssen aus
der Höhe das Geschenk des Friedens erflehen. Und dieser Friede wird sich
verbreiten wie heilendes Öl, wenn wir ohne Unterlaß den Weg der Versöhnung gehen.
Dann wird die Wüste zu einem Garten, in dem die Gerechtigkeit herrscht, und die
Folge der Gerechtigkeit wird der Friede sein (vgl. Jes 32,15–16).
»Omnia vincit amor!«