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JUBILÄUMSPILGERREISE
VON PAPST JOHANNES PAUL II.
INS HEILIGE LAND (20.-26. MÄRZ 2000)
HEILIGE MESSE FÜR DIE
JUGENDLICHEN
PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.
Korazim,
Berg der Seligpreisungen
Freitag, 24. März 2000
»Seht doch auf eure Berufung, Brüder!« (1 Kor 1,26).
1. Heute sind diese Worte an uns alle gerichtet, die wir hierher zum Berg der
Seligpreisungen gekommen sind. Wir haben auf dieser Anhöhe Platz genommen wie
die ersten Jünger und hören Jesus zu. In Ruhe hören wir seine freundliche und
eindringliche Stimme, so freundlich wie dieses Land um uns und so eindringlich
wie ein Aufruf, sich zwischen Leben und Tod zu entscheiden.
Wie viele Generationen vor uns hat die Bergpredigt tief bewegt! Wie viele
Jugendliche haben sich im Laufe der Jahrhunderte um Jesus versammelt, wie ihr
heute hier versammelt seid, um von ihm die Worte des ewigen Lebens zu lernen!
Wie viele junge Herzen wurden von der Kraft seiner Persönlichkeit und von der
überzeugenden Wahrheit seiner Botschaft angeregt! Es ist großartig, daß ihr hier
seid!
Vielen Dank an Sie, Erzbischof Boutros Mouallem, für Ihren herzlichen Empfang.
Ich bitte Sie, meinen wohlmeinenden Segensgruß der ganzen
griechisch-melkitischen Gemeinschaft, der Sie vorstehen, zu übermitteln. Meine
brüderlichen guten Wünsche möchte ich zudem den vielen Kardinälen, Patriarch
Sabbah sowie den vielen Bischöfen und allen Priestern, die hier anwesend sind,
aussprechen. Mein Gruß gilt den Mitgliedern der Gemeinden des lateinischen
Ritus, einschließlich der Hebräisch Sprechenden, den Gemeinden der Maroniten,
der Syrer, der Armenier, der Chaldäer und allen unseren Brüdern und Schwestern
der anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Ein besonderes
Dankeswort richte ich an unsere muslimischen Freunde, an die Anhänger des
jüdischen Glaubens und an die Gemeinschaft der Drusen.
Dieses große Treffen ist gewissermaßen eine Probe für den Weltjugendtag,
der im kommenden August in Rom stattfinden soll! Der junge Mann, der vorhin zu
Wort kam, versprach, daß ihr einen anderen Berg, den Berg Sinai, haben werdet!
2. Vor nur einem Monat war es mir gegeben, dorthin zu reisen, wo Gott zu Moses
sprach und ihm das Gesetz gab, das »mit dem Finger Gottes« auf die steinernen
Tafeln geschrieben war (vgl. Ex 31,18). Diese beiden Berge – der Sinai
und der Berg der Seligpreisungen – bieten uns die Landkarte unseres christlichen
Lebens und eine Zusammenfassung unserer Verpflichtungen Gott und unserem
Nächsten gegenüber. Das Gesetz und die Seligpreisungen stecken zusammen
den Pfad der Nachfolge Christi und den Königsweg zu geistlicher Reife und
Freiheit ab.
Die Zehn Gebote des Sinai könnten uns negativ erscheinen: »Du sollst neben mir
keine anderen Götter haben […] Du sollst nicht morden. Du sollst nicht die Ehe
brechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten
aussagen« (Ex 20,3.13–16). Tatsächlich aber sind sie zutiefst positiv,
denn sie gehen über das von ihnen genannte Böse hinaus und zeigen den Weg zum
Gesetz der Liebe, das das erste und wichtigste der Gebote ist: »Du sollst
den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all
deinen Gedanken […] Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Mt
22,37.39). Jesus sagt, daß er nicht gekommen ist, um das Gesetz aufzuheben,
sondern um es zu erfüllen (vgl. Mt 5,17). Seine Botschaft ist neu, aber
sie zerstört das vorher Dagewesene keineswegs, sondern führt es zur vollen
Entfaltung seiner Möglichkeiten. Jesus lehrt, daß der Weg der Liebe das
Gesetz zur Erfüllung bringt (vgl. Gal
5,14). Und diese äußerst wichtige Wahrheit lehrte er hier, auf diesem Berg in
Galiläa.
3. »Gesegnet seid ihr«, sagt er, »ihr alle, die ihr arm seid vor Gott,
die ihr keine Gewalt anwendet, die ihr trauert, die ihr hungert
und dürstet nach der Gerechtigkeit, die ihr ein reines Herz habt, die
ihr Frieden stiftet oder verfolgt werdet! Selig seid ihr!« Die
Worte Jesu könnten jedoch merkwürdig scheinen. Es ist sonderbar, daß Jesus
gerade diejenigen preist, die die Welt im allgemeinen als schwach betrachtet. Er
sagt ihnen: »Selig seid ihr, die ihr Verlierer zu sein scheint, denn ihr seid
die wahren Gewinner, ihr seid die wahren Gewinner: Euch gehört das Himmelreich!«
Von ihm gesprochen, der »gütig und von Herzen demütig« ist (Mt 11,29),
stellen diese Worte eine Herausforderung dar, die eine tiefe und unvergängliche
»metanoia« des Geistes und eine bedeutsame Umwandlung des Herzens
verlangt.
Ihr Jugendlichen werdet verstehen, warum diese Verwandlung des Herzens nötig ist!
