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ANSPRACHE VON PAPST PAUL VI.
ANLÄSSLICH DER ACHTZIG-JAHRFEIER VOR VERÖFFENTLICHUNG
DER SOZIALENZYKLIKA "RERUM NOVARUM"
Freitag, 30. April 1971
Liebe Söhne und Töchter!
Anlässlich der Achtzig-Jahrfeier der Veröffentlichung der Sozialenzyklika «Rerum
Novarum» und der Vierzig-Jahrfeier von «Quadragesimo Anno» ist die « Katholische
Arbeitnehmer- Bewegung Westdeutschlands » entsprechend ihrer bewährten Tradition
mit einem grossen Pilgerzug in die Ewige Stadt gekommen. Wir heissen Sie alle
herzlich willkommen und freuen Uns über diese Begegnung.
Durch Ihre Wallfahrt nach Rom bekunden Sie Ihre treue Verbundenheit mit dem
Nachfolger des heiligen Petrus. Gleichzeitig geben Sie aber auch Ihrer
Oberzeugung Ausdruck, dass die Kirche dem modernen Menschen von heute ein
richtungweisendes Wort zur sozialen Frage zu sagen hat.
In der Tat, liebe Söhne und Töchter, die katholische Arbeiterschaft braucht
nicht Ausschau zu halten nach weltanschaulich anders orientierten Soziallehren.
Die Botschaft Jesu Christi, die im Evangelium niedergelegt ist und in den
Belangen der Arbeitnehmer wie der Arbeitgeber durch die Soziallehre der Päpste
und des Konzils interpretiert wird, beinhaltet die ganze Fülle dessen, was dem
Menschen zu seinem Glück auf Erden und zur Wahrung seiner Würde notwendig ist.
Sie gibt ihm die Sicht und richtige Wertung aller irdischen Güter, weil sie
diese hineinstellt in den grossen Zusammenhang mit den ewigen Werten und Gütern,
deren der Mensch nach dem Willen seines Schöpfers und Erlösers teilhaftig werden
soll.
Unser Vorgänger Papst Pius XII. betonte bereits vor Jahren in seiner Botschaft
an den Katholikentag von Bochum: «Das soziale Programm der katholischen Kirche
ruht auf drei gewaltigen sittlichen Pfeilern: auf der Wahrheit, der
Gerechtigkeit und der Liebe. Von dieser Forderung abzuweichen, konnte für die
Kirche nie in Frage kommen . . . Die Kirche lässt auch nicht davon ab, wirksam
darauf hinzuarbeiten, dass der scheinbare Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit,
zwischen Unternehmer und Arbeiter aufgehe in einer höheren Einheit, in jener von
der Natur selbst gewiesenen organischen Zusammenarbeit beider nach Werk und
Wirtschaftssektor, in berufsständiger Gliederung» (Cfr. Reden Pius XII.,
Bd. XI:, S. 188).
Diese Stellung hat die Kirche zur Sozialfrage in den vergangenen Jahrzehnten
immer eingenommen. Eine solche Lehre als Interpretation der Frohbotschaft behält
ihre Gültigkeit auch heute und morgen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in
seiner Pastoralkonstitution «Gaudium et spes» diese Überlegungen mit dem Hinweis
bekräftigt: «Eines steht für die Glaubenden fest: das persönliche und gemeinsame
menschliche Schaffen, dieses gewaltige Bemühen der Menschen im Laufe der
Jahrhunderte, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, entspricht als solches der
Absicht Gottes. Der nach Gottes Bild geschaffene Mensch hat ja den Auftrag
erhalten, sich die Erde . . . zu unterwerfen, die Welt in Gerechtigkeit und
Heiligkeit zu regieren und durch die Anerkennung Gottes als des Schöpfers aller
Dinge sich selbst und die Gesamtheit der Wirklichkeit auf Gott hinzuordnen, so
dass alles dem Menschen unterworfen und Gottes Name wunderbar sei auf der ganzen
Erde» (Cfr. Past. Konst., Nr. 34).
Wir müssen also überzeugt sein, dass die Gerechtigkeit und die Liebe, die das
Evangelium kündet, den wahren sozialen Fortschritt, den wirtschaftlichen
Ausgleich, die Ordnung und den Frieden unter den aufgewühlten Menschen von heute
verwirklichen können. Nicht hohle Worte, Aufpeitschung der Massen und falsche
Versprechungen «befreien» und erheben den Arbeiter, sondern die Bejahung der
Arbeit im Aufblick zu Gott und in lebendigem Glauben an höhere Wirklichkeiten.
Von Herzen geben Wir dem Wunsche Ausdruck, liebe Söhne und Töchter, dass die
heutige Begegnung mit dem Stellvertreter Christi Sie in Ihrem Bemühen um die
Verwirklichung der idealen Zielzetzungen der «Katholischen
Arbeitnehmer-Bewegung» bestärken möge. Mit dem heiligen Apostel Paulus rufen Wir
Ihnen zu: «Setzet eure Ehre darein, ein geordnetes Leben zu führen, eure
Obliegenheiten zu erfüllen und eurer Hände Arbeit zu tun, wie wir euch
angewiesen haben. Dann wandelt ihr in Ehren vor den Aussenstehenden und braucht
niemanden in Anspruch zu nehmen» (1 Thess. 4, 11).
Dazu erteilen Wir der verdienten Leitung Ihrer Bewegung wie Ihnen allen mit
Ihren Angehörigen aus der Fülle des Herzens Unseren besonderen Apostolischen
Segen.
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