The Holy See
back up
Search
riga

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE AUS NEUSEELAND
ANLÄSSLICH IHRES "AD-LIMINA"-BESUCHES

Montag, 13. September 2004

 

Eminenz,
liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

1. »Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen« (2 Kor 4,5). Mit diesen vielsagenden Worten des hl. Paulus heiße ich euch, die Bischöfe Neuseelands, herzlich willkommen und danke Bischof Browne für die in eurem Namen zum Ausdruck gebrachten freundlichen Empfindungen, die ich meinerseits von Herzen erwidere, während ich euch und all jene meines Gebets versichere, die eurer pastoralen Sorge anvertraut sind. Euer erster Besuch »ad limina Apostolorum« in diesem neuen Jahrtausend ist eine Gelegenheit, Gott für das große von der Bevölkerung eures Landes zutiefst geschätzte Geschenk des Glaubens an Jesus Christus zu danken (vgl. Ecclesia in Oceania, 1). Der gleiche Glaube, für den die hll. Petrus und Paulus ihr Blut vergossen haben, sah von den ersten Jahrhunderten an die römische Kirche als »letztgültigen Bezugspunkt für die Gemeinschaft« (Pastores gregis, 57). Ihr kommt von einem fernen Inselstaat, um Kephas kennenzulernen (vgl. Gal 1,18), und bezeugt so die Stärke jener Gemeinschaft, die »die legitime Vielfalt schützt und zugleich darüber wacht, daß die Besonderheit der Einheit nicht nur nicht schadet, sondern ihr dient« (Pastores gregis, 57).

2. Neuseeland erfreut sich eines stolzen, von reicher kultureller Verschiedenheit erfüllten Erbes, doch wie zahlreiche andere Länder leidet es heute unter den Auswirkungen uneingeschränkter Verweltlichung. Dieser radikale »Bruch zwischen Evangelium und Kultur« (Evangelii nuntiandi, 20) zeigt sich als »Sinnkrise« (Fides et ratio, 81): Die Beeinträchtigung der Vernunft durch bestimmte Interessengruppen und der übertriebene Individualismus sind Beispiele dieser Lebensperspektive, die die Suche nach dem höchsten Ziel und der Bedeutung der menschlichen Existenz vernachlässigt. Unmißverständlich sprechen auch eure eigenen Berichte von der dringenden Notwendigkeit der befreienden Botschaft Christi in einer Gesellschaft, die die tragischen Folgen eines schwindenden Sinnes für Gott erfährt: die Entfernung von der Kirche, die Zerstörung des Familienlebens, die Erleichterung von Abtreibung und Prostitution, eine irrige Sicht vom Leben, die nach Vergnügen und »Erfolg«, nicht aber nach Güte und Weisheit trachtet.

Angesichts solch beunruhigender Entwicklungen erwarten die Neuseeländer von euch, daß ihr Männer der Hoffnung seid, die voll Begeisterung den Glanz der Wahrheit Christi verkünden und lehren – jene Wahrheit, die die Finsternis vertreibt und den wahren Weg des Lebens erleuchtet. Seid gewiß, der Herr selbst ist an eurer Seite! Hört auf seine Stimme: »Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht« (Mk 6,50). Ich bin sicher, daß ihr andere von einer begrenzten, oberflächlichen Denkweise in den weiten Glanz der Liebe Gottes führen werdet, wenn eure Herzen und euer Geist fest in Christus verankert sind. Allein durch die Betrachtung der unergründlichen Schönheit der letztendlichen Bestimmung der Menschheit – das ewige Leben im Himmel – kann die große Zahl der täglichen Freuden und Leiden auf angemessene Weise erklärt und so den Menschen ermöglicht werden, die Herausforderungen des Lebens mit der aus dem Glauben und der Hoffnung entspringenden Zuversicht zu meistern.

3. Alle Gläubigen von Aotearoa sind durch die Taufe berufen, euer Zeugnis für die Hoffnung, die die Kirche erfüllt, zu teilen (vgl. 1 Petr 3,15). Auf keine bessere Art und Weise kann das zum Ausdruck gebracht werden, als durch die freudige Teilnahme am Gottesdienst. Die sonntägliche Messe ist nicht nur die Erfüllung einer heiligen Pflicht, sondern eine glorreiche Epiphanie der Kirche, wenn das heilige Gottesvolk, voll und tätig an derselben Eucharistiefeier teilnehmend (vgl. Dies Domini, 34), »den ersten Tag des Glaubens «, »einen unverzichtbaren Tag«, »den Tag der christlichen Hoffnung« bezeugt.