Ihr hört nämlich auch eine weitere Stimme in euch und um euch, eine
widersprüchliche Stimme. Diese Stimme sagt: »Selig die Stolzen und Gewalttätigen,
die sich um jeden Preis bereichern, selig die Skrupellosen, Mitleidlosen und
Hinterhältigen, die Krieg und nicht Frieden machen und diejenigen verfolgen, die
ihnen im Weg stehen.« In einer Welt, wo die Gewalttätigen oft die Oberhand
gewinnen und die Verschlagenen Erfolg haben, scheint diese Stimme Sinn zu haben.
»Ja«, sagt die Stimme des Bösen, »sie sind die Gewinner. Glücklich sind sie!«
4. Jesus bietet uns eine ganz andere Botschaft. Nicht weit von diesem
Ort, an dem wir uns jetzt befinden, berief Jesus seine ersten Jünger, so wie er
euch jetzt ruft. Sein Aufruf forderte immer – auch jetzt auf dieser Anhöhe –
eine Entscheidung zwischen den beiden Stimmen, die um unser Herz streiten,
die Entscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod. Für welche
Stimme werden sich die Jugendlichen des 21. Jahrhunderts entscheiden? Euren
Glauben auf Jesus zu setzen bedeutet, das, was er sagt, zu glauben –
gleichgültig, wie sonderbar es auch scheinen mag. Es bedeutet sich den
Ansprüchen des Bösen zu widersetzen – gleichgültig, wie vernünftig oder
attraktiv sie auch erscheinen mögen.
Letztendlich spricht Jesus die Seligpreisungen nicht einfach aus: Er lebt sie.
Er verkörpert selbst die Seligpreisungen. Wenn ihr auf ihn schaut, werdet ihr
erkennen, was es heißt, arm zu sein vor Gott, keine Gewalt anzuwenden, zu
trauern, zu hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, ein reines Herz zu haben,
Frieden zu stiften oder verfolgt zu werden. Darum hat er, Jesus, auch das Recht,
zu sagen: »Komm, folge mir nach!« Er sagt nicht einfach: »Tu, was ich sage.« Er
sagt: »Komm, folge mir nach!«
Ihr hört seine Stimme auf diesem Abhang, und ihr glaubt an das, was er sagt.
Aber wie die ersten Jünger am Meer von Galiläa müßt auch ihr eure Boote und
Netze zurücklassen; das ist nie einfach, besonders wenn ihr in eine ungewisse
Zukunft schaut und versucht seid, das Vertrauen in euer christliches Erbe zu
verlieren. Gute Christen zu sein scheint in der heutigen Welt über eure Kräfte
zu gehen. Aber Jesus steht nicht einfach unbeteiligt daneben und läßt euch in
dieser Herausforderung allein: Er ist immer bei euch, um eure Schwäche in Stärke
umzuwandeln. Vertraut ihm, wenn er sagt: »Meine Gnade genügt dir; denn sie
erweist ihre Kraft in der Schwachheit« (2 Kor 12,9)!
5. Die Jünger verbrachten viel Zeit mit dem Herrn. Sie lernten ihn gut kennen
und lieben. Sie entdeckten den Sinn der Worte, die der Apostel Petrus einmal an
Jesus richtete: »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen
Lebens« (Joh 6,68). Sie erkannten, daß die Worte des ewigen Lebens
die Worte vom Berg Sinai und die der Seligpreisungen sind. Das ist die
Botschaft, die sie überall verbreiteten.
Vor seiner Himmelfahrt gab Jesus seinen Jüngern einen Auftrag und eine
Zusicherung: »Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht
zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern […] Seid gewiß: Ich
bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,18–20). Zweitausend
Jahre lang haben die Jünger Christi diesen Auftrag erfüllt. Jetzt, an der
Schwelle des dritten Jahrtausends, seid ihr an der Reihe. Jetzt liegt es
bei euch, in die Welt hinauszugehen und die Botschaft von den Zehn Geboten
und den Seligpreisungen zu predigen. Wenn Gott spricht, dann spricht er von
Dingen, die für jeden Menschen von größter Wichtigkeit sind, für die Menschen
des 21. Jahrhunderts nicht weniger als für die des ersten Jahrhunderts. Die Zehn
Gebote und die Seligpreisungen sprechen von Wahrheit und Güte, von Gnade und
Freiheit: von allem, was zum Eintritt in Christi Reich nötig ist. Jetzt seid
ihr an der Reihe, mutige Apostel dieses Reiches zu sein!
Jugendliche des Heiligen Landes, Jugendliche aus aller Welt: Antwortet dem
Herrn, antwortet dem Herrn mit einem bereiten und offenen Herzen! Bereit und
offen, wie das Herz der bedeutendsten Tochter Galiläas: Maria, die Mutter Jesu.
Wie reagierte sie? Sie sagte: »Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du
es gesagt hast« (Lk 1,38).
Herr Jesus Christus! Höre auf diese großzügigen jungen Herzen an diesem Ort, den
du so gut gekannt und geliebt hast! Lehre diese jungen Menschen auch in Zukunft
die Wahrheit der Gebote und der Seligpreisungen! Mache sie zu freudigen Zeugen
deiner Wahrheit und zu überzeugten Aposteln deines Reiches! Bleibe immer an
ihrer Seite, besonders wenn es für sie schwer und anstrengend wird, dir und dem
Evangelium zu folgen! Du wirst ihre Kraft; du wirst ihr Sieg sein!
O Herr Jesus, du hast diese jungen Leute zu deinen Freunden gemacht: Nimm
dich ihrer immer an!
Amen.
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Libreria Editrice Vaticana
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