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SCHREIBEN VON PAUL VI.
ZUM
82. DEUTSCHEN KATHOLIKENTAG IN ESSEN
Unserem Ehrwürdigen Bruder Franz Hengsbach, Bischof von Essen, und allen
Bischöfen, Priestern und Gläubigen, die sich zum 82. Deutschen Katholikentag in
Essen versammelt haben:
Ehrwürdige brüder, geliebte Söhne und Töchter des katholischen Deutschland!
«Wo immer zwei oder drei in meinem Namen versammelt Sind, da bin ich mitten
unter ihnen» (Matth. 18, 20). Diese Verheissung des Herrn gilt in diesen
Tagen vor allem für euch. Zu Tausenden habt Ihr euch in Essen versammelt, um den
82. Deutschen Katholikentag zu begehen und in euerer Mitte ist Christus.
Im Namen des Herrn gilt euch allen Unser Gruss. Wir grüssen von Herzen Unsere
Ehrwürdigen Brüder im Bischofsamt. Sie teilen in erster Linie mit Uns die Sorge
und Verantwortung für die Kirche. Unser Gruss gilt den Priestern und
Ordensleuten. Sie haben sich Gott in besonderer Weise für den Dienst an den
unsterblichen Seelen durch die aktive Seelsorge wie durch Gebet und Opfer
geweiht. Wir grüssen alle deutschen Katholiken, alle die hier in dieser Stunde
anwesend sind, und alle, die sich mit euch in diesen Tagen geistiger-weise
verbunden fühlen. Als mitverantwortliche Glieder des Gottesvolkes nehmen sie am
Leben der Kirche teil. Unser Gruss gilt aber auch den Vertretern der
christlichen Kirchen und Gemeinschaften, die sich zusammen mit Uns um die
Einheit der Kirche bemühen. Ein geziemendes Wort der Begrüssung möchten Wir auch
an die Persönlichkeiten des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens an der
Ruhr und in ganz Deutschland richten, die diese Kundgebung mit ihrer Gegenwart
beehren.
Ehrwürdige Brüder, geliebte Söhne und Töchter! «Mitten in dieser Welt» lautet
das Thema eueres Katholikentages. Das ist ein Bekenntnis des Glaubens an Jesus
Christus. Er ist die Mitte der Welt und er bleibt die Mitte der Welt, auch wenn
die Welt immer weltlicher wird. Für die grossen Fragen, die die Menschheit heute
bewegen, gibt es keine Lösung ohne Christus, gegen Christus oder an Christus
vorbei. Wir haben die Kirche aufgerufen, ein Jahr des Glaubens zu begehen. Auch
zu euch ist der Widerhall Unseres feierlichen Glaubensbekenntnisses, des
Glaubensbekenntnisses des Gottesvolkes, gedrungen. Der Glaube ist die Grundlage
unserer Verbindung mit Christus. Ihr wisst, dass dieser Glaube heute
zerstörenden Strömungen ausgesetzt ist. Manche sind der Meinung, die
Frohbotschaft könne dem Menschen von heute nur nahegebracht werden, wenn man den
durch das kirchliche Lehramt überlieferten Inhalt der Glaubenswahrheiten ändert,
anstatt sich um grössere Klarheit des Ausdruckes zu bemühen. Unser Maß, mit dem
wir messen, darf nicht der Mensch sein, sondern Christus und sein heiliges,
unvergängliches Wort. Mit dem heiligen Petrus rufen Wir euch deshalb zu: «Stehet
fest im Glauben!» (1 Petr. 5, 9).
«Mitten in dieser Welt». Das ist aber auch ein Bekenntnis der Treue zur Sendung
der Kirche und zum Stellvertreter Jesu Christi auf Erden. Die Kirche hat im
Zweiten Vatikanischen Konzil einen wichtigen Schritt zur Erneuerung getan. Sie
zögert nicht zu ändern, was an ihrer Gestalt wandelbar ist, was ihren
Sendungsauftrag in dieser Welt verdunkeln oder behindern könnte. Die Reinheit
und Ursprünglichkeit ihres Wesens und ihrer Sendung sollen klar hervortreten.
Nicht wenige aber nehmen heute für sich die Freiheit in Anspruch, ihre rein
persönlichen Ansichten mit jener Autorität kundzutun, die sie offensichtlich dem
streitig machen, der von Gott dieses Charisma besitzt. Man möchte gerne erlaubt
wissen, dass jeder in der Kirche meinen und glauben kann, was ihm beliebt. Dabei
bedenkt man aber nicht, dass nur der sich voll und ganz in den Dienst der
Wahrheit stellt, der sich dem Lehramt der Kirche unterordnet.
Im Gehorsam gegen das Gesetz Gottes mussten Wir in Unserem Rundschreiben «Humanae
vitae» ein ernstes, aber väterliches Wort zu den Werten des menschlichen Lebens,
zur Würde der Ehe und der personalen Liebe sagen. Die überwiegende Mehrheit der
Kirche hat Unser Wort mit Zustimmung und Gehorsam aufgenommen, in der festen
Oberzeugung, dass die ethischen Prinzipien, die Wir erneut bekräftigt haben, das
sittliche Bewusstsein stärken und den Willen zum Opfer wecken werden. Möge die
lebhafte Diskussion, die Unser Rundschreiben entfacht hat, zu einer besseren
Erkenntnis des Willens Gottes führen! Möge es bei euch allen jene Aufnahme
finden, die von Menschen erwartet wird, welche der Geist wahren Menschentums
erfüllt.
