Herr Botschafter!
1. Gerne nehme ich das Schreiben entgegen, das Sie als neuen
Repräsentanten der Ukraine beim Heiligen Stuhl akkreditiert. Ich freue mich, Sie
aus diesem glücklichen Anlaß begrüßen und herzlich willkommen heißen zu dürfen.
Ich habe die freundlichen Worte sehr geschätzt, die Sie soeben
an mich gerichtet haben, und ich bitte Sie, dem ukrainischen Präsidenten, Herrn
Leonid Danilovic Kutschma, meinen Dank für den besonderen Gruß auszusprechen,
den er mir durch Sie übermitteln wollte. Ich erwidere gerne seine Empfindungen
mit den besten Wünschen für die edle Aufgabe des ersten Bürgers der lieben
ukrainischen Nation, der ich meine herzlichen und wohlwollenden Grüße
übermitteln möchte.
2. Auf Grund der Traditionen und der Kultur, die es auszeichnen, fühlt sich
das ukrainische Volk zu Recht als Teil Europas und möchte tiefere Beziehungen zu
den übrigen europäischen Ländern anknüpfen, dabei jedoch die politischen und
kulturellen Eigenschaften bewahren, die es charakterisieren.
Der Heilige Stuhl ist der Ansicht, daß diese rechtmäßigen Bestrebungen es
verdienen, genau beachtet zu werden, weil sie für die geplante europäische
Zusammenarbeit nützlich sind. Die Ukraine, zwischen Ost und West gelegen, wird
ihren Auftrag als Treffpunkt verschiedener Völker und Kulturen besser erfüllen
können, wenn sie die ihr eigene Physiognomie bewahren kann. Indem sie weiterhin
im geistlichen und sozialen, im politischen und wirtschaftlichen Bereich eifrig
tätig ist, wird sie ein bedeutsames Laboratorium des Dialogs, der Entwicklung
und der Zusammenarbeit mit allen und für alle werden.
Um dieses Ziel erreichen zu können, ist es notwendig, daß alle Söhne und
Töchter des ukrainischen Landes, jeder und jede, der eigenen Verantwortung und
Zuständigkeit entsprechend, mit weitblickender Hochherzigkeit das Gemeinwohl zu
verwirklichen suchen. Das erfordert, daß die Repräsentanten des Volkes, die
Verantwortlichen der öffentlichen Hand, die Vertreter von Kultur und Wirtschaft
die eigenen Fähigkeiten in den Dienst des wahren Fortschritts des Vaterlandes
stellen, wobei sie den Armen, den Jugendlichen auf Arbeitssuche und den Kindern,
auch denen im Mutterleib, besondere Aufmerksamkeit widmen.
Die katholische Kirche wird es nicht unterlassen, soweit es ihr möglich ist
und in vollem Respekt vor dem rechtmäßigen Wirkungsbereich der zivilen
Autoritäten, beim Aufbau einer blühenden und friedlichen Nation mitzuhelfen.
3. Herr Botschafter, wenn ich Sie heute empfange, erinnere ich mich an den
Besuch, den ich dank der göttlichen Vorsehung vor drei Jahren in der Ukraine
machen konnte, in dem Land, wo verschiedene Kulturen und Traditionen
aufeinandertreffen. Wie könnte ich Kiew vergessen, seine goldenen Kuppeln, seine
herrlichen Parkanlagen, seine fleißigen und offenherzigen Menschen, und Lemberg,
die Stadt der berühmten christlichen geschichtsträchtigen Monumente und so voll
echter und herzlicher Gastfreundschaft?
Vor über 1000 Jahren hat die Taufe am Ufer des Dnjepr die ukrainischen Völker
in die große Familie der Jünger Christi aufgenommen. Seitdem hat dieses Land
eine ausgeprägte eigene kulturelle und geistliche Identität entwickelt. Das
Evangelium hat sein Leben, seine Kultur und seine Institutionen geformt. Die
Ukraine hat deshalb heute die große Verantwortung, das eigene christliche Erbe,
das Merkmal der Nation, zu erkennen, zu verteidigen und zu fördern, dessen Kern
nicht einmal von der unheilvollen Diktatur des Kommunismus geschädigt werden
konnte.
Die Kirche möchte diese Identität gerne fördern. Wie Sie zu Recht erwähnt
haben, verfolgt die Regierung eine Politik der Religionsfreiheit, indem sie den
kirchlichen Gemeinschaften die Durchführung ihres Sendungsauftrages ermöglicht.
In diesem Kontext des guten Willens ist es wünschenswert, daß man bald zu einer
juristischen Definition der Kirchen auf einer Ebene effektiver Gleichheit unter
allen gelangt, und daß man zugleich ehrenvolle Vereinbarungen über den
Religionsunterricht und die staatliche Anerkennung der Theologie als
Universitätsfach findet. Wünschenswert ist außerdem, daß zufriedenstellende
Vereinbarungen getroffen werden in dem heiklen Punkt der Rückerstattung der
Kirchengüter, die während der kommunistischen Diktatur beschlagnahmt worden
sind.
4. Wenn ich an die religiöse Situation des lieben ukrainischen
Volkes denke, erwäge ich unwillkürlich, daß die Jünger Christi leider noch
getrennt sind, und das wird von der ukrainischen Gemeinschaft insgesamt mit
einem gewissen Bedauern wahrgenommen. Der ökumenische Dialog ist aber im Gang
und führt zu immer engeren Übereinkünften unter gegenseitiger Achtung und in der
ständigen Suche nach der von Christus gewollten Einheit. Möge dieser aufrichtige
und weitblickende Dialog vorangehen und sich dank des Beitrags aller noch
verstärken!
Die katholische Kirche in der Ukraine hat seit der
Unabhängigkeit des Landes bis heute einen verheißungsvollen Frühling der
Hoffnung erlebt und wird in jedem ihrer Glieder von der Sehnsucht beseelt, zur
vollen Einheit mit allen Christen zu gelangen.
Herr Botschafter, in dem Augenblick, da Sie sich anschicken,
ihre hohe Aufgabe zu übernehmen, bekräftige ich Ihnen gerne, daß hier im Vatikan
meine Mitarbeiter immer bereit sind, Ihnen mit Herz und Verstand jede Hilfe und
Unterstützung zu leisten, damit Sie die Ihnen aufgetragene Mission bestmöglich
erfüllen können. Ich meinerseits wünsche von Herzen, daß sich auch dank Ihres
persönlichen Beitrags die schon festen Bande noch verstärken, die das von Ihnen
vertretene Land mit dem Heiligen Stuhl verbindet. Dazu erbitte ich Ihnen, den
Regierungsmitgliedern und dem ganzen mir besonders lieben ukrainischen Volk die
Fülle des göttlichen Segens.
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