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BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
ANLÄßLICH DES 84. «DEUTSCHEN KATHOLIKENTAGES»
IN MÖNCHENGLADBACH
Freitag, 13. September 1974
Unserem Ehrwürdigen Bruder Johannes Pohlschneider,
Bischof von Aachen.
Unser herr Jesus Christus, der sich nach dem Willen des Vaters für das
Leben der Welt hingegeben hat, leite und erleuchte mit dem Heiligen Geist die
Begegnungen, Beratungen und Beschlüsse des 84. Deutschen Katholikentages!
Mit diesem Segenswunsch begrüßen Wir von Herzen Unsere Mitbrüder im Bischofs-
und Priesteramt, die Ordensleute und alle Gläubigen, die sich unter dem Leitwort
« Für das Leben der Welt » zu diesen Tagen des Gebetes, des brüderlichen
Gespräches und der Neubesinnung auf ihren Glauben und ihre christliche
Verantwortung für Kirche und Gesellschaft in Mönchengladbach versammelt haben.
Ebenso gilt Unser Gruß den Vertretern des staatlichen und gesellschaftlichen
Lebens, und nicht zuletzt auch den Brüdern und Schwestern aus anderen
christlichen Kirchen und religiösen Gemeinschaften, die an diesem Katholikentag
teilnehmen.
Ehrwürdige Brüder, geliebte Söhne und Töchter!
Das Leitwort eures diesjährigen Katholikentages « Für das Leben der Welt » ist
ein feierliches Bekenntnis zum besonderen Weltauftrag der Kirche, den sie von
ihrem göttlichen Stifter empfangen hat. Christus ist dazu in die Welt gekommen,
daß die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben (Cfr. Io. 10, 10).
Da ihn des Volkes erbarmte, hat er die Volksscharen nicht nur auf wunderbare
Weise mit irdischer Speise gesättigt, sondern sogar sein eigenes Fleisch als
Brot «für das Leben der Welt» (Io. 6, 51) dahingegeben. Ebenso hat die
Kirche ihren Heilsauftrag zu keiner Zeit nur auf das übernatürliche Leben
beschränkt.
Die Verkündigung der Frohbotschaft war stets begleitet von der helfenden Tat des
selbstlosen christlichen Bruderdienstes. Das Bild, das die Kirche gerade heute
von sich der Welt darbietet, ist ausgesprochen das einer Kirche im Dienst der
Menschen.
Der Dienst der Kirche für die Welt ist um so dringlicher in einer Zeit, da die
Formen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenlebens
so tiefgreifende Veränderungen erfahren, wo so viele tragische Ereignisse
weithin den Menschen bedrängen und so viele unserer Brüder auf die grundlegenden
Fragen des Lebens keine Antwort mehr finden. Eine in der heutigen technischen
Gesellschaft zunehmend um sich greifende Zerrüttung der menschlichen Grundwerte
untergräbt nicht nur die Fundamente der gesellschaftlichen und staatlichen
Ordnung, sondern bedroht den Menschen selbst in seiner innersten Würde und der
ihm von seinem Schöpfer zuteil gewordenen sittlichen und übernatürlichen
Berufung.
Der 84. Deutsche Katholikentag in Mönchengladbach mit seinem Aufruf zu einem
erneuerten und verstärkten christlichen Einsatz «für das Leben der Welt» steht
also mitten in der aktuellen Problematik unserer Zeit. Nicht nur die Kirche als
Ganzes, sondern auch jede Teilkirche und jeder einzelne Katholik sind heute mehr
denn je verpflichtet, zu diesem dringlichen und umfassenden Weltapostolat im
Dienst am Menschen und in der Gesellschaft ihren konkreten Beitrag zu leisten.
«Ein Christ, der seine irdischen Pflichten vernachlässigt», sagt das Konzil,
«versäumt damit seine Pflichten gegenüber dem Nächsten, ja gegen Gott selbst und
bringt sein ewiges Heil in Gefahr» (Gaudium et Spes, 43).
