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JUBILÄUMSPILGERREISE
VON PAPST JOHANNES PAUL II.
INS HEILIGE LAND (20.-26. MÄRZ 2000)
PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.
Stadion von Amman/Jordanien Dienstag, 21. März
2000
»Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der
Steppe eine ebene Straße für unseren Gott!« (Jes 40,3).
Ihre Seligkeit, liebe Brüder im Bischofs- und Priesteramt, Brüder und
Schwestern!
1. Die Worte des Propheten Jesaja, die der Evangelist auf Johannes, den Täufer,
bezieht, erinnern uns an den Weg, den Gott durch die Geschichte gezeichnet hat
in dem Wunsch, sein Volk zu lehren und zu retten. Die göttliche Vorsehung hat
mich im Jubiläumsjahr auf meiner Wallfahrt zum Gebet an einigen mit dem
Heilswirken Gottes verbundenen Stätten heute nach Jordanien geführt. Ich begrüße
Seine Seligkeit Michel Sabbah und danke ihm für seinen freundlichen
Willkommensgruß. Herzlich umarme ich den griechisch-melkitischen Exarchen
Georges El-Murr und alle Mitglieder der Vereinigung der Katholischen Ordinarien
des Heiligen Landes sowie die Vertreter der anderen Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften. Ich danke dem Prinzen Raad, den Vertretern der Zivilbehörden,
die unsere Feier mit ihrer Anwesenheit beehren.
Der Nachfolger Petri kommt als Pilger in dieses Land, das durch die Präsenz von
Moses und Elija gesegnet ist; hier hat Jesus selbst gelehrt und Wundertaten
vollbracht (vgl. Mk 10,1; Joh 10,40–42), und hier hat die frühe
Kirche in dem Leben vieler Heiliger und Märtyrer Zeugnis abgelegt. In diesem
Großen Jubiläumsjahr ist die ganze Kirche, und heute besonders die christliche
Gemeinschaft Jordaniens, im Geiste in einer Pilgerreise zu den Ursprüngen
unseres Glauben vereint, einer Pilgerreise der Bekehrung und der Buße, der
Versöhnung und des Friedens.
Wir suchen nach einem Führer, der uns den Weg zeigt. Da kommt uns die Gestalt
Johannes, des Täufers, entgegen, die Stimme, die in der Wüste ruft (vgl.
Lk
3,4). Er wird uns auf den Weg führen, den wir einschlagen müssen, wenn wir
»das Heil, das von Gott kommt« (vgl. Lk 3,6), sehen sollen. Von ihm
geleitet, unternehmen wir unsere Reise des Glaubens, um besser jenes Heil
zu erkennen, das Gott durch eine bis auf Abraham zurückreichende
Geschichte gewirkt hat. Johannes, der Täufer, war der letzte in der Reihe
der Propheten, die die Hoffnung des Volkes Gottes wach hielten und nährten. Mit
ihm war die Zeit der Erfüllung greifbar nahe.
2. Der Samen dieser Hoffnung war die Verheißung an Abraham, als er gerufen
wurde, alles ihm Vertraute zu verlassen und einem ihm unbekannten Gott zu folgen
(vgl. Gen 12,1–3). Trotz seines Wohlstandes lebte Abraham im Schatten des
Todes, denn er hatte keinen Sohn und kein eigenes Land (vgl. Gen
15,2). Die Verheißung schien nutzlos, denn Sarai war unfruchtbar und das Land in
anderen Händen. Aber Abraham setzte seinen Glauben auf Gott: »Gegen alle
Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt« (Röm 4,18).
So unmöglich es auch schien: Sarai brachte Isaak zur Welt, und Abraham erhielt
Land. Und durch Abraham und seine Nachkommen wurde die Verheißung zum Segen
für »alle Geschlechter der Erde« (Gen 12,3; vgl. 18,18).
3. Diese Verheißung wurde besiegelt, als Gott am Berg Sinai zu Mose sprach.
Was sich auf dem Heiligen Berg zwischen Mose und Gott ereignete, prägte die
folgende Heilsgeschichte als Bund der Liebe zwischen Gott und den Menschen
– ein Bund, der Gehorsam fordert, aber Befreiung verspricht. Die Zehn Gebote,
die am Sinai in Stein gemeißelt wurden, die aber seit Beginn der Schöpfung ins
Menschenherz eingeschrieben waren, sind die göttliche Pädagogik der Liebe. Sie
zeigen den einzig sicheren Weg zur Erfüllung unseres tiefsten Sehnens: die
ununterdrückbare Suche des Menschen nach Güte, Wahrheit und Eintracht.