Die zunehmende Vernachlässigung der sonntäglichen Messe, wovon jeder von euch mit tiefer Sorge gesprochen hat, schwächt das Licht des Zeugnisses für die Gegenwart Christi in eurem Land. Wenn der Sonntag einer weit verbreiteten Auffassung vom »Wochenende« untergeordnet und in übertriebener Weise von Unterhaltung und Sport beherrscht wird, bleiben die Menschen, anstatt wahrhaft geheiligt und neu belebt zu werden, in dem unerbittlichen und oft sinnlosen Trachten nach Neuem gefangen, ohne die Frische des »lebendigen Wassers« Christi (Joh 4,11) zu erfahren. In dieser Hinsicht schließe ich mich euch mit den Worten aus dem Hebräerbrief an, wenn ihr die Laien Neuseelands, insbesondere die Jugend, dringend zur Teilnahme an der sonntäglichen Messe auffordert: »Laßt uns an dem unwandelbaren Bekenntnis der Hoffnung festhalten, … laßt uns nicht unseren Zusammenkünften fernbleiben, … sondern ermuntert einander« (Hebr 10, 23–25).

4. Ihre heilige Liturgie gibt der Kirche Kraft und Inspiration für ihren Evangelisierungsauftrag. Das wurde mit großer Klarheit während der Synode für Ozeanien zum Ausdruck gebracht: »Mit Jesus zu sein zielt darauf ab, von ihm auszugehen, in seiner Macht und seiner Gnade« (Ecclesia in Oceania, 3). Diese Dynamik, die im Schlußgebet nach der Kommunion und dem Schlußteil jeder Messe deutlich wird (vgl. Dies Domini, 45), führt jeden Christen zu der Aufgabe der Evangelisierung der Kultur, eine Pflicht, die kein Glaubender ignorieren kann. Vom Herrn selbst in den Weinberg entsandt – sei es zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz, in staatlichen Organisationen – haben die Jünger Christi keine Zeit, auf dem Markt dazustehen (vgl. Mt 20,3), noch können sie derart mit den internen Aspekten des Gemeindelebens beschäftigt sein, daß sie zu abgelenkt sind, andere aktiv zu evangelisieren (vgl. Christifideles laici, 2). Vom Wort gedrängt und durch das Sakrament gestärkt, müssen die Jünger Christi in ihren »Weinberg« zurückkehren mit dem brennenden Wunsch, von Christus zu »sprechen « und ihn der Welt zu »zeigen« (vgl. Novo Millennio ineunte, 16).

Liebe Brüder, eure Hirtenbriefe sind ein gutes Beispiel eurer aufrichtigen Bemühungen, die Wahrheit Christi in der Öffentlichkeit darzulegen. Die freundlichen Beziehungen zu den Regierungsbehörden, die ihr sorgfältig aufgebaut habt, erlauben euch, gegebenenfalls standhaft zu sein in der Beurteilung ihrer Entscheidungen. In dieser Hinsicht ermutige ich euch, weiterhin dafür zu sorgen, daß eure Erklärungen die Aussagen des kirchlichen Lehramts klar und vollständig wiedergeben. Zu den zahlreichen Herausforderungen, vor denen ihr jetzt in dieser Hinsicht steht, gehört die Notwendigkeit, die Heiligkeit und die Einzigartigkeit der Ehe zu verteidigen. Vom Schöpfer selbst gestiftet, mit einer ihr eigenen Natur und Bestimmung ausgestattet, im natürlichen Moralgesetz bewahrt und in allen Kulturen vorhanden, schließt die Institution der Ehe notwendigerweise die Komplementarität von Mann und Frau ein, die durch die Zeugung und das Aufziehen der Kinder teilhaben am Schöpfungswerk Gottes. Mit Recht verdienen die Eheleute eine besondere und kategorische rechtliche Anerkennung durch den Staat, während jeder Versuch, die Ehe mit anderen Formen des Zusammenlebens gleichzustellen, ihre einzigartige Rolle im Plan Gottes für die Menschheit verletzt.