«Mitten in der Welt». Das ist aber auch das Bekenntnis zum Dienst der Kirche in
der Welt, denn «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst des Menschen von heute,
besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung,
Trauer und Angst der Jünger Christi» (Past. Konst. Gaudium et spes, N.
1). Diesen Dienst gilt es für euch als lebendige Glieder der Kirche in allen
Lebensbereichen zu erfüllen. Sei es hier, im grossen Industriezentrum an der
Ruhr, sei es auch in irgendeinem anderen Teils eueres weiten Vaterlandes. Ihr
habt die Aufgabe, alle diese Lebensbereiche mit dem Geiste Jesu Christi zu
erfüllen, der der Geist der Freiheit und des Gehorsams, der Geist der
Gerechtigkeit und der Liebe, und der Geist des Friedens ist. Ihr sollt diese
Bereiche umformen und erneuern, so wie ihr auch selbst umgeformt und erneuert
seid in den neuen Menschen, «der nach Gott geschaffen ist, in wahrer
Gerechtigkeit und Heiligkeit» (Eph. 4, 23-24). Ja, euere Aufgabe ist es,
Zeugen Jesu Christi zu sein, Zeugen seiner Freiheit, Zeugen seiner Gerechtigkeit,
Zeugen seines Friedens.
Seid mitten in der Welt Zeugen seiner Freiheit! Die Welt sehnt sich nach
Freiheit. Freiheit besagt Achtung, Unterordnung und Verantwortung, nicht aus
Zwang, sondern aus der von Gott verliehenen Würde personaler Selbstbestimmung
heraus. Folgt dem Aufruf des Konzils und gebt durch euer Leben ein Beispiel
dafür, «wie sich Autorität und Freiheit, persönliche Initiative mit
solidarischer Verbundenheit zum gemeinsamen Ganzen, gebotene Einheit mit
fruchtbarer Vielfalt verbinden lassen» (Past. Konst. Gaudium et spes, N.
75)! Macht euch zum Anwalt in der Welt dafür, dass alle Menschen in allen
gesellschaftlichen Gebilden jenes Mass an Mitverantwortung und Mitbeteiligung
erlangen, das ihrer Würde und Aufgabe entspricht! Tretet ein für die Sicherung
und die- Erhaltung der freiheitlichen Ordnung!
Seid mitten in der Welt Zeugen seiner Gerechtigkeit! Die Kirche hat sich von
jeher zum Anwalt der sozialen Gerechtigkeit gemacht. Wir möchten hier nur an die
richtungweisenden Dokumente Unserer Vorgänger erinnern. Und Wir selbst haben in
Unserer Enzyklika «Populorum progressio» zu den Fragen der Entwicklung,
der Gleichberechtigung und den sozialen Problemen der unterentwickelten Völker
Stellung genommen. Es ist euere Aufgabe, nicht nur in euerem Vaterland für die
Rechte des arbeitenden Menschen, seiner Familie und seiner natürlich gewachsenen
Gemeinschaften einzutreten, sondern auch - wie ihr es bisher in vorbildlicher
Weise getan habt - eueren Blick auf jene Völker zu richten, die euere Hilfe
dringend benötigen, um eine soziale Stufe zu erreichen, die der menschlichen
Würde entspricht.
Seid mitten in der Welt Zeugen seines Friedens! Ihr wisst alle, wie sehr Uns der
Friede am Herzen liegt. Aus der Sorge um den bedrohten Weltfrieden haben Wir den
1. Januar als Tag des Friedens verkündet. Wir rufen euch, Katholiken
Deutschlands, auf, euch für den Frieden in der Welt einzusetzen. Für den wahren
Frieden, der in den gläubigen und brüderlich verbundenen Menschenherzen geboren
wird, für den Frieden unter den sozialen Schichten in Gerechtigkeit und
Zusammenarbeit, für den Frieden unter den Völkern durch die Verwirklichung eines
Menschentums, das seine Kraft aus der Frohbotschaft schöpft. Wir freuen Uns von
Herzen über alle euere Initiativen, die dem Frieden dienen. Warum solltet nicht
gerade ihr, die deutschen Katholiken, das ganze deutsche Volk nach Gottes
Ratschluss eine Friedensmission in der Welt zu erfüllen haben. Welch eine grosse
und edle Aufgabe für ein Volk, Bauleute des Friedens und der Einheit sein zu
dürfen!
Ehrwürdige Brüder, geliebte Söhne und Töchter! Der Gott der Freiheit, der
Gerechtigkeit und des Friedens erhalte und festige in euch den Glaubensgeist
euerer Väter, die die Katholikentage begründeten. Er weite euer Herz für die
grossen Fragen der Welt von heute und schenke euch eine entschlossene
Bereitschaft, zusammenzuarbeiten für eine Zukunft, in der sein Reich komme, sein
Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!
Dazu steige auf euch herab der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des
Sohnes und des Heiligen Geistes, und bleibe bei euch immerdar.
Aus dem Vatikan, 30. August 1968.
PAULUS PP.
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