Die konkreten Aufgaben, die sich in dieser geschichtlichen Stunde den Katholiken
und der katholischen Kirche in Deutschland im Dienst für die Menschen und die
Welt stellen, mögen recht vielfältig und verschieden sein. Auch mag es über die
angemessene Art ihrer Lösung unterschiedliche Meinungen unter euch geben.
Doch ist stets mit Sorgfalt darauf zu achten, daß dadurch nicht die Einheit, die
Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit des sozial-gesellschaftlichen Einsatzes der
Kirche gefährdet oder sogar zerstört wird.
Nur in enger Vereinigung all ihrer Kräfte und im gemeinschaftlichen planvollen
Handeln sind die Christen noch imstande, die dem heutigen Apostolat gestellten
Aufgaben erfolgversprechend zu erfüllen.
Die Sorge um die Erhaltung und Förderung dieser Einheit kommt in besonderer
Weise den Bischöfen zu, denen mit dem Papst und der Hierarchie der ganzen Kirche
die verantwortungsvolle Aufgabe obliegt, hinsichtlich der Werke und
Einrichtungen der zeitlichen Ordnung «die in den zeitlichen Dingen zu
befolgenden sittlichen Grundsätze zu lehren und authentisch zu interpretieren» (Apostolicam
Actuositatem, 24).
Wir möchten bei diesem Anlaß mit besonderer Anerkennung hervorheben, mit welch
mutiger Entschlossenheit die deutschen Bischöfe durch ihre zahlreichen
richtungweisenden Stellungnahmen zu aktuellen Fragen der Gesellschaftspolitik
gerade in den vergangenen Jahren dieser ihrer Verpflichtung entsprochen haben.
Wenn es auch nicht die Aufgabe der Kirche ist, für Fragen im sozialen,
wirtschaftlichen und politischen Bereich im einzelnen konkrete Lösungen zu
geben, so schließt ihre Sendung doch wesentlich den Schutz und die Förderung der
Würde und der Grundrechte des Menschen mit ein. Entsprechend ist es die
besondere Aufgabe und Pflicht der Laien, der christlichen Auffassung vom
Menschen im gesellschaftlichen und staatlichen Leben zu Anerkennung und Geltung
zu verhelfen, indem sie sich entschlossen darum bemühen, «das wahre Gemeinwohl
zu fördern und das Gewicht ihrer Meinung stark zu machen, damit die staatliche
Gewalt gerecht ausgeübt wird und die Gesetze der sittlichen Ordnung und dem
Gemeinwohl entsprechen»( Ibid. 24). Dies gilt in besonderer Weise, wie
ihr es selbst erst jüngst in eurem Lande mit großer Einmütigkeit bekräftigt
habt, von jenen Gesetzen, die das erste und höchste irdische Gut, den Schutz und
die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, zum Inhalt haben.
Zum christlichen Dienst am Menschen gehört sodann gerade heute mit besonderer
Dringlichkeit, daß die Christen neben einem verstärkten Einsatz in den
traditionellen Formen der kirchlichen Diakonie auf dem Gebiet der Erziehung, der
Krankenbetreuung und der Fürsorge sich aus dem Bewußtsein weltweiter
brüderlicher Solidarität durch ihren persönlichen Beitrag auch entschlossen und
opferbereit an der Verwirklichung einer größeren sozialen Gerechtigkeit in der
Welt beteiligen. Deshalb rufen Wir euch auf, eure im Kampf gegen Armut,
Unwissenheit, Hunger und Krankheit unter den Völkern verdienten Hilfswerke und
Aktionen, deren bisheriges hochherziges Wirken der katholischen Kirche in
Deutschland zur besonderen Ehre gereicht, auch weiterhin tatkräftig zu
unterstützen.
Ehrwürdige Brüder, geliebte Söhne und Töchter! Der Aufruf « Für das Leben der
Welt » als Leitwort eines Katholikentages ist aber nicht nur ein feierliches
Bekenntnis zu dem besonderen sozialen und gesellschaftlichen Auftrag der Kirche,
sondern gleichzeitig auch zu ihrer spezifisch religiösen Heilssendung in der
Welt. Denn der Mensch lebt, wie der Herr selbst uns sagt, «nicht vom Brot
allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt» (Matth.
4, 4).