Das Volk wanderte vierzig Jahre, bis es dieses Land erreichte. Mose, den »der
Herr Auge in Auge berufen« hatte (Dt 34,10), sollte auf dem Berg Nebo
sterben; er wurde begraben »im Tal, in Moab […] Bis heute kennt niemand sein
Grab« (Dt 34,5–6). Aber der Bund und das Gesetz, das er von Gott erhielt,
leben in Ewigkeit fort.
Von Zeit zu Zeit mußten die Propheten das Gesetz und den Bund verteidigen gegen
die Menschen, die menschliche Regeln und Normen über den Willen Gottes setzten
und so dem Volk eine neue Sklaverei auferlegten (vgl. Mk 6,17–18).
Die Stadt Amman – Rabba im Alten Testament – erinnert ihrerseits an die Sünde
König Davids, der Urija in den Tod schickte und sich Batseba zur Frau nahm; denn
Urija fiel hier (vgl. 2 Sam 11,1–17). »Mögen sie dich bekämpfen«, sagt
Gott zu Jeremia in der Ersten Lesung, die wir heute gehört haben, »sie werden
dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten« (Jer
1,19). Es gab Propheten, darunter der Täufer, die ihr öffentliches Anprangern
des Nichteinhaltens des Bundes mit ihrem Leben bezahlten. Aber aufgrund
der göttlichen Verheißung – »ich bin mit dir, um dich zu retten« – standen sie
wie »eine befestigte Stadt, eine eiserne Säule und eherne Mauer« (vgl . Jer
1,18) und verkündeten das Gesetz des Lebens und des Heils, die Liebe, die
nie enttäuscht. 4. In der Fülle der Zeit zeigt Johannes, der
Täufer, am Jordan auf Jesus, auf den der Heilige Geist in Gestalt einer
Taube herabkommt (vgl. Lk
3,22) und der nicht mit Wasser, sondern »mit dem Heiligen Geist und mit Feuer«
taufen wird (Lk 3,16). Der Himmel tut sich auf, und wir hören die Stimme
des Vaters: »Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe« (Mt
3,17). In ihm, dem Sohn Gottes, werden die Verheißung an Abraham und das Gesetz,
das Mose gegeben wurde, erfüllt. Jesus ist die
Vergegenwärtigung der Verheißung. Sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung
führen zum endgültigen Sieg des Lebens über den Tod. Durch die Auferstehung
stehen die Tore des Paradieses nun offen, und wir können wieder in den Garten
des Lebens eintreten. Im auferstandenen Christus erhalten wir das Erbarmen, »das
er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig« (Lk
1,54–55). Jesus ist die Erfüllung des Gesetzes. Allein
der auferstandene Christus offenbart die volle Bedeutung der Ereignisse am Roten
Meer und am Berg Sinai. Er offenbart das wahre Wesen des Gelobten Landes, wo
»der Tod nicht mehr sein wird« (vgl.
Offb 21,4). Als »Erstgeborener der Toten« (Kol 1,18) ist der
auferstandene Herr auch das Ziel all unserer Wege: »das Alpha und das
Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende« (Offb
22,13). 5. In den vergangenen fünf Jahren hat die Kirche
dieser Region die Pastoralsynode der Kirchen im Heiligen Land abgehalten.