5. Im Kontext der Evangelisierung der Kultur möchte ich den außerordentlichen Beitrag eurer katholischen Schulen anerkennen. Ihre Entwicklung hat den Glauben der christlichen Gemeinschaft bereichert und zur Förderung hervorragender Leistung in der Nation beigetragen. Der Wert unserer Schulen kann jedoch nicht lediglich in Zahlen gemessen werden. Katholische Schulen müssen heute aktive Förderer der Evangelisierung im Zentrum des Gemeindelebens sein. Zu diesem Zweck appelliere ich unmittelbar an die hochherzigen und aufrichtigen jungen Christen Neuseelands: Begeistert euch für eure Religionserziehung! Hört die Stimme Jesu, der euch aufruft, am Leben seiner Familie, der Kirche, teilzunehmen! Nehmt euren rechtmäßigen Platz im Leben der Pfarrgemeinde ein!

Katechese und Religionserziehung sind heute ein anspruchsvolles Apostolat. Mein Dank und meine Ermutigung gilt den zahlreichen Laien und Ordensleuten, die sich mit uneingeschränkter Hingabe dafür einsetzen, daß sich »die Getauften … der empfangenen Gabe des Glaubens immer mehr bewußt werden« (Gravissimum educationis, 2). Als Bischöfe habt ihr die Verpflichtung, den Lehrern bei der Vertiefung ihres persönlichen Zeugnisses für Jesus Christus vor den Jugendlichen zu helfen und ihre Bereitschaft zu fördern, die Kinder das Beten zu lehren. Dadurch bereichern sie ihren Beitrag für die besondere Natur und Sendung der katholischen Erziehung. Das erfordert insbesondere für Fachlehrer eine intensive theologische und spirituelle Vorbereitung im Einklang mit der eurer Priester; es verdeutlicht auch die Notwendigkeit sicherzustellen, daß die Seelsorgestellen eurer höheren Bildungseinrichtungen lebendige Quellen wirksamer Katechese sind. An dieser Stelle möchte ich auch ganz besonders die apostolischen Ordensleute bestärken, ihren Einsatz für das Erziehungs- und Schulapostolat zu intensivieren! Überall dort, wo junge Menschen leicht vom Weg der Wahrheit und des wahren Friedens abkommen, ist das von geweihten Personen abgelegte Zeugnis der evangelischen Räte ein wunderbares und unersetzliches Geschenk. Wahre Zusammenarbeit in der Diözese

6. Liebe Brüder, beharrlich habt ihr die Zusammenarbeit in der Leitung der neuseeländischen Kirche gefördert und so ermöglicht, »miteinander den gemeinsamen Weg des Glaubens und der Sendung zu beschreiten« (Pastores gregis, 44). Nie schwächt wahre Zusammenarbeit das dem bischöflichen »munus« eigene, klare und eindeutige Recht und die Pflicht der Leitung, sondern ist vielmehr eine Frucht seiner Fülle. Ich weiß, daß ihr auf selbstlose Weise von euren Priestern unterstützt werdet, für deren pastorale Hochherzigkeit und Einsatzbereitschaft ich gemeinsam mit euch dem Herrn danke. Versichert ihnen, daß die Gläubigen sie brauchen und zutiefst schätzen. Gleichermaßen müssen Ordenspriester, -brüder und -schwestern ermutigt werden in ihren Bemühungen, die kirchliche Gemeinschaft durch ihre kooperative Präsenz und ihr Apostolat in euren Diözesen zu fördern. Als Geschenk an die Kirche steht das geweihte Leben in ihrem Mittelpunkt und verdeutlicht die tiefe Schönheit der christlichen Berufung zu selbstloser und aufopfernder Liebe. In Übereinstimmung mit euren Bemühungen, eine »Kultur der Berufungen« zu fördern, bestärke ich die Ordensleute, jungen Leuten erneut das Ideal des geweihten Lebens und der Sendung vorzuschlagen, das in den verschiedenen Ständen des kirchlichen Lebens vorhanden ist, die bestehen, »damit die Welt glaubt« (Joh 17,21).

7. Mit Zuneigung und brüderlicher Dankbarkeit lege ich euch diese Reflexionen vor und ermutige euch, die Früchte des Charismas der Wahrheit zu teilen, die der Geist euch geschenkt hat. Vereint in der Verkündigung der Frohbotschaft Jesu Christi und geführt vom Beispiel der Heiligen, möget ihr euren Weg voll Zuversicht fortsetzen! Für euch erbitte ich die Fürsprache Marias, »Stern der Neuevangelisierung«, und erteile euch, den Priestern, den Ordensleuten und den Gläubigen eurer Diözesen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

    

top