Heiligkeit,
verehrte und liebe Brüder des ökumenischen
Patriarchats!
1. Willkommen im Namen des Herrn! Ihm gilt unser Dank, weil er
es uns gewährt, einander am Fest der hll. Petrus und Paulus zu begegnen,
die auch von der orthodoxen Liturgie als »Protóthronoi« verehrt werden,
das heißt als diejenigen, die auf den Ehrenplätzen sitzen.
Wir erweisen Gott auch unseren Dank, wenn wir nun gemeinsam der
gesegneten Begegnung gedenken, die vor 40 Jahren zwischen meinem verehrten
Vorgänger Papst Paul VI. und dem verehrten Patriarchen Athenagoras I.
stattgefunden hat. Das ereignete sich in Jerusalem, wo Jesus am Kreuz erhöht
wurde, um die Menschheit zu erlösen und sie in der Einheit zu sammeln. Wie
providentiell war diese mutige und zugleich frohe Begegnung doch für das Leben
der Kirche! Beseelt vom Vertrauen und von der Liebe zu Gott, wußten unsere
erleuchteten Vorgänger, jahrhundertealte Vorurteile und Mißverständnisse zu
überwinden. Sie haben ein wunderbares Beispiel als Hirten und Führer des Volkes
Gottes gegeben. Während sie als Brüder wieder aufeinander zu gingen, empfanden
sie ein Gefühl tiefer Freude, das sie drängte, mit Zuversicht die Beziehungen
zwischen der Kirche von Rom und der Kirche von Konstantinopel wiederaufzunehmen.
Gott vergelte es ihnen in seinem Reich! Wichtige Begegnungen in den letzten
vierzig Jahren
2. Heiligkeit, mit großer Liebe empfange ich Sie, und ich freue
mich aufrichtig, Sie in diesem Haus zu Gast zu haben, in dem das Gedächtnis der
heiligen Apostel lebendig ist. Neben Ihnen grüße ich diejenigen, die Sie
begleiten, insbesondere die Metropoliten und die Delegation des Patriarchats.
Ich grüße auch die Gruppe der Gläubigen der griechisch-orthodoxen Erzdiözese von
Amerika und die Gruppe von Professoren und Studenten des Instituts für Höhere
Studien der orthodoxen Theologie aus Chambésy, an deren Spitze Bischof Makarios
steht. Ich danke allen für ihre freundliche Anwesenheit.
In diesen 40 Jahren haben unsere Kirchen in ihren Beziehungen
wichtige Gelegenheiten zu Kontakten erlebt, die den Geist der gegenseitigen
Versöhnung gefördert haben. Wir dürfen beispielsweise nicht die Besuche zwischen
Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. im Jahr 1967 vergessen. Ich erinnere
mich dann noch lebhaft an meinen Besuch im Phanar im Jahr 1979 und die gemeinsam
mit Patriarch Dimitrios I. vorgenommene Ankündigung der Aufnahme des
theologischen Dialogs. Außerdem erinnere ich mich an den Besuch von Patriarch
Dimitrios I. in Rom im Jahr 1987 und an den Besuch Eurer Heiligkeit im Jahr
1995, dem weitere bedeutsame Gelegenheiten zur Begegnung gefolgt sind. Das sind
viele Zeichen des gemeinsamen Bemühens, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen,
damit sich baldmöglichst der Wille Christi verwirkliche: »ut unum sint!«
3. Diesen Weg haben sicher die Erinnerungen an schmerzliche
Ereignisse der Vergangenheit belastet. Wir dürfen bei dieser Gelegenheit
nicht vergessen, was im April des Jahres 1205 geschehen ist. Ein Kriegsheer, das
auf dem Weg ins Heilige Land war, um es zurückzuerobern, kam nach
Konstantinopel, eroberte und plünderte es, wobei es das Blut der Brüder im
Glauben vergoß. Sollten wir acht Jahrhunderte später nicht die Empörung und
den Schmerz teilen, den Papst Innozenz III. bei der Nachricht über das
Geschehnis damals bekundete? Nach so langer Zeit können wir die Ereignisse von
damals mit größerer Objektivität analysieren, wenn auch in dem Bewußtsein, daß
das Erforschen der vollen geschichtlichen Wahrheit schwierig ist.
Dabei hilft uns die Mahnung des Apostels Paulus: »Richtet
also nicht vor der Zeit; wartet, bis der Herr kommt, der das im Dunkeln
Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen aufdecken wird« (1
Kor 4,5). Laßt uns deshalb gemeinsam beten, daß der Herr der Geschichte
unser Gedächtnis von jedem Vorurteil und Groll reinige und uns gewähre, in
Freiheit auf dem Weg der Einheit fortzuschreiten. Festigung der brüderlichen
Beziehungen
4. Dazu lädt uns auch das von Patriarch Athenagoras I. und Papst
Paul VI. hinterlassene Beispiel ein, das wir heute in Erinnerung rufen. Das
Gedächtnis dieser Begegnung bewirke einen Sprung nach vorn im Dialog und in
der Festigung der gegenseitigen brüderlichen Beziehungen. Der theologische
Dialog in der »Gemischten Kommission« bleibt zu diesem Zweck ein wichtiges
Hilfsmittel. Deshalb erhoffe ich mir, daß er bald wiederaufgenommen wird. Denn
ich bin überzeugt von dieser Dringlichkeit, und es ist mein Willen und der
Willen meiner Mitarbeiter, jedes Mittel zu nutzen, um den Geist des
gegenseitigen Annehmens und Verstehens in der Treue zum Evangelium und zur
gemeinsamen apostolischen Tradition zu nähren. Auf diesen Weg drängt uns das
alte und immer neue Gebot der Liebe, das der Apostel Paulus in die bekannten
Worte faßte: »Seid einanander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch
in gegenseitiger Achtung« (Röm 12,10).
5. Diese Vorsätze der Versöhnung und der vollen Gemeinschaft
vertraue ich den heiligen Aposteln an, derer wir heute gedenken. Wir bitten sie
vertrauensvoll, daß ihre himmlische Fürsprache uns im Glauben stärke und uns
Beharrlichkeit schenke in dem Bemühen, so bald wie möglich den Willen Christi zu
verwirklichen. Maria, die Mutter desjenigen, der uns alle zur vollen Einheit in
seiner Liebe ruft, erwirke uns dieses Geschenk.
Mit diesen Gefühlen heiße ich Sie und euch alle, meine lieben
Gäste, herzlich willkommen.