JOHANNES PAUL II
Besuch im Hospiz Rennweg
21. Juni 1998
An die geliebten Schwestern und Brüder im Caritas Socialis Hospiz Rennweg und an alle, die in der Welt der Krankheit und des Leidens leben und
arbeiten
1. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, der "unsere Krankheiten
getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen hat" (Jes 53,
4), grüße ich Euch mit tiefer Zuneigung. Meinem Pastoralbesuch
in Österreich würde etwas Wesentliches fehlen, wäre mir
nicht die Gelegenheit zur Begegnung mit Euch Kranken und Leidenden
geschenkt. Ich wende mich mit dieser Botschaft an Euch und nütze
zugleich die Gelegenheit, um allen, die in den Krankenhäusern,
Kliniken, Altenheimen und Hospizen hauptberuflich oder ehrenamtlich tätig
sind, meine tiefe Anerkennung für ihren aufopferungsvollen Dienst
auszudrücken. Meine Anwesenheit und mein Wort sollen sie in ihrem
Einsatz und ihrem Zeugnis stützen. An einem Tag wie heute, an dem ich
meine Schritte in das Caritas Socialis Hospiz setzen darf, ist es
mir ein Anliegen darzulegen, daß die Begegnung mit dem menschlichen
Leid eine Frohe Botschaft in sich birgt. Denn das "Evangelium vom
Leiden" (Apostolisches Schreiben Salvifici doloris, 25) ist
nicht nur in den Heiligen Schriften aufgezeichnet, sondern wird an einem
Ort wie diesem täglich neu geschrieben.
2. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Schmerz, Leid, Krankheit und
Tod gern aus dem persönlichen und öffentlichen Bewußtsein
verdrängt werden. Gleichzeitig jedoch wird das Thema in der Presse,
im Fernsehen und auf Tagungen vermehrt aufgegriffen. Die Verdrängung
des Sterbens zeigt sich auch darin, daß viele Patienten in Krankenhäusern
oder anderen Institutionen außerhalb ihres gewohnten Lebensbereiches
sterben.
In Wirklichkeit aber wünschen sich aber die meisten Menschen, ihre
Augen auf dieser Erde in ihrer häuslichen Umgebung zu schließen,
umsorgt von vertrauten Angehörigen und treuen Freunden. Die Familien
fühlen sich jedoch oft seelisch und körperlich überfordert,
um diesen Wunsch zu erfüllen. Besonders hart trifft es
Alleinstehende, die keinen haben, der ihnen am Ende ihres Lebens seine Nähe
schenkt und sie begleitet. Auch wenn sie mit einem Dach über dem Kopf
sterben, ihr Herz ist obdachlos.
Um dieser Not abzuhelfen, haben sich in den vergangenen Jahren
kirchliche, kommunale und private Initiativen gebildet, um die häusliche,
aber auch die stationäre Begleitung, medizinische Betreuung und
Pflege sowie den seelsorgerlichen Beistand Sterbender besser zu ermöglichen
und betroffenen Angehörigen kompetente Hilfen anzubieten. Eine dieser
wertvollen Initiativen ist die Hospizbewegung, die im Haus der Caritas
Socialis im Rennweg eine beispielhafte Verwirklichung gefunden hat.
Dabei haben sich die Schwestern vom Anliegen ihrer Gründerin
Hildegard Burjan leiten lassen, die als charismatische Künderin
sozialer Liebe an den Brennpunkten menschlicher Not präsent
sein wollte.
Wer wie ich dieses Hospiz besuchen darf, geht nicht entmutigt nach
Hause. Im Gegenteil: Der Besuch ist mehr als eine Besichtigung. Er wird
zur Begegnung. Die kranken, leidenden und sterbenden Menschen, die der
Besucher hier antrifft, laden ihn durch ihr selbstverständliches
Dasein dazu ein, Leiden und Tod nicht totzuschweigen. Er wird ermutigt,
die Grenzen des eigenen Lebens wahrzunehmen und sich damit ehrlich
auseinanderzusetzen. Das Hospiz läßt die Erfahrung reifen, daß
Sterben Leben vor dem Tod ist. Hier kann auch der letzte Teil des
irdischen Lebens bewußt erlebt und individuell gestaltet werden.
Weit davon entfernt, ein "Sterbehaus" zu sein, wird diese Stätte
zu einer Schwelle der Hoffnung, die über das Leiden und den Tod
hinausführt.