Die Verantwortung der Christen im Dienst für die Menschen und die Welt nur auf
den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich beschränken zu
wollen, würde bedeuten, sich nicht nur an der eigentlichen Sendung der Kirche,
sondern auch am Menschen selbst zu verfehlen. Gerade seine ganzheitliche,
vollmenschliche Entfaltung verlangt notwendig nach der religiösen Dimension, Die
eigentliche Unheilsmacht, die den Menschen letztlich knechtet und bedroht, ist
nicht dieses oder jenes ungerechte gesellschaftliche System, diese oder jene
soziale Not, sondern die Sünde, die Abkehr des Menschen von seinem Schöpfer.
Selbst wenn es gelingen würde, dem Menschen ein irdisches Paradies zu schaffen,
aus dem alle Unfreiheit und alles Elend beseitigt wären, so bedürfte er dennoch
vor allem der rettenden Botschaft Gottes und müßte ihm die Kirche Gottes Heil in
Christus verkünden.
Deshalb gilt es auch im christlich-sozialen Dienst am Menschen und in der
Gesellschaft stets das Ureigenste des kirchlichen Auftrages zu bewahren und zur
Geltung zu bringen, nämlich Weg, Mittel und Werkzeug zur übernatürlichen
Befreiung und Erlösung der Menschheit zu sein. Mehr noch als äußere Verhältnisse
und Strukturen sind vor allem die Menschen selbst zu ändern, und dies durch die
Verkündigung des befreienden Wortes der Frohbotschaft Jesu Christi und durch die
sakramentale Wiedergeburt zu jenem neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist
(Cfr. Eph. 4, 24). Somit gehört zu einem verstärkten Einsatz «für das
Leben der Welt» notwendig auch eine Verstärkung und Erneuerung des
verpflichtenden innerkirchlichen Einsatzes und des Missionsapostolates der
Kirche, auf daß die Menschen nicht nur das Leben haben, sondern es auch in der
gottgewollten Fülle haben.
Dieser im Thema des 84. Deutschen Katholikentages mitenthaltene Aufruf zur
innerkirchlichen und persönlichen religiösen Erneuerung um des christlichen
Dienstes in der Welt willen nimmt in gewisser Weise den Ruf des Heiligen Jahres
1975 nach «Erneuerung und Versöhnung» auf und hilft mit zu deren Verwirklichung.
Der Dienst der Kirche für Gerechtigkeit und Fortschritt in der menschlichen
Gesellschaft, für weltweite brüderliche Solidarität, für den Frieden und die
Versöhnung unter den Völkern kann nur gelingen, wenn die Kirche sich selbst
beständig aus der Mitte ihres Glaubens erneuert und jeder einzelne Christ aus
der lebendigen Verbundenheit mit Christus, der «Quell und Ursprung des gesamten
Apostolates der Kirche ist» (Apostolicam Actuositatem, 4), in seinem
eigenen konkreten Lebensbereich zu einem glaubwürdigen Zeugen und Vermittler
jener Versöhnung und jenes Friedens wird, die die Welt nicht geben kann. Alle
Gläubigen, insbesondere auch die Alten und Kranken, sollen dessen eingedenk
sein, daß mehr noch als aller aktiver apostolischer Einsatz im Dienst am
Menschen und in der Welt vor allem «ihr öffentlicher Gottes dienst, ihr Gebet,
ihre Buße und die freie Annahme der Mühen und Drangsale des Lebens, durch die
sie dem leidenden Christus gleichförmig werden (Cfr. 2 Cor 4, 10; Col.
1, 24), alle Menschen erreichen und zum Heil der ganzen Welt beitragen können» (Apostolicam
Actuositatem, 16).
Auf daß Gott der Herr euer christliches Leben und Zeugnis mit seiner Gnade
erneuere und zum Wohl eures Volkes und zur Errettung der ganzen Menschheit
fruchtbar machen möge, erteilen Wir euch allen, Unseren Mitbrüdern im Bischofs-
und Priesteramt sowie allen zum Katholikentag versammelten Gläubigen aus der
Fülle des Herzens Unseren besonderen Apostolischen Segen.
Aus dem Vatikan, am 1. September 1974
PAULUS PP. VI
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