Alle katholischen Kirchen sind zusammen mit Jesus gegangen, sie haben seinen Ruf
aufs neue gehört und in einem Allgemeinen Pastoralplan den vor ihnen liegenden
Weg aufgezeichnet. In dieser feierlichen Liturgie empfange ich dankbar die
Früchte der Synode als Zeichen eures erneuerten Glaubens und hochherzigen
Engagements. Die Synode erbrachte auch eine tief empfundene Erfahrung der
Gemeinschaft mit dem Herrn und der kirchlichen Gemeinschaft, wie damals die
um die Apostel gescharten Jünger bei der Geburt der Kirche (vgl. Apg
2,42; 4,32). Durch die Synode wurde deutlich, daß eure Zukunft in der Einheit
und Solidarität liegt. Heute bete ich dafür, und ich lade die ganze Kirche
ein, mit mir dafür zu beten, daß die Arbeit der Synode zu einer Festigung der
gemeinsamen Bande und der Zusammenarbeit zwischen den örtlichen katholischen
Gemeinden in all ihrer reichen Vielfalt führen möge wie auch zwischen allen
christlichen Kirchen und Kirchengemeinschaften sowie zwischen den Christen und
den anderen großen Religionen, die sich hier entfalten. Die Hilfsquellen der
Kirche – Familien, Pfarreien, Schulen, Laienverbände, Jugendbewegungen – sollen
sich Einheit und Liebe als höchstes Ziel setzen. Es gibt keine wirksamere Art,
sich sozial, beruflich und politisch zu engagieren – vor allem im Werk für
Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden; und genau dazu hatte die Synode
aufgerufen. Den Bischöfen und Priestern sage ich: Seid
gute Hirten nach dem Herzen Christi! Leitet die euch anvertraute Herde auf dem
Weg, der zu den grünen Weiden seines Reiches führt! Stärkt das seelsorgliche
Leben eurer Gemeinschaften durch eine neue und dynamischere Zusammenarbeit mit
den Ordensleuten und den Laien. Setzt euer Vertrauen auf den Herrn, auch
inmitten der Schwierigkeiten eures Amtes. Kommt ihm näher im Gebet, dann wird er
euer Licht und eure Freude sein. Die ganze Kirche dankt euch für eure Hingabe
und für den Glaubensauftrag, den ihr in euren Diözesen und Gemeinden erfüllt.
Den Ordensmännern und Ordensfrauen spreche ich die unermeßliche Dankbarkeit
der Kirche für ihr Zeugnis von der Souveränität Gottes in allen Dingen aus.
Strahlt auch in Zukunft als Leuchtfeuer der Liebe des Evangeliums, die alle
Barrieren überwindet! Den Laien sage ich: Habt kein Angst, euren besonderen
Platz und eure Verantwortung in der Kirche zu übernehmen! Seid unerschrockene
Zeugen des Evangeliums in euren Familien und in der Gesellschaft!
An diesem Muttertag in Jordanien beglückwünsche ich die hier versammelten
Mütter, und ich lade alle Mütter ein, zu Erbauerinnen einer neuen Zivilisation
der Liebe zu werden. Liebt eure Familien. Bringt ihnen die Würde allen Lebens
näher; lehrt sie die Wege der Eintracht und des Friedens; lehrt sie den Wert des
Glaubens und des Gebets und der Güte! Liebe Jugendliche: Der Weg des
Lebens tut sich vor euch auf. Gründet eure Zukunft auf das solide Fundament der
Liebe Gottes, und bleibt immer der Kirche Christi verbunden! Helft, die Welt um
euch zu verwandeln, indem ihr im Dienst an den anderen und an eurem Land euer
Bestes gebt. Und den Kindern, die die Erste Heilige Kommunion
empfangen, sage ich: Jesus ist euer bester Freund; er weiß, was in euren
Herzen ist. Bleibt an seiner Seite, und denkt in euren Gebeten an die Kirche und
an den Papst. 6. In diesem Heiligen Jahr kehrt das ganze
pilgernde Gottesvolk im Geist zu den Stätten zurück, die mit der Geschichte
unseres Heils verbunden sind. Nachdem wir den Spuren Mose und Abrahams
gefolgt sind, hat unsere Pilgerreise nun das Land erreicht, wo unser Erlöser
Jesus Christus lebte und durch das er während seines Erdenlebens zog. »Viele
Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die
Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn« (Hebr
1,1–2). Im Sohn wurden alle Verheißungen erfüllt. Er ist der »Redemptor
hominis«, der Erlöser des Menschen, die Hoffnung der Welt! Behaltet all das
vor Augen, und laßt die ganze christliche Gemeinschaft Jordaniens immer
unerschütterlicher im Glauben und immer großzügiger in Werken der Liebe und des
Dienstes werden. Die selige Jungfrau Maria, Mutter der Kirche,
leite und beschütze euch auf eurem Weg! Amen.
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