3. Die meisten Menschen, denen nach medizinischen Untersuchungen die
Diagnose der Unheilbarkeit mitgeteilt wurde, leben in der Angst vor dem
Fortschreiten ihrer Krankheit. Zu den momentanen Beschwerden tritt die
Furcht vor einer weiteren Verschlechterung. In einer solchen Situation
wird für viele der Sinn ihres Lebens brüchig. Sie fürchten
sich vor dem möglichen bevorstehenden Leidensweg. Die bedrohliche
Zukunft überschattet die noch erträgliche Gegenwart. Wem ein
langes und erfülltes Leben geschenkt wird, mag dem Tod vielleicht
gelassener entgegensehen und lebenssatt (Gen 25, 9)
sein Sterben akzeptieren. Für die meisten Menschen jedoch kommt der
Tod immer zu früh, auch wenn sie hochbetagt sind. Viele Zeitgenossen
wünschen sich einen kurzen und schmerzlosen Tod, andere erbitten sich
Zeit zum Abschiednehmen. Fast immer werden Fragen und Ängste, Zweifel
und Wünsche die letzte Etappe des Lebensweges begleiten. Selbst den
Christen bleibt die Angst vor dem Tod oft nicht erspart, der nach dem
Zeugnis der Heiligen Schrift der letzte Feind ist (vgl. 1 Kor 15,
24; Offb 20, 14).
4. Das Ende des Lebens stellt dem Menschen tiefgreifende Fragen: Wie mag
das Sterben sein? Werde ich allein sein oder liebe Menschen um mich haben?
Was erwartet mich danach? Wird mich Gott in seine Arme nehmen?
Sich behutsam und sensibel diesen Fragen zu stellen, darin besteht die
Aufgabe besonders derer, die im Krankenhaus und im Hospiz tätig sind.
Besonders kommt es darauf an, so über Leiden und Tod zu sprechen, daß
diese ihre Schrecken verlieren. Denn auch das Sterben ist ein Teil des
Lebens. Unsere Zeit ruft geradezu nach Menschen, die dieses Bewußtsein
wieder neu zu wecken vermögen. Während es im Mittelalter eine Kunst
des Sterbens gab, wird in unseren Tagen auch unter Christen die bewußte
Annahme des Sterbens und die Einübung darin nur zögernd gewagt.
Zu sehr ist der Mensch darauf ausgerichtet, das Leben auszukosten. Er geht
lieber in der Gegenwart auf und lenkt sich durch Arbeit, beruftliche Bestätigung
und Vergnügen ab. Trotz oder gerade wegen der vorfindlichen Konsum-,
Leistungs- und Erlebnisgesellschaft wird jedoch der Durst nach
Transzendenz eher noch größer. Auch wenn deren konkrete
Jenseitsvorstellungen mitunter sehr diffus zu sein scheinen, gibt es
zunehmend weniger Menschen, die glauben, daß mit dem Tod alles aus
sei.
5. Zwar verstellt der Tod auch dem Christen den unmittelbaren Einblick
in das, was kommen wird, aber er darf sich an die Zusage Christi halten: Ich
lebe, und auch ihr werdet leben (Joh 14, 19). Die Worte Jesu
und das Zeugnis der Apostel spiegeln in reicher Bildersprache die neue
Welt der Auferstehung wider, aus der die Hoffnung spricht: Dann
werden wir alle beim Herrn sein (1 Thess 4, 17). Um den
Schwerkranken und Sterbenden diese Botschaft nahezubringen, müssen
diejenigen, die sich der Patienten annehmen, mit ihrem eigenen Verhalten
zeigen, daß ihnen die Worte des Evangeliums ernst sind. Deshalb zählen
Sorge und Begleitung von Menschen im Angesicht des Todes zu den
wichtigsten Kriterien kirchlicher Glaubwürdigkeit. Denn wer sich in
der letzten Phase dieses Lebens von überzeugenden Christen getragen
weiß, der kann leichter darauf vertrauen, daß nach dem Tod
Christus als das neue Leben auf ihn wartet. So breitet sich über
allem gegenwärtigen Schmerz und Leid der Glanz einer Frohen Botschaft
aus: Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen ist die Liebe (1 Kor
13, 13). Und die Liebe ist stärker als der Tod (vgl. Hld
8,6).
6. Wie das Wissen, geliebt zu sein, die Angst vor dem Leiden mindern
kann, so bewirkt die Achtung vor der Würde des Leidenden, daß
er auch in dieser anspruchsvollen und schwierigen Phase des Lebens einen
Gewinn für seine menschliche und christliche Reife zu entdecken weiß.
Den Menschen vergangener Zeiten war klar, daß das Leiden zum Leben
gehört. Dies wurde auch allgemein akzeptiert. Heute zielt das
Bestreben eher dahin, das Leiden zu umgehen. Die vielen schmerzstillenden
Medikamente sind ein beredtes Beispiel dafür. Ohne die Nützlichkeit,
die ihnen in vielen Fällen zukommt, zu schmälern, sollte man
jedoch nicht vergessen, daß ein vorschnelles Abstellen des Leidens
die Auseinandersetzung mit ihm und die damit verbundene Erlangung einer größeren
menschlichen Reife verhindern kann. Damit der Patient auf diesem Weg
wachsen kann, braucht er an seiner Seite kompetente Menschen, die ihn
wirklich begleiten. Eine Voraussetzung, dem anderen tatsächlich
beizustehen, liegt daher im Respekt vor seinem besonderen Leiden und in
der Anerkennung der Würde, die der Kranke auch in dem Verfall
bewahrt, die das Leiden bisweilen mit sich bringt.
7. Die Hospizarbeit knüpft an dieser Überzeugung an. Sie zielt
darauf ab, alte, kranke und sterbende Menschen in ihrer Würde zu
achten und ihnen zu helfen, ihr Leiden als Reifungs- und Vollendungsprozeß
ihres Lebens zu erfassen. Was ich in der Enzyklika Redemptor hominis
als Leitmotiv formuliert habe, daß nämlich im Menschen der Weg
der Kirche liegt (vgl. N.5), wird im Hospiz eingelöst. Nicht die
hochentwickelte Technik der Apparatemedizin steht im Mittelpunkt, sondern
der Mensch in seiner einzigartigen Würde.
Die Bereitschaft, die mit Geburt und Tod verfügten Grenzen
anzunehmen und zu einer grundlegenden Passivität unseres Lebens "ja"
sagen zu lernen, führt deshalb zu keiner Entfremdung des Menschen.
Vielmehr geht es um die Annahme des eigenen Menschseins in seiner vollen
Wahrheit und mit den Schätzen, die jeder Phase des irdischen
Lebenslaufes je eigen sind. Auch in seiner letzten Gebrochenheit wird ja
menschliches Leben niemals "sinnlos" oder "unnütz".
Gerade von den kranken und sterbenden Patienten wird unserer Gesellschaft
ein grundlegender Unterricht erteilt. Diese sieht sich ja den Anfechtungen
der modernen Mythen wie Lebenslust, Leistung und Konsumismus ausgesetzt.
Die kranken und sterbenden Menschen erinnern uns daran, daß keiner über
den Wert oder Unwert des Lebens eines anderen Menschen zu befinden hat,
selbst nicht über das eigene. Das Leben ist Geschenk Gottes, ein Gut,
über das nur Er allein bestimmen kann.
8. In dieser Perspektive stellt die Entscheidung zum aktiven Töten
immer eine Willkür dar, auch wenn man sie als Geste der Solidarität
und des Mitleids ausgeben will. Der Kranke erwartet von seinem Nächsten
eine Hilfe, um das Leben bis zuletzt durchzustehen und es in Würde zu
beschließen, wann Gott es will. Die künstliche Verlängerung
des Lebens um jeden Preis auf der einen und die Beschleunigung des Todes
auf der anderen Seite mögen unterschiedlichen Grundeinstellungen
entspringen. Sie stimmen aber darin überein, daß sie Leben und
Tod als Wirklichkeiten sehen, die vom Menschen selbst in Freiheit zu
setzen seien. Diese falsche Sicht gilt es zu überwinden. Es muß
wieder klar werden, daß das Leben ein Geschenk ist, das der Mensch
in seiner Verantwortung vor Gottes Angesicht führen soll. Hier
entspringt der Einsatz für eine humane und christliche
Sterbebegleitung, wie sie im Hospiz umgesetzt wird. Von unterschiedlichen
Richtungen herkommend, sind Ärzte und Pflegende, Seelsorger und
Schwestern, Angehörige und Freunde bestrebt, Kranke und Sterbende zur
persönlichen Gestaltung ihrer letzten Lebensphase zu befähigen,
so gut dies im Nachlassen ihrer körperlichen und geistigen Kräfte
möglich bleibt. Dieses Engagement hat hohen menschlichen und
christlichen Wert. Er zielt darauf ab, Gott als "Freund des Lebens"
(Weish 11, 26) entdecken und im Leiden die Frohe Botschaft
herauslesen zu helfen: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben" (Joh 10, 10).
9. Diesem Antlitz Gottes, der ein Freund des Lebens und der Menschen
ist, begegnen wir vor allem in Jesus von Nazareth. Zu den ausdrucksstärksten
Ausfaltungen dieses Evangeliums zählt das Gleichnis vom barmherzigen
Samariter. Der Leidende am Straßenrand weckte das Mitleid des
Samariters: "Er ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine
Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu
einer Herberge und sorgte für ihn" (Lk 10, 33f.). In der
Herberge des barmherzigen Samariters liegt eine der Wurzeln des
christlichen Hospizgedankens. Gerade entlang der großen
mittelalterlichen Pilgerwege boten die Hospize denen Rast und Ruhe, die
unterwegs waren. Den Müden und Erschöpften waren sie Stätten
erster Hilfe und Erholung, den Kranken und Sterbenden wurden sie zu Orten
des körperlichen und seelischen Beistandes.
Bis heute ist die Hospizarbeit diesem Erbe verpflichtet. Wie der
barmherzige Samariter auf seinem Weg stehenblieb und den Leidenden
umsorgte, so ist es auch den Begleitern der Sterbenden angeraten,
innezuhalten, um die Wünsche, Bedürfnisse und Anliegen der
Patienten zu erspüren. Aus dieser Wahrnehmung kann eine Vielfalt
geistlichen Tuns erwachsen wie das Hören auf das Wort Gottes und das
gemeinsame Gebet. Auf menschlicher Ebene tut es gut, sich im Gespräch
auszutauschen oder einfach anteilnehmend dazusein, ohne dabei die
zahllosen kleinen Dienste und Aufmerksamkeiten zu vergessen, die von Wärme
und Zuneigung zeugen. Wie der Samariter den Verletzten mit Öl
behandelte, so sollte auch die Kirche das Sakrament der Krankensalbung
denen nicht vorenthalten, die es wünschen. Auf dieses Angebot des
unverbrüchlichen Zeichens der Nähe Gottes hinzuweisen, gehört
zu den Pflichten wahrhaftiger Seelsorge. Denn die palliative Betreuung
sterbender Menschen braucht wesentlich ein spirituelles Element. Der
Sterbende soll das "Pallium" spüren, die Ummantelung, in
der er sich im Augenblick seines Hinscheidens bergen darf.
Wie das Leid des Verletzten das Mitleid des Samariters geweckt hat, so möge
aus der Begegnung mit dem Leiden im Hospiz eine Leidensgemeinschaft aller
werden, die einen Patienten auf der Lebensetappe seines Sterbens
begleiten. Gefühle der Nähe und Anteilnahme mögen daraus
erwachsen, wie sie der wahrhaft christlichen Liebe entsprechen. Denn die
Tränen dieser Welt trocknen nur die, die selbst weinen können.
Eine besondere Rolle kommt in diesem Haus den Schwestern der Caritas
Socialis zu, denen die Gründerin geschrieben hat: In den
Kranken können wir immer den leidenden Heiland pflegen und so recht
mit Ihm verbunden sein (Hildegard Burjan, Briefe,
31). Hier findet die Frohe Botschaft ihr Echo: "Was ihr für
einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan"
(Mt 25, 40).
10. Allen, die sich in der Hospizbewegung unermüdlich einsetzen,
gilt meine höchste Wertschätzung. Darin schließe ich alle
ein, die in Krankenhäusern und Pflegeheimen Dienst tun, und auch
jene, die ihre schwerkranken und sterbenden Angehörigen nicht allein
lassen. Besonders danke ich den Kranken und Sterbenden, die unsere Lehrer
sind, wenn wir das Evangelium vom Leiden besser verstehen wollen.
Credo in Vitam. Ich glaube an das Leben. Schwester Leben und Bruder
Tod nehmen uns in die Mitte, wenn unser Herz unruhig wird angesichts der
letzten Aufgabe, vor die jeder von uns auf dieser Erde einmal gestellt
wird: "Euer Herz lasse sich nicht verwirren. [...] Im Haus meines
Vaters gibt es viele Wohnungen" (Joh 14, 1f.).
Ich segne Euch von ganzem Herzen